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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

03APR2021
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Karsamstag ist ein seltsamer Tag. So zwischen der Stille von Karfreitag und dem eigentlichen Fest, Ostern. Ostern schon zum zweiten Mal unter ganz anderen Bedingungen. Ich hatte es so sehr anders erhofft. Viele hängen regelrecht in der Luft. Zwischenzustand.

Jesus hing nicht in der Luft an Karsamstag. Er war begraben. Auch das ist ein Zwischenzustand, aber das haben seine Freunde damals noch nicht gewusst. Für seine Freunde schien das Grab endgültig. Der schwere Stein vorm Grab, Jesus mausetot. Das war´s. Karsamstag ist deshalb für mich ein Tag, der viel von Resignation und vom Nicht-mehr-Können erzählt. Davon, in der Luft zu hängen – ohne festen Grund. Und ohne zu wissen, wann es wieder besser wird. In so einem Zustand war einmal auch ein todkranker Fan vom FC Liverpool. Er wusste: er kann nicht wie sonst beim Spiel dabei sein. Deshalb hat er Kontakt zum Trainer aufgenommen. Und der hat ihn nicht hängen lassen. Jürgen Klopp hat damals geantwortet und gesagt: „Ich bin Christ. Wir sehen uns.“

Wann und wie sie sich sehen  - das konnte er nicht sagen. Aber Klopp  ist einer, der für einen todkranken Fan betet. Und der ihm so etwas schenkt,  was keine Medizin schenken kann. Die Gewissheit, dass man nicht allein ist. Gott hält Dich da, wo Du selber nicht mehr zum Spiel gehen kannst. Er hält Dich sogar dann, wenn alle denken: das Spiel ist aus.

„Wir sehen uns!“, ruft Klopp dem Fan zu. Und öffnet damit die Perspektive: dieser Zwischenzustand wird enden. Ostern kommt bestimmt!

Karsamstag heißt für mich: auch wenn ich nicht weiß, wann das Grab offen ist, wann das Leben siegt: Trotzdem gibt es schon  kleine Hoffnungsschimmer, die mich eine lange schwere Zeit aushalten lassen. Daher will ich es so machen wie Jürgen Klopp: Nicht für den Sieg beten. Aber „um Kraft, um Besonnenheit, um die notwendige Ruhe, die Dinge richtig einzuschätzen.“ Und morgen einen neuen Tag erwarten, mit neuer Hoffnung.

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01APR2021
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Eigentlich hat er seine Ruhe haben wollen – der Mann auf der Palliativstation. Das kann man verstehen. Er hat viel durchgemacht. Die Kraft ist weg. Als es an der Tür geklopft hat, hat er sich lieber schlafend gestellt. Aber die Dame, die reingekommen ist, wollte nichts anderes, als ihm was Gutes tun. Pflegerische Hilfe – aber nicht das, was dringend nötig ist, sondern ein kleines Plus. Sie hat dann mit seiner Einwilligung angefangen, ihm die Füße zu waschen. Und dann einzucremen und zu massieren. Er hätte nicht danach gefragt. Aber als ich ihn später besuche, lächelt er selig in der Erinnerung daran und sagt, „Ich fühl´s jetzt noch, wie gut das tat, das war grandios.“ Er war am Boden und  wurde reich beschenkt. Bis in den kleinsten Zeh fühlt er diese Zuwendung, ganz lange. So kann´s gehen – eine kleine Geste verändert mein Erleben und verwandelt meine Niedergeschlagenheit in Hoffnung. Und die kleine Geste wirkt oft viel nachhaltiger, als Worte das könnten. Jesus hat das vorgemacht. Im Alten Orient haben sich die Menschen gegenseitig die Füße gewaschen. Das ist ein Zeichen der Gastfreundschaft gewesen und gar nicht unüblich. Vielleicht haben die Menschen in einer Zeit ohne Auto, Bus, Fahrrad noch besser gewusst, wie wichtig die Füße sind. Trotzdem ist es ein Skandal gewesen, als Jesus am Abend vor seinem Tod die Füße seiner Freunde zu waschen beginnt. „Das geht doch nicht!“ protestiert Petrus, „es muss doch andersherum sein!“ Es soll doch nicht der Meister die Füße waschen. Aber Jesus hat das extra so gemacht  - er wollte zeigen: Wer Gott folgt, der dient den anderen Menschen – egal ob er Chef ist oder nicht. Der Meister wäscht die Schüler. Ganz ohne Worte hat Jesus vorgemacht, wie man einander Gutes tun kann. Selbst angesichts des Todes.

Wenn sich einer dem anderen zuwendet, liebevoll, dann verändert sich was. Da wird der Glaube vom Kopf auf die Füße gestellt. Und Gottes Liebe wird spürbar an Leib und Seele.

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31MRZ2021
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Von Freunden kann man  schon etwas erwarten. Zum Beispiel, dass sie da sind, wenn man sie am meisten braucht. So ist es auch bei Jesus gewesen: „Bleibet hier und wachet mit mir!“ das hat er zu drei seiner Freunde gesagt, kurz bevor er verraten wurde. Aber obwohl Jesus ganz deutlich darum gebeten hat: Bleibt bitte wach! Sind sie einfach eingeschlafen. Sie hatten kein Gespür für die Not des Freundes, für den Ernst der Lage. Während Jesus Gott angefleht hat, sein schweres Schicksal  abzuwenden, sind ihnen die Augen zugefallen.

Verlass dich auf niemanden, sonst wirst du verlassen – das könnte man zynisch aus dieser Geschichte folgern. Ich frage mich aber: Habe ich nicht auch schon ab und zu Menschen enttäuscht, die mich gebraucht hätten?  Weil ich zu müde gewesen bin um aufzupassen, keinen Nerv mehr hatte zuzuhören, oder Angst hatte, mich auf eine Bitte einzulassen. Freunde sind etwas Tolles, aber sie sind auch nur Menschen. Manchmal machen sie Fehler.

Da kann es passieren, dass die Freundschaft leidet. Ich höre manchmal einen Satz wie: Da hab ich den Kontakt abgebrochen. Manchmal kann das notwendig sein:  Wenn jemand mir Schaden zufügt, mich gar nicht ernst nimmt. Aber es gibt Geschichten, wo ich denke: Kontakt abbrechen, ist das die Lösung?

Jesus ist mit seinen Freunden einen anderen Weg gegangen. Er hat ihnen deutlich gesagt, wie enttäuscht er war. Doch so deutlich er seine Enttäuschung ausdrückt, so deutlich sagt er auch: Ihr gehört weiterhin zu mir. Ihr habt mehr als eine Chance, zu mir zu stehen. Jesus kennt nur zu gut die menschlichen Schwachstellen. Anstatt die Beziehung abzubrechen, begegnet er dieser Schwäche mit Liebe. Mit Barmherzigkeit. Das heißt: Was nicht gut ist, soll auch benannt werden. Das müssen echte Freunde aushalten. Aber wenn es ihnen leid tut, dann kann die Enttäuschung auch heilen. Ein Freund, der es ernst meint, bekommt eine neue Chance. Wir sind alle nur Menschen, und schlafen manchmal gerade da, wo wir wach sein sollten. Gut, wenn uns einer aufweckt und sagt: Du, ich brauch dich immer noch.  Auch Freunde wachsen mit den Aufgaben. Bleibet hier und wachet mit mir – halten wir uns bereit, wenn uns das gesagt wird!

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30MRZ2021
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Manchmal brauche ich Hilfe, um ans Ziel zu kommen. Das geht wohl allen Menschen so. Besonders deutlich ist mir das geworden, als ich von einem jungen Mädchen zu Kriegszeiten gehört habe.  Ihr  Cousin hat mir von ihr erzählt. Seine Cousine kam mit einem offenen Rücken zur Welt und musste daher liegen. Medizin und Pflege damals sind noch nicht so weit gewesen, man hat nicht viel tun können. Aber in der Familie war sie integriert und wurde umsorgt. Sie hat immer so gelegen, dass jemand sie im Blick hatte.

Dann kam der Krieg und die Stadt ist bombardiert worden. Alle sind in den Luftschutzkeller gerannt. Das Mädchen konnte nicht hinterher. Aber zwei ihrer Cousins, die haben sich gekümmert. Sie sind zu ihr gelaufen und haben sie so behutsam wie nötig und  so schnell wie möglich mit in den Luftschutzkeller genommen. Auf einer Bahre. Klar, sie sind dadurch langsamer gewesen. Sie hätten alle drei umkommen können, weil es ja schnell gehen musste, wenn die Sirenen losgingen. Aber für sie ist klar gewesen: wir gehören zusammen und wir helfen einander.

Sie ist lange her, die Geschichte, die mir dieser Mann erzählt hat. Aber sie ist noch immer aktuell, lebendig und wichtig. Auch heute muss es Menschen geben, die aufeinander achtgeben. Die tragen helfen. Die mich tragen, wenn ich es brauche, weil ich nicht immer allein zum Ziel komme. Es wendet nicht jedes Schicksal ab, aber es macht einen großen Unterschied, wenn ich weiß: Da ist jemand an meiner Seite und lässt mich nicht im Stich.  Wir Menschen bleiben auf einander angewiesen. Und es ist schlimm, wenn jemand die nötige Hilfe nicht erfährt. Da sollten wir wach werden, alle, denn jeder hat Hilfe verdient.

Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen, heißt es in der Bibel. Ich glaube, da ist noch viel Luft nach oben, dass wir das gut umsetzen. Nächstenliebe von Herzen. So wie sie von diesem Mann gelebt wurde, der seiner Cousine nicht nur einmal das Leben rettete. Was für ein Geschenk!

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29MRZ2021
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Eine Frau aus meiner früheren Gemeinde sagt: „Sie haben mir nach dem Tod meines Mannes dieses Holzkreuz geschenkt, das hab ich immer bei mir. Ich kann es anfassen – dann denke ich an seinen Tod, aber auch an unser Leben. Es ist traurig und schön zugleich!“ Kreuze zum Anfassen. Für mich bedeutet das, den Tod nicht zu verdrängen, sondern im Leben damit umzugehen. Ein kleiner Gegenstand – ein großes Symbol. Deshalb trage ich das Kreuz gerne, das mir meine Schwiegermutter geschenkt hat. Ich spüre, wie aus so einem Symbol eine Kraft hervorgeht. Kraft brauchen wir gerade sehr, in diesem zweiten Coronafrühling. Für viele ein Albtraum. Was hilft in der Krise, wenn es so lange dauert? Wenn ich Leid miterlebe oder selber kraftlos bin, dann hilft mir manchmal dieses Kreuz. Nicht magisch. Aber durch seine Form zeigt es mir zwei Richtungen, aus denen Kraft kommen kann.

Der Balken von rechts nach links zeigt mir: Ich habe rechts und links von mir Mitmenschen. Ich habe Menschen, denen ich Gutes tun kann, die mich brauchen.  Das hilft dabei, einen Sinn im eigenen Leben zu erkennen. Und ich habe Menschen, die mir gut tun, die mir helfen, wenn ich nicht mehr kann. Da können schon ein Gruß auf meiner Arbeitsstelle, der Anruf einer Freundin oder ein ganz altmodischer Brief Wunder wirken.

Und dann ist beim Kreuz noch der zweite Balken. Der, der nach oben zeigt. Dieser Balken zeigt mir: Gott streckt uns seine Hand entgegen. Denn leider können auch die rechts und links von mir nicht immer helfen. Manchmal, da stecken wir gemeinsam fest. Wie jetzt in der Pandemie. Da brauchen wir Beistand von Gott. Er verbindet Himmel und Erde. Ohne diese Verbindung wäre Jesus wohl tot geblieben. Aber so hoffe ich über den Tod hinaus. Und daraus schöpfe ich neue Kraft, wo ich nicht weiter weiß. Die Menschen rechts und links von mir. Und Gottes heilsames Handeln: Dafür steht das Kreuz, das ich trage, das Kreuz auf dem Friedhof und das Kreuz, das die trauernde Frau in Händen hält. Und daran darf ich mich festhalten, gerade in dieser Zeit.

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