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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

07NOV2020
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Jürgen Klopp, der weltbekannte Trainer des FC Liverpool und ehemalige Trainer von Mainz 05, Jürgen Klopp ist nicht nur ein Fußballprofi. Er ist auch ein entschiedener Christ:
Ein Fan des FC Liverpool war auf den Tod erkrankt. Klopp sandte ihm eine Videobotschaft mit den Worten: Ich bin Christ. Wir sehen uns

Das ist ein knappes und zugleich eindeutiges Bekenntnis für ein Leben nach dem Tod. Jürgen Klopp ist sich als Christ sicher: Der Tod ist nicht das Ende von allem, sondern wir werden leben.

Dieses Bekenntnis ist nicht selbstverständlich. Es liegt quer zum Trend: Weniger als die Hälfte der Deutschen glaubt noch, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, mit ewigem Leben oder Wiedergeburt oder anders. In unserem naturwissenschaftlichen Weltbild ist immer weniger Platz für den Himmel oder ewiges Leben. Und je älter die Menschen werden, um so mehr rechnen sie damit, dass mit dem Tod alles aus ist. Mehr als zwei Drittel der über 65-jährigen erwarten nach dem Tod überhaupt nichts mehr. Gegen Ende des Lebens werden die Menschen offenbar immer skeptischer, was das Jenseits angeht

Jürgen Klopp sieht das anders: Für ihn ist die Hoffnung auf das ewige Leben ganz konkret. Er beschreibt sie als Begegnung zwischen Fan und Trainer.  Ich bin Christ. Wir sehen uns.

Das ist ein persönliches Bekenntnis jenseits der populären Mehrheitsmeinung. Ich finde das beachtlich für einen Menschen, der so populär ist wie Jürgen Klopp.

Mich beeindruckt aber nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form seines Bekenntnisses: Keine lange Begründung, keine theologische Abwägung, auch keine fragwürdigen Bilder vom Himmel oder vom Jenseits. Und kein Versuch, einem anderen die eigene Überzeugung aufzudrängen. Angesichts des Todes kein billiger Trost, sondern ein konzentriertes persönliches Bekenntnis: Für mich, Jürgen Klopp, ist als Christ mit dem Tod das Leben nicht zu Ende. Und was danach kommt, ist jedenfalls so persönlich, dass wir, Fan und Trainer, uns wiedersehen. Eine starke, überzeugte und überzeugende Hoffnung, die auch angesichts des Todes noch trägt: Ich bin Christ. Wir sehen uns.

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06NOV2020
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„Ich muss auf mich aufpassen. Ich muss mir etwas Gutes tun. Ich muss meine Mitte finden.“ Wenn ich mich mit solchen Sätzen ermahne auf mich selbst zu achten, kann mich dasvor Überforderung oder gar einem Burn-Out schützen. Und es ist ja auch richtig, wenn jeder mit seinen Kräften haushaltet und auf sich achtet.

Zugleich habe ich ein ungutes Gefühl, wenn diese Sätze allzu häufig auftreten. Manchmal kommen sie mir vor wie ein wachsender Kult um das eigene Ich. Alles dreht sich um mich – ichmuss auf michaufpassen, ichmuss miretwas Gutes tun. Daran irritiert mich nicht nur, dass hier ganz das eigene Wohlbefinden im Mittelpunkt steht und andere Menschen vielleicht aus dem Blick geraten. Mir ist auch nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich alles selbst machen muss. Ich muss auf mich achten – achtet denn kein anderer auf mich? Ich muss mir etwas Gutes tun – tut mir den sonst niemand Gutes?

Wenn es mir wirklich schlecht geht, reicht es aber oft nicht zu sagen: Ich muss auf mich achten.

Da hilft mir eine andere Ansage mehr: In der Bibel etwa heißt es nicht „Du musst auf dich selbst achten“.  Sondern über 60 mal lese ich dort: „Steh auf!“. Doch nicht „Steh auf“ im Sinn von „Reiß´ dich zusammen.“ Sondern wer da spricht, der hilft auch beim Aufstehen. Da sind Menschen krank, verzweifelt, hungrig oder ängstlich. Und andere treten zu ihnen, helfen und sagen: Steh jetzt auf, du kannst wieder auf eigenen Beinen stehen. Da liegt ein Verzweifelter am Boden und ein Engel tritt zu ihm und sagt: Steh auf und iss, damit du zu Kräften kommst. Jesus heilt einen Gelähmten und fordert ihn auf: Steh auf und geh! In diesem „Steh auf“ steckt beides: Die helfende Nähe eines anderen unddie Notwendigkeit eigenen Handelns. Da kreist nicht einer um sich selbst. Und er ist auch nicht auf sich alleine angewiesen. Es sind vielmehr immer zwei beteiligt. Einer reicht hilfreich die Hand und sagt „Steh auf!“ Und der andere fasst wieder Mut und steht tatsächlich auf.

In einer wirklichen Not möchte ich nicht auf mich alleine beschränkt sein. Da hilft mir mehr, wenn einer mich ermutigt, mir hilft und sagt: Steh auf.

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05NOV2020
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Bitte stellen Sie sich folgendes vor: Sie betreten im Erdgeschoss den Aufzug und – oh Wunder – die Bundeskanzlerin ist schon in der Kabine. Jetzt haben Sie Zeit bis zum vierten Stock, um der Regierungschefin endlich zu sagen, was Ihnen wichtig ist. Was würden Sie der Kanzlerin wohl in 60 Sekunden über sich oder Ihre politischen Anliegen sagen?

Solche Situationen werden in Management- und Marketing-Kursen geübt. Eine junge Managerin begegnet im Spiel in einem Aufzug oder bei einem Empfang einer wichtigen Persönlichkeit - einer Politikerin, einem Wirtschaftsboss, einem Industriellen. Und nun hat sie höchstens 60 Sekunden Zeit, ihr Produkt - oder auch sich selbst - dieser Persönlichkeit zu empfehlen. In dieser Zeit soll der Angesprochene so neugierig gemacht werden, dass er das Gespräch bei anderer Gelegenheit fortsetzen will.

Nach einer besonders langenPredigt dachte ich an diese Managerübung. Vielleicht wäre es ja auch für unser religiöses Sprechen gut, eine solche kurze Ansprache drauf zu haben, eine solche „Aufzugsrede“. Zwar sind wir als Christen keine religiösen Manager, wir verkaufen auch kein Produkt und drängen uns niemand im Aufzug auf. Aber ein kurzes Statement passt vielleicht öfter und findet mehr Aufmerksamkeit als eine lange Predigt. Etwa wenn andere im Gespräch fragen: Was glaubst du eigentlich?

Vielleicht könnte meine 60-Sekunden-Rede so lauten:
Als Christ habe ich erfahren: DerGlaube an Gott lässt mich das Gute in meinem Leben besser verstehen und tiefer erleben. Etwa wenn mir etwas Wichtiges gelingt, wenn mir Menschen liebevoll begegnen oder wenn ich tatkräftig helfen kann, dann erlebe ich das auch als Geschenk Gottes. Zugleich habe ich erfahren, dass mir mein Glaube selbst in tiefster Dunkelheit und Ausweglosigkeit noch Orientierung gibt und Mut macht. Für beides bin ich dankbar. Und aus Dankbarkeit möchte ich auch für andere Menschen da sein. Von anderen Gläubigen weiß ich, dass es vielen so geht, dass der Glaube das Leben reicher machen kann. Deshalb: Falls jemand mit mir über den Glauben sprechen will, weil er sich davon etwas verspricht, bin ich dazu gerne bereit. Zur Not auch im Aufzug.

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04NOV2020
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„Super-kranke Realität“. So steht es an der Brücke, mit dicken Buchstaben draufgesprüht. Da hat einer öffentlich ausgedrückt, wie es ihm derzeit mit der Wirklichkeit geht, vielleicht angesichts der Corona-Pandemie: „super-kranke Realität“.

Wörtlich genommen heißt das: Die Wirklichkeit ist krank, sie ist nicht normal; es stimmt etwas nicht mit dem, so wie es ist. Aber kann das überhaupt sein, dass die Wirklichkeit krank ist? Ein Mensch, ein Tier, ein Lebewesen kann krank sein. Die Realität kann ungewohnt sein, sperrig, schwer auszuhalten - aber nicht krank.

Also ist das Graffiti, richtig verstanden, ein Aufschrei, ein Hilferuf: „Hilfe, ich komme mit der Wirklichkeit nicht mehr klar. Sie ist so furchtbar, sie ist anstrengend für mich. Kann mir jemand sagen, wie ich besser mit der Realität auskommen kann, wie sie ist?“

Eine meiner meistgebrauchten Redewendungen lautet: „Es ist, wie es ist.“ Das sage ich dann, wenn ich mich über etwas wundere, was eigentlich nicht so sein sollte. Aber „es ist, wie es ist.“ Das sage ich dann mit einem gewissen inneren Seufzen - denn ich hätte auch manches gerne anders - in der Welt, in der Gesellschaft, auch in der Kirche und bei mir selbst. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass ich zunächst sehen und annehmen kann, dass es so ist, wie es nun mal ist. Wenn ich die Realität nicht als solche anerkenne, dann hat sie mich erst recht im Griff. Erst, wenn ich mich mit der Realität versöhne, ja anfreunde, dann kann ich gut mit ihr umgehen, ohne unnötigen Kräfteverschleiß und ohne Blockaden. Und dann kann ich sie auch verändern, soweit es möglich ist.

Und das beginnt damit, dass ich mich selbst, meine eigene Wirklichkeit, so sehen kann, wie sie ist. Je mehr ich mich mit meinen unliebsamen Seiten annehmen kann; je tiefer ich wirklich „Ja!“ sagen kann zu mir selbst, desto besser kann ich auch zu anderen und zur Wirklichkeit im Ganzen „Ja!“ sagen - und so mit ihr umgehen, dass es dabei mir und allen anderen gut gehen kann.

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03NOV2020
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Voll ärgerlich war das damals, erinnert sich Saskia. Beim Konzert von Lena Meyer-Landrut in Hannover. Nicht einmal Behindertentoiletten hat es gegeben. Das war ihr eine Lehre. Von dem Tag an hat sie immer vorgesorgt - für sich und für andere.

Saskia sitzt im Rollstuhl. Wegen einer Gehirnblutung während ihrer Frühgeburt kann sie Arme und Beine nur begrenzt einsetzen. Sie kann sich zwar mit dem „Motomed“ fortbewegen, einem Spezialfahrrad, auch mit dem Rollator. Aber ohne Hilfsmittel geht gar nichts. Selbst zum Aufstehen braucht sie immer einen Haltegriff.

Sie erlebt: Schon solche Kleinigkeiten können Leute ohne Behinderung häufig nicht nachvollziehen. Es kommt darauf an, sich auf Augenhöhe einzufühlen, sagt Saskia. Das kann sie selbst sehr gut. Und deshalb hat sie bei der Caritas eine Ausbildung in Peer-Beratung gemacht. Nun kann  sie als Mensch mit Handicap andere Behinderte und vor allem Gleichaltrige kompetent beraten, damit deren Leben leichter und glücklicher wird. So kann Saskia mit ihren eigenen Erfahrungen anderen zur Seite stehen. Das bedeutet auch: Zum Chef mitgehen, zur Betreuerin, zum Kollegen - um sich dann wieder zurückzuziehen.

Für Saskia und die anderen Menschen mit Behinderung war die Teilnahme an dem Kurs ein großer Gewinn. Sie waren alle hoch motiviert, weil sie sich für eine Aufgabe qualifizieren konnten, die sie und andere im Alltag weiterbringt.

Und Saskia hat schon konkrete Ideen, wobei und wie sie behinderten Mitmenschen Tipps geben kann. Ihre Spezialgebiete: Fragen zu Beziehung und Sexualität. Und was man alles beachten und organisieren muss, damit man als Behinderter ohne Probleme ein Konzert besuchen kann, auch eines mit 75.000 angereisten Fans, wie sie es in Hannover erlebt hat und wie es hoffentlich irgendwann wieder möglich ist. Ihre eigenen schlechten Erfahrungen dabei kommen dann anderen zugute. 

 

Von Saskia habe ich erfahren durch den Artikel von Dietmar Kattinger „Von Konzert-Tipps bis zu Fragen der Sexualität. …“ in Sozialcourage, Das Magazin für soziales Handeln“, hg. vom Deutschen Caritasverband Freiburg (sozialcourage@caritas.de), Ausgabe Winter 2019, S. 8-11.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31962
02NOV2020
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Was hat der Preis einer Tafel Schokolade mit dem Flüchtlingsstrom zu tun? Mehr, als manche denken. „Hauptsache billig“ hat seinen Preis - der wird zuerst weit weg bezahlt, dann schlägt das aber auch auf uns zurück.

Eine Tafel Schokolade bekommt man bei uns schon für weniger als 1 €. In fast jeder Tafel steckt Kinderarbeit. Weil die Kleinbauern in den Anbaugebieten ihre Familie nicht ohne Mitarbeit der Kinder ernähren können - so gering ist der Lohn für diese schwere Arbeit. Und die Kinder atmen ungeschützt Pestizide ein, sie müssen schwere Säcke tragen und bekommen Verletzungen durch die scharfen Macheten ab, mit denen sie arbeiten müssen. Niemand von uns würde so etwas seinem eigenen Kind zumuten. In Ghana, der Elfenbeinküste und anderen Erzeugerländern ist das Alltag. Wenn dort die Familien von besseren, menschenwürdigen Lebensbedingungen träumen, dann ist das nur allzu verständlich. Und auch, dass sie sich verzweifelt aufmachen in Länder, wo sie sich ein besseres Leben erhoffen. Würden Sie das nicht auch erwägen, wenn Sie mit Ihrer Familie unter solch erbärmlichen Verhältnissen ihr Leben fristen müssten? Erst recht, wenn Menschenrechte missachtet und Menschenleben gefährdet werden.

Auch in vielen anderen Branchen, die in Entwicklungsländern produzieren lassen, ist das keinen Deut besser.

Die Unternehmen haben dafür eine Verantwortung. 42 deutsche Unternehmen, die Kirchen und der Entwicklungshilfeminister fordern deshalb ein Lieferkettengesetz - das heißt, dass die Firmen die Produktionsbedingungen überprüfen müssen und dafür haften. Ihre Überlegung: Wenn alle von ihren Lieferanten nicht nur Qualitäts-Standards für das Produkt fordern, sondern auch Standards für die Arbeitssicherheit und Sozialstandards für die Menschen, dann zahlt sich das längerfristig für alle positiv aus, auch für uns hier.

Übrigens: Bei uns im Eine-Welt-Laden bekomme ich eine Tafel hervorragender Schokolade ab 1,50 €. Durch den fairen Handel kann jeder einen kleinen Beitrag leisten zu einem gerechten Lohn, mit dem die Kakaobauern menschenwürdig leben können. 

 

Zum Thema siehe den Artikel „Preis der Moral“ von Kerstin Witte-Petit in der „Rheinpfalz am Sonntag“ vom 16. August 2020, S.6 „Wirtschaft“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31961