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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

10APR2021
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in paar Tage Sonne und Wärme haben ausgereicht und unser Garten ist regelrecht explodiert. Die Forsytien strahlen leuchtend gelb. Der Kirschbaum stand schon in Blüte, und die Apfelbäume hinter dem Haus werden wohl bald nachziehen. Auch erste Blätter mit ihrem jungen, frischen Grün sind schon zu sehen. Ich liebe es, in dieser Jahreszeit hinter dem Haus zu sitzen und einfach nur zu schauen. In diesem seltsamen Frühjahr 2021 sogar noch mehr als sonst. Vor wenigen Tagen erst haben wir Ostern gefeiert. Haben in den biblischen Texten davon gehört, dass der Tod überwunden ist und das Leben gesiegt hat. Und jetzt ist es wirklich da, das Leben. Ganz und gar unübersehbar und es strotz nur so von Kraft.

Trotzdem verdeckt das alles nicht, wie schwer diese vergangenen Monate auch waren und noch immer sind. Und das lag nicht nur am Winter, an Dunkelheit und Kälte. Wenn ich all den Aufbruch neuen Lebens sehe, dann denke ich unweigerlich auch an all die Menschen, die schwer krank geworden sind. An jene, die ihr Leben verloren haben und an die, deren Frühling verdunkelt ist durch Trauer und Leid. Ich denke an die, die sich gerade gar nicht freuen können, weil sie um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. An Künstlerinnen und Kleinunternehmer, die ich kenne. An Cafébesitzer und Gastronomen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Ich denke an die Ärztinnen und Intensivpfleger, die die Schönheit kaum genießen können, weil sie bis zum Umfallen eingespannt sind. Und trotzdem, allem Düsteren fast wie zum Hohn, setzt sich das Leben durch und lässt sich nicht mehr aufhalten. Was für ein Gegensatz. Aber genau das ist Ostern. Und vielleicht haben wir gerade diese Hoffnung ja in diesem Jahr auch ganz besonders nötig.

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09APR2021
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125.000 Glückwunschkarten zum Geburtstag bekommt nicht jeder. Nicht mal dann, wenn er oder sie hundert geworden ist. Der Engländer Tom Moore hat sie bekommen, als er vor gut einem Jahr seinen 100. feierte. Weltbekannt geworden ist er erst ein Jahr davor. Da hat er nämlich einen Spendenlauf gestartet und dafür mit seinem Rollator hundert Runden durch den Hof seines Hauses gedreht. 1000 Britische Pfund, knapp 1200 Euro, wollte er damit einsammeln für das kaputtgesparte britische Gesundheitssystem. Seine witzige Aktion zog Kreise und am Ende hatte er mehr als 37 Millionen Euro beisammen, den Ritterschlag durch die Queen inklusive. Ein paar Monate nach seinem 100. Geburtstag ist Captain Sir Tom Moore dann an Covid-19 gestorben. Die Beileidsbekundungen kamen aus der ganzen Welt.

Mich hat seine Geschichte fasziniert. Gar nicht so sehr wegen der skurrilen Aktion, der gigantischen Spendensumme oder dem hohen Alter von Mr. Moore. Beeindruckt hat mich vielmehr, wie warmherzige Bescheidenheit und der Wunsch, anderen einfach etwas Gutes zu tun so einen Hype entfachen konnten. Das Gute ist offensichtlich noch immer etwas, das viele begeistert. Das Herzen erwärmt und Geldbörsen öffnet.

In den vergangenen zwölf Monaten, sagt die Bundesbank, haben allein wir Deutschen über 180 Milliarden Euro mehr auf die hohe Kante gelegt. Geld, das wir schlicht nicht ausgeben konnten für Urlaube, Anschaffungen, Konzert- und Restaurantbesuche. Auch mir ging das so. Und selbst wenn manche Investitionen nachgeholt werden, wenn die Krise endlich vorbei ist. Ich werde wohl trotzdem nicht doppelt so häufig Essen gehen oder öfter verreisen als bisher. Und so ist vielleicht ja immer noch genug Geld übrig, um damit anderen Gutes zu tun. Sir Tom Moore, oder Captain Tom, wie die Leute ihn liebevoll nannten, hat seine Spendenaktion übrigens so begründet: Er wolle sich damit bei den wundervollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitsdienstes bedanken, die ihm geholfen hätten, als er sie brauchte. Vielleicht wäre das ja auch bei uns mal eine Idee.

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08APR2021
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Brüder im Nebel! Der vor vier Jahren verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meißner, so kam nun heraus, hat eine geheime Akte so benannt. Darin Dokumente über Geistliche, die zu Sexualstraftätern geworden sind. Also zu jenen „Brüdern im Nebel“, wie Meißner das nannte. Den Inhalt dieser Akte kenne ich wie die meisten nicht. Aber der verniedlichende, prosaische Titel hat mich nicht nur schockiert, er macht mich noch immer stinksauer.

Sexuelle Missbrauchstaten sind kein Naturphänomen. Sie sind absolut nichts, was wie eine Nebelwand über mich kommt, die mich mit einem Mal hilf- und orientierungslos macht, auch wenn einige Täter das gerne so darstellen. Sexuelle Gewalt ist eine Straftat und gesellschaftlich geächtet, ganz besonders, wenn sie Kinder trifft, die ihr Leben lang darunter leiden. Und geächtet war sie auch schon vor Jahrzehnten. Nicht umsonst passieren diese Taten im Verborgenen. Die Täter machen sich oft erhebliche Mühe, die Taten zu verharmlosen und zu verbergen. Wer das tut, der weiß in der Regel also tief drinnen, dass es grundfalsch und geächtet ist, was er da tut.

Der Nebel, der diese vermeintlichen Brüder umwabert, ist darum kein Naturereignis. Er wurde erst erzeugt von Kirchenleuten wie Kardinal Meißner, der damit auch die Botschaft Jesu verdüstert. Eine Botschaft die sich nämlich ganz klar an die Seite der Kleinen und Schwachen gestellt hat. Eine Botschaft, die unmissverständlich Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit einfordert.

Mich macht das aber nicht nur stinksauer, es tut auch weh. Weil dieser Nebel das krasse Gegenteil von dem ist, was unzähligen Christinnen und Christen heilig ist, woran sie glauben, an dem sie ihr Leben orientieren und wofür sie sich einsetzen. Mich eingeschlossen. Dieser Nebel gehört gelichtet, damit die Botschaft Jesu aus dem Zwielicht kommt und wieder leuchten kann. Und damit Menschen solches Leid nie mehr erfahren müssen.

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07APR2021
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„Es war mir ein in jeder Hinsicht reiches Leben geschenkt. Ich bin nicht lebensmüde, doch lebenssatt.“ Das hat Hans Küng am Ende seiner Memoiren geschrieben. Und gestern ist er im Alter von 93 Jahren gestorben, friedlich eingeschlafen, wie es heißt. Wer wünscht sich das nicht, hochbetagt und lebenssatt einschlafen dürfen. Und Hans Küng dem großen Theologen gönne ich von Herzen, so gehen zu dürfen, in die Welt, mit der er sich sein Leben lang geistig und geistlich beschäftigt hat. Aber so sehr ich ihm das auch gönne, so sehr schmerzt es mich auch, ihn nicht mehr unter uns zu wissen. Diesen großen Vordenker und Nachdenker des Glaubens, den unbeugsamen Kirchenkritiker, den Pionier im Dialog der Religionen. Zum ersten Mal habe ich ihn an der Uni Tübingen erlebt, als Theologiestudent im ersten Semester. Ich sollte eigentlich in einen Grundkurs in Dogmatik. Aber der war mir zu langweilig. Ich bin lieber zur Vorlesung von Professor Küng. Der wissenschaftlich auf höchstem Niveau und oft in freier Rede die Studierenden in seinen Bann gezogen hat. Auch in kleiner Gesellschaft habe ich ihn Jahre später als so charmanten wie brillanten und gar nicht professoralen Gesprächspartner erlebt. Und er ist der einzige Mensch für den ich zu einer Demo auf die Straße gegangen bin. Im Dezember 1979 als ihm die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Aber welch seltsame Fügung: dadurch, dass die Katholische Kirche ihm untersagt hat ihren Nachwuchs wissenschaftlich auszubilden, hat sie ihm – sicher nicht absichtlich – den Weg zum weltbekannten Theologen geebnet. Der weit über die katholische Kirche hinaus Gehör fand. Wie zum Beispiel beim Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der an Hans Küngs 90. Geburtstag zu ihm gesagt hat: „Als ich weit weg war von Glauben und Kirche, haben mich Ihre Werke wieder zurückgeführt.“
Und nun ist Hans Küng, der große Professor, Publizist und Priester, der er trotz allem Zeit seines Lebens geblieben ist, weg aus dieser Welt. Aber „Wer schreibt, der bleibt“ hat er auch mal gesagt. Und das ist ein schöner Trost: sein umfassendes theologisches Werk bleibt. Wie auch der Dank für ein so reiches und viele Menschen bereicherndes Leben…

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06APR2021
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Migdal ist heute ein kleiner Ort am Ufer des Sees Genezareth im nördlichen Israel. Vor rund 2000 Jahren war es mal eine bedeutende Stadt, weithin bekannt für ihren ausgezeichneten Fisch. Und später dann wohl auch für ihre berühmte Tochter. Maria, die aus jenem Ort stammte, der früher auf aramäisch Magdala hieß. Dreizehn mal kommt diese Maria aus Magdala in der Bibel vor. Und wer weiß, vielleicht hätte es ohne sie Ostern, wie wir es kennen, nie gegeben. Denn diese Maria war es schließlich, die als erste realisiert hat, dass Jesus lebt. Die Bibel jedenfalls erzählt das mehrfach.

Weibergeschwätz sei das doch mit dieser Auferstehung, so haben es die ach so abgeklärten Männer zunächst abgetan. Bis sie schließlich selbst davon überzeugt waren.

Was hat man ihr in den folgenden Jahrhunderten nicht alles angedichtet. Eine geläuterte Prostituierte, die dann fromm geworden ist, sei sie gewesen. Andere halten sie für die Geliebte oder gar die Ehefrau von Jesus. Doch wenn man die biblische Maria von all diesen mehr oder weniger frommen Legenden befreit, die später um sie gesponnen wurden, dann bleibt von all dem nicht mehr viel übrig. Am ehesten noch das eher unscharfe Bild einer toughen Frau, die zum engsten Kreis Jesu gehörte. Die eine seiner wichtigsten Jüngerinnen gewesen sein muss und die ihm wohl auch sehr nahegestanden hat.

Von daher erstaunt es mich nicht, dass gerade sie es war, die es als Erste erkannt hat, dass er lebt. Denn für einen Menschen, der wirklich liebt, kann der Tod niemals das letzte Wort sein. Und so bleibt sie die Frau, die die wichtigste Botschaft verkündet hat, die Christinnen und Christen weltweit in diesen Tagen aufs Neue feiern.

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