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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22AUG2020
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Darf man vom Leben etwas erwarten? Wer sich mit Statistik beschäftigt, der wird antworten: Aber ja. Denn jeder Mensch hat eine Lebenserwartung. Gerade erst wurde sie landkreisgenau für Deutschland ausgerechnet. Für den Statistiker ist eine formale Frage. Es geht darum, welche Lebensdauer gemittelt aus den Lebensdaten vieler Menschen vor einem einzelnen liegt. Oder besser gesagt: liegen könnte. Das sind dann so und so viel Jahre – rein statistisch, denn es kann ja alles ganz anders kommen. In unserem Land wären das für Frauen bis zu 85,7 und für Männer 81,2 Jahre. Ganz ähnlich schätzt das übrigens schon die Bibel ein: Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt sind‘s achtzig Jahre. (Psalm 90,10)

Gott sei Dank sind das damals wie heute nichts weiter als mehr oder weniger präzise statistische Durchschnittswerte. Gott sei Dank geht es nicht der Reihe nach, meint die Tochter. Ihre Mutter ist die älteste im Altenheim. Aber es geht ihr gut und sie freuen sich über die gemeinsame Zeit. Zum Glück weiß man nicht, wer als nächstes dran kommt, meint der Mann, der eine unheilbare Krankheit hat. Und der jeden einzelnen Tag als Geschenk nimmt.

Mal ist das Leben länger, mal kürzer. Die statistische Lebenserwartung können wir, Menschen nicht einklagen. Wir haben kein Recht darauf. Natürlich könnte ich darüber klagen, dass ich nicht am Starnberger See lebe, wo die Menschen im Schnitt ein bisschen älter werden. Aber sagen die erwartbaren Lebensjahre irgendetwas darüber, wie das Leben der Menschen tatsächlich war: Ob sie glücklich waren? Ob sie andere glücklich gemacht haben? Das ist keine mathematische Formel. Das kann man nicht ausrechnen.

Wer das Leben mathematisch/statistisch betrachtet, der macht daraus eine Summe. In den Augen Gottes zählt aber jeder einzelne Tag. Er kann es kaum erwarten, zu schauen, was wir aus unseren Lebenstagen machen. Ob wir sie teilen, ob wir sie genießen, was auch immer.

Die Bibel sagt: Da kann auf einmal ein besonderer Tag mehr zählen als sonst tausend (Psalm 84,11). Und jetzt stelle ich mir vor, dieser besondere Tag ist der Samstag heute… Ich bin gespannt!

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21AUG2020
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Wenn es mir gut geht oder ich mich ablenken möchte oder ich nervös bin oder aus vielen anderen Gründen summe ich manchmal vor mich hin. Ab und zu eine bekannte Melodie, aber noch öfter einfach so das, was mir gerade in den Sinn kommt. Das ist nicht künstlerisch wertvoll, aber mir gefällt’s.

Damien Riehl und Noah Rubin, zwei Musiker, wollten es jetzt ganz genau wissen: Wie viele Melodien sind eigentlich möglich? Eine Oktave hat zwölf Töne, wie viele Melodien gibt das denn insgesamt? Das wollten die beiden herausfinden, aber sie wollten nicht nur die Zahl kennen, sondern auch tatsächlich alle möglichen Melodiestückchen komponieren. Man ahnt bereits, dass sind selbst für zwei Musiker zu viele, um das von Hand hinzukriegen. Aber wenn man ein Händchen für den Computer hat, dann programmiert man einen sogenannten Algorithmus. Und dann komponiert der das – beziehungsweise: er rechnet das aus.

Der Computer von Riehl und Rubin hat sechs Tage und Nächte lang durchgerechnet. Dabei herausgekommen sind sagenhaft-unglaubliche 68,7 Milliarden Melodien. Abrufbar in einer Datenbank. Die beiden wollen damit dazu beitragen, dass sich in Zukunft Musiker nicht mehr darüber streiten müssen, wer welches Musikstück zuerst komponiert hat. Und wer angeblich von wem abgeschrieben, also: geklaut hat.

Riehl und Rubin sagen stattdessen etwas sehr Frommes: alle Melodien sind seit Anbeginn der Zeit möglich. Von einer höheren Macht sind sie sozusagen vorbereitet. Deshalb werden sie von Menschen nicht erfunden, sondern einfach entdeckt.

Das gefällt mir sehr gut! Wenn ich vor mich hin summe, bin ich also auf den Spuren Gottes unterwegs. Was mir da gerade in den Sinn kommt, ist seit Anbeginn der Zeiten vorbereitet, damit ich es für einen kleinen Moment entdecke. Wow! Angesichts der Auswahl von fast 69 Milliarden Tonfolgen kann ich mir getrost vornehmen, was Menschen schon in Zeiten der Bibel getan haben: Ich will Gott singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin (Psalm 104,33).

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20AUG2020
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Wenn in vier Wochen die Fußball-Bundesliga wieder startet, wird André Schürrle nicht mehr dabei sein. Er hat seinen Rücktritt vom Profi-Fußball erklärt. Mit 29 Jahren! Das ist nicht steinalt, aber auch nicht mehr ganz so jung im Fußballgeschäft. Immer wieder wurde jetzt beim Rückblick auf seine Karriere der vermeintlich größte Moment erwähnt: Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Deutschland gegen Argentinien. In der 113. Minute sprintete er auf der linken Seite von der Mittellinie nach vorne, schlug eine Flanke zu Götze, der schießt – 1 : 0. Die Fußball-Nationalmannschaft und Schürrle sind Weltmeister. Einen Karriereschub hinein in die besten Teams der besten Ligen hat ihm das  nicht gebracht. Zuletzt war er nach Fulham und dann nach Moskau ausgeliehen.

Schürrle selbst hat seine Situation als Fußballer in den vergangenen Jahren so beschrieben: Die Tiefen wurden immer tiefer, die Höhepunkte immer weniger. Das macht einsam. Darüber reden darf man aber auch nicht. Man hat im Job seine Rolle zu spielen, schließlich verdient man ja eine Menge Geld.

Irgendwann hat Schürrle gemerkt: Das funktioniert nicht mehr. So viel Geld kann man gar nicht verdienen, dass einem das eigene Innenleben völlig egal sein kann. Außerdem soll die Familie, Frau und Kind, die Tiefen nicht abbekommen. Der Ludwigshafener Bub hat darum Schluss gemacht mit dem Fußball und erklärt: „Ich brauche keinen Beifall mehr!“

Ich finde, da folgt er dem Apostel Paulus. Der war als Missionar eigentlich auf Zustimmung bei den Menschen angewiesen, nach dem Motto: Stell dich nicht so an, ist doch für die gute Sache. Mach dir keinen Kopf; Hauptsache, Erfolg. Aber das konnte  Paulus nicht. Darum hat er in der Bibel an die Korinther geschrieben, mit denen er gestritten hat:

Mir ist es ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde. Gott ist mein Richter (1 Kor 4,4). Gott ist da, wenn die Tiefen immer tiefer werden und die Höhepunkte weniger. Der bleibt, wenn es einsam um einen wird. Der hat auch mit 29jährigen Weltmeistern noch was vor. Vielleicht nicht gerade im Fußball. In unserer Welt gibt es weiß Gott genug anderes zu tun. Wo man nicht verstecken muss, wie einem ums Herz ist. Gottes Segen bei der Suche, André Schürrle!

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19AUG2020
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Sommer 2020 in Mainz. Und plötzlich ein Aha-Erlebnis. Ich fahre mit dem Fahrrad den Rhein entlang ins Büro. Der Fluss glitzert und schillert und flimmert in der Morgensonne. Er fließt so, als würde er ruhig atmen und doch mit sehr viel Kraft.  Manchmal höre ich  das Wasser, es scheint kurz zu glucksen. Und wie es riecht - ich finde, so riecht nur der Rhein. Fast glaube ich, ich könnte ihn unter tausenden Flüssen herausriechen. Ich muss vom Fahrrad absteigen und einen Moment stehenbleiben. Auf einmal steht ein älterer Herr neben mir. Er sagt: „Das ist Gnade, wenn man das sehen kann.“ Und  geht  weiter.

Ich kann nur aus ganzem Herzen zustimmen. Die Schönheit eines solchen Augenblicks ist eine Gnade. Gut, wenn man das annimmt und es nicht an sich vorbeirauschen lässt. Gut, wenn man diese Facette sehen kann. Denn man könnte ja auch an ganz anderes denken. Zum Beispiel an die horrenden Quadratmeterpreise für eine Wohnung direkt am Strom. Wer kann sich das eigentlich noch leisten? Oder an die „Bundeswasserstraße“: Der Rhein ist ja auch eine Art Wasserautobahn, so ausgebaut, dass möglichst große Schiffe möglichst schnell vorwärtskommen. Da geht es um Profit. Ist ja auch alles richtig, alles nicht falsch, aber hat so gar nichts von dem Zauber des stillen Augenblicks am frühen Morgen.

Diesen Zauber trifft das Wort Gnade besonders gut. Gnade meint ein Geschenk, umsonst, aber sehr wertvoll , es ist einfach da, für mich und den Menschen neben mir und alle anderen auch. „Das ist Gnade, wenn man das sehen kann“, sagte der Mann. Sein Satz kann einem die Augen öffnen. Die Farbe und die Bewegung, der Geruch und das Geräusch, ein großartiges Geschenk! Ganz von selbst wandern die Gedanken weiter. Denn wo Gnade ist, da ist auch jemand gnädig. Die Schöpfung hat einen Schöpfer.  Davon erzählt die Bibel immer wieder. Ja, sie kriegt sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung:

In einem alten Gebet steht: Gott, wie sind deine Werke so groß und so viel! Du hast sie alle weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter. (Psalm 104,24)

Man möge mir meinen Lokalpatriotismus verzeihen, aber ich finde: Der Rhein ist Gott ganz besonders gut gelungen.

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18AUG2020
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Erster Schultag! Heute ist es wieder so weit: Rund 35.000 Erstklässler machen sich in Rheinland-Pfalz auf den Weg zur Schule. Begleitet von Eltern und Familie, anderen Schülerinnen und Schülern und ganz vielen bunten und verzierten Schultüten. Und während ich zu meiner Zeit gleich am nächsten Tag erste Schwungübungen auf meiner Kreidetafel machen musste, geht man es heute etwas langsamer an. Denn es ist ein großer Einschnitt im Leben der Sechsjährigen. Schließlich wird fast von einem Tag auf den anderen verlangt, dass man ziemlich lange stillsitzt. Und konzentriert arbeitet. Und nicht mehr so viele Pausen  bekommt. Und mit gut zwei Dutzend Klassenkameraden zurechtkommt. Ganz schön viel auf einmal kommt da zusammen. Davor habe ich gehörigen Respekt!

Und als wäre das alles noch nicht genug, sind die Dinge in der Pandemie auch noch ein bisschen komplizierter als in all den Jahren zuvor: Hygieneregeln müssen eingehalten werden. Auch zum Schulalltag gehören Mund-Nase-Masken. Eltern gemeinsam mit ihren Kindern im Klassenzimmer am ersten Schultag? Geht gar nicht. Laute, fröhliche, überfüllte Gottesdienste zur Einschulung? Auch das geht nicht. Der Tag ist heute wahrscheinlich eine Spur ernster, die Gefährdungen im Leben etwas deutlicher als bisher. Umso wichtiger ist es, dass neben den Familien und Freunden, den Lehrerinnen und Lehrern Gott selbst mit seinem Segen an der Seite der neuen Schulkinder ist. Denn in so einer Situation braucht es einen besonderen Segen für die erste Klasse, also sozusagen einen erstklassigen Segen – für die Kinder und für alle, die sie auf ihrem Weg begleiten:
ich wünsche allen Kindern

Gott gebe euch Mut und Kraft.
Er schenke euch Freude am Lernen.
Er behüte euch auf dem Schulweg.
Gott segne euch.
Er segne alle, die euch begleiten.

Wie schön, dass unsere Kinder groß werden und noch vieles mehr! Gott sagt: Darauf liegt mein Segen. Noch bevor es losgeht, bevor du irgendetwas gelernt hast: Menschenkind, meinen Segen hast du!

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17AUG2020
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Weißer Kreidestaub macht sich nicht gut auf einem schwarzen Talar. Deshalb wirkte Martin Luther immer etwas „verstaubt“. Denn was immer er sonst noch war, Mönch und Bibelübersetzer, streitlustiger Theologe und liebevoller Familienvater, er war im Hauptberuf Professor. Vor fünfhundert Jahren ohne Tablets und Whiteboards hatte er deshalb immer ein Stück Kreide einstecken. Damit kann man alles, was wirklich wichtig ist und was richtig tröstet und Mut macht, aufschreiben und sich vorlesen. Auf eine Tafel, aber zur Not auch auf den Tisch oder den Fußboden, lässt sich ja schnell wieder wegwischen. Und so kann man sich vergewissern, was einen hält und trägt, Kraft und Hoffnung gibt. Martin Luthers Haupt-Trostsatz, sein wichtigster Mutmacher ist ganz kurz, nur drei Worte lang: Ich bin getauft.  D

as brauchte er für sich selbst, privat sozusagen. Denn Martin Luther brauchte Zuspruch. Immer wieder, Leider ist nicht immer einer da, der tröstet, aufrichtet, Mut zum Leben zuspricht. Und leider kann man sich nicht selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen, leider kann man sich die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht selbst sagen. Aber den Satz, den konnte er überall hinschreiben und hat das auch immer wieder gemacht, wenn es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hat: Ich bin getauft.

Wie kann denn ein bisschen Wasser so eine Wirkung haben, hat sich Luther gefragt. Und selbst geantwortet, dass das Wasser es freilich nicht tut. Es kommt auf das an, wofür es steht: dass es Gott und Menschen verbindet. Sie gehen von nun an Seite an Seite. Da passt kein Blatt Papier dazwischen. Es ist ein Bündnis, das in der Taufe geschlossen wird. Dieses Bündnis gilt ein Leben lang. Du kannst es nicht auflösen, du kannst es nicht wegmachen. Es sagt dir: Gott ist da. Geh deinen Weg getröstet und zuversichtlich.

Wenn etwas mir den Boden unter den Füßen wegzieht… Na und? Ich bin getauft! Das hält mich am Leben und begleitet mich alle Tage. Ich bin getauft – das ist eine kleine, aber feine Erinnerungsstütze.

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