Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal haben die Anderen die besten Ideen. Eine Kollegin hatte das Projekt „Farbe ins Krankenhaus“ erfunden. Sie arbeitete mit dem Kindergarten am Ort zusammen und bat darum, Bilder für kranke Leute zu malen. Die hängte sie in den Krankenhausfluren an die Wände.

Das kann ich auch, dachte ich mir, und fragte in meinem Heimatort im Kindergarten und in der Grundschule, ob die Kinder Bilder malen könnten für kranke Menschen. Kinder sind oft mitfühlende Seelen und dazu waren viele gern bereit.

So hatte ich bald 30 Bilder, die ich im Krankenhaus verteilen konnte. Ich gab den Schwestern ein paar dieser Kunstwerke, die sie Patientinnen oder Patienten schenken konnten. Die Grundschulkinder hatten sogar kleine Botschaften aufgeschrieben. Gute Besserung. Wir unterstützen dich. Die Schreibweise war teilweise etwas abenteuerlich, aber die Botschaft kam an. Und es gehört ja auch etwas Einfühlsamkeit beim Betrachter dazu, sich aus Kringeln und Linien in verschiedenen Farben die Aussage der kleinen Künstler zu erschließen.

Bunt ist meine Lieblingsfarbe, sagte mal der Architekt Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses.  Das geht glaube ich vielen Kindern auch so: bunt ist eine super Farbe und was dann bunt gemalt ist, ist egal. Kringel, Linien, Gekritzel. Aber viele schaffen auch den Regenbogen, Farbreihenfolge frei gewählt und das sieht wunderschön aus.

Der Regenbogen ist ein besonderes Zeichen. In der Bibel ist er schon seit alter Zeit der Hinweis auf den Bund zwischen Gott und den Menschen. Gott hatte ihnen gesagt: ich setze meinen Bogen in die Wolken als Zeichen für euch, dass ich auf eurer Seite bin. Wir können uns heute die Entstehung des Regenbogens erklären, aber für mich bleibt er ein zauberhaft schönes Zeichen zwischen Himmel und Erde. Deshalb haben mir die Regenbogenbilder der Kinder besonders gut gefallen.

Und ich hatte mir genau vorgestellt, wie die Lehrerin oder die Erzieherin mit den Kindern über das Krankenhaus sprechen und wie blöd es ist, da so allein zu sein. Und wie die Kinder dann Blumen und Tiere und Bäume und Häuser gemalt haben und wer schon etwas schreiben konnte, der schrieb aufmunternde Worte dazu. Fast alle haben sich wirklich sehr gefreut, wenn sie so ein Bild geschenkt bekamen. Und ich glaube, man wird schneller gesund, wenn man die schönen großen ungeübten Buchstaben der Kinder liest: komm bald wieder nach Hause!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33173
21MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Schulzeit liegt echt lange zurück. Aber wenn ich heute mit dem achtjährigen  Nachbarsjungen Hausaufgaben mache, dann fällt mir wieder ein, wie schlecht ich in Rechnen und später in Mathe war. Beta war die beste in Mathe. Wer bei ihr abschrieb, konnte sich drauf verlassen, keine Fehler zu haben.

Das war auch bei Klassenarbeiten so. Wenn wir die abgegeben hatten, fragten die „5er- Kandidaten“ Beta nach den Lösungen und es war klar: wenn ich zu anderen Ergebnissen gekommen bin, hab ich wieder eine 4 oder 5. Ich hab aber auch immer nur die Hälfte verstanden von dem, was unsere Lehrerin uns erklärte. Und manchmal nur Bahnhof. Und im Lauf der Zeit bekam ich richtig Angst vor dem Unterricht und vor der Lehrerin. Eine Serie von Misserfolgen.

Glücklicherweise nahmen meine Eltern es mir nicht übel; von denen war auch keiner ein Mathe-Ass gewesen.

Dann bekamen wir Herrn Jacoby. Der unterrichtete Mathe und Musik. Musik fand ich prima, auch wenn es manchmal peinlich war, sich zu ihm an den Flügel zu stellen und mit seiner Klavier-Begleitung der Klasse ein Lied vorzusingen.

Wenn er dann zum Matheunterricht kam, war ich positiv eingestellt. Und er erklärte die Themen so, dass ich alles verstanden habe. Dann kam die erste Arbeit, er gab sie korrigiert zurück und war entsetzt, wie schlecht wir alle in Mathe seien. Es gebe viele Fünfen und sogar ein paar Sechsen. Nur eine einzige Eins. Klar, Beta, das wussten wir sofort.  „Die 1 hat Mechthild Peters“ – ich bin fast umgefallen und habe den Satz heute noch in den Ohren. Und Beta war genauso fassungslos über ihre 2 Minus.

Ich habe damals gelernt: nichts ist für immer. Ich habe kein Abo auf die 5 in Mathe und auch sonst kann sich alles mal ändern. Aus einer mangelhaften Schülerin kann eine ausreichende werden und aus einer sehr guten eine gute. Aus einem Pechvogel kann ein Glückspilz werden und aus einer Glückssträhne eine Pechsträhne. Ich kenne auch Leute, die Angst haben vor zu viel Glück, weil sie sich nicht vorstellen können, dass das so bleibt. Sie warten dann quasi schon auf das Unglück. Aber auch wenn das kommt, ist es ja nicht für immer. Und ein guter Trick ist es, im Schlechten noch die kleinen Spuren des Guten zu entdecken. Ein Regentag, der mich nervt, ist gut für meinen Garten. Und dann bin ich solidarisch mit meinem Garten und freu mich einfach auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33172
20MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn meine Mutter früher ein frisches Brot anschnitt, machte sie immer mit dem Messer ein kleines Kreuz auf die Unterseite des Brotes. Möglicherweise dachte sie dabei an ihre Familie und dass das Brot allen gut bekommen sollte. Oder sie dankte, dass genug Brot für alle da war. Jedenfalls segnete sie das Brot und ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Gottes Segen auf dem Brot ruhte.

Während des Theologie-Studiums habe ich mich natürlich auch mit dem Segnen befasst. Wir haben eine besondere Art des Segnens „erfunden“, den sogenannten „Münsteraner Taschensegen“. Wenn ich in Münster über den Markt schlenderte, segnete ich fröhlich und freigebig so vor mich hin: ich machte in der Jackentasche ganz unauffällig ein kleines Kreuz mit dem Daumen in der hohlen Hand und schwupps: waren Menschen gesegnet, die es vielleicht nicht merkten. Vielleicht haben sie aber doch etwas gespürt, so hoffte ich, weil ja letzten Endes Gott es ist, der segnet. Diese Gewohnheit habe ich später mitgenommen in mein Heimatbistum Trier. Ganz sicher haben in meinen ersten Berufsjahren in der Kinder- und Jugendarbeit viele junge Leute den Münsteraner Taschensegen empfangen und viele haben ihn weitergegeben. Das Spielerische dabei machte ihnen Freude. Wo jetzt so ernsthaft und kritisch darüber diskutiert wird, wer wen segnen darf und wen nicht, kommt mir das Leichte, Fröhliche dieses Münsteraner Taschensegens wieder in den Sinn.

Eine ganz alltägliche Art des Segnens ist der Gruß Tschüss – oder im schwäbischen Ade. Geht beides zurück auf das französische Adieu, was mit „ Gott befohlen“ übersetzt werden kann: Gott möge seine Hand über dir halten.

Und in der Woche vor Palmsonntag kam der Krankenhausgärtner zu mir und sagte: „Ich bringe Ihnen wieder einen Korb mit Palmzweigen, die stelle ich in die Kapelle. Dann können sich die Leute Palmzweige mitnehmen und sie zuhause ans Kreuz stecken. Das machen ja viele, auch wenn sie nicht dauernd in die Kirche rennen.“

Ich fand das prima, bat ihn aber, ob er die Zweige am Anfang der Woche bringen könnte, damit ich sie vom Pfarrer segnen lassen kann. Nee, sagte der Gärtner, ich segne sie selbst. Ich fand das in Ordnung. Dieser Mann bewegt sich hochachtungsvoll und kenntnisreich in der Natur, er erfreut sich an der Schöpfung Gottes. Das qualifiziert ihn ganz besonders, die Palmzweige zu segnen. Und ich bin zuversichtlich, dass es Gottes Segen ist, der auf diesen Zweigen liegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33171
19MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist wichtig, sich zu erinnern. Das höre ich immer wieder. Gerade wenn es um die Geschichte geht. Etwa um die Opfer des Nationalsozialismus. Dann wird darauf hingewiesen, wie wichtig die Erinnerung ist.

Eine Studentin sagt im einem Seminar: Ich weiß ja, dass Erinnerung wichtig ist. Aber ich weiß eigentlich nicht, wie Erinnern richtig geht. Das Problem: Ich kann mich leicht an viele Stationen meines eigenen Lebens erinnern, an Menschen, mit denen ich zu tun habe und hatte. Aber sich an die zu erinnern, die ich überhaupt nicht gekannt habe, das fällt mir schwer.

Ich kann das nachvollziehen. Ein Beispiel: Da sind meine Urgroßeltern, die im Ruhrgebiet gelebt haben. Oder deren Vorfahren. An sie kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Trotzdem ist Erinnerung wichtig. Denn mein Leben ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Ich verdanke meinen Leben anderen. Und nicht nur meinen Eltern. Denn die hatten wiederum Eltern. Und so weiter. Ohne die lange Kette von Generationen wäre ich heute nicht da. Wenn ich mich also erinnere, dann auch deshalb, weil es mit meinem Leben zu tun hat.

Und: Erinnerung ist eigentlich doch ganz einfach. Wie das geht, erlebe ich im Moment hautnah. Wie viele andere verfolge ich die Corona-Lage weltweit. Ich habe selbst Angst, mich anzustecken, will selbst bald geimpft werden. Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen Menschen weltweit so geht. Ich kann ganz gut nachfühlen, wie es anderen in diesen Zeiten geht. Und genauso kann ich mich ja auch in die Menschen hineinversetzen, die lange vor mir gelebt haben. Auch sie hatten Ängste und Hoffnungen. Auch sie wollten ein gutes Leben leben.

Erinnern heißt für mich: Daran zu denken, dass alle leben wollen und ein Recht auf ein Leben in Würde haben. Ganz besonders da, wo das nicht geschieht, heute oder auch früher, da haben Menschen ein Recht darauf, dass an sie gedacht wird. Damit Ungerechtigkeiten eben nicht das letzte Wort haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33176
18MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe vor ein paar Tagen Bomben gekauft. Samenbomben.

Samenbomben, das sind handgemachte, wahlnussgroße Bällchen. Das Material: Saatgut, Ton und Erde. Samenbomben geht einfach: Da, wo es später blühen soll, da wirft man einfach eine Bombe hin. Wenn es regnet, dann weicht sie langsam auf. Das Saatgut wurzelt und fängt an zu keimen. Samenbomben, das sind wirklich Waffen des Friedens: Denn wenn sie explodieren, dann wird es grün und bunt, dann kommt Farbe in die Welt.

Samenbälle gibt es wohl schon seit Tausenden von Jahren. So ließ sich bereits in Ägypten das fruchtbare Ackerland zügig bestellen. Die modernen Samenbomben kommen allerdings erst in den 1970er Jahren auf. Da haben die Leute die Nase voll vom Nachkriegsbeton. Und von asphaltierten Plätzen. Deshalb werden die Samenbomben geworfen. Das Ziel: blühende Oasen, bunte Blumeninseln an tristen Orten.

Ein tolles Bild. Ein Bild, das ich mit in meinem Alltag nehme. Denn ich merke ja auch, dass ich auflebe, wenn Farbe in mein Leben kommt. Wenn etwas blüht. Vor allem, wenn ich gerade nicht gut drauf bin. Dann bin ich für Blüten in meinem Alltag dankbar. Und ich denke: Samenbomben, das Prinzip funktioniert auch mit Worten und Gesten. Ich kann ein Lob werfen, wie einen Samen. Kann kleine Grußbomben auslegen: ein freundliches "Hallo" über den Gartenzaun hinweg, eine erhobene Hand für die Autofahrerin, die mir entgegenkommt. Ich kann ein Lächeln aussähen, wie ein kleines Samenkorn. Einfach da sein, wenn jemand anruft und ein offenes Ohr braucht. Auch das macht die Welt farbig.

Übrigens: Jetzt ist die ideale Wurfzeit für ein paar Samenbomben. Probieren Sie es mal aus. Jeder kann die Welt zum Blühen bringen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33175
17MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Montagmorgen, das ist ein guter Zeitpunkt für schlechte Laune. Das Wochenende vorbei, eine neue Woche vor der Brust. Der ganze normale Wochenwahnsinn - und dann immer noch und immer wieder die Pandemie-Situation.

Da kann man keinem die schlechte Laune verübeln. Früher haben mich da meine Eltern gefragt: "Biste mal wieder mit dem falschen Fuß aufgestanden?" Der Spruch hat ganz gut getan. Hat ein bisschen Dampf aus der schlechten Laune herausgelassen.

Mit dem falschen Fuß aufgestanden: Ein Sprichwort aus den Tiefen des Mittelalters. Da stand auf einer Seite vom Bett der Nachttopf. Wer morgens zur falschen Seite aufstand, der stand sozusagen direkt im Klo. Da kam die schlechte Laune nicht von ungefähr.

Ich muss sagen, bei der Geschichte verfliegt mir die schlechte Laune schon ein bisschen. Denn das Bild hat ja was Komisches. Da steigt jemand aus dem Bett, landet ziemlich unappetitlich. Hüpft dann los, um sich erst mal den dreckigen Fuß sauber zu machen. Da muss ich einfach schmunzeln. Denn bei Licht betrachtet, ist das ja kein echtes Drama. Mit dem falschen Fuß aufstehen ist zwar blöd, aber lässt sich leicht wieder in Ordnung bringen.

Ich ertappe mich dabei, dass es mit meiner schlechten Laune ähnlich ist. Meistens sind es doch nur Nebensächlichkeiten, die mir die Laune verhageln. Das Auto vor mir fährt nicht mehr bei gelb drüber, sondern bleibt stehen. Dabei hätte ich es mit Glück auch noch über die Ampel geschafft. An der Kasse kramt jemand ewig in seinem Geldbeutel - und zahlt dann doch mit der Karte. Und dabei hab ichs eilig.

Wie das Aufstehen mit dem falschen Fuß sind das alles Kleinigkeiten. Die paar Sekunden an der Kasse, die Nerven im Straßenverkehr. Eigentlich nicht wert, dass ich mir davon den Tag oder sogar die Woche vermiesen lasse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33174