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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

04JUL2020
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Systemrelevant! Wie oft habe ich dieses Wort in den letzten Monaten gelesen und gehört. Systemrelevant. Das heißt ja vor allem, dass eine Gruppe von Menschen so wichtig ist, dass ohne sie alles zusammenbrechen würde. Diese Leute halten sozusagen den Laden am Laufen. Doch je länger die Einschränkungen durch die Viruskrise dauerten und je mehr Branchen darunter gelitten haben, umso mehr systemrelevante Menschen schien es plötzlich zu geben. So waren es dann nicht mehr nur die Krankenschwester, der Müllmann oder die Kassiererin im Supermarkt. Die Liste derer, die nach und nach auch systemrelevant schienen wurde fast wöchentlich länger. Und ja, manche von ihnen habe auch ich in diesen Wochen schmerzlich vermisst und vermisse sie zum Teil noch immer. Die Musiker und Theaterleute etwa, und auch die Gastwirte und Cafébetreiber. Nur – ab wann ist jemand tatsächlich systemrelevant?

Eine uralte Legende aus dem Judentum gibt darauf eine ganz andere und wie ich finde faszinierende Antwort. Es ist eine Antwort aus dem Glauben, die mich tief beeindruckt hat. Diese Legende erzählt davon, dass das Schicksal der Welt letztlich auf den Schultern von nur 36 Menschen liegt. Und immer, wenn einer von ihnen stirbt, rückt sogleich ein anderer nach. Es ist egal, wie viel Verkommenheit und Bosheit sonst in der Welt existieren mag, solange sich nur diese 36 Gerechten auf der Erde finden. Denn solange wird die Welt nicht zu Grunde gehen, weil Gott seine Hand schützend über sie hält. Das Spannende daran: Keiner weiß, wer diese 36 sind. Nicht mal sie selber. Keiner, außer Gott. Unerkannt und bescheiden leben sie unter den Menschen. Und wenn mal einer meinen sollte, dass er doch ganz bestimmt einer dieser Gerechten sei, dann ist er es wohl nicht. Aber diese 36 sind es letztlich, die durch ihr unaufgeregtes Leben und Lieben dafür sorgen, dass die Welt nicht untergeht. Wenn sie sich auch selbst nicht dafür halten, sie sind wahrlich systemrelevant. Und wer weiß, vielleicht wohnt einer von ihnen ja direkt nebenan.

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03JUL2020
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Mein Blick auf fremde Menschen hat sich spürbar verändert. Vor einem halben Jahr noch ist es mir ziemlich egal gewesen, wer da mit mir im Zug oder Bus sitzt und wie. Auch an der Supermarktkasse habe ich mich kaum umgeschaut. Doch jetzt ertappe ich mich ständig dabei, dass ich jeden Fahrgast kritisch beäuge. Hält der sich an die Abstandsregeln? Hat die ihre Maske auch richtig im Gesicht? Und auch im Laden taxiere ich den Abstand am Regal oder an der Kasse und reagiere genervt, wenn mir einer zu nah kommt. Weil eben jeder, der mir begegnet, eine Gefahr sein kann. Immer noch. Die Seuche ist ja nicht vorbei.

Doch wenn ich ganz ehrlich mit mir selber bin, dann ist es nicht nur meine Sorge vor einer Infektion. Ich ärgere mich auch darüber, dass immer mehr Menschen um mich herum das alles scheinbar nicht mehr so eng sehen. Da hängt dann die Maske irgendwo, nur nicht da, wo sie hingehört. Da wird auch umarmt und geherzt und von Abstand halten ist oft keine Rede mehr, während ich mein Leben freiwillig einschränke und versuche, mich an Regeln zu halten. Doch Hand aufs Herz, so ein klein bisschen beneide ich die Leute schon, weil ich ja auch gern wieder so leben möchte als wäre nichts gewesen. Und wer will am Ende schon der Depp sein, der diszipliniert ist und brav verzichtet, während um ihn herum das Leben tobt. Auch das ist wohl insgeheim ein Teil meines Ärgers.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt aber auch ein Kernsatz meines Glaubens. Er ist mir wichtig. Und auf die zweite Hälfte des Satzes kommt es an: Wie dich selbst. Denn wenn ich selber gesund und fit bleiben und nicht krank werden möchte, dann muss mir das einfach auch bei jedem anderen wichtig sein. Und darum werde ich mich auch weiter an die Regeln halten. Auch wenn es inzwischen immer öfter Überwindung kostet.

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02JUL2020
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Im Garten hinter unserm Haus haben wir vor paar Wochen Karotten ausgesät. Mittlerweile arbeiten sich tatsächlich kleine grüne Pflänzchen durch die Erde ans Tageslicht. Nur, das können unmöglich alles Karotten sein, die dort wachsen. Dank des feuchtwarmen Wetters macht sich nämlich jede Menge Grün in unserm Garten breit. Irgendwo dazwischen wohl auch die erhofften Karotten. Klar, ich könnte in den Garten gehen und all das Unkraut kurzerhand ausreißen. Aber so einfach ist es leider nicht. Denn als Laie kann ich das eine vom anderen kaum unterscheiden. Und darum müssten sicher etliche der kleinen Karottenpflanzen auch dran glauben. Also lasse ich es lieber.

Und befinde mich damit ganz nebenbei in bester christlicher Tradition. Denn die Erzählung vom Unkraut, dass mit der Saat gemeinsam aufgeht, ist für mich eine der zentralen Geschichten des Christentums. Ihre Pointe: Statt hektisch alles Unerwünschte auszureißen und Kollateralschäden billigend in Kauf zu nehmen - einfach alles wachsen lassen. Erst bei der Ernte wird sortiert in Gut und Schlecht. Auf den Glauben bezogen heißt das: Maß dir keine Urteile darüber an, wer ein schlechter und wer ein guter Mensch ist. Wer ein Sünder ist und wer ein Heiliger. Überlass dieses Urteil getrost Gott, dem „Herrn der Ernte“, wie die Bibel das ausdrückt. Auch wenn‘s schwerfällt. Denn ob einer schlecht oder gut ist, Sünder oder Engel, hat sich eben noch nie am äußeren Anschein festmachen lassen.

Das heißt ja nicht, dass ich nicht mit Menschen, die ganz anders ticken als ich darüber streiten sollte, was richtig und falsch ist. Wie wir viel nachhaltiger leben können etwa. Oder wie wir den ungleich verteilten Wohlstand im Land gerechter verteilen können. Nur das Urteil darüber, ob der, der so ganz anders tickt als ich ein guter oder schlechter Mensch ist, das sollte ich getrost Gott überlassen. Zugegeben, leicht fällt mir das nicht immer. Aber wenn es schon für das Grünzeug im Garten gilt, wie viel mehr dann erst für uns.

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01JUL2020
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„Leben mit leichtem Gepäck“ – so hatten wir mal ein Reiseangebot auf den Spuren des Hl. Franz von Assisi genannt. Der hatte ein Schlüsselerlebnis, das sein ganzes restliches Leben bestimmen sollte. Er hört eine Stelle aus der Bibel, in der Jesus sagt: „Geht, ich sende euch aus…. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe..“ (vgl Lk10,1-9) Den Hl. Franz überläuft es heiß und kalt als er das hört. Er ist begeistert, wie einfach und klar die Worte Jesu sind.  Das ist genau das, was er will. Und er setzt das sofort radikal um. Er wirft seine Schuhe weg und behält nur noch ein einziges Mönchsgewand. Franz legt allen Ballast ab, alles Gepäck, das er bisher durch sein Leben getragen hat. Er will ganz frei sein. Und dieses Programm hält er durch bis an sein Lebensende.

Unsere Reisegruppe ist damals mit leichtem Gepäck nach Assisi gefahren, mit dem, was so in einen Rucksack oder Koffer passt und in einem Zelt verstaut werden kann. Ein Unwetter auf dem Campingplatz hat dann vielen von uns Zelt und Kleidungsstücke auf Nimmerwiedersehen weg gepustet und gespült. Wir hatten von einer Stunde auf die andere nicht nur „leichtes Gepäck“ wir hatten gar kein Gepäck mehr. Franziskus hat sich wahrscheinlich im Himmel ins Fäustchen gelacht. Tatsache aber ist, dass viele Teilnehmer noch heute gerade daran zurück denken. Wie wir diese Situation gemeinsam auf die Reihe bekommen haben. Ich zumindest kann von mir sagen, dass diese Tage mit „leichtem Gepäck“ für mich auch ein echtes  geistliches Erlebnis gewesen sind. Im feuchten Schlafsack habe ich nachts im Freien gelegen, nach oben geschaut und einen herrlichen Sternenhimmel erlebt. Hinter dem konnte ich nur Gott als Schöpfer denken. Übrigens: wer schon mal richtig gewandert ist weiß, dass man mit leichtem Gepäck besser ans Ziel kommt. Und was fürs Wandern, Reisen und Urlaub planen gilt, das mag doch auch fürs richtige Leben gelten.

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30JUN2020
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Urlaub, das ist das Zauberwort. Viele sagen, sie halten das ganze Jahr nur durch, weil sie sich auf den nächsten Urlaub freuen können. Ich habe mal nachgeschaut und gelesen, dass das Wort „Urlaub“ aus dem althochdeutschen stammt und schlicht „Erlaubnis“ heißt. Es ist nämlich die Erlaubnis, sich zu entfernen. Wenn der Deutsche heute also Urlaub macht, hat er nicht einfach nur frei. Nein, er entfernt sich aus seinem Alltag. Andere Gegend, andere Leute, kein Alltag eben. Als das Wort entstand vor vielen hundert Jahren, konnte man davon nur träumen. Urlaub hieß: der Ritter durfte sich vom Königshof entfernen um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Mit Urlaub heute das hat nichts zu tun. Vielleicht könnte man das Pilgern damals als eine Art Urlaub ansehen, wenn auch die Motive ganz andere waren. Man war auf der Suche nach der Vergebung der Sünden. Man wollte von einer Krankheit geheilt werden, ein Gelübde erfüllen. Oder –und das kommt unserem Urlaub schon etwas näher- man wollte einmal im Leben mal etwas Besonderes tun und hinterher mit den Erzählungen aus fernen Ländern Eindruck schinden. Heute vermischt sich das Ganze. Pilgern im Urlaub ist in. Viele wandern auf den alten Pilgerwegen und wenn man fragt, dann hört man als Antwort: „Wir wollen Ruhe und Frieden. Wir suchen Rat und Richtung. Wir tun was für unsere Gesundheit. Wir suchen Versöhnung mit Gott, der Natur und uns selbst“. Kostbare Zeit ist das, der Urlaub, die „Erlaubnis sich zu entfernen“. In diesem Jahr bleiben viele zu Hause. Ich auch. Frei mache ich trotzdem jetzt im Sommer. Mal sicher zwei Wochen. Mal sehen, was wir mit der freien Zeit anfangen. Ob wir es schaffen, uns vom Alltag zu entfernen, obwohl wir ja da bleiben. Die Erlaubnis dazu haben wir ja, wir müssen sie nur nutzen. Ob wir das schaffen? Vielleicht erzähle ich davon im Herbst, wenn der Urlaub längst wieder vorbei ist.

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29JUN2020
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Ich habe in den letzten Wochen etwas Heiliges neu entdeckt. Nämlich die Natur in meiner Nachbarschaft. Dank Homeoffice und Zwangsurlaub hatte ich Zeit für meinen Garten und für Spaziergänge in den Streuobstwiesen in unserer Nähe. Was man da alles zu sehen bekommt! Einen Zaunkönig im Gebüsch. Der ist so klein, dass man meint, da schwirre ein Kolibri herum.  Und da war der Spaziergänger, der einen neuseeländischen Kiwi gesehen haben wollte. Diesen Laufvogel, der nicht fliegt, kennt man ja aus dem Fernsehen oder dem Zoo. Es war aber eine heimische Waldschnepfe mit einem gebrochenen Flügel. Woher soll man das auch wissen?

Experten sagen: es verschwinden nicht nur Tierarten und Pflanzensorten, es sterben auch die Artenerkenner aus, also die Leute, die heute noch Pflanzen und Tiere kennen und erkennen können.

Zum Glück gibt es ja mittlerweile Vogelstimmen-Apps. Du kannst das Zwitschern aufnehmen und die App sagt dir, welcher Vogel es ist, oder du kannst ihn fotografieren und die App sagt dir, wen du da abgelichtet hast. Tolle Sache und wirklich empfehlenswert.

Denn nur wer die Natur kennt, kann sie auch gern haben. Und nur der, der die Natur gern hat, wird sich dann auch für den Erhalt von Pflanzen und Tieren einsetzen.

Wer schon als Kind lernt, vor einem Kürbiskern Achtung zu haben, weil er weiß, dass daraus eine riesige Pflanze werden kann, und wer schon als Kind fasziniert vor dem Vogelnest im Gartenstrauch gestanden hat, der kann eine Ahnung entwickeln, wie großartig die Natur ist, ja wie heilig sie ist. Der kann erfahren, dass in diesen Vorgängen ein Stück von Gottes Schöpferkraft sichtbar wird. Zu der wir Menschen natürlich genau so dazu gehören. Und wer das alles verpasst oder wieder vergessen hat, der kann ja in diesem Sommer die Zeit nutzen und seine Umgebung mal wieder ganz neu kennen lernen. Denn zu spät ist es ja nie.

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