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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

06FEB2021
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Es gibt Menschen, die wollen von ihrem Erfolg nichts wissen. Läuft es einmal so richtig gut, ziehen sie sich zurück. Sie fürchten nichts mehr, als dass man mit Bewunderung über sie spricht. Gelobt zu werden halten sie kaum aus.

Zu diesen Menschen gehörte auch Jesus. Einer, der die Gabe der Heilung besaß. Einer, der mit seinen Worten Menschen erreicht hat. Doch kaum geschieht ein Wunder, schon ist seine erste Sorge, dass man es weitererzählen könnte, erzählt die Bibel. Regelmäßig verbietet er über das zu sprechen, was geschehen ist. Bloß kein Aufsehen, ist sein Motto. Und Schweigen ist Gold.

Wie viele Menschen hätte Jesus dauerhaft an sich binden können. Aber dann kommen seine regelmäßigen Auszeiten. Immer wieder zieht er sich zum Beten zurück, immer wieder macht er sich unerreichbar. Er ist einfach mal weg. Hauptsache einsam und abgelegen. Wo die anderen nicht hinkommen und er seine Ruhe hat. Umringen ihn Menschen zum Beispiel am Wasser, springt er auch schon mal in ein Boot und entkommt ans andere Ufer. Seine Schüler können froh sein, wenn er sie dabei mitnimmt.

Man könnte Jesus einen Eigenbrötler nennen. Man könnte ihn wie der Philosoph Peter Sloterdijk einen unverheirateten Mann Anfang Dreißig nennen, ohne festen Wohnsitz und ohne konkrete Perspektive.

Da ist was Wahres dran. Und zugleich es ist etwas Besonderes: Jesus musste nichts von sich hermachen. Er wollte nichts verkaufen und brauchte keine Werbung. Er lebte nicht davon, ständig Aufmerksamkeit zu erregen und im Mittelpunkt zu stehen.

In einem Wort: Jesus war kein Influencer. Er war einfach er selbst. Die Beziehung zu Gott war ihm wichtiger als zu möglichst vielen Menschen. Mit zwölf Followern, seinen Jüngern, war er völlig zufrieden. Ihm ging es um Liebe und Gerechtigkeit statt um Kaufkraft, Reichweite und Zahl der Likes. Jesus wollte  glaubwürdig und bescheiden sein. Jesus wollte die Menschen nicht bedrängen.
Ich finde, das hat was. Jesus ist bis heute ein echter Geheimtipp.

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05FEB2021
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Heile, heile Gänsje
es is bald widder gut,
es Kätzje hat a Schwänzje,
es ist bald widder gut.
Heile, heile Mausespeck
in hunderd Johr is alles eweg.

Manchmal wünschte ich, es wäre so einfach. So wie früher. Ganz früher. Wenn ich als Kind hinfiel und mir das Knie aufschlug und es blutete und ich dann zu meiner Mutter oder meinem Vater oder meiner Oma kam, dann wurde gepustet und gesungen: Heile, heile Gänsje. Und dann wurde es tatsächlich gleich besser. Daran kann ich mich sogar heute noch erinnern, Jahrzehnte später.

Wenn mir einer sagt: bald ist es wieder gut, dann geht mir das runter wie Öl. Das ist Trost pur. Und selbst wenn es noch hundert Jahre dauert, länger als ein Leben: Aber dann ist es weg, vorbei, tut nicht mehr weh. Alles hat ein Ende. Zum Glück.

Wie wenig es braucht, um einen Menschen zu trösten und aufzurichten. Ein bisschen Zeit und ein kurzes Lied, für das man keine Gesangsausbildung braucht. Dazu die Botschaft: heile! Brauchst nicht weinen, werd‘ gesund, werd‘ heil. Ich habe es auch schon vorgesungen und gesummt.

Der alte Kinderreim hat in der Fastnacht Karriere gemacht. Martin Mundo und Ernst Neger haben ihn berühmt gemacht. Vor einigen Jahren wurde er auf Platz 1 der Fastnachtslieder gewählt. Und ganz zu Recht, finde ich. Dieses Jahr fallen alle Veranstaltungen aus. Normalerweise wären wir jetzt mitten in der Saalfastnacht. Da gibt es Kokolores, Politisches, Tiefgründiges, Anrührendes. Heile, heile Gänsje gehört zum Anrührenden und zum Tiefgründigen. Es vermittelt die Hoffnung, dass alle Dinge in Ordnung kommen, solange es nur einen Menschen gibt, der dir davon vorsingt. Auch wenn die Welt verrückt und närrisch ist. Und auch für uns Menschen gibt es Hoffnung und wir sollen heil werden. Keiner ist zu gering, niemand zu klein. Und auch die Pandemie wird ein Ende haben und nicht ewig dauern. Und hoffentlich braucht es dafür keine hundert Jahre mehr. Alles soll heil werden, einschließlich Gänsje, Kätzje mit Schwänzje und sogar Mausespeck.

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04FEB2021
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Albert-Nathan-David-Richard-Emil-Albert-Samuel.
So buchstabiert man mithilfe der Buchstabiertafel mein Vorname: Andreas. Diese Buchstabiertafel ist dafür da, „störungstolerant“ die richtigen Buchstaben zu übermitteln. Der Anfangsbuchstabe eines ganzen Wortes ist einfacher zu verstehen als ein einzelner Laut.

Vielleicht kommen Ihnen diese Buchstabierhilfen seltsam vor: Wo, bitteschön, sind denn Anton, Siegfried, Nordpol und Dora geblieben? Tatsächlich! Seit drei Monaten gibt es eine neue Buchstabiertafel. Dabei ist die neue Tafel gar nicht neu, denn eigentlich ist es die alte – aber die war den Nazis ein Dorn im Auge. 1934 wurden alle jüdischen Vornamen aus der Tafel entfernt. Selbst beim Buchstabieren galt: Juden raus. Mochten die Namen noch so gängig sein. Sonst wären sie ja gar nicht erst ausgesucht worden für die Buchstabiertafel. Doch auch vor dem Buchstabieren machte der Rassenwahn nicht halt. So wurde aus Samuel Siegfried und aus Nathan der Nordpol. Toleranz geht anders: aus einer Gesellschaft mit vielen Traditionen wurde ein auf germanisch getrimmter Einheitsbrei. Doch jetzt ist die alte Buchstabiertafel wieder da. Seit November vergangenen Jahres, auf Initiative aus Baden-Württemberg: die DIN 5009, in der es ums Diktieren geht, wurde geändert. Und zurück sind die jüdischen Vornamen, die schon in der hebräischen Bibel vorkommen. Zu denen gehören auch noch Marie und Jakob.
Namen sind eben nicht Schall und Rauch. Sie zeigen, wo wir herkommen, womit wir verbunden sein wollen. Ganz schön bunt, die Zusammenstellung. Damit machen wir sichtbar, was alles zu uns und unserem Land gehört. Da gibt es kein Vertun. Daran sollten wir festhalten. Ich finde, wir sollten sogar ruhig noch ein wenig mutiger werden:

Wie wäre es um Beispiel für U mit Ugur und für Ö mit Özlem? Türkische Vornamen. Ein starkes Zeichen wäre das. Im Gegenzug würde ich auch auf A wie Andreas verzichten. Der Name ist übrigens griechisch.

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03FEB2021
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Die Tulpe galt lange Zeit als eine der schönsten Blumen der Welt. Kein Wunder, sie gehört ja auch zur Familie der Lilien. Diese kräftigen Farben der Blütenblätter, die leuchten, als könnten sie ganz alleine für den Frühling sorgen!

In den Niederlanden war man im 17. Jahrhundert sehr aufgeschlossen für alles Schöne und Teure. Also auch für die damals noch seltenen Tulpen, die über Persien und die Türkei in unsere Breiten kamen. Ein Tulpenrausch brach aus: Wer es sich leisten konnte, der war bereit ein Vermögen für eine Tulpenzwiebel auszugeben.

Der Höhepunkt war am 3. Februar 1637 erreicht: bei einer Versteigerung wurden für 99 Tulpenzwiebeln 90.000 Gulden erzielt. Zum Vergleich: zwei Fässer Butter kosteten keine 200 Gulden.

Danach war es, als wären die Holländer wieder zur Besinnung gekommen. Wie kann eine Blume, so viel wert sein wie ein Haus?

Fast schien es, als wäre den frommen Niederländern auf einmal aufgegangen, was schon Jesus gesagt hatte: Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. (Mt 6,28ff)

So kostbare Liliengewächse waren die Tulpen! Da schien die Investition zu lohnen. Aber irgendwann hatten sie in der Bibel weitergelesen, was Jesus gesagt hatte: Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird… Das hat ihnen weh getan. Auf einmal wurde ihnen klar: Sie hatten Unsummen für Gras, ein Vermögen für minderwertiges Brennmaterial ausgegeben. Ja, hatte denn gar nichts Bestand? Für Jesus schon. Deshalb sagt er: Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, sollte er das nicht viel mehr für euch tun? (Mt 6, 30)

Das nenne ich einen Gedankengang! Eine herrliche Blume, ein Frühlingsbote wird zum Zeichen von Gottes Liebe und Fürsorge. Tulpen sind Gott sicher wichtig. Wir Menschen sind es noch viel, viel mehr.

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02FEB2021
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Auch wenn die Christbäume schon längst von der Müllabfuhr eingesammelt wurden: traditionell endet erst heute die Weihnachtszeit. Mit dem Fest Maria Lichtmess oder Jesu Darstellung im Tempel.

Die Geschichte dazu ist schnell erzählt: Maria und Josef machen sich mit ihrem ersten Sohn Jesus auf den Weg nach Jerusalem. Im Tempel wollen sie zum Dank für die Geburt ein Opfer darbringen. Eine Kerze anzünden, hat man sich später wahrscheinlich vorgestellt. Deshalb: „Lichtmess“.

Da sieht ein alter, hochbetagter Mann das Baby, Simeon. Er verbringt so viel Zeit im Tempel, dass er quasi dort lebt. Er gerät ganz außer sich, nimmt das Kind auf seinen Arm und erklärt: Jetzt kann ich in Frieden sterben. Denn ich habe den Retter gesehen, den Gott geschickt hat.

Mit diesem Retter meinte Simon weder Maria noch Josef, sondern den Säugling Jesus. Und mehr als ein Säugling oder, wie man in Mainz sagt, „e siiß Bobbelsche“ war nicht zu sehen. Einen Heiligenschein wie auf Gemälden gibt es ja in Wirklichkeit nicht.

Doch gerade das ist es – dass es nichts zu sehen gibt außer einem normalen Baby. Nicht furchteinflößend, nicht weise, nicht redegewandt, sondern nur ein Baby, angewiesen auf Nahrung, Kleidung, Schutz, Wärme, frische Windeln, Körperkontakt, Zärtlichkeit, und, und, und: unendlich verletzlich.

Mehr kann Gott nicht tun. So will Gott den Menschen nahekommen. So will Gott mit den Menschen ihr Leben teilen. Verletzlich und ohne Panzer. Angewiesen auf Liebe und auf so viele Dinge, ohne die Menschen gar nicht leben können. Denn da spürt man: Wo Menschen sich um andere kümmern: da wird das Leben gut. Kein Zufall, dass das gerade ein alter Mensch erkennt. Er weiß, dass seine Tage gezählt sind und die allermeisten davon bereits vorüber. Unbefangen kann er von seinem Sterben sprechen. Das ist das Besondere an dieser Geschichte: Gott macht einen Anfang mit einem Kind und schenkt ein Ende in Frieden.

Zu schade, dass die Weihnachtsbäume schon abgeholt wurden. Für diese allerletzte Weihnachtsgeschichte hätte ich die Kerzen gern noch einmal angemacht.

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01FEB2021
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Gedichte gehören nicht zu meinem Alltag. Vor zwei Wochen habe ich gemerkt, dass das vielleicht ein Fehler ist. Da stand nämlich Amanda Gorman, 21 Jahre jung, mit gelbem Mantel und rotem Haarband an einem grauen Wintertag am Rednerpult. Die Dichterin und Poetry-Slammerin war für den poetischen Beitrag zur Amtseinführung des Präsidenten zuständig. Und was für ein Beitrag das war!

Den Amerikanern rief sie natürlich auf englisch zu:

Den Sieg werden erringen
gebaute Brücken, nicht die Klingen.

Wo Menschen aufeinander zugehen, hat sie uns allen gesagt, ist das mehr als eine lästige Pflicht.

Ja, es ist anstrengend. Ja, es braucht Köpfchen und langen Atem. Man muss im wahrsten Sinn des Wortes konstruktiv sein. Eine Brücke ist ja nicht einfach mit Fingerschnippen da. Man muss sie bauen - aufbauen, nicht zerstören. Nur dann dient die Brücke der Verbindung und dem Austausch. Wenn wir das hinbekommen, dann können wir darauf zu Recht stolz sein. Das ist wie ein großer Sieg. Dagegen sind Waffen und Gewalt nichts.
Es kommt auf die Richtung an, auf die konkreten Schritte. Es geht darum, überhaupt anzufangen und sich den Schneid nicht abkaufen zu lassen.

Den Sieg werden erringen
gebaute Brücken, nicht die Klingen.

Das schreibt uns ein „dünnes, schwarzes Mädchen“, wie sich Amanda Gorman selbst nennt, ins Stammbuch. Das davon träumt, einmal Präsidentin zu werden. Der Gewalt der Waffen setzt sie die Kraft des Wortes entgegen.

Ihre klaren Worte wurden von Millionen Menschen gelesen. Eigentlich ja nur ein Gedicht. Und doch so viel mehr. Ein Bekenntnis zu Würde und Nächstenliebe. Bedroht und gefährdet, aber auch zuversichtlich und standhaft. Auch mir klingt es immer noch in den Ohren. Vielleicht sollte man ab und zu mal eine Zeile riskieren und reimen, worauf es ankommt. ich probiere es mal:

Lasst uns nicht die Messer wetzen,
sondern auf Gemeinschaft setzen.

Hm. Vielleicht nicht unbedingt für den Amtsantritt eines Präsidenten. Aber für den Hausgebrauch. Es ist ein Anfang! Und darum geht es Amanda Gorman.

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