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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

24APR2021
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Durch Missbrauch von Geld, Macht und Menschen ist die Kirche für viele unglaubwürdig geworden. Trotzdem werde ich morgen im Gottesdienst nicht nur beten „Ich glaube an Gott“, sondern ich werde im Glaubensbekenntnis auch wieder sagen: „Ich glaube an die Kirche.“

Dass ich das immer noch sagen kann, beruht auch auf einem bemerkenswerten Ereignis aus dem Leben Jesu: Jesus ist in einem Haus in Kafarnaum zu Gast. Das hat sich herumgesprochen und nun belagert ihn eine große Zahl hilfesuchender Menschen. Auch vier Männer wollen einen gelähmten Freund auf einer Liege zu Jesus bringen. Doch wegen der vielen Menschen kommen sie nicht durch die Tür. Kurz entschlossen heben sie den Kranken auf das Flachdach, decken das Dach teilweise ab, machen ein Loch in die Decke und lassen den Gelähmten auf der Trage vor Jesus nieder.
Wie in der Bibel üblich müsste der Kranke jetzt Jesus um Heilung bitten. Doch es kommt anders: Der Gelähmte sagt gar nichts. Wir erfahren nicht mal, ob er überhaupt an Gott glaubt. Stattdessen sieht Jesus die vier einfallsreichen Freunde an. Die vertrauen offenbar auf Jesus. Schließlich haben sie kreativ und energisch den kranken Freund über das Dach bis vor Jesus gebracht. Und Jesus sieht ihren Glauben. Wegen ihres Glaubens heilt Jesus dann den Gelähmten, der mit der Liege unterm Arm nach Hause geht.

Diese Gruppe einfallsreicher und entschlossener Freunde und der Kranke, die repräsentieren für mich die Kirche, an die ich glaube. Die Freunde glauben an Jesus Christus, sie sind solidarisch mit dem Kranken - und nichts kann sie aufhalten, wenn es gilt, zu Jesus zu gelangen. Selbst wenn sie durch Mauern müssen. Und der Glaube der einen kommt auch dem anderen zugute. Das ist wirklich eine Heilsgemeinschaft, in der Heilung geschieht.

Ja, in der Kirche läuft vieles schrecklich schief. Zugleich erlebe ich immer noch diese Heilsgemeinschaft, in Gemeinden und Gruppen, auch in Krankenhäusern und Heimen, gerade im Umgang mit Kranken. Diese Gemeinschaft gläubiger, solidarischer Menschen, die was tun, die lässt mich immer noch sagen: Ich glaube an die Kirche.

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23APR2021
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Manche Theologen halten Bittgebete für fragwürdig. Dass Gott auf menschliche Bitten in das Weltgeschehen eingreife – das sei weder mit einem modernen Gottesbild noch mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild vereinbar. Außerdem wisse Gott schon immer, was wir benötigen. Er brauche unsere Bitten nicht als Info. Deshalb sei es auch sinnlos, gegen Corona anzubeten.

Für diese Sicht spricht einiges. Ich stelle mir einen Landwirt vor, der um Regen für seine Saat bittet. Gleichzeitig betet der Tourist in der Ferienwohnung auf dem Bauernhof um Sonne für seinen Urlaub. Da kommt Gott ganz schön in die Bredouille. Trotzdem staune ich, wie leicht einige die Bittgebete abtun. Jesus wählt im Evangelium einen anderen Ton, wenn er sagt: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet. Im Vater Unser lässt Jesus sogar ganz konkret beten „Unser tägliches Brot gib uns heute“. So deutlich sollen wir unsere Bitten vor Gott tragen.
Natürlich weiß auch Jesus, dass Gott unsere Bedürfnisse kennt, bevor wir sie aussprechen. Und für Jesus ist das Gebet gewiss keine magische Maschine, in die wir oben Bitten einwerfen und unten kommt die göttliche Erfüllung raus. Zugleich hat Jesus eine ganz konkrete Vorstellung von dem Gott, zu dem wir beten können. Wir sollen unsere Bitten an den liebenden, zugewandten göttlichen Vater richten. Wenn ich aber einen solchen Vater habe – wie sollte ich den nicht bitten? Und wie jedes Kind weiß, dass auch ein liebevoller Vater nicht alle Bitten so erfüllt, wie das Kind es sich vorstellt, so lässt auch der betende Mensch offen, wie Gott mit seinen Bitten umgeht. Gerade weil er weiß, dass ihm Gott immer gut will. Der heilige Thomas von Aquin sagt einmal: Gott gibt uns, worum wir ihn bitten – oder etwas Besseres. Und wie Gott seine Allmacht, mein kindliches Bitten und die Ordnung des Universums in Einklang bringt, das darf ich getrost ihm überlassen. Möglicherweise ist ja nicht mein Beten zu naiv, sondern das Welt- und Gottesbild einiger Gelehrter zu eng.

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22APR2021
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Wieder einmal wird ein ehemaliger SS-Mann angeklagt. Er war in jungen Jahren Wachmann in einem Konzentrationslager. Das Besondere an diesem Fall ist: Der Angeklagte ist 100 Jahre alt, und seine Taten liegen über 75 Jahre zurück.

Muss man einen so alten Mann noch vor Gericht zerren? Soll ein solcher Greis noch ins Gefängnis? Könnte man nach so langer Zeit nicht sagen: „Schwamm drüber“?

Wir haben uns in Deutschland anders entschieden: Mord verjährt nicht. Das Motiv hierfür ist nicht Rachsucht. Sondern weil das Unrecht so schwer wiegt und aus Respekt vor den Opfern soll keiner mit einem Mord davonkommen. Es wäre unerträglich, wenn eine Täterin oder ein Täter nach 20, 30 Jahren sich auf Verjährung berufen könnte und den Kindern des Opfers ins Gesicht lachte.

Trotzdem hätte ich auf den ersten Blick ein ungutes Gefühl dabei, einen Hundertjährigen ins Gefängnis zu stecken. Vielleicht hat er sich ja die 75 Jahre nach seiner Tat gut geführt.

Gerade als Christen können wir selbst eine schwere Schuld nicht ewig nachtragen. Da müssten doch irgendwie Vergebung und Gnade möglich sein. Gottes Barmherzigkeit ist doch größer als die größte Schuld.

Auf den zweiten Blick steht mir der kirchliche Umgang mit Schuld und Vergebung vor Augen. Noch heute gehen viele Katholikinnen und Katholiken zur Beichte, empfangen das Sakrament der Vergebung und Versöhnung. Und dabei ist klar: Grundsätzlich kann hier jede Schuld vergeben werden. Aber am Anfang der Beichte steht immer das Schuldbekenntnis. Das präzise und konkrete Eingeständnis der persönlichen Fehler und des eigenen Versagens. Keine Vergebung ohne Schuldbekenntnis und Reue.

So sehe ich das auch bei Straftaten. Auch wenn sie – wie bei dem SS-Mann – lange zurückliegen. Das Strafurteil stellt die Schuld fest und verhängt die Strafe. Das dient der Gerechtigkeit und respektiert die Opfer. Kein „Schwamm drüber“. Zugleich erleichtert das Urteil auch Vergebung: Wenn das Verfahren den Täter beeindruckt, er zu seiner Schuld steht und die Tat bereut - dann können die Opfer und Angehörigen auch an Vergebung denken. Und auch Gott vergibt dem reumütigen Täter. Ob ein uralter Mensch kurz vor seinem Tod noch ins Gefängnis muss, ist eine andere Frage.

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21APR2021
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Die Welt es jot – dat Blöde ess: der Mensch  ist schlecht.

Jeder macht doch watt er will.

Langsam weed uns datt ze vill

Langsam weed die Erd zur Höll

Immer schon dat selve Spell.

Die Welt es jot“ heißt der Titel der kölschen Band „die Höhner“. Ob sie dieses Lied auch übermorgen, am Freitagabend singen werden, weiß ich nicht. Ich bin aber mal gespannt, was auf dem Programm steht. Am Freitag, 23. April ist „European Solidarity Challenge“ und die „Höhner“ sind dabei. Ein ganzer Abend Musik im  Internet, veranstaltet von Caritas international und der Jugendaktion „Wir gegen Rassismus“. Als prominente KünstlerInnen sind u.a. Peter Maffay, die Höhner, Kasalla, Tom Gregory oder Gil Ofarim mit dabei. Aber auch über 200 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die mit ihrer Stimme in Bands, Chören oder als Singer-Songwriter ihre Solidarität mit den Menschen bezeugen, denen es nicht so gut geht wie uns.  Am Freitagabend ab 20 Uhr verfolgen sie ein ganz klares Ziel: die Welt zu einer guten Welt zu machen und nicht zur Hölle verkommen zu lassen. Gewinner sind die Millionen Flüchtlinge auf der Welt, über die zurzeit kaum noch jemand spricht.  Auf Lesbos, in Bangladesch oder im Südsudan ist das Elend unbeschreiblich. Da wird die Erde nicht zur Hölle, da ist sie es längst schon. Die „European Solidarity Challenge“ hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens 50.000 € zu sammeln, die Caritas international in den Flüchtlingscamps einsetzen kann. Damit die Welt zumindest ein kleines bisschen besser wird. „Mit Musik Leben retten“ – das ist das Motto der Aktion. Das geht tatsächlich und zwar auf zweierlei Art. Sie können spenden und damit das nackte Leben von Flüchtlingskindern retten. Und sie können etwas für Ihr eigenes Leben tun: am Freitagabend Musik hören und sehen: Im Internet auf der Homepage von caritas international*. Denn Musik macht das Leben schöner und den Menschen besser. 

 

*www.caritas-international.de/challenge2021

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33013
20APR2021
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Es gibt Orte, die strahlen etwas Besonderes aus. Da sind die Menschen überzeugt: hier bin ich Gott besonders nah. Hier kann ich mit ihm reden. Und vielleicht kann ich ihn hier auch hören. Und wenn diese Menschen Christen sind, dann bauen sie eine Kapelle oder stellen ein Kreuz auf. In Püttlingen im Saarland habe ich so einen Ort gefunden. Die alte Kreuzkapelle. Vor ihr im Freien steht ein riesiges Kreuz.

Das hing ursprünglich in einer Klosterkirche über dem Altar. Aber rund 30 Zentner Gewicht waren für die Statik der Kirche zu viel.  Und bevor da was passiert, hat man das Kreuz lieber ins Freie gestellt.  Der Kopf der Jesusfigur am Kreuz hängt weit nach unten.  

Ich finde, das ist ein passendes Bild jetzt in Coronazeiten. Das Kreuz wiegt so schwer, dass sogar die Kirche nebenan daran fast in die Knie gegangen wäre  In diesem Jahr fühlen sich besonders viele Menschen wahrscheinlich genau so, nämlich zu stark belastet. Der Alltag unter Coronabedingungen kann einen ja wirklich in die Knie zwingen. „Es ist ein Kreuz“ mit der Pandemie und allem, was uns diese Situation aufzwingt. Da lässt so mancher wie der Jesus am Kreuz den Kopf hängen.

Ich habe auf diese Situation auch keine Antwort, aber vielleicht eine Perspektive:

Vor dem Kreuz im Freien kann ich nach oben schauen. Wenn ich den Ausweg nicht sehe, bleibt mir auf jeden Fall der Aufblick nach oben zu Gott.  Ein Aufblick, der vielleicht neue Orientierung geben kann.

Für mich ist so ein Platz, an dem sich Menschen ums Kreuz  versammeln können, ein „Aufblicksort“, gerade in Zeiten wie diesen.  Es ist gut, dass es solche Orte gibt. Man findet sie überall in unserem Land.  Damit die, die gerade den Kopf hängen lassen, vielleicht mal wieder aufblicken können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33012
19APR2021
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„Ist man mitten im Tunnel dann sieht man es nicht, doch am Ende des Tunnels, da  ist ein Licht.“

Das singt mitten in der Corona-Krise das Ensemble des  Musicals  „Starlight Express“ in  einem Mutmach-Video auf youtube. Toller Song, der fährt einem richtig in die Glieder und man will mitsingen. 

Das Bild vom Tunnel passt gerade ganz gut in die menschliche Gefühlslage. Wann kommen wir endlich raus aus diesem dunklen Loch? Ich will endlich wieder Licht sehen. Ich will mein Leben zurück und meine Freunde in die Arme schließen können.

„Ist man mitten im Tunnel, dann sieht man es nicht. Doch am Ende des Tunnels, da  ist ein Licht“. Kritiker würden sagen: „Wenn das mal nicht der Güterzug ist, der mir entgegen kommt“.

Ganz ehrlich - Ich kann das Licht am Ende des Tunnels jetzt noch nicht sehen. Und ich habe - wie wohl die meisten von uns- die Nase bis oben hin voll. Und ich kann jeden, der daran gerade zu verzweifeln droht, gut verstehen. Die, dieAngst haben um ihre Gesundheit, die Angst haben um ihre Existenz. Die trauern um ihre Verstorbenen.

Ich habe keine Lösung, nur einen Rat. Nicht stehen bleiben im Tunnel, in der Angst, der Verzweiflung, der Trauer, der Wut. Trotzdem vorwärts schauen und vorwärts gehen. Und an das Licht glauben.

Es gibt Menschen, die machen das vor. Die zünden sogar im Dunkel ein Licht an. Amanda Gorman, die junge Amerikanerin, die bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten ihr Gedicht vorgetragen hat, ist so ein Mensch. Sie hat mir mit ihren Zeilen den Weg im Tunnel etwas heller gemacht. Und mir die Idee für diesen Beitrag heute geliefert. Sie sagt:

„Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst. Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“ 

 

Aus: ww.sueddeutsche.de/kultur/joe-biden-gedicht-amanda-gorman-the-hill-we-climb-1.5181310

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33011