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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

15AUG2020
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Auf der Rückfahrt im Zug kam ich mir vor, als ob ich auf „Wolke sieben“ schwebte. Ich hatte zwei Tage erlebt, die sehr beglückend waren, fast himmlisch schön. Da stimmte alles, da kam alles wunderbar zusammen.

Zu viert sind wir nach Hildesheim gefahren: die Speyerer Dombaumeisterin, der Domkapellmeister, der Domkantor und ich. Wir müssen im Speyerer Dom ein Podest für den Domchor bauen. Dafür gibt es in Hildesheim eine sehr gute Lösung, die wollten wir uns anschauen.

Auf der Hinfahrt haben wir überlegt, worauf es bei diesem Projekt besonders ankommt. Und schon das war ein Zusammentragen und ein Austausch, bei dem es ohne die geringste Kommunikationsstörung nur so floss: Der eine Gedanke ergab den nächsten. Jeder hat aufmerksam auf die anderen gehört - die Botschaft des einen kam beim anderen wohlverstanden an - jeder hat aufgegriffen und weitergeführt, was der andere gesagt hat. So haben wir uns die Bälle zugespielt. Und so haben wir ohne Mühe alles Wichtige zusammen gehabt. Und das Ganze war eine tolle Erfahrung von wohltuendem Miteinander. So, wie es eben sein kann, wenn es fließt, wenn der Lebensstrom ungehindert fließen kann.

Und so ging es in Hildesheim selbst weiter. Beim Mittagessen das gleiche herzliche Verstehen mit den dortigen Kollegen. Als wir das Chorpodest im Dom besichtigt haben, haben wir vier uns angeschaut - und schon war klar, was wir von dort an Ideen übernehmen können. Und nach dem Gespräch beim Abendessen war das Speyerer Chorpodest in unserer Vorstellung fertig, weil die Beobachtungen und Ideen von allen vieren wunderbar zusammenflossen. Weil wir auf einer Wellenlänge waren und in gemeinsamer Schwingung.

Eine wunderbare Erfahrung. So kann es gehen, wenn der Lebensstrom im Miteinander ungehindert fließen kann. Weil dabei keine Eitelkeit oder Besserwisserei im Spiel war, keine Rechthaberei oder Übertrumpfen. Weil jeder den anderen geachtet hat und auf ihn eingegangen ist. Wo das gelingt, können wir uns ein wenig Himmel auf Erden bereiten. Auch im Alltag.

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14AUG2020
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„Was bleibt stiften die Liebenden.“ So lautet ein Buchtitel des evangelischen Pfarrers und Autors Jörg Zink. Damit meint er: Was aus Liebe geschieht hat bleibenden Wert und ist entscheidend für das Leben der Menschen und der Welt.

Das war auch die Lebensdevise des polnischen Franziskanerpaters Maximilian Kolbe. Er hat gesagt: „Jeder Mensch hat im Leben seinen Sinn, denn er hat sein Leben erhalten zum Wohle der anderen Menschen.“ Und das hat er in äußerster Konsequenz gelebt. Er war Häftling im KZ Ausschwitz. Wieder einmal gab es dort eine Strafaktion: Weil ein Gefangener geflohen war, sollten zehn andere im Hungerbunker sterben. Darunter war ein Familienvater, der angesichts seiner Familie um Gnade flehte. Pater Maximilian Kolbe hat das mitbekommen und hat sein Leben für das des Familienvaters angeboten. Der Kommandant akzeptierte den Tausch. Ein paar Tage später war Kolbe tot. Heute vor 79 Jahren hat er sein Leben hingegeben, damit der Familienvater weiterleben konnte. Sein Glaube hat ihm dazu die Kraft gegeben.

Auf diese Weise sein Leben mit einem Schlag ganz hinzugeben, das ist schon ein Extremfall. Aber es gibt viele Menschen, die eine ähnliche Grundhaltung leben. Menschen, die keine Angst haben, zu kurz zu kommen; die nicht um sich selbst kreisen oder möglichst viel für sich selbst aus dem Leben rausholen wollen. Menschen, die ihre Zeit und Kraft, die ihr Leben für andere einsetzen. Und die dafür auf manches verzichten, was auch schön sein könnte. Für eine solche Hingabe im Kleinen gibt es viele Beispiele.

Das gilt schon für Eltern, die Kindern das Leben schenken und sie groß ziehen. Das gilt für Menschen, die Angehörige pflegen. Das gilt für Menschen, die sich sozial engagieren. Das gilt für Menschen, die ein besonderes Gespür haben für die Not von Mitmenschen und die im Alltag selbstlos für sie da sind. Menschen, die in solcher Weise Hingabe leben, die sind - wie man in der Corona-Zeit sagen kann - die wahren Helden unserer Gesellschaft. Denn „was bleibt stiften die Liebenden“.

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13AUG2020
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„Kleider machen Leute.“ Da hat der Dichter Gottfried Keller Recht. Er hat eine Novelle so betitelt. Darin haben die Menschen aus einem Schneidergesellen einen Grafen gemacht. Je nachdem, wie jemand angezogen ist, machen wir uns ein Bild von ihm. Das liegt nicht an den Kleidern. Das kommt daher, wie wir sie deuten und bewerten. Da kommt normalerweise ein Obdachloser schlechter weg als ein Mann im feinen Anzug. Unsere Sehgewohnheiten prägen die Einschätzung von Menschen.

„Kleider machen Leute.“ Das können wir auch, dachte sich die Caritas. Sie veranstaltete ein Fotoshooting. Dazu lud die Caritas bewusst Obdachlose ein. Eine Friseurin, eine Ankleiderin und ein Make-up-Artist verpassten den Mitwirkenden ein völlig neues Outfit, und ein Profi-Fotograf setzte sie dann in Szene. Es entstanden Fotos, die auch kommerziell für Werbezwecke genutzt werden können, die im Internet stehen. Bilder von Menschen, die mit einem Mal ganz anders wirkten. Aus der jungen Frau, die aus der Bahn geworfen und vom Leben gezeichnet war, ist eine selbstbewusste Mittdreißigerin geworden, die aufrecht dasteht und etwas ausstrahlt. Keiner käme mehr auf die Idee, wie sie vorher aussah. „Kleider machen Leute.“ In einem doppelten Sinn: Das Fotoshooting hat auch etwas bei den Mitwirkenden selbst bewirkt. Sie standen einen Tag lang im Mittelpunkt. So viele Leute haben sich um sie gekümmert und sie schön gemacht. Und auf den Fotos haben die Obdachlosen eine neue Seite von sich von sich entdeckt, ja neue Fähigkeiten, die sie so noch gar nicht kannten. All das hat ihnen neuen Mut und Selbstvertrauen gegeben. Die schicke Kleidung und die menschliche Zuwendung haben nicht nur das Bild verändert, das die anderen von ihnen hatten. Es hat auch ihr eigenes Bild von sich selbst verändert. Zum Teil mit Langzeitwirkung: Drei von sechs Mitwirkenden leben inzwischen statt auf der Straße im Wohnheim, ein vierter hat kurz danach seine eigene Wohnung und eine feste Arbeitsstelle bekommen. Offensichtlich funktioniert es auch so: „Kleider machen Leute.“

  

Das Projekt des Caritasverbandes Trier ist dargestellt in dem Artikel „Da sind Tränen geflossen“ von Antonia Kurz in der „Rheinpfalz“ vom 17.08.2019.

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12AUG2020
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Für die Kirchen wird es knapp. 500 Tausend Kirchenaustritte, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit schmälern die Kirchensteuereinnahmen. Hinzu kommen Personalprobleme. Tausende von Pfarrerinnen und Pfarrern braucht die evangelische Kirche in den kommenden Jahren, und in der katholischen Kirche fehlen immer mehr Priester und pastorale Mitarbeiter. Mangel, wohin man schaut.

Reformen sollen den Mangel beseitigen. Die Prozesse haben zum Teil klangvolle, ermutigende Namen: „Wo Glauben Raum gewinnt“ heißt einer, von Kulturwandel und Erneuerung ist die Rede, von einer Kirche, die teilt und die Beziehung stiftet. Doch alle diese wohlklingenden Prozesse planen drastischen Kürzungen. Stellen werden reduziert, Gemeinden zusammengelegt, Leistungen gestrichen. Da geht es den Kirchen wie anderen Betrieben auch. Sie müssen halt sehen, wie sie zurecht kommen.

Ich kann mich damit nicht abfinden. Wenn die Kirchen auch keine anderen Antworten haben als in Not geratene Betriebe, wenn sie die gleichen Berater nehmen, die auch anderswo nur Streichungen vorschlagen, wenn die Kirchen ebenfalls vor allem kürzen und kleiner machen: Welches Beispiel wollen sie dann noch anderen geben? Sie stehen ja nicht nur für sich, sie sollen auch anderen ein ermutigendes Zeichen geben, gerade in der Krise.

Jesus hat seinen Jüngern nicht gesagt „Haltet den Laden zusammen, spart und knausert“. Er hat gesagt: „Gebt, dann wird auch euch gegeben. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“ Da geht es um Fülle, nicht um Mangel. Um Hergeben, nicht um Sparen. Natürlich füllt das nicht das Kirchensteuerloch. Aber vielleicht sollten die Kirchen nicht nur auf den Geldmangel starren, sondern die Fülle an anderer Stelle erkennen. Ein Theologe schreibt etwa zum Priestermangel: Gott hält nicht nur nach unverheirateten Männern Ausschau, er hat gewiss auch die vielen anderen theologisch und spirituell kompetenten Frauen und Männer im Blick. Das Beispiel macht mir deutlich: Die Kirchen sollen nicht den Mangel verwalten, sondern den Blick wechseln - vom Mangel zur Fülle.

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11AUG2020
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Helfen kann gefährlich sein. Ich war mit dem Fahrrad gestürzt und hatte mich mit dem Fuß derart unglücklich in Kette und Rahmen verfangen, dass ich nicht alleine aufstehen konnte. Da war ich heilfroh und dankbar, dass ein älterer Mann herbeilief und mir aufhalf. Spontan. Ohne Maske. Ohne Abstand. Mitten in Corona.

Ich weiß nicht, ob der Helfer darüber nachdachte, dass er sich bei mir anstecken könnte. Auf jeden Fall ging er als älterer Mensch ein Risiko ein.

Helfen ist eben nicht nur eine feine, edle Sache, sie kann die Helfer auch in Gefahr bringen. Schon die Bibel erzählt von einem Reisenden, der von Räubern zusammengeschlagen, ausgeraubt und halbtot liegen gelassen wird. Ein Fremder kommt vorbei und hilft ihm. Was sich so leicht erzählt, war in Wirklichkeit riskant. Die Räuber konnten noch in der Nähe sein, der Verletzte konnte eine Falle sein. Diese Gefahr zieht sich durch die ganze Geschichte des Helfens. Die katholische Kirche hat viele Frauen und Männer heiliggesprochen, die sich um Pestkranke, Leprakranke oder andere Infizierte kümmerten und dabei selbst erkrankten und starben. Und wer sich heute bei Hilfsprojekten in Krisengebieten engagiert, läuft oft Gefahr verletzt, entführt oder sogar getötet zu werden. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen.

Ich bewundere diese Menschen. Und das umso mehr, als uns in den letzten Monaten eingeschärft wurde, andere vor allem als Virenträger und Ansteckungsgefahr zu sehen und Abstand zu ihnen zu halten. Ich verstehe die Warnungen und achte selbst darauf, niemanden zu gefährden. Zugleich hat mir der christliche Glaube etwas anderes eingeschärft. Nämlich den anderen zuallererst in seiner Not, in seiner Hilfsbedürftigkeit zu sehen und ihn als Nächsten zu erkennen. Als Nächsten, gerade nicht auf Abstand.

Natürlich ist es klug, auch beim Helfen die üblichen Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Aber am Ende geht es meist nicht mit Distanz, sondern nur mit Nähe. Und manchmal muss es einfach schnell gehen, notfalls ohne Schutzanzug und Maske.

Ich habe keinen endgültigen Vorschlag, wie wir mit dieser Spannung zwischen Vorsicht und Hilfe umgehen sollen. Ich weiß nur: Hätte mir der alte Mann nicht spontan geholfen, hätte ich ganz schön alt ausgesehen.

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10AUG2020
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Weil andere meine Daten haben, wird mein Leben einfacher und bequemer. Am Bildschirm sieht der Arzt meine ganze Gesundheitsgeschichte. Der Versandhändler kennt meine Vorlieben und macht mir passende Angebote. Meine Armbanduhr überwacht meine Gesundheit, mein Handy zeigt mir Corona-Kranke in der Nähe. Und dem intelligenten Lautsprecher Alexakann ich wie einem allwissenden Mitbewohner Fragen stellen und Aufträge erteilen. Das ist die wunderbare Welt der Daten.

Skeptiker warnen zwar vor Missbrauch und Manipulation. Aber der Datenschutz wird ja immer besser, sagen jedenfalls die Daten-Verwerter.

Ausgerechnet die Bibel trübt meine gute Daten-Laune. Sie erzählt von König David, der in Israel eine Volkszählung anordnet. Eine vernünftige Maßnahme, um das Heer zu organisieren, die Besteuerung zu ordnen und Arbeitskräfte zu sichern. Doch Gott nimmt David die Volkszählung übel, weil sie zuallererst der Macht des Königs dient. Und auf seine Macht will er vertrauen, nicht auf den Beistand Gottes. Zur Strafe sendet Gott die Pest ins Land.

Die Geschichte zeigt zweierlei: Wie damals geht es auch heute bei Daten nicht nur um Bequemlichkeit. Es geht um Macht. Wissen ist Macht, so der Volksmund, das gilt heute mehr denn je. Die gesammelten Daten dienen anderen als mächtiges Instrument, sie forschen uns aus und steuern uns, durch präzise auf uns zugeschnittene Nachrichten und Werbung, über Fitneß-Armbänder und anderes. 

Und zweitens: Die digitale Welt wird immer menschlicher. Schon jetzt sprechen wir mit Geräten wie mit einem Menschen, zum Beispiel mit Alexa und dem Navi. Und demnächst wird künstliche Intelligenz vollständig unser Auto steuern. Google scheint allwissend und der Computer allmächtig. Biblisch gesprochen laufen wir Gefahr, uns einen Götzen zu basteln, ein Götterbild aus Schaltkreisen, Sensoren und Speichern, hinter dem sich handfeste Interessen verbergen. Dadurch kommt gottlob nicht die Pest ins Land. Aber weil es eben immer auch um Macht geht, sollten wir nicht zulassen, dass das Digitale zum verehrten Götzen wird. Wir sollten es als das ansehen, was es ist: Ein menschengemachtes mächtiges Instrument, das wir wachsam kontrollieren müssen – bevor es uns kontrolliert.

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