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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20JUN2020
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Wenn ich nach Hause fahre, muss ich 4 Kilometer auf einer Serpentinen-Strasse den Berg hoch. 11 % Steigung. Es gibt  keinen Mittelstreifen und extra Warnungen für die Motorradfahrer. Ich erwische mich allerdings oft dabei, dass ich so schnell wie möglich den Berg hoch fahre bzw so schnell es mein Auto erlaubt. Man muss halt echt aufpassen. Für Radfahrer ist die Straße gefährlich und für Fußgänger erst recht.                          Vor kurzem kam mir auf der Gegenfahrbahn mal einer entgegen, in oranger Sicherheitskleidung. Er machte sich an den Leitpfosten zu schaffen; wahrscheinlich sollte er sie reinigen. Ich fand das wirklich sehr gewagt. Wäre ich von oben gekommen, hätte er keine Chance gehabt. So von unten war er ganz gut zu sehen und von mir aus ja auch sicher auf der Gegenfahrbahn. Aber durch die Leitplanke war er gehindert, von der Straße wegzutreten, wenn jemand von oben gekommen wäre.

Auf dieser Straße sind schon Menschen zu Tode gekommen und es hat allerlei unangenehme Verkehrsunfälle gegeben. Leichtsinnig. Blöd. Wer gibt denn solche Arbeitsaufträge?

Ein paar Kurven höher stieß ich auf den Schutzengel. Auch orange gekleidet am Steuer eines Baufahrzeugs mit Warnlampen fuhr er im Schneckentempo hinter seinem Kollegen her und passte auf, dass dem nichts passieren konnte. So war es ungefährlich für den Reinigungs-Mann.

Der Fahrer in dem Auto würde sich vielleicht  wundern, wenn ich ihm sagte, er sei ein Schutzengel.  Die Arbeiter nennen das vielleicht “der Absicherungskollege“ oder so, aber für mich ist das das gleiche wie ein Schutzengel. Ich denke, dieser Mann an den Leitplanken weiß es zu schätzen, dass jemand ihn vor Unfällen schützt.

Ich weiß es auch zu schätzen, wenn ich mich beschützt fühle. Früher manchmal von meinen Eltern. Heute eher von Freundinnen und Freunden. Und manchmal fühle ich mich auch beschützt von Gott.

Obwohl ich nicht im Straßendienst arbeite, hindert mich niemand daran, heute ein Schutzengel für irgendjemanden zu werden. Zum Beispiel, indem ich mich auf den Straßenverkehr konzentriere und nebenbei nichts anderes mache, auch nicht telefoniere. Und vielleicht weiß ich auch am Ende des Tages, wer heute mein Schutzengel war.

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19JUN2020
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Bei dem Wort Palliativstation denken viele: da geht man hin zum Sterben. Das stimmt aber so nicht immer. Einige kommen rein ins Krankenhaus mit starken Schmerzen, oft unbeweglich, abgemagert, weil sie nichts essen konnten. Gehen gestärkt durch gute Medikamente, Physiotherapie und leckeres Essen. Zurück nach Hause. Das freut alle im Team.                                                                                                              

Traurig ist natürlich, wenn es Menschen so schlecht geht, dass sie nicht mehr nach Hause können. Ihnen steht ein anderer „Heimweg“ bevor.  In den Todesanzeigen wird das oft so ausgedrückt: danke für die Anteilnahme beim Heimgang unseres lieben Verstorbenen.                   Wer so die Todesanzeige formuliert, der glaubt daran, dass wir Menschen nicht im Tod bleiben. Ich glaube das auch. Ich glaube, dass Gott uns auferweckt, so wie er es bei Jesus getan hat. Und dass wir in Gottes Reich leben werden.                                                                                                               Nur: wenn ich mit Patient*innen darüber spreche und sie frage, wie sie sich das vorstellen, dann antworten sie mir oft: naja  – man weiß halt nicht, wie es da ist. Es ist noch niemand zurück gekommen. Doch, einer ist zurück gekommen, so glauben wir: Jesus.                                            Er hat ja nach seiner Auferweckung noch viele getroffen, so lesen wir in der  Bibel: Maria von Magdala und Petrus zum Beispiel, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Den ungläubigen Thomas, der seine Finger in die Wunden legen wollte, damit er sich überzeugen konnte, dass er wirklich Jesus vor sich hatte.   Denen hat er anscheinend nichts Konkretes erzählt, wie es „da“ ist.                                                                                                        

Und dass seine Freundinnen und Freunde ihn schon drei Tage nach der Kreuzigung nicht mehr erkannten, wie wir in den Ostererzählungen lesen, ist auch seltsam. Offenbar ist der Auferstandene ein ganz anderer als der, der er vorher war. Rätselhaft, fremd, bleibt im Abstand. So jemand erzählt nicht, wie es „da“ ist. Aber er lässt es ahnen. Er bricht Brot. Er brät Fisch. Er erklärt den Menschen die Heiligen Schriften. Er nennt sie beim Namen. Wenn er selbst auch fremd erscheint: seine Freunde sind ihm vertraut.

Ich schließe aus diesem Verhalten, dass es „da“ gut sein wird. Es gibt genug zu essen und zu trinken. Ich werde vieles verstehen, was ich jetzt nicht verstehe. Und ER kennt mich noch. Diese Hoffnung teile ich mit meinen Patient*innen.

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18JUN2020
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Gehn Sie doch mal zu unserer Frau Schmitz, die hat einen hohen Redebedarf, bittet mich eine Krankenschwester. Gerne, das ist ja meine Aufgabe als Krankenhaus-Seelsorgerin. Frau Schmitz ist eine hübsche Frau, die Haare dunkelrot gefärbt und geschickt hochgesteckt.

Das passt auch besser zu ihrem runden Gesicht, als wenn sie die Locken offen tragen würde.

Das Gesicht ist wirklich sehr rund, sie hat Speckröllchen an den Handgelenken und ihre Taille ist nicht die einer Wespe, sondern mindestens die einer Hummel.

Ich bin auch nicht schlank, aber diese Patientin, das ist wirklich zu viel.

Heute kommt wie üblich auch die Ernährungsberaterin auf die Station. Super, denke ich, die kann hier mal ein gutes Werk tun. Zu viel Pizza, Pommes, Schokolade und Cola haben ihre Spuren bei der Patientin hinterlassen; die Beraterin kann ihr mal die Vorteile von einer gesunden Ernährung mit viel Salat, Obst und Gemüse klar machen.

Zack, hatte ich mir eine Meinung über diese Frau gebildet, das ging mühelos und ich war mir ganz sicher, aber ich war vollkommen auf dem Holzweg.

Es stellte sich heraus, dass die Frau eine bedrohliche Krankheit hatte. Seit ein paar Monaten nahm sie starke Medikamente und hatte darüber 20 kg zugenommen. Das war kein Fett, es waren Wassereinlagerungen. Ich war froh, dass sie nicht meine Gedanken hatte lesen können, es war mir schrecklich peinlich und ich hoffe nur, sie hat es wirklich nicht gemerkt.

Aber ich hab was gemerkt.

Wie schnell ich  mir eine Meinung über jemanden bilde. Ein Blick genügt, es läuft ganz unbewusst  und fühlt sich direkt wie eine Tatsache an. 

Die Frau ist willenlos, hat keine Disziplin, daher ist sie so dick. Der Mann ist  bestimmt Alkoholiker, mit der roten Nase. Und der mit der Glatze ein Nazi. Und die Familie mit den 5 Kindern, haben die noch was anderes im Kopf als…

Es gibt viele spontane, kritische Gedanken, die ich gleich auf den ersten Blick über manche Menschen habe. Oft stellen sie sich als falsch heraus. Wie bei Frau Schmitz.

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17JUN2020
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Geschichten aus der Quarantäne kann im Moment wohl jede und jeder erzählen. Auch in der Bibel gibt es eine solche Quarantänegeschichte. In ihrem Mittelpunkt steht Jona. Jona wird von Gott nach Ninive geschickt. Er soll der Stadt ihren Untergang ankündigen. Aber Jona denkt gar nicht daran, diesen Auftrag auszuführen. Er haut ab, flieht per Schiff übers Mittelmeer. Sein Ziel: Das Ende der Welt. Doch bereits direkt nach der Abfahrt zieht ein gewaltiger Sturm auf. Das Schiff gerät in Seenot. Die Seeleute fragen sich, was wohl dieses Unwetter ausgelöst hat. Und Jona gesteht ihnen seine Flucht. Er ist überzeugt, dass er der Grund für den göttlichen Sturm ist. Jona sieht nur eine Lösung: Die Seeleute sollen ihn über Bord werfen, dann beruhigt sich das Meer.

Aber Gott, so erzählt die Bibel, lässt Jona nicht ertrinken. Er schickt einen großen Fisch, der Jona verschlingt. Der berühmte Wal, in dem Jona dann drei Tage und Nächte hockt. In Quarantäne sozusagen. Isoliert. Allein mit sich, umgeben von einem großen, fremden Organismus.

Jona nimmt die Situation an. Wut oder Ärger? Fehlanzeige. Jona erlebt: Ich bin gerettet, schließlich hätte ich untergehen können. Jona nutzt die Zeit. Gott, davon ist Jona überzeugt, hat diesen Wal geschickt. Und er stimmt, im Magen dieses gewaltigen Seebewohners, ein Danklied an. Drei Tage später spuckt der große Fisch Jona an Land.

Positives Denken heißt das modern, was Jona macht. Er jammert nicht, er beklagt sich nicht, er deutet seine Situation so gut es geht positiv. Er erlebt: Ich bin zwar im Moment allein, aber ich wurde gerettet. Das ist der Grund, warum Jona dankt.

Ich finde, ein wunderbares Vorbild. Für jede Situation, in der ich mich isoliert, allein, bedroht fühle. Für jede Situation, in der ich das Gefühl habe, im Bauch eines Wals zu sitzen.

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16JUN2020
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Der Frühling war wieder zu warm und zu trocken. Vor einem Dürresommer 2020 wird bereits gewarnt. Im Wald sehe ich, wie ausgedorrt der Boden ist. Und auf den Feldern sind die Risse in der Erde unübersehbar. Da wünsche ich mir Regen. Damit die Natur durchatmen kann, damit der Boden Kraft bekommt, damit Pflanzen überleben können.

Dürrezeiten und vor allem segenreicher Regen sind so wichtig, dass es in vielen Kulturen und Religionen begabte Menschen gibt, die Regen herbeizaubern können – und auch in der Lage sind zu verhindern, dass die Wolken abregnen.

So ein Regenmacher ist auch der biblische Prophet Elia. Elia lebt in und mit der Natur. Er hat keinen festen Wohnsitz, isst, was er findet. In der Bibel heißt es, dass er einen zotteligen Fellmantel und einen ledernen Lendenschurz trägt.

Dieser Elia wird nun zum König gerufen, als eine Dürrezeit über das Land hereinbricht und es zu einer Hungersnot kommt. Doch Elia macht nicht einfach Regen. Er fragt nach, warum es zu der Dürre kommt. Und er macht den König dafür verantwortlich: Seine Willkürherrschaft mit Mord und Verfolgung, sein gottloses Verhalten, die sorgen für die Dürre. Erst als der König und mit ihm das ganze Volk umkehren, da sorgt Elia für den Regen.

Heute wissen wir: Dürre und Regen haben nichts mit Magie zu tun. Aber ich kann mich wie Elia fragen, wieso es zur Dürre kommt. Kann nach Gründen für das trockene Wetter suchen. Einer der Gründe heute: Der Mensch und sein Einfluss auf die Natur, der Raubbau an der Schöpfung und der damit verbundene Klimawandel. Regen lässt sich trotzdem nicht herbeizaubern. Aber ich kann durch mein Handeln versuchen, dazu beitragen, dass sich Dürrezeiten nicht weiter verschärfen. Indem ich meinen kleinen Beitrag leiste: Weniger Auto fahre, nachhaltig einkaufe, saisonal und regional esse. Mein Versuch, dass der Dürrefrühling nicht zum Normalzustand wird. 

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15JUN2020
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Eine der Folgen der Coronakrise: Plötzlich werden Zustände sichtbar, die sonst kaum zu sehen waren. Zum Beispiel die skandalösen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Menschen werden unter Mindestlohn bezahlt, hausen in Mehrbettzimmern, sind in schäbigen Absteigen untergebracht. Nur damit im Supermarkt das Gehackte für unter fünf Euro pro Kilo zu haben ist. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Schon in biblischen Zeiten machen Menschen klar, dass Gerechtigkeit zum Glauben und zu Gott gehören. Immer wieder treten Menschen auf, die im Namen Gottes Gerechtigkeit fordern. Amos etwa. Er lebt in einem Land, das von sozialer Ungerechtigkeit zerfressen ist. Amos beklagt, dass es weder Recht noch Gerechtigkeit gibt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er greift die Regierenden frontal an, prangert ihre Scheinheiligkeit an. Ihre Lippenbekenntnisse. Die, die sich scheinbar für alle einsetzen und dann doch Unterschiede zwischen den Menschen machen. Amos nimmt die Reichen und Mächtigen aufs Korn. Sie leben auf Kosten der Armen und Machtlosen. Ihr luxuriöses Leben ist nur mit Ausbeutung möglich.

Das klingt, als wäre es heute geschrieben. Heute gibt es zwar Kinderrechte, aber trotzdem arbeiten Kinder in Kupferminen, damit man jedes Jahr ein neues Handy kaufen kann. Heute gibt es Menschenrechte, aber trotzdem stirbt der wehrlose George Floyd durch Polizeigewalt.

Ich bin sicher: Eine Gesellschaft ohne Gerechtigkeit ist keine lebenswerte Gesellschaft. Für niemanden. Das war Amos klar. Und das kann auch heute jeder wissen. Jetzt ist wieder Zeit, dafür einzutreten.

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