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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31OKT2020
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Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Das ist großartig. Frei wie ein Adler hoch oben am Himmel sein, niemandem gehorchen müssen, selbst über alle Dinge entscheiden können. Getauft, um frei zu sein. Da bekomme ich ganz viel Selbstwertgefühl. Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge: Martin Luther hat das gesagt. Heute, am Reformationstag, erinnern wir Evangelischen uns daran.

Martin Luther hat gleich noch einen zweiten Satz hinterhergeschoben. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Das ist auch auf seine Art und Weise groß. Denn es erinnert mich daran: ich lebe in Beziehungen. Und deshalb soll ich für meine Mitmenschen da sein. Ich soll ihr Wohl in den Mittelpunkt stellen. Dienstbar soll ich sein – wie ein Esel, der seinen Karren zieht. Und das ist ja auch wichtig, das stimmt ja auch.

Die beiden Sätze zusammen sind eine Herausforderung.
Geht es nicht einfacher? Könnte man nicht auf einen der Sätze verzichten? Sofort und ausschließlich von Pflicht und Verantwortung sprechen und die Höhenflüge der Freiheit weglassen? Oder ganz auf die Freiheit setzen, die Pflicht, die einen einengt, stellt sich dann schon von selbst ein? Nein, das geht leider, leider nicht. Beides gehört zusammen. Einfacher geht es nicht.

Mit so einer Botschaft sitzt man schnell zwischen allen Stühlen. Denn das ist eindeutig zweideutig. Frei sein und Einsatz für die Nächsten sind wie zwei Pole in meinem Leben. Ganz offensichtlich sind Adler und Esel ein Team, auch wenn sie es manchmal nicht wissen. Immer wieder geht es zwischen den beiden hin und her. Und ich muss abwägen, wie viel Dienst und wie viel Freiheit gerade dran sind.

Luther hat uns das ins Gewissen geschrieben wie kein anderer. Manchmal denke ich, ein bisschen leichter könnte es schon sein. Aber auf jeden Fall ist es ehrlich. Denn es beschreibt zwei Seiten unseres Lebens, die zusammen gehören: Wir sind Adleresel. Wir sind Eselsadler. – Je nachdem.

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30OKT2020
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Mal eben kurz die Fenster aufreißen, frische Luft hereinlassen, und dann geht es weiter. Nicht nur wegen Corona beginnt in Deutschland die Zeit des Stoßlüftens. Das Wort gibt es nur im Deutschen, glaube ich. In der Schule, in der Kita, im Büro, überall wird stoßgelüftet. Selbst im Auto kann man schnell mal die Fenster runterkurbeln. Bringt Sauerstoff und macht wach.

Was dem Körper recht ist, kann der Seele nur billig sein. Mal eben schnell die Türen und Fenster der Seele öffnen und Kontakt zu Gott aufnehmen. Das nennt man ein Stoßgebet. Auch dieses Wort gibt es nur in der deutschen Sprache. Die Praxis ist aber weltweit verbreitet. Denn ein kurzes Gebet stellt die Verbindung zum Himmel her. Manchmal nur ein Wort: Danke. Oder: Hilf mir! Dann kann es weiter gehen. Ja, auch ein einfacher Stoßseufzer kann ein Gebet sein. Macht wach und munter und lässt Gottes Geist rein in die Gedanken. Frischer Wind gewissermaßen. In der Antike hat man so ein Mini-Gebet manchmal Schleudergebet genannt, das mal eben schnell gen Himmel geworfen wird.

Wer es kurz und bündig mag und ein Freund von Stoßgebeten ist, der kann sich dabei auf Jesus berufen. Er hat eindringlich davor gewarnt, beim Beten zu plappern. Also zu viele Worte zu machen und kein Ende zu finden. Gott sozusagen einen ganzen Roman zu erzählen. Stattdessen war Jesus davon überzeugt, dass Gott schon längst weiß, was ich brauche und wie es um mich steht, bevor ich überhaupt ans Beten gedacht habe.

Also bitte keine falsche Scheu und kräftig stoßgebetet: In der Kürze liegt die Würze! Ob dir nach einem Gott sei Dank oder einem O weh zumute ist – sprich es aus, laut oder leise, wirf es Gott entgegen. Das ist gut für die Seele und für den ganzen Menschen.

Stoßlüften hilft für die Konzentration und gegen die Aerosole. Gegen den inneren Mief und für das Gottvertrauen hilft ein Stoßgebet. Das bringt einen neuen Geist und neuen Schwung. Ein Stoßgebet ist Stoßlüften für die Seele!

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29OKT2020
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Eins, zwei, drei, vier… Als Kind habe ich versucht, vor dem Spiegel meine Haare auf dem Kopf zu zählen. Sehr weit bin ich damit nicht gekommen. Die schon gezählten Haare und die noch nicht gezählten wollten sich einfach nicht fein säuberlich trennen lassen. Natürlich hätte ich das ungefähre Ergebnis schon damals in einem Lexikon nachlesen können, aber ich wollte es halt selbst herausfinden.

Was für uns schwer ist, ist für Gott relativ einfach. Jesus sagt: Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Um die Zahl geht es Gott dabei aber wohl nicht. Gezählt meint hier: Ich kenne dich mit Haut und Haaren. So verstehe ich das jedenfalls. Haargenau das ist es, was Gott tut: Er passt auf mich auf. Auf Sie auch! Und das ohne jede Haarspalterei. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Sein Wort gilt, da werden wir kein Haar in der Suppe finden.

Jesus erzählt seinen Jüngern von den Haaren übrigens nicht, weil sie alle schon so tolle Erfahrungen mit Gott gemacht hätten. Er denkt an die Zukunft, an schwere Zeiten. Und dass Gott ihnen dann beistehen wird.

Dabei sind die Haare nicht das Wichtigste; die zählt Gott nur zusätzlich, gewissermaßen der Vollständigkeit halber: sogar die Haare, sagt Jesus. Was zählt bei Gott, das sind erst einmal Herz und Hirn und Hand und Fuß. Auf die passt Gott ganz besonders auf. Mit viel Mühe. Denn diese Körperteile machen uns mehr aus als alle Haare.

Gott hätte möglicherweise Besseres zu tun. Aber sogar die Haare zählt er. Das ist ihm wichtig, dass nicht einer von uns Menschen verloren geht. Nicht in unangenehmen Wahrheiten, nicht in unsicheren Perspektiven, nicht in einer unklaren Zukunft. Kein Wort mit „un-“ soll uns von Gott trennen.

Mit dem Haare raufen ist es vorbei: Heute ist Gott-zählt-sogar-deine-Haare-Tag!
Übrigens sind es je nach Haarfarbe 90.000 bis 150.000 Stück, sagt das Lexikon.

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28OKT2020
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Am Oberrhein lebt seit dem vergangenen Jahr ein Immigrant. Genauer gesagt, lebt er im Rhein, denn es handelt sich um einen Fisch. Er heißt südlicher Steinbeißer, cobitis bilineata. Bisher war er eher südlich der Alpen von Frankreich bis Slowenien anzutreffen. Er ist ein eher friedlicher Zeitgenosse, der so groß wird wie ein Zeigefinger und sich von Kleinstlebewesen im Flussgrund ernährt, die er aus dem Boden filtert. Von den übrigen Steinbeißern unterscheidet er sich durch zwei schwarze Punkte auf der Schwanzflosse. Wohl über den Bieler See und die Aare ist er nach Deutschland eingewandert.

Durch sein bloßes Hiersein zeigt der südliche Steinbeißer, dass sich die Schöpfung Gottes verändert. Jeder Zustand der Schöpfung ist vergänglich und endlich. Die Schöpfung ist im Wandel und bewegt sich.

Ihr Schöpfer hat diese Welt nicht ein für alle Mal erschaffen und Änderungen verboten. Er ist kein Restaurator und Denkmalpfleger, der von früh bis spät damit beschäftigt ist aufzupassen, dass sich ja nichts ändert. Alles fließt – nicht nur der Rhein, sondern die ganze Schöpfung. Hoffentlich lassen die Menschen dem Schöpfer und der Schöpfung dafür Raum. Hoffentlich verbauen wir der Schöpfung nicht die Zukunft. Verhindern die Menschen am Ende, dass sich etwas Neues entwickelt, weil alles, was ihnen unter die Finger kommt, solange benutzt und verbraucht wird, bis nichts mehr davon übrig ist?

Das wäre sehr traurig. Doch ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Für die Bibel gibt es einen Weg heraus aus der Falle, in der Dinge nur benutzt werden. Dieser Weg führt über das Staunen. Denn Staunen macht Gottes Schöpfung groß und schön und die Menschen ehrfürchtig und bescheiden. Und plötzlich staunst du mit uralten Worten aus der Bibel:

Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel! Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. (Psalm 104,24)

Ein Staunen entlockt mir auch unser neuer Mitbewohner, der südliche Steinbeißer. Herzlich willkommen und auf gute Nachbarschaft!

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27OKT2020
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Jesus kehrt um. Doch, tatsächlich. Die Bibel erzählt davon. Obwohl er das eigentlich nicht nötig hätte. Gerade hat er die Stadt Jericho durchquert, ist schon durch, will weiter nach Jerusalem. Da entdeckt er oben in den Ästen eines Maulbeerfeigenbaums den Steuerpächter Zachäus. Steuerpächter – das klingt schon so unsympathisch. Vor allem, wenn der Steuerpächter noch einen Steuer-Aufschlag für sich selbst nimmt. Freunde macht man sich damit jedenfalls nicht, Feinde schon eher. Kein Wunder, dass Zachäus auf einem Baum sitzt. Ein Ausguck kann das sein auf Steuerschlupflöcher, aber bei Bedarf auch ein gutes Versteck.

Als Jesus Zachäus da oben sieht, ändert er stehenden Fußes seine Pläne. Jerusalem kann warten. Was jetzt zählt ist, dass Jesus sofort umkehrt, nach Jericho zurückkehrt und bei Zachäus einkehrt. Zachäus, ich muss heute dein Gast sein, ruft Jesus in den Baum hinauf. Also klettert Zachäus runter von seinem Ausguck-Versteck und lädt Jesus zum Essen ein. Weil der gesagt hat: ich muss dein Gast sein. Für Jesus ist das sozusagen gesetzt. Es geht gar nicht anders.

Ich muss dein Gast sein – hab ich das jemals zu hören bekommen? Dass jemand alle seine Pläne über den Haufen schmeißt, nur um mich kennenzulernen? Dabei weiß er doch gar nicht, was ich für einer bin. Was ich ihm für Lügengeschichten auftische, was für Selbstrechtfertigungen ich ihm einschenke, was für windige Ausreden ich ihm serviere. Aber Jesus nimmt Zachäus, wie er ist.

Die Umkehr Jesu hat Folgen. Auf einmal muss und will auch Zachäus. Nicht bloß Essen: Er wird abgeben von seinem Reichtum. Er wird teilen, was er gesammelt und gehortet hat. Hut ab! Ich staune: was Kontakt und Nähe bewirken! Jesus spricht Zachäus an und besucht ihn – und schon ist er nicht mehr wiederzuerkennen.

Zwei Personen aus zwei Haushalten  - das geht auch in Zeiten von Corona. Wenn jetzt einer sagt: Heute muss ich dein Gast sein – wer weiß, was daraus alles werden kann.

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26OKT2020
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Heute vor 322 Jahren wurden in der Pfalz die Simultankirchen eingeführt. Das waren Kirchen, in denen Evangelische und Katholische unter einen Dach ihre Gottesdienste feierten. Später war das dann oft so lästig, dass nicht selten eine der Konfessionen auszog und eine neue, eigene Kirche baute. Trotzdem gibt es in Rheinland-Pfalz bis heute noch 29 Simultankirchen, so viele wie sonst nirgends in Deutschland.

Klar, in Zeiten, in denen das Geld knapper wird, wäre man ja schön dumm, wenn man sich nicht weiter das Gebäude teilen würde. Das spart Kosten und überhaupt, was soll man denn sonst mit dem großen Gebäude anfangen? So viele Leute kommen, ehrlich gesagt, ja gar nicht mehr in die Kirche. Mit anderen Worten: wer betriebswirtschaftlich denkt, der freut sich über Simultankirchen.

Trotzdem ist mir das zu wenig. Nebeneinander her zu leben, es gerade eben zur Not miteinander auszuhalten, das ist keine Kunst. Christlich geht anders: Fein und lieblich ist’s, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen, meint die Bibel und mahnt deshalb: nehmt einander auf. Nicht nur irgendwie ist das gemeint, sondern ganz konkret: nehmt einander in eure Räume auf.

Nirgendwo besser als in einer Simultankirche kann man zeigen, wie man zueinander steht. Selbstverständlich sind Protestanten und Katholiken unterschiedlich – Gott sei Dank für diesen Reichtum und für diese Vielfalt!

Aber heute noch zu sagen, dass das Trennende und die Unterschiede zwischen den Kirchen schwerer wiegen als das Gemeinsame und das Verbindende – so was zu sagen fällt heute wohl kaum noch jemandem ein.

In einer Simultankirche kann man miteinander feiern und beten. Man kann auch Hungrige speisen oder geflüchtete Menschen schützen. Man kann „die“ Kirche im Dorf oder in der Stadt lassen. Man braucht nur eine und will auch nur die eine.  Und die Menschen, die dort ein- und ausgehen, wissen, dass sie zusammen gehören wie Brüder und Schwestern. Wie schön, dass wir in Rheinland-Pfalz 29 Geschwisterkirchen haben! Mindestens.

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