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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

30JAN2021
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„Wir freuen uns riesig, wenn Mehdi wieder bei uns ist!“ Die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenpflegeheims St. Bonifatius schwärmen nur so von „ihrem Mehdi“. Er hat gerade seine Ausbildung zum Pflegehelfer abgeschlossen. Die alten Leute sind regelrechte Fans von Mehdi - weil er einen sehr guten Draht zu ihnen hat. Sie fühlen sich von ihm verstanden, es entwickeln sich oft gute und tiefe Gespräche mit ihm. Mehdi hat dafür eine große Gabe. Der Leiter des Pflegeheims ist der Überzeugung: „Medhi hat hier seine echte Berufung gefunden!“ Das sieht er auch selbst so, und er möchte sich beruflich noch weiter qualifizieren.

Wenn ihm jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, wie es ihm heute geht, dann hätte Mehdi ungläubig geschaut und abgewinkt. Damals kam er als Flüchtling aus dem Iran. Dort ist er als Christ verfolgt worden. In Deutschland verhalf ihm ein evangelischer Pfarrer zu einem Praktikumsplatz im Caritas-Pflegeheim. Dort arbeitete er in der Tagesbetreuung mit. Das fiel ihm leicht, weil er vorher zuhause mehrere Jahre lang seine kranke Mutter betreut hatte. „Im Pflegeheim, das war hier ein bisschen wie eine Rückkehr für mich“ sagt er. Und er wollte das gerne zu seinem Beruf machen. Doch bevor er nach dem Praktikum im Heim zuerst einen Bundesfreiwilligendienst und dann die Ausbildung machen konnte, waren noch einige bürokratische Hürden zu überspringen; sein Asylverfahren war noch am Laufen. Das ganze Team des Pflegeheims hat dabei mitgeholfen; denn auch sie hatten Medhi ins Herz geschlossen. Und die Bewohner haben gehofft, dass alles gut ausgeht. Denn sie hatten Medhi schon voll „adoptiert“. Und einige von ihnen haben ihm sogar Sprachunterricht gegeben, damit er von Anfang an sein Deutsch verbessern konnte; inzwischen hat er dadurch Niveau B 1 erreicht, die zweitbeste Stufe bei den Sprachprüfungen. Und auch in der Stadt hat Medhi viele Freunde gewonnen. Er hat wirklich eine neue Heimat gefunden und geht seinen Weg.

Ja, das ist eine Erfolgsstory, wie die Integration eines Asylsuchenden gelungen ist. Und an der man ablesen kann, worauf es dabei ankommt: dass jeder gut auf den anderen eingeht.

 

 

Von Medhi erfahren habe ich durch den Artikel „Neue Heimat mit Heim-Anschluss. Eine Flucht- und Integrationsgeschichte, die zeigt, wie gut es laufen kann.“ von Christian Scharf in „Sozialcourage. Das Magazin für soziales Handeln“ (siehe auch www.sozialcourage.de), hg. vom Deutschen Caritasverband Freiburg, 3/2020, S. 9-13.

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29JAN2021
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Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass die Ära Trump vorbei ist. Vor allem deshalb, weil er so respektlos war - gegenüber anderen Menschen, gegenüber Institutionen, sogar gegenüber ganzen Staaten. Er hat andere runtergemacht und gehässig über sie geredet, hat Unwahrheiten über sie verbreitet - nur, um Punkte für sich zu machen. Das

hat sich verheerend ausgewirkt; er hinterlässt eine gespaltene Nation. Aber auch bei uns nimmt das respektlose Sprechen über andere zu - in der Politik und noch mehr in den sozialen Medien. Auch das bleibt nicht ohne Folgen.

Haben Sie schon erlebt, dass jemand Sie richtig runtergemacht hat, bloßgestellt, herabgewürdigt? Das ist, wie wenn jemand auf Ihnen herumtrampelt. Und umgekehrt: Wenn jemand sie respektvoll behandelt, das tut gut, das baut persönlich auf und stärkt die Beziehung zueinander. Zwischen Einzelnen und in der Gesellschaft.

Respekt ist eine Grundhaltung den anderen gegenüber, die für ein gutes Zusammenleben unbedingt notwendig ist. Respekt im ursprünglichen Wortsinn hat nichts zu tun mit Angst vor Autoritäten oder Machthabern, dass ich voller Angst vor dem Lehrer oder Chef stehe. Vom lateinischen Ursprungswort her steckt etwas ganz anderes drin: sich umsehen, umsichtig sein, den anderen anblicken, ihm Ansehen geben, den anderen achten und ihn würdevoll behandeln. Das ist mehr, als den anderen irgendwie zu tolerieren. Das bedeutet, dass ich dem anderen auf Augenhöhe begegne, mit Wertschätzung, ja so, dass er dabei seine eigene Würde spürt. Mir ist ein Wort des Völkerapostels Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom immer wichtiger geworden. Er schreibt dort: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ (Röm 12,10). Wenn das gelingt, dann wächst etwas zwischen den Menschen.

Umgekehrt: Wer mit anderen respektlos umgeht, der muss sich fragen lassen, ob er oder sie sich selbst annimmt und achtet. Das ist oft der Knackpunkt. Denn wer ein gesundes Selbstwertgefühl hat, für den ist es selbstverständlich, dass er mit anderen so umgeht, dass die dabei spüren: „Der andere würdigt mich.“ Und das tut gut.

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28JAN2021
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Erinnern Sie sich noch daran, wie das mit Corona losging? Als letztes Jahr im März das Virus sich plötzlich verbreitet hat und das öffentliche Leben und die Wirtschaft ganz runtergefahren worden sind? Wir waren dem tückischen Virus total ausgeliefert. Es hat uns bedroht, und es hat uns irgendwie ohnmächtig gemacht. Und jetzt geht es uns ähnlich.

Ohnmacht zu spüren ist kein gutes Gefühl. Deshalb wird es oft ignoriert oder verdrängt. Dann ist das Ohnmachtsgefühl aber trotzdem da, und es rumort im Innern weiter. Das führt dann entweder zu Lähmung, Resignation, depressiver Verstimmung – oder ich lande in einem Aktionismus, der wenig hilfreich ist.

Doch kann ich auch heilsam mit Ohnmachtsgefühlen umgehen - indem ich sie wahrnehme und zulasse. Indem ich mir sage: „Ja, wir sind jetzt in mancher Hinsicht in einer Situation der Ohnmacht. Und das setzt mir innerlich wirklich zu. Ich spüre das. Dieses Gefühl der Ohnmacht gehört derzeit zu mir, – und deshalb nehme ich es an, weil ich mich annehme, so wie ich bin und so wie es mir geht – Gott nimmt mich ja auch so an.“ Wenn ich auf diese Weise „Ja“ sagen kann zu meinem Ohnmachtsgefühl, dann hat es keine Gewalt mehr über mich, dann kann es mich nicht mehr blockieren oder ungut antreiben. Wenn ich die Ohnmachtserfahrung annehme, dann kann es gut weiter gehen – dann schenkt das innere Freiheit, dann können genau dadurch neue Kraft und neue Kreativität wachsen – und dann können wir auch besser mit der schwierigen Situation umgehen.

Übrigens hat auch Jesus in mancher Hinsicht Ohnmacht erlebt – vor allem bei den Menschen, die ihn nicht verstanden haben und die ihn dann abgelehnt und schließlich ans Kreuz gebracht haben. In seiner Passion hat Jesus diese Ohnmacht als gegeben angenommen und hat sie durchlebt - so hatte sie keine Macht mehr über ihn. Er konnte sich dabei auf Gottes Hilfe verlassen. So können auch wir aus Ohnmachtserfahrungen gestärkt und mit neuem Lebensmut herauskommen.

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27JAN2021
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Fast alle Bundesländer haben Antisemitismusbeauftragte. Sie sollen Judenfeindlichkeit und Diskriminierung entgegenwirken. Nur Bremen tanzt aus der Reihe. Hier gibt es keinen Antisemitismusbeauftragten. Selbst die jüdische Gemeinde hat sich gegen einen solchen Beauftragten ausgesprochen. Stattdessen kommen in Bremen viele Verantwortliche in einem Forum zusammen und engagieren sich für das jüdische Leben in der Stadt. Sie wollen nicht nur negativ Judenfeindlichkeit bekämpfen. Sie wollen positiv jüdisches Leben im Alltag sichtbar machen und fördern.

Die Bremer haben einen guten Zeitpunkt gewählt: Wir feiern dieses Jahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Diese Jahreszahl zeigt, es geht um mehr als sich an den Holocaust zu erinnern und Judenfeindlichkeit abzuwehren, so unverzichtbar beides ist. Seit 17 Jahrhunderten prägen auch Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland Kultur und Wissenschaft, Wirtschaft und Alltag- bis heute. Paul Ehrlich und Albert Einstein, Kurt Tucholsky und Stefan Zweig, Max Horkheimer und Hannah Arendt – diese bekannten Namen stehen für viele Menschen, die die Geschichte und Identität unseres Landes mitbestimmt haben. Unsere Kultur und unsere Sprache wären nicht dieselbe ohne jüdisches Leben.

Mit„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ feiern wir deshalbnicht nurFolklore oder vergangene Geschichte. Es geht um lebendige Gegenwart, um jüdische Menschen und jüdisches Leben heute. Inzwischen gibt es immerhin wieder über 100 jüdische Gemeinden mit mehr als 100 000 Mitgliedern in Deutschland, immer noch wesentlichweniger als vor 1933. Doch jüdische Literatur, Buchläden und Musik, soziale Projekte, Schulen und Hochschulen – das alles zeigt eine größere Kraft jüdischen Lebens, alsdie  kleine Zahl vermuten lässt. Die großen jüdischen Museen, etwa in Frankfurt und Berlin, sind deshalb auch keine Altertumsstätten, sondernsie zeugen von einer langen gemeinsamen Geschichte bis in die Gegenwart.

Dieses Gedenkjahr gilt den Juden in Deutschland und zugleich uns allen. Ohne jüdisches Leben vorschnell zu vereinnahmen und ohne die schrecklichen Verbrechen an Juden zu relativieren, kannes für uns alle ein Anlass sein zum nachdenklichen Feiern.

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26JAN2021
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Deutschland muss endlich den Paragraphen zur Gotteslästerung abschaffen. Das fordert eine große deutsche Tageszeitung. Denn in Deutschland macht sichstrafbar, wer ein religiöses Bekenntnis derart beschimpft, dass dadurch der öffentliche Frieden gestört werden kann. Wenn also z.B. Gläubige gewaltsam darauf reagieren.Für die Zeitung ist aber die Meinungsfreiheit ein so hohes Gut, dass sie auch die Gotteslästerung umfasst. Und da dürfe es nicht darauf ankommen, ob Gläubige gewaltsam reagieren oder nicht. Deshalb müsse der Gotteslästerungsparagraph abgeschafft werden.

Tatsächlich schützt der Paragraph nicht die Religion, sondern den öffentlichen Frieden. Halten die Gläubigen voraussehbar still, gibt es keine Strafe für die Lästerung.
Das mag seltsam anmuten. Manche meinen, der Rechtsstaat müsse doch die religiösen Gefühle der Gläubigen schützen.

Doch gerade da habe ich Bedenken, wenn vom Schutz religiöser Gefühle die Rede ist: Gläubige Menschen geraten da leicht in den Verdacht, sie seien besondere Sensibelchen, die sich nicht so haben sollten. Und Gefühle – die haben ja auch immer etwas Irrationales. Da ist es kein Wunder, wenn sie der Meinungsfreiheit weichen müssen.
Ja, wenn es nur um Gefühle ginge, könnte ich dem vielleicht zustimmen. Aber wenn mein Glaube oder ich wegen meines Glaubens beschimpft werde, dann trifft das nicht nur meine religiösen Gefühle. Das trifft meine religiöse Identität. Ich habe nicht ein christliches Gefühl, ich bin Christ. Und die Beschimpfung trifft mich als Person.

Ich sehe da eine Parallele: Wir haben sehr lange in Deutschland darum gekämpft, dass jede sexuelle Orientierung respektiert wird, rechtlich und gesellschaftlich. Weil die sexuelle Orientierung zur Person gehört, zur Identität des einzelnen Menschen. Sie ist nicht nur ein Anhängsel des Menschseins oder gar nur ein Gefühl.
Ähnlich ist es meines Erachtens mit dem Glauben. Glaube ist nicht bloß eine Meinung oder ein Gefühl. Er erfasst und durchwirkt meine ganze Person, er bestimmt mein Handeln und Leben. Deshalb erwarte ich vor meinem Glauben den gleichen Respekt wie vor meiner Person. Oder meiner sexuellen Orientierung. Ob das ein Thema für das Strafrecht ist, ist eine andere Frage. Aber es geht gewiss um mehr als Gefühle.

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25JAN2021
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Wenn die Pandemie vorüber ist, würde ich über einiges noch einmal in Ruhe nachdenken wollen. Das betrifft nicht nur Masken und Schutzkleidung. Das betrifft auch den Umgang mit der Religion. Vordergründig geht es vor allem um die Gottesdienste: Die einen schütteln verständnislos den Kopf darüber, dass alle Versammlungen abgesagt werden – nur Gottesdienste dürfen stattfinden, obwohl sich Menschen dort infizieren. Andere werfen den Kirchen übertriebene Ängstlichkeit vor - weil sie Gottesdienste gleich ganz streichen, anstatt sie mit strengen Hygieneauflagen durchzuführen.

Dahinter steht für mich die Frage, welche Bedeutung Religion in der Pandemie hat. Ist sie eine Freizeitbeschäftigung wie andere auch und deshalb genauso einzuschränken – oder geht es um etwas anderes?

Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Religion seelisch und psychisch stabilisiert. Religion sei – ähnlich wie Kunst und Philosophie – unverzichtbar, damit Menschen ihre Emotionen, ihre Gefühle verstehen und sich in der Welt noch orientieren können. Gerade in Zeiten von Corona. Religion helfe auch, Aggressionen zu bewältigen und zu verarbeiten. Das ist nicht unwichtig, wenn Menschen verängstigt sind, den Nächsten als Infektionsträger verdächtigen und unfreiwillig zu Hause auf einander hocken.
Und eine Religionswissenschaftlerin hält Religion für eine Hysteriebremse: Religiöse Menschen fürchten natürlich auch den Tod und sind wie alle an Hygieneregeln gebunden. Aber sie seien nicht so versessen auf das eigene Leben. Sie seien ruhiger, würden nicht so schnell hysterisch. Das diene auch der Gesellschaft.
Deshalb halten manche Wissenschaftler Religion für systemrelevant.

Nun hat Religion nicht systemrelevant zu sein, sie kann auch Systeme sprengen. Und Religionsfreiheit gilt ohne gesellschaftlichen Nutzen. Doch in der Pandemie stärkt Religion offenbar die Menschen, macht sie gelassener. Deshalb sollte sie gerade in Corona-Zeiten noch möglich sein, auch gemeinschaftlich. Das kann sich durchaus auf andere Lebensbereiche auswirken, etwa auf die Kunst. Vielleicht lernen wir gerade aus den Erfahrungen mit Gottesdiensten, wie Konzerte und Theater künftig in einer Pandemie möglich sind. Auch darüber sollten wir in Ruhe nachdenken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32449