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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02MAI2020
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Manche Menschen leben in Partnerschaften oder Freundschaften, die ihnen nicht gut tun, jedenfalls von außen betrachtet. Vielleicht kennen Sie das auch. Ich habe da gerade einen Freund vor Augen. Seit Jahren war er mit Sabine zusammen, die eigentlich anders heißt. Jedes Mal, wenn ich ihn getroffen habe, hatte ich das Gefühl, dass es ihm nicht gut geht. Wenn ich ihn dann gefragt habe, hat er immer erstmal gesagt, es wäre alles ok.

Aber wenn er dann erzählt hat, klang es für mich immer so, als würde er ausgenutzt. Wenn ich ihn darauf angesprochen habe, dann hat er kurz gestutzt und meistens geantwortet: „Also Sabine meint….“

Ein einziges Mal hat er gesagt, dass er gerne manches anders machen würde. Aber er sähe keine Chance, Sabine das zu sagen. Also haben sie eine gefühlte Ewigkeit so zusammen gelebt. Ich hätte ihn so gerne mal richtig frei oder doch wenigstens freier gesehen. Aber er kam aus dem Gefängnis der eingespielten Verhaltensmuster einfach nicht raus.

Jesus fordert immer wieder dazu auf, alte Verhaltensmuster zu überwinden, aus alten Strukturen auszusteigen. Seine Jünger zum Beispiel sollen von einem auf den anderen Tag ihre Familien zurückzulassen und ihm folgen. Dieser Aufruf ist radikal und wirkt auch erstmal sehr rau.

Aber gleichzeitig eröffnet er damit seinen Jüngern eine Möglichkeit, ihr Leben radikal neu zu gestalten. Ich glaube nicht, dass diese Radikalität der einzige Weg ist, um neu anzufangen. Es muss nicht immer dieser Weg sein.

Aber wenn ich denke, dass Gott mich frei sehen möchte, dann kann sich auch mein Blickverändern. Mein Blick auf meine Partnerschaft, auf Freundschaften und auf Familie.

Mein Freund hat dann irgendwann doch noch den Mut gehabt, sein Unbehagen anzusprechen. Er und Sabine haben eine Paartherapie gemacht. Seitdem geht es beiden besser. Sie sind beide freier, denn sie haben sich ganz neue Wege erarbeitet, zusammen zu leben und zusammen zu entscheiden.

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30APR2020
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Vor kurzem traf ich einen Bekannten, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Früher hatten wir mal mehr miteinander zu tun. Er grüßte mich von Ferne – näher sollte man sich ja im Augenblick nicht kommen. Später schrieb er mir dann eine Whats App. Da hat er über alles Mögliche geschimpft und wie so oft begann er mit: Also du als Pfarrer, du siehst es doch sicher auch so….“

Und gleich war alles wieder da. Ich wusste sofort wieder, warum sich unsere Beziehung verändert hatte. Er hatte angefangen, sich über alle anderen zu beklagen. Erst waren es die Nachbarn, dann gemeinsame Freude und Bekannte. Irgendwann konnte und wollte ich es nicht mehr hören und war ihm aus dem Weg gegangen. Eigentlich schade.

Dieses Treffen auf dem Markt und die WhatsApp ließen alles wiederaufleben. Und er war immer noch ganz gefangen in seinem engen Denken. Irgendwie gefangen in sich selbst. Früher hatte ich versucht, auch andere Sichtweisen in unsere Gespräche einzuspielen. Um Verständnis für Anderes und Andere zu ermöglichen. Als ich aber gemerkt habe, dass das zu nichts führt, habe ich mich zurückgezogen.

Und nun – Jahre später – musste ich feststellen, dass sich nichts verändert hatte, dass er noch immer ganz in seinen festgefahrenen Vorstellungen gefangen war. Das tat mir wieder sehr leid. Aber ich wusste nicht, wie ich ihn befreien könnte. Es hatte sich ja so gar nichts getan in den letzten Jahren. Das braucht es eine andere Kraft.

Von Jesus gibt es einige Geschichten, in denen er Menschen befreit – aus ihrer Selbstgerechtigkeit, aus ihren festgefahrenen Rollen, aus ihrer Blindheit.

In sich gefangen zu sein, ist sicher eine schlimme Art der Gefangenschaft. Man muss es selbst erkennen und sich nach Freiheit sehnen damit Veränderung möglich ist. Ich glaube: Gott kann das - befreien. Gerade auch dann, wenn man in sich selbst gefangen ist und keinen Ausweg findet.

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29APR2020
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Ein großer Greifvogel am Himmel: Das hat mich schon immer fasziniert. Mit weit ausgebreiteten Schwingen nutzen Greifvögel die aufsteigende Luft und können scheinbar mühelos stundenlang in der Luft schweben. Das hat einfach was Majestätisches!

Flügel haben aber noch eine zweite Aufgabe, die mich sehr berührt. Mit ihnen beschützen die Vögel ihre Küken im Nest vor Kälte, Regen und davor, gefressen zu werden. Deswegen gibt es dazu auch die Redensart „jemanden unter seine Fittiche nehmen“ – Fittiche – das ist ein poetisches Wort für „Flügel“. Wir Menschen können das Gleiche tun: Jemanden beschützen. Sogar Kinder können das.

Wie zum Beispiel Philipp. Er hatte nach den Ferien einen neuen Mitschüler bekommen. Der war anscheinend ein bisschen schüchtern. Deshalb hat seine Mutter Philipp vorgeschlagen: „Dann kannst du ihn ja unter deine Fittiche nehmen und ihm helfen, sich einzugewöhnen“. Und so hat sich Philipp dafür entschieden, den Neuen zum Spielen einzuladen. So hat der sich bald wohl gefühlt.

Das Bild von den starken, schützenden Fittichen wird auch für Gott verwendet. „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln“. Gott nimmt mich unter seine Fittiche! – Wie schön!

Denn wir brauchen nicht nur in den ersten Lebensjahren jemanden, der uns schützt und Wärme gibt. Von dem wir lernen können. Der Geduld mit unseren Fehlern hat. Kurz: Der uns Raum gibt, damit wir wachsen und reifen können. Das kann jedes Lebewesen ganz von selbst: Sich entwickeln. Es muss nur den entsprechenden Raum dafür haben. Das ist auch mit 30 oder 40, ja sogar mit 60 und noch später so.

Natürlich nehme ich auch gerne jemanden unter meine Fittiche. Was gibt es schöneres, als anderen Menschen zu helfen, sich zu entwickeln.

Aber ich freue mich auch darüber, dass ich bei Gott nicht immer stark sein und alles können und wissen muss. Wenn ich mal nicht weiterweiß, mich elend fühle oder Angst habe, dann lacht er nicht über mich. Gott nimmt mich unter seine Fittiche. Bis ich wieder selbst weitermachen kann.

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28APR2020
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Schatten ist etwas Zwiespältiges. „Er stand immer im Schatten seines großen Bruders“ sagt man. Im Schatten kann man sich nicht richtig entfalten. Man möchte lieber auf der „Sonnenseite“ des Lebens stehen. Das steht für Glück und Erfolg.

Manchmal ist Schatten aber wohltuend. Als ich in Ägypten gelebt habe, hat Peter mir die Wüste gezeigt. Ich habe oft über ihn gelächelt, weil er immer den Schatten gesucht hat. Dann hat er ein australisches Sprichwort zitiert: „From eleven to three jump under a tree.“ – Von elf bis drei, also in der Mittagshitze, setz dich unter einen Baum.

Heute, 30 Jahre später, bin ich so alt wie Peter damals und verstehe besser, was er gemeint hat. Ich gehöre nicht mehr zu denen, die jeden Sonnenstrahl ausnutzen, um sich zu bräunen. Im Sommer im Biergarten suche ich mir eher einen Platz unter einer schattigen Kastanie.

Mit Gott kann man ganz ähnliche Erfahrungen machen. In der Regel wird Gott beschrieben als Licht, weil man in seiner Nähe Leben und Hoffnung bekommt.

Aber in einem alten Gebet, das ein Mensch in einer sehr kritischen Zeit gesprochen hat, höre ich: „Wer im Schutz des Höchsten sitzt, der ruht im Schatten des Allmächtigen.“

Wenn ich mir diese Worte sage, dann denke ich an eine mächtige Blutbuche im Park, die bestimmt schon 150 Jahre alt ist. Im Sommer, wenn es heiß ist, nehme ich mir eine Decke und lege mich in ihren Schatten unter die weit ausladenden, dicken Äste. Dort unter der Buche ist es angenehm kühl. Hier kann ich ausruhen, meinen Gedanken nachhängen, ein kleines Nickerchen machen – eben Kraft tanken.

Im Schatten des Allmächtigen ausruhen, das bedeutet: Nicht kämpfen müssen, keine Angst haben. – Allein diese Vorstellung richtet mich auf und gibt mir Kraft. Jederzeit. Auch mitten in der Hitze des Tages, kann ich meine Gedanken auf dieses Bild sammeln: Gott gibt mir Schatten, wie die mächtige Buche. Das tut mir grade in dieser hitzigen Zeit sehr gut!

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27APR2020
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Im Wartezimmer einer radiologischen Praxis habe ich ein Poster gesehen . Darauf stand: Sie sehen eine Walnuss? Ja stimmt, dachte ich, sieht aus wie eine Walnuss. Aber eigentlich war ein menschliches Gehirn dargestellt.

Dann habe ich weitergelesen: Wir sehen einen Schlaganfall! Tja, ein Arzt sieht eben mehr als ein medizinischer Laie wie ich. Ich musste schmunzeln. Was man sieht, hängt von dem ab, was man weiß und welche Erfahrung man hat.

Heute gehen meine Gedanken noch weiter. Es ist ja nicht nur so, dass mein Wissen meine Sicht verändert. Sondern auch anders herum: Das was ich sehe, verändert mein Wissen und Denken.

Wenn ich ununterbrochen Bilder einer Katastrophe sehe, dann lösen die keine guten Gedanken aus. Wenn ich dagegen viel in der Natur bin und mir Zeit nehme, Blüten, Bäume und das aufbrechende Leben zu betrachten, dann macht das auch was mit mir. Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die viel im Wald sind, hilfsbereiter sind als Menschen, die nur in der Stadt leben.

Eine unglaublich positive Ausstrahlung hat die Skulptur eines Kopfes, die ich auf Bali bei einem Holzschnitzer gekauft habe. Auf dem Gesicht liegt ein ganz tiefes Lächeln! Das tut mir gut.

Doch die Augen sind geschlossen. Er schaut quasi nach innen. Er sieht eine unsichtbare Wirklichkeit, die hinter den Dingen liegt, die wir sonst sehen können. Vielleicht sieht er das, was wir Gott nennen.

Dieser kleine „Holzkopf“ ist für mich das Sinnbild eines Menschen, der mit Gott verbunden ist. Und zwar mit dem Gott, über den es in einem alten Gebet aus der Bibel heißt: „Wer im Schatten des Allmächtigen ruht, der kann sagen: Du! Meine Zuversicht, meine Burg!“ – Zuversicht: eine positive Sicht in dem, was grade geschieht.

Vielleicht ist es manchmal ganz gut, für einen Augenblick die Augen vor den Katastrophenbildern zu verschließen, um das zu sichten, was mir Halt, Trost, Sicherheit gibt. Damit ich mit Zuversicht in den Tag gehe. Weil ich auf Gott geschaut habe.

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