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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

05SEP2020
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„Hast du was, Mäuschen?“ Meine Frau wendet sich zu meiner Tochter um.
Wir sitzen im Auto. Ich blicke in den Rückspiegel. Meine Tochter hat keine Kopfhörer im Ohr. Sie hat schon eine Weile nichts mehr gesagt. Sie hat sich nicht mit ihrem Bruder gestritten, sie hat uns nichts vorgesungen, sie hat nichts erzählt. Das ist ungewöhnlich.

Meine Frau fragt also: „Hast du was, Mäuschen?“ Meine Tochter antwortet mit ihrem ganzen Charme und ihrer vollkommenen Freundlichkeit: „Nein!“ „Ich merk‘ doch, dass du was hast.“ „Ich hab nix!“
Und ich weiß jetzt schon: Wenn dieser Dialog zu Ende ist, haben beide was. Nämlich Krach!

Aber meistens hat meine Frau recht. Irgendwas ist dann los. Und meine Tochter weiß nicht, was oder wie sie es sagen soll. Oder ob sie es überhaupt sagen soll.
Was und wie soll man was sagen – das ist ja oft ein Problem. Vor allem natürlich bei schlimmen Dingen. Wie sage ich meiner Frau, dass sie die Kinder nicht so verwöhnen soll? Wie sage ich meinem Partner, dass ich ganz andere Pläne habe als er?

Bei Gott ist das alles kein Problem. Ihm können wir alles sagen. Immer und überall. Und das Beste ist: Wir müssen es nicht einmal. Eltern merken, dass etwas mit ihren Kindern los ist – gerade wenn sie nichts sagen. Gott merkt, dass etwas mit uns los ist – gerade wenn wir nichts sagen. Jesus hat gesagt: „Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.“ (Mt 6, 8)

Gott weiß also, wie es um uns steht.  Da gibt es keine Frage, da gibt es nur Verstehen. Er kennt uns besser als wir uns selbst. Allerdings erlebe ich: Manchmal erleichtert es, wenn ich ihm sage, was ich auf dem Herzen habe.

Mein Sohn greift in meine Gedanken und in das Gespräch im Auto zwischen Mutter und Tochter ein: „Sie hat nix, Mama, sie hat nur geschlafen.“ Meine Tochter schaut ihn giftig an. Jetzt hat er sie verraten. In Wirklichkeit, denke ich, hat er die Atmosphäre gerettet. Meine Frau ist beruhigt und meine Tochter wieder wach.
Gleich darauf fängt sie an zu singen. Das wäre jetzt auch nicht nötig gewesen.

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04SEP2020
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„Und jetzt pass auf!“ Karl-Heinz blättert das Buch auf. Er hat ein „Lustiges Taschenbuch“ in der Hand, ein Comic mit Micky Maus-Geschichten. Er zeigt mir eine ganz besondere Geschichte.
„Siehst du“, sagt er, „wenn du jetzt zu so einer Stelle kommst, dann musst du dich entscheiden.“

Ich blicke in das Buch und lese: „Möchtest du, dass Micky die Verfolgung des Diebes aufnimmt, lies auf S. 43 weiter. Möchtest du, dass er lieber den Tatort untersucht, dann lies auf S. 65 weiter.“

Man kann selbst entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. Ich bin skeptisch. Karl-Heinz ist ganz begeistert. „Verstehst du? Wenn du jetzt eine falsche Entscheidung triffst, dann kannst du einfach nochmal vor vorne anfangen. Ist doch toll!“

Er schwärmt: „Stell dir mal vor, das ginge im Leben auch so. Was ich da alles anders gemacht hätte…“ Ja, das verstehe ich. Im echten Leben ist man sich ja manchmal wirklich auf dem Holzweg. Und dann muss man sehen, wie man wieder umdreht. Und das ist schwer. Da wäre so ein ganz neuer Anfang wie im Buch gar nicht schlecht.

Bei Gott geht das. Im Alten Testament sagt er zum Propheten Jeremia (Jer 31,31-34), dass er einen kompletten Neustart uns machen will. Gott macht einen totalen Neuanfang. Auch mit mir. Immer wieder. Das ist immer eine Chance für uns. Gott schlägt immer wieder eine leere Seite auf. Und lädt mich ein.

Karl-Heinz blättert auch weiter. Ich denke: „Das echte Leben – ein Spielbuch?“ Ich frage: „Sag mal, meinst du das ernst? Wäre das nicht furchtbar, wenn man immer wieder von vorne anfangen müsste?“

Karl-Heinz schaut mich erstaunt an: „Wie müssen?“
 „Ich hätte immer das Gefühl nicht das optimale Leben zu führen“, sage ich. „Ich würde immer denken, da geht noch was. Ich würde immer wieder von vorne anfangen. Ich käme nirgends an.“

Karl-Heinz grübelt und liest weiter in dem Buch. Ich sehe, wie er vor- und zurückblättert. Immer eine neue Entscheidung und immer eine andere Möglichkeit.

Und ich denke: „Für mich ist es besser, wenn nur Gott das Buch des Lebens schreibt. Mit allen Holz- und Umwegen. Er wird schon wissen, was er tut.“

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03SEP2020
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„Was hast du gesagt?“ „Ich danke dir dafür, dass ich so unglaublich wunderbar geschaffen bin.“ Ich habe es immer noch nicht verstanden. Ist aber auch kein Wunder. Meine Frau steht in der Umkleidekabine und ich davor. Durch den dicken Vorhang kann ich kaum etwas hören.

Sie hat gerade Hosen anprobiert. Sie sucht eine neue Jeans. Das ist normalerweise kein besonderes Vergnügen. Wenn die erste Hose nicht passt, dann wird es schon kritisch. Wenn die zweite Hose nicht passt, muss ich abwarten, ob sie überhaupt eine dritte anprobiert. Und wenn die dritte nicht passt, ist Schluss. Dann hat sie echt schlechte Laune.

Und jetzt höre ich irgendwas mit „wunderbar geschaffen“. Ich schiebe den Vorhang ein wenig zur Seite. Meine Frau steht vor dem Spiegel. Soweit ich sehe, passt die Hose nicht.
„Weißt du“, sagt meine Frau, „ich lasse mich nicht mehr runterziehen. Skinny Jeans, Super Slim Jeans –was soll der ganze Quatsch. Ich nehme mich jetzt so wie ich bin. So wie Gott mich erschaffen hat.“

Ich bin erstaunt. Und noch etwas misstrauisch.
„Du brauchst gar nicht so zu gucken“, sagt sie. „Ich habe das neulich mit unserer Kleinen durchgesprochen. Den ganzen Tag guckt sie sich die ganzen Models auf Instagram an und meint, das wär‘ normal, wie die aussehen. Das ist doch unterirdisch. Das sind doch keine Vorbilder. Auch nicht für mich! - Nicht perfekt. Ganz normal – das ist die neue Schönheit.“

„Aha“, sage ich, „deshalb der Bibelvers.“
„Ja, ich bringe ihr bei: Du bist genauso gewollt, wie du bist. So wirst du geliebt. Und damit ich das selber glaube, sage ich mir das jetzt auch jeden Morgen vor dem Spiegel: ,Ich danke dir, dass ich so wunderbar geschaffen bin.‘“

Sie zupft an der Hose. Und ich denke: „Ja, auch in solchen Momenten muss man daran glauben.“ Ich sage: „Soll ich die Hose eine Nummer größer holen?“ Meine Frau knirscht mit den Zähnen: „Ja!“
Ich gehe und höre ganz leise: „Ich danke dir dafür, dass ich so unglaublich wunderbar geschaffen bin.“

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02SEP2020
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Rassist und Christ? Das geht nicht. Wer an Gott glaubt, kann kein Rassist sein. Und wer nicht an Gott glaubt, sollte kein Rassist sein. Denn Rassismus ist dumm und widerwärtig. Er ist eine Erfindung des Menschen, der immer gerne unterteilt und abgrenzt.

Wissenschaftlich ist er in keiner Spielart haltbar. Jeder, der es möchte, kann einsehen, dass Rassismus eine überholte Theorie ist, die nur zu Unfrieden und Unterdrückung führt. Dazu muss man nicht an Gott glauben. Man muss nur wissen, was der Mensch ist.

Biologisch sind wir alle aus demselben Stoff. Wir können nicht in Rassen oder Unterarten unterteilt werden. Rassismus ist nicht angeboren, er ist erlernt. So einfach ist das. Und aus der Sicht des Glaubens ist es noch einfacher. Die Bibel bringt es mehrmals auf den Punkt. Wer an Gott glaubt, gehört zur Familie Gottes. Er oder sie ist Gottes Kind. Und da gibt es keine Unterschiede.

Die Familie Gottes ist wie ein einziger Körper. Wenn ein Arm leidet, leiden alle anderen Glieder mit. In diesem Körper ist nicht jeder und alles gleich, aber alles gleichwertig. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Herr oder Diener und erst recht nicht zwischen schwarz und weiß. Solche Unterscheidungen sind nur Erfindungen und Klischees.

Als Christ glaube ich: Jeder Mensch ist für Gott wichtig und wertvoll. Jeder Mensch ist wie ein Bild Gottes. Gott spricht zu jedem von uns – gleichgültig in welcher Sprache, in welchem Kontext.
Gott sieht keine Hautfarben, er sieht in unser Herz. Dort ist es hell oder dunkel – nicht an der Oberfläche unserer Körper. Gott liebt jeden Menschen wie Eltern ihre Kinder lieben. Und Liebe kennt keine Farben.

Rassismus ist der Versuch, sich über andere zu erheben. Das macht der Glaube nicht mit. Er macht demütig. Er schenkt Hochachtung vor jedem Wesen, vor jedem Leben. Wer an Gott glaubt, kann nicht auf andere Menschen herabsehen, finde ich. Wer glaubt, der hilft, wo er kann.

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01SEP2020
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„Heute haben wir in der Schule nur über Geschlechtsverkehr gesprochen!“ Meine Tochter haut den Satz beim Mittagessen raus. Einfach so. Mir fällt fast der Löffel aus der Hand. Aber meine Frau antwortet ganz cool: „In Bio?“ „Nein“, sagt meine Tochter „in Religion“. Jetzt verschlucke ich mich nochmal und frage: „In Religion?“ Meine Tochter schaut mich an: „Ja, in Religion. Bei Adam und Eva.“ „Was haben denn Adam und Eva mit Geschlechtsverkehr zu tun.“

Meine Tochter sieht mich mit diesem Teenagerblick an. Sie sagt geduldig: „Das waren doch die Ersten, die es getan haben.“ Ich blicke hilfesuchend zu meiner Frau. Meine Frau sagt: „Das ist eine Geschichte, keine biologische Erklärung.“ „Ja“, sagt meine Tochter, „ich habe mich auch schon gewundert. Adam und Eva haben doch zwei Söhne. Und einer bringt den anderen um. Dann sind es nur noch drei Menschen. Wie sollen daraus alle Menschen kommen?“ „Genau“, sagt meine Frau. „Da sieht man schon. Die Geschichte ist nicht biologisch gemeint. Es geht nicht um Geschlechtsverkehr.“

Meine Tochter isst seelenruhig ihre Suppe. Mein Sohn hört mittlerweile auch interessiert zu. Wahrscheinlich wegen des Geschlechtsverkehrs. Er fragt: „Aber warum erzählt man diese Geschichte dann? Wenn sie gar nicht stimmt!“ Meine Frau antwortet: „Sie stimmt ja schon, aber eben nicht als biologische Geschichte. Sie erzählt, dass wir kein Zufall sind, sondern dass Gott uns gewollt hat.“

Meine Tochter legt den Löffel weg: „Es geht nicht um Geschlechtsverkehr?“ „Nein“, sagt meine Frau, „es geht darum, dass Gott uns liebt und auf uns aufpasst. Seit den ersten Menschen macht er das. Also seit Adam und Eva.“

„Das ist also so wie bei Opa“, sagt meine Tochter. „Mit dem Geschlechtsverkehr?“, fragt mein Sohn. „Nein mit Adam und Eva. Oma sagt doch: Opa fängt immer bei Adam und Eva an, wenn er was erklärt.“ „Genau“, sagt meine Frau. „Adam und Eva ist eine Geschichte, die uns etwas erklärt. Von Anfang an.“ „Dass Gott auf uns aufpasst?“, fragt meine Tochter. „Genau“, sage ich, „können wie jetzt weiteressen?“

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31AUG2020
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„Jetzt mach mal, Junge, zeig uns deine Weisheit!“ Ich lehne mich zurück und verschränke die Arme vor der Brust. Ich mache ein ernstes Gesicht.

Wir haben einen neuen Kollegen im Team. Ganz jung. Frisch von der Uni. Und der hat ein Selbstvertrauen. Beim ersten Treffen hat er schon den Mund aufgemacht. Ich glaube, bei mir hat es zwei Jahre gedauert, bis ich mich getraut habe, was zu sagen. Und der sagt direkt beim ersten Mal was. Er hat neue Ideen. Er will unser Team entwickeln, fördern, neu aufstellen.

Beim zweiten Treffen hält er einen Vortrag. Mit Beamer, mit Präsentation. Tortendiagramme, Statistiken, viele Folien. Und er redet und erzählt uns, wie wir alles besser machen können. Das ist der Moment! Ich lehne mich zurück und denke: „Na, dann, viel Vergnügen. Mach mal. Das haben wir alles schon ausprobiert. Vor zwanzig Jahren hat das schon nicht geklappt.“

Und da erschrecke ich. Ich denke: „Ich bin auf dem Weg, ein alter Sack zu werden.“ Ich frage mich: „Wann war der Moment? Wann bist du alt geworden? Hörst du ihm nicht zu, weil er jung ist? Nur deshalb?“

Als Gott Mose und Jeremia zu Propheten beruft, lehnen beide ab. Sie sagen: „Ich bin zu jung, um ein Prophet zu sein.“ Aber Gott sagt: „Macht nichts. Ich bin bei euch. Ihr kriegt das hin!“

Früher habe ich immer gedacht: „Super. Gott ist mit den Jungen.“ Jetzt ertappe ich mich, wie ich denke: „Junge Menschen wie Mose und Jeremia haben Recht, wenn sie sich zurückhalten. Man sollte erstmal was lernen, erstmal arbeiten, bevor man die Klappe aufreißt.“

Und wieder erschrecke ich. Ich muss zugeben: Gott spricht offensichtlich durch Jung und Alt. Da gibt es keinen Unterschied. Es ist egal, ob ein junger Mensch etwas sagt oder ein alter. Beide können Recht haben. Weisheit kommt nicht mit dem Alter wie falsche Zähne oder graue Haare.

Also bemühe ich mich. Ich setze mich gerade hin, nehme die Arme runter und versuche, ein freundliches Gesicht zu machen. „Bitte“, denke ich, „vielleicht hast du ja tatsächlich frische Ideen. Ich will zuhören!“

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