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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

05DEZ2020
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„Na, wart ihr auch immer schön brav?“ Zu uns Kindern im Rheinland kam der Hl. Nikolaus immer am Abend des 5. Dezember, dem Nikolausabend. Zu meiner Frau, die in der Pfalz groß geworden ist, kam er am 6. Dezember, seinem eigentlichen Festtag. Heute kommt er oft gar nicht mehr oder aber als Weihnachtsmann  tagtäglich  über alle Kanäle und in den Fußgängerzonen. „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ singen wir den ganzen Advent. Dabei sagt doch schon der Name, dass er eigentlich erst an Weihnachten kommt. Ja, wann kommt er denn jetzt wirklich, der Weihnachtsmann, kann man da fragen. Ganz ehrlich, mir ist das mittlerweile ziemlich egal. Von mir aus dürfte er jeden Tag des Jahres kommen. Wenn er denn das erreichen würde, für das er steht: die Welt ein wenig heller und freundlicher zu machen. Eben dadurch, dass er den Menschen, denen er begegnet, eine Freude macht. Und dann ist es mir fast egal, ob er „Herr Winter“, „Väterchen Frost“, „Weihnachtsmann“ oder Hl. Nikolaus genannt wird. Wobei mir persönlich –und da darf ich ja als Christ parteiisch sein - die Figur des Hl. Nikolaus die sympathischste ist. Der erste Weihnachtsmann erscheint übrigens vor über 160 Jahren zum ersten Mal in einer Zeitschrift in München. Der Alte stapft in Bärenfell-Stiefeln durch den Schnee, trägt einen langen Mantel und Zipfelkapuze, aus der ein eisiger Bart hervorschaut. Unter dem Arm trägt er einen Christbaum. Dieser „Herr Winter“ ist die Person gewordene Jahreszeit und das Bäumchen in seinem Arm sagt: „Leute, ich bringe euch Weihnachten mit“. So einfach ist das. So ein Weihnachtsmann darf ruhig jeden Tag bei mir anklopfen, gerade jetzt in einem Dezember, der noch etwas dunkler ist, weil viele Lichtblicke in diesem Jahr ausfallen. Deshalb brauchen wir ganz viele Weihnachtsfrauen und –männer, einen roten Mantel oder weißen Bart brauchen die nicht. Die sehen aus wie Sie und Ich und bringen etwas mehr Licht und Freude in den Advent 2020.

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04DEZ2020
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Ich gebe es zu. Im letzten Jahr habe ich rebelliert.

Unser Chor hatte nämlich mit Mehrheit beschlossen, im Adventskonzert den Ohrwurm  von „Wham“ aus den 80er Jahren zu singen..  „Last christmas, I gave you my heart …“

Ich mag es nicht. Mich interessiert nicht, an wen George Michael so leichtfertig sein Herz verschenkt hat. Mit Advent und Weihnachten haben diese ganzen Popschnulzen noch nie wirklich was zu tun  gehabt: „, jingle bells, white Christmas, driving home for christmas“ …”

Diese ganze Puderzuckerromantik ist für mich noch nie etwas gewesen. Für den Schriftsteller John Updike sind die Weihnachtslieder sogar der siebte von zwölf „Schrecken der Weihnacht“. Und ich kann ihm da nur beipflichten. Längst hat sich das  „Leise rieselt der Schnee“ in ein  „Ständig rieselt Musik“ verwandelt. Der Corona-Advent 2020 scheint jetzt ja alle Voraussetzungen mitzubringen, dass es in diesem Jahr nicht so wird. Weihnachtsmärkte sind abgesagt, es werden weniger Lichter blinken. Die Welt wird dunkler sein. Und „Nein“, das ist nicht gut so. Wenn wir in diesem Jahr schon in echtem Stress leben, dann brauchen wir umso mehr Nahrung für Herz und Gemüt. Deshalb ist es gut,  wenn jede und jeder mit dafür sorgt, dass es trotzdem so hell und freundlich im Advent wird wie irgendwie möglich. Vielleicht mit dem Dezemberpsalm von Hanns Dieter Hüsch. Darin heißt es:

„Mit fester Freude lauf ich durch die Gegend ....Ich grüße freundlich… Mein Glück.. Jesus kommt, Alles wird gut.“Ich weiß, dass nicht jeder diese Hoffnung teilen kann. Aber für mich ist dieser Text ein Licht, das den Advent ein wenig heller macht. Ja, und wenn für Sie jetzt  „Last Christmas”  von Wham ein Lichtblick sein sollte,  dann habe ich ausnahmsweise überhaupt nichts dagegen.

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03DEZ2020
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„Seht euch vor! Bleibt wach! Seid wachsam!“ Selten ist ein Bibeltext so eindringlich, so direkt wie der, den ich am Sonntag im katholischen Gottesdienst gehört habe.  Er rüttelt mich regelrecht an der Schulter. Fast meine ich, das besorgte Gesicht des Evangelisten Markus über mir zu sehen. Der hat Angst davor, dass ich einschlafe und den entscheidenden Moment verpasse. „Nicht einschlafen, wach bleiben!“ Ja, geht denn das überhaupt? Irgendwann muss ich doch auch mal schlafen dürfen, muss ich mich erholen können. Genau so ist es. Deshalb ist es gut, wenn ich nicht alleine bin, andere Menschen um mich herum habe. Wenn die einen schlafen, wachen die anderen. Das klappt sogar bei Religionen.  In 2000 Jahren christlicher Geschichte ist oft genug tief gepennt worden. Aber zum Glück waren da immer wieder hellwache Leute, die ganz laut „Hallo“ gerufen haben. Denn  sie hatten gemerkt, dass etwas gewaltig falsch lief bei Mutter Kirche. Martin Luther war so einer, oder 300 Jahre vor ihm Franz von Assisi. „Seid wachsam!“ hat mitten in einer der dunkelsten Zeiten Europas, im dreißigjährigen Krieg, der Jesuitenpater Friedrich Spee gerufen und gegen den Wahnsinn der Hexenverfolgung angekämpft. Von ihm stammt eines der bekanntesten Adventslieder:  „O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“  Ich kenne kein Lied, dass eindringlicher und  direkter die Not und den Frust des Wächters ausdrückt, der sieht, wie um ihn herum alles den Bach runter geht. Im Advent 2020, der ganz im Zeichen der Pandemie steht, passt das Lied gut. Es beschreibt mit alten Worten, was aktuell ansteht: aufzupassen, auf sich und andere. Und nicht nur auf den Impfstoff sondern –wie Friedrich Spee im Lied - auch darauf zu hoffen, dass Gott uns an der Hand hält. „O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst‘ uns hier im Jammertal“.

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02DEZ2020
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In Trier hat gestern ein Mensch anscheinend durchgedreht. Mit seinem Auto ist er durch die Fußgängerzone gerast. Scheinbar wahllos hat er Menschen überfahren. Jetzt gibt es Tote und Verletzte. Ein Amoklauf, sagt der Oberbürgermeister. Amok ist malayisch und heißt „Wut“. Wie furchtbar für die Opfer und ihre Angehörigen. Mein ganzes Mitgefühl – und Ihres sicher auch – gilt diesen Menschen. Von einer Minute auf die andere wurde ihr Leben zerstört. So Schreckliches kann ein Mensch anrichten. Was kann man sagen, außer: Barmherziger Gott, steh den Betroffenen bei!?

Das bete ich für die, die so plötzlich in dieses Unglück hineingerissen wurden. Kinder seien unter den Opfern dort in Trier, heißt es. Jede Mutter und jeder Vater kann sich vorstellen, wie es deren Eltern jetzt geht. Ich hoffe, dass niemand allein bleiben muss mit seinem Leid. Aber ich weiß auch: Worte können da nur wenig ausrichten, am wenigsten jetzt, erst ein paar Stunden danach. Deshalb: Hoffentlich sind Menschen da, die die Angehörigen nicht allein lassen. Und: Möge Gott Ihnen beistehen.

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ – so haben Menschen Gottes Nähe zu allen Zeiten erfahren. In einem Gebet in der Bibel haben sie es aufgeschrieben. Ich will beten, dass die Angehörigen der Opfer in Trier das auch so erleben: „Gott, sei Ihnen Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die sie getroffen haben!“

Ich glaube, dass die Toten in Gottes Hand sind. Niemand fällt ins Leere, auch nicht, wenn so ein schrecklicher Unfall passiert. Bei Gott bleibt das Leben – auch wenn wir nur noch die Toten beweinen können. Ich hoffe, dass dieser Glaube auch den Angehörigen der Opfer irgendwann ein Trost wird.

Die Menschen, die Gottes Hilfe in ihren großen Nöten erfahren haben, die haben in demselben Gebet auch gesagt: „Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge ... Gott ist bei uns“ -- was auch geschieht. Darauf will ich mich trotz allem verlassen – auch heute.

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01DEZ2020
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Advent und Weihnachten habe ich immer mit der Familie verbunden. Als unsere Kinder klein waren, da war die Adventszeit eine besondere Zeit. Es war eine Zeit, die wir füreinander hatten. Abends haben wir uns zusammengesetzt. Kerzen angemacht, ein Lied gesungen, in Decken gekuschelt eine Geschichte gelesen. Und wir haben ihn alle genossen, diesen Augenblick Ruhe im hektischen Alltag.

Ein bisschen, das gebe ich zu, verklärt die Erinnerung natürlich diese Zeit. Denn ich weiß genau, dass unsere Adventszeit mit Terminen und Aufgaben pickepackevoll war. Aber gerade deshalb hat dieses abendliche Innehalten so gut getan.

Meine Erinnerung entspricht auch einem Klischee: Advent und Weihnachten, das ist Familienzeit. Kein Wunder, dass viele sich Weihnachten nur mit Familie vorstellen können. Aber so wie es aussieht, wird das dieses Jahr anders laufen. Zumindest große Familientreffen sind derzeit unvorstellbar.

Was ich spannend finde: Auch die erste Weihnachtsfamilie, also Maria, Josef und Jesus, hat kein besinnliches Fest im Kreis der Lieben gefeiert. Da war vieles anders, als es das Klischee sagt. Statt im gemütlichem Wohnzimmer zu sitzen, mussten sich Maria und Josef aufmachen. Hochschwanger. Und sie wussten nicht, wo sie die Nacht der Geburt verbringen sollten. Für die drei war also Familie alles andere als ein Wort für Geborgenheit, Zuneigung oder Zuhause. Und trotzdem ging ihre Geschichte um die Welt.

Wenn wir in diesem Jahr auf Familientreffen verzichten müssen, wenn wir vielleicht Eltern oder Geschwistern nur per Handy oder Videokonferenz begegnen, wenn das große Festessen für alle ausfällt, dann erinnere ich mich an diese erste Weihnacht. In der so vieles anders war, als wir es gewohnt sind. Und in der trotzdem etwas Wunderbares geschehen ist. Und ich hoffe, dass das auch dieses Jahr so sein wird. Ganz egal, wie wir feiern. Dass es dennoch wunderbar wird.

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30NOV2020
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Geschenke. Darum dreht sich in den nächsten Wochen wieder mal - fast - alles. Corona hin oder her. Sich etwas schenken, das bleibt auch in diesem Jahr einer der traditionellen Bräuche an Weihnachten. Das Problem: Bräuche verstehen sich – manchmal – nicht von selbst. Sie sind deshalb für Missverständnisse und Konflikte offen. Da beschließt eine Familie, dass man sich nichts schenkt. Und dann holt an Heilig Abend doch jemand ein Paket heraus. Da schenkt der eine, weil es ihm einfach Freude macht - und der andere fühlt sich deshalb verpflichtet, auch etwas zu schenken. Da sucht jemand verzweifelt nach einem originellen Geschenk, nur, weil man sich halt was schenken muss.

Über diese und andere Fallen in Sachen Geschenke wird eins vergessen. Dass Schenken in seinem Kern weder etwas mit Geld noch mit einer Verpflichtung zu tun hat. Dass Schenken vor allem eins deutlich macht: Es zeigt, dass das Leben manchmal mehr bereithält, als es scheint. Das kann man bei Kindern lernen. Für sie gibt es Geschenke vom Christkind oder vom Weihnachtsmann - einfach so. Kinder erfahren an Weihnachten, dass Geschenke umsonst sind, dass sie gratis sind. Dieser Begriff gratis kommt übrigens von gratia. Das ist Latein und meint Gnade. Gnade ist etwas, dass es nur umsonst gibt. Sie kostet nichts. Sie ist nicht notwendig. Sie wird einfach verschenkt. Zum Beispiel, wenn jemand begnadigt wird, oder wenn von der Gnade der späten Geburt die Rede ist. Gnade kommt einfach so.

Davon erzählt auch Weihnachten - am Ende der Adventszeit. Dass ein Kind geschenkt wird. Und dass es beim Schenken nie auf den Wert oder die Größe ankommt. Sondern darum, sich beschenkt zu fühlen, einfach so.

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