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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19SEP2020
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Sind Sie ein rücksichtsvoller Mensch? Wie schätzen Sie sich selber ein? Also, ich habe da immer eine hohe Meinung von mir gehabt; oder zumindest ist es meine ausdrückliche Absicht, Rücksicht auf andere zu nehmen.

Aber wie das so ist: Manchmal liegt man ganz schön daneben, was die eigene Selbsteinschätzung angeht... Ich denke an eine Patientin in unserem Krankenhaus; eine ganz sympathische Frau, so in meinem Alter; totsterbenskrank.

Bei einem meiner Besuche sagt Sie plötzlich zu mir:
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich muss Ihnen heute etwas sagen: Seit ich hier im Krankenhaus liege, ärgere ich mich über die Leute, die mit so lauten Schuhsohlen unterwegs sind. Das geht so an die Substanz, wenn es einem nicht gut geht; und man möchte ein wenig schlafen; und dann rennt jemand über den Flur mit so einem lauten klack-klack... Und heute haben Sie auch so Schuhe an. Ich habe Sie schon von weitem gehört. Und es tut mir wirklich furchtbar leid, dass Sie das jetzt abkriegen - sozusagen stellvertretend für all die anderen. Aber ich musste das jetzt einfach mal loswerden.“

Mir hat es natürlich noch hundertmal mehr leidgetan. Obendrein habe mich geschämt, weil ich das doch eigentlich sehr gut weiß: Laute Schuhsohlen im Krankenhaus sind die reine Rücksichtslosigkeit. 

Aber an diesem Tag habe ich nicht darüber nachgedacht; der Schuh hat halt grad so gut zur Kleidung gepasst... – und ich hab das laute Klack-Klack nicht einmal bemerkt.

Rücksicht üben bedeutet eben, aus der Rück-Sicht etwas dazu lernen - und es einüben. Rücksicht muss man also tatsächlich immer wieder üben, sonst gerät sie offenbar allzu leicht in Vergessenheit...

Und aus der Rück-Sicht bin ich wirklich froh, dass die Frau mich auf meine Rücksichtslosigkeit angesprochen hat. Ich werde es sicher nie mehr vergessen.

Die Schuhe hab ich übrigens nicht mehr angezogen. Dieser Tage habe ich sie aber endlich zum Schuster gebracht, damit er ihnen leise Gummisohlen verpasst. Ein kleine Rücksicht-Übung, und die war nicht einmal teuer. 

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18SEP2020
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„Was ist ihr Geheimnis?“ Das frage ich mich, wenn ich Paare sehe, die sind schon ein halbes Jahrhundert zusammen, und lieben sich immer noch. Irgend etwas müssen die doch besonders richtig gemacht haben, oder...?

Ich frage das auch, wenn mich alte Ehepaare um den kirchlichen Segen bitten, für ihre goldene Hochzeit: „Was ist ihr Geheimnis?“

Eine Frau hat geantwortet: „Also: Erst einmal hatten wir jede Menge Glück! Und da braucht man sich gar nichts drauf einzubilden. Es ist schon ein Riesenglück, wenn man den richtigen Menschen trifft, der auch auf Dauer zu einem passt.

Und: man muss natürlich auch ein bisschen was dafür tun. Ich weiß noch: Als wir jung waren, habe wir viel gestritten. Ich war unzufrieden mit der Rollenaufteilung. Und habe meinem Mann oft vorgehalten, was ich alles für die Familie tue; und welche Opfer ich bringe. Aber ich habe lange nur die halbe Wahrheit gesehen: Nur mich und meine Erwartungen.

Was ich nicht gesehen habe war, was er - neben der Arbeit - noch alles eingebracht hat. Sicher, es war nicht unbedingt das, was ich gerade wollte. Und er hat auch nicht viel in Sachen Haushalt übernommen. Aber er hat den Papierkram erledigt und die Steuererklärung; hat den Handwerkern hinterher telefoniert; das Auto zum TÜV gefahren; hat Einkäufe erledigt und die Sprudelkisten in den Keller getragen.... Solche Dinge, eben. Und alles ohne große Worte.

Als mir das klargeworden ist, ist alles viel entspannter zwischen uns zugegangen. Denn plötzlich hatten wir die Last des anderen im Blick.“

Die Last des anderen im Blick haben... – Ja, ich glaube, das ist ein ganz ent-scheidender Punkt. Aber es funktioniert natürlich nur, wenn beide mitmachen; wenn man sozusagen darum wetteifert, den anderen zu entlasten und ihm Gutes zu tun. - Nur: Wie kriegt man das hin?

Vermutlich muss einer damit anfangen. So wie die Frau. Sie hat mal die kritische Brille abgelegt und ihren Mann aus wohlwollenden Augen betrachtet. Und plötzlich hat sie die Dinge anders gesehen. Manchmal genügt das schon, damit sich etwas verändert.

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17SEP2020
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Am Ende Recht zu behalten ist eine herrliche Sache, finden Sie nicht? Wenn man sagen kann: „Na, seht ihr, ich hab´s doch gleich gewusst!“ Das ist so ein richtig gutes Gefühl!

Nur, können Sie sich so etwas vorstellen? - Mein Mann behauptet doch tatsächlich, ich sei bisweilen eine ganz schöne Rechthaberin! Ich würde ja am liebsten darauf antworten: „Tja, das liegt wohl daran, dass es einfach stimmt: Ich habe meistens recht.“

Aber leider muss ich zugeben: ich befinde mich ziemlich oft auf dem Holzweg... Und dennoch schaffe ich es immer wieder aufs Neue, dermaßen von meiner Auffassung überzeugt zu sein, dass ich andere mitreiße. Selbst mein Mann fällt noch darauf herein.

Deshalb haben wir uns schon oft ohne Ende verfahren, haben riesige Umwege machen müssen und sind verzweifelt durch Großstädte geirrt... Und am Ende musste ich kleinlaut zugeben, dass ich mich wohl geirrt habe. Keine Spur von „ich hab´s doch gewusst!“, keine Spur von Triumph. Ist es denn wirklich so wichtig, recht zu behalten?

Manchmal schickt einem das Leben ja einen Lehrmeister. Ich bin so einem Lehrmeister in einem Trauergespräch begegnet. Es war der Mann der Verstorbenen; schon weit in die achtzig und sehr abgeklärt. Und wie wir so über seine Frau gesprochen haben, hat er mir das Geheimnis seiner Ehe anvertraut. Er hat aus dem Fenster in den Garten gewiesen, und hat gesagt:

„Sehen Sie den großen Baum da hinten? Der Garten war voll von diesen Bäumen. Aber eines Tages hat meine Frau gemeint, die Pollen schlagen auf ihre Bronchien. Die Bäume müssten weg. Ein paar Meter weiter stehen die gleichen Bäume in den Nachbarsgärten - also, was für einen Sinn macht das? Aber meine Frau hatte Atemnot und war sicher, ohne die Bäume würde es ihr besser gehen. Also habe ich die Bäume rings ums Haus abgehauen und hab andere gepflanzt.

Wenn man jemanden gern hat, dann macht man das. Da ist es nicht so wichtig, recht zu behalten.“  Ja, Recht zu behalten ist herrlich. Aber darauf zu verzichten, das ist die wahre die Kunst.

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16SEP2020
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„Ach, die Kirche mit ihrer Nächstenliebe!“ hat mal einer zu mir gesagt. „Das ist doch ganz naiver Quatsch! Kein Mensch tut etwas, wovon er selber nichts hat.“ Im ersten Moment habe ich geschluckt.

Aber später ist mir gekommen - vielleicht war das ja gar nicht so verkehrt, was der Mann da gesagt hat: Kein Mensch tut etwas, wovon er selber nichts hat...

Und ich würde sogar noch weitergehen: Wenn ich nicht genau weiß, wozu ich etwas tue - auch wenn es freiwillig ist - sollte ich es besser noch einmal überdenken. Denn es gibt heimliche, uneingestandene Erwartungen. Und die sind ein ganz schlechter Grund. Also, wenn ich beispielsweise ständig gelobt werden möchte.

Das wird in aller Regel enttäuschend ausgehen; und womöglich in dem bitteren Vorwurf münden: „Das alles habe ich getan. Und was ist der Dank?“ Denn: kein Mensch tut nun mal etwas, wovon er selber nichts hat.

Aber: Was ist dann mit der Nächstenliebe? Da hat man doch auch nichts von, oder? - Doch. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist ja gerade nicht der Aufruf zur totalen Aufopferung. Die Nächstenliebe fordert lediglich dazu auf, mit dem anderen genauso gut umzugehen, wie mit mir selber. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Nur, das Wunderbare an der Nächstenliebe ist: Wenn ich für andere etwas übrighabe, gehe ich selten leer dabei aus.

Eine Schmerzpatientin, die über Jahre keine schmerzfreie Minute mehr gekannt hat, hat mir mal vor folgende Geschichte erzählt:

Sie hat im Wartezimmer ihres Arztes gesessen. Eine junge Frau ist hineingekommen und hat sich neben sie gesetzt. Die junge Frau hat so niedergeschlagen gewirkt, dass es ihr in der Seele leidgetan hat. Und sie hat ein Gespräch mit ihr angefangen. Der Arzt hatte ihr gerade die Diagnose übermittelt: Hirntumor.

Die Schmerzpatientin hat gar nicht erst versucht, sie zu trösten; hat ihr nur  liebevoll und aufmerksam zugehört.

Und dabei hat sie ihre eigenen Schmerzen vollkommen vergessen. Nach einer Stunde hat sie festgestellt, dass sie 60 schmerzfreie Minuten geschenkt bekommen hat – ein Glücksgefühl, das sie nicht mehr für möglich gehalten hatte. 

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15SEP2020
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Jesus hat das Himmelreich mit einem Sauerteig verglichen: Das Himmelreich gleiche einem Sauerteig, den eine Frau unter 40 Kilo Mehl mengt. Und am Ende ist alles durchsäuert (Mt 13, 33-35).

Himmelreich und Sauerteig - das klingt schon etwas schräg - finden Sie nicht? Ich habe gerade meinen allerersten Sauerteig hergestellt. Was ich nicht gewusst habe: Dazu braucht es nichts weiter als gutes Mehl, Wasser und viel Zeit.

Und mit ein bisschen Glück entsteht eine geniale Kultur aus Pilzen und Hefen, die später das Brot schön locker aufgehen lässt. Und damit kann man bis in alle Ewigkeit backen, wenn man immer ein bisschen was übrigbehält.

Schön und gut. Aber was hat das jetzt mit dem Himmelreich zu tun? Ich glaube, Jesus wollte damit sagen: Das Himmelreich ist schon längst angelegt; uns umgibt sozusagen schon immer eine ganz andere, eine himmlische Wirklichkeit - ob wir uns nun dessen bewusst sind, oder nicht.

Wie die Zutaten beim Sauerteig: Die sind auch schon da, lange bevor wir es überhaupt merken. Sie warten sozusagen verborgen im Mehl und es braucht nur noch die Initialzündung.

Beim Sauerteig ist es das Wasser. Mit Wasser fängt das Mehl an zu gären. Und beim Himmelreich ist es Jesus selbst. Er hat ein Stück vom Himmel auf die Erde gebracht. Und so, wie die Frau die Lockerung des Teiges in Gang setzt, indem sie mit einer kleinen Gabe Sauerteig eine riesige Menge Mehl durchsäuert – so ist es mit Jesus. Mit ihm ist etwas Großes angebrochen: eine himmlische Welt, die alles durchdringt.  

Nur - wieso merken wir oft so wenig davon? Es geschieht eben - wie die Durchsäuerung des Mehls - im Verborgenen. Und dennoch: Es gibt diese Augenblicke, in denen ich spüre: Etwas Größeres ist am Werk.

In Notsituationen wachsen Menschen plötzlich über sich selbst hinaus; und entwickeln einen Gemeinschaftssinn, der sie selber überrascht. Und selbst diejenigen, die sich bis zur Erschöpfung verausgaben, berichten hinterher nicht nur über die Anstrengung. Sie erinnern sich auch immer an ergreifende Augenblicke; oder an Momente tiefempfunden Glücks.

- Das Himmelreich, ganz nah, wo man es am wenigsten vermutet.

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14SEP2020
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Jesus hat gerne in Gleichnissen geredet. Da gibt es beispielsweise das Gleichnis vom vierfachen Acker (Mk 4, 1-9):

Ein Bauer sät seine Saat aus – und wie das so ist: Einiges von der Saat fällt ins Gestrüpp, einiges unter die Dornen; und einiges wird von den Vögeln aufgefressen. Aber einiges fällt auch auf fruchtbaren Boden und geht auf und gedeiht.

Vordergründig könnte man das so verstehen: Da gibt es die Guten und die Schlechten, und je nach dem, wen das Wort Gottes trifft, wird es gehört und verstanden, oder eben auch nicht... So verstanden, wäre das eine sehr moralische Geschichte: die einen gut, die anderen schlecht - da wächst nichts. Und da kann man nichts machen.

Ich glaube aber: Es geht in den Gleichnissen nicht um Moral; es geht um Wahrheit; um die gute Nachricht. Es geht ja wohl auch heute kaum jemand in die Kirche oder hört sich hier die Rundfunkandachten an, nur um ein paar interessante Informationen oder moralische Urteile zu erhalten.

Ich jedenfalls möchte etwas darüber hören, wer ich bin. Und wer Gott ist.Und was für eine Bedeutung mein Leben hat... – Das treibt mich um. Sie vielleicht auch…?

Deshalb: Die verborgene, die tiefere Wahrheit in diesem Gleichnis ist für mich eine andere: Ich bin gemeint, auch mit dem vierfach verschiedenen Acker: Ich bin der Boden. Und Sie natürlich auch, wenn Sie mögen...

Auf diesem Boden gibt es fruchtbare Ecken, wo alles prächtig gedeiht. Und da gibt es wüste Ecken, voller Dornen und Gestrüpp. - Alles das bin ich.

Die Saat ist das Wort, das von Gott her zu mir dringt. Diese Saat wächst auf demselben Boden, in dem auch das Unkraut gedeiht. Aber: das Unkraut ausreißen könnte bedeuten, das Getreide mitauszureißen. Das heißt: Ich muss auch sorgsam mit dem umgehen, was mir nicht an mir gefällt. Und wie der Bauer kann ich zum Wachstum der Saat nichts beitragen.

Die Nähe Gottes wächst von selbst in mir - wenn ich ihm den Raum lasse. Und die Zeit; und die innere Stille. Dann reift die Nähe Gottes in mir heran, wie das erste, zarte Grün des Getreides.  

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