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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

15FEB2020
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„Gutmensch“ – das war 2015 Unwort des Jahres. So sind diejenigen beschimpft worden, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert haben oder sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime gestellt haben. Nach dem Motto: „Gut gemeint – aber voll daneben.“ So wurden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal diffamiert, als naiv, dumm, weltfremd und als Helfersyndrom. Mutiges Engagement wurde unter Generalverdacht gestellt.

Dabei lebt unsere Gesellschaft von den wirklichen Gutmenschen – von denen, die anderen Gutes tun. Viele Menschen sind dazu bereit. Sie engagieren sich für den Nächsten und für die Gemeinschaft. Sie setzen sich für sie ein, wo Unterstützung nötig ist. Durch konkrete Hilfeleistung oder auch auf der politischen Ebene. Diese Mitbürger sind „Gutmenschen“ im besten Sinn des Wortes: gute Menschen; Menschen, die Gutes tun; Menschen, die anderen gut tun. Das kann jede und jeder – jeder auf seine Weise, mit seinen Begabungen, mit der Zeit und Kraft, die er hat. Jeder noch so kleine Einsatz für andere ist wertvoll und tut seine Wirkung.

Damit dieses Bewusstsein Kreise zieht, macht die Caritas dazu eine Jahreskampagne – mit dem Motto: „Sei gut, Mensch!“ Das Beispiel von über 300.000 bei der Caritas engagierten Ehrenamtlichen zeigt, wie man sich konkret für andere einsetzen kann, angefangen von der Nachbarschaft bis zu behinderten Menschen und Migranten.

Und das Schöne dabei ist: Untersuchungen haben ergeben, dass Gutes tun glücklich macht. Probieren Sie es mal aus!

Zur Caritas-Jahreskampagne siehe Sozialcourage (Magazin für soziales Handeln) – Spezial 2020 (www.sozialcourage.de), www.SeiGutMensch.de oder https://www.caritas.de/magazin/kampagne/sei-gut-mensch/startseite

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14FEB2020
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„Wer glaubt zittert nicht.“ Diesen Satz von Papst Johannes XXIII. habe ich vor Jahren gelesen. Und habe innerlich dagegen rebelliert. Auch wer glaubt kennt doch Furcht und Angst und zittert manchmal vor etwas – das ging mir ja selbst so. Aber im Laufe der Jahre habe ich verstanden und erlebt, wie Johannes XXIII. diesen Satz gemeint hat. Wenn jemand aus dem Vertrauen auf Gott lebt, dann kann er nach und nach anders mit seinen Ängsten umgehen. Zum Beispiel so, wie es der Psalm 23 widerspiegelt: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht: Ich fürchte kein Unheil. Denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23, 4) Und am Ende steht die Erfahrung: „Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war.“ (Ps 4,2)

In den Psalmen findet man alles, was zum Leben dazu gehört. Auch Ängste gehören dazu. Sie können das Leben einengen und schwer machen. Wenn jemand vor allem Möglichen Angst hat und sich wenig zutraut, dann kann er sich nicht so richtig entfalten, dann ist das Lebensglück sehr eingeschränkt.

„Wer glaubt zittert nicht.“ Ja, der Glaube ist ein Weg, der die Menschen aus Ängsten in die innere Freiheit und Weite führt. Das erlebe ich ganz konkret. Zum Beispiel bei einem jungen Mann, der vor ein paar Jahren zum Gespräch zu mir kam. Daraus ist eine Geistliche Begleitung geworden, mit einem Gespräch pro Monat. Am Anfang saß er recht verschüchtert da. Wir kamen auf das zu sprechen, was ihm das Leben und das Herz einschnürt. Und im Laufe der Zeit fiel eine Angst nach der anderen von ihm ab. Er hat ganz konkret erlebt, dass der Glaube, dass das Gottvertrauen etwas Befreiendes ist. Jetzt sitzt er ganz anders da, seine Augen leuchten, er traut sich mehr zu – und mit vielem im Alltag kann er besser und freier umgehen. Er hat die gleiche Erfahrung gemacht, die die Psalmen widerspiegeln: „Gott führt mich hinaus ins Weite‘ (Ps 18,20)

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13FEB2020
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„Dieses Erlebnis werde ich nicht vergessen. Es fühlt sich wie ein besonderer Einschnitt in meinem Leben an.“ Das schrieb mir Nils, ein 22jähriger Medizinstudent. Was hat ihn da so beeindruckt? Das war seine Firmung. Wir hatten sie in der Kirche der Universitätsklinik in einem lebendigen und intensiven Gottesdienst gefeiert. Und der war für Nils etwas ganz Besonderes. Weil er sich jetzt, als Erwachsener, ganz bewusst dazu entschieden hat, sich firmen zu lassen.

Warum, das hat er zu Beginn des Gottesdienstes allen Anwesenden erklärt. Er hat gesagt: „Der Kontakt zur katholischen Kirche, in die ich als Säugling hineingetauft wurde, war in meiner Jugend eher spärlich ausgeprägt. Ich habe für mich keinen Wert darin gesehen, nach meiner Kommunion auch noch gefirmt zu werden. Der Glaube wurde überlagert von den Alltagsproblemen eines Jugendlichen: Schule, Hobbys, Freunde treffen. Eben das Alltägliche, was einen davon abhält, inne zu halten und zu überdenken. In den letzten Jahren ist mir dann immer klarer geworden, dass die Kirche, wieder eine Rolle in meinem Leben spielen soll. Die Kirche und mein Glaube sollen mich in meinem Leben begleiten, und ich möchte diesen vielleicht irgendwann auch an meine Kinder weitergeben. Denn er stellt eine Bereicherung für mich dar und kann auch eine Bereicherung für andere sein.“

Das hat Nils mit großer Überzeugung vor allen in der Kirche gesagt. Es war sein Glaubenszeugnis. Vor den Mitstudierenden, die gekommen waren; vor seinen Freunden von Uni-Chor und dem Kirchenchor, in denen er mitsingt, vor seiner Familie.

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich Nils die Firmung spenden konnte. Ich finde es super, wenn ein junger Erwachsener, der mit zwei Füßen auf dem Boden steht, sich ganz bewusst dafür entscheidet, dass Glaube und Kirche für ihn lebenswichtig sein sollen. Nils hat einen neuen Zugang dazu gefunden – und zwar wesentlich über die Kirchenmusik. Er hat im Kirchenchor mitgesungen und dadurch bewegende Gottesdienste miterlebt. Er hat mir gesagt: „Die Kirchenmusik ist ein verdammt großer Teil dessen, was mich emotional an die Kirche bindet - die Choräle, die Gemeinschaft.“ Dadurch hat er Kirche anders erlebt als früher, und durch die Musik ist auch Gott für ihn neu aufgeleuchtet.

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12FEB2020
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Aufdringlichkeit ist offenbar eine religiöse Tugend. Den Eindruck habe ich, wenn ich in die Bibel schaue. Da wimmelt es von Menschen, die keine Ruhe geben und Gott geradezu lästig fallen, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen: Blinde schreien hinter Jesus her und verfolgen ihn, bis er sich ihnen endlich zuwendet. Aussätzige rücken ihm auf die Pelle, Kranke packen ihn am Gewand. Und was macht Jesus? Er heilt sie nicht nur alle, er bestärkt die Menschen auch noch in ihrer Aufdringlichkeit. Als Beispiel nennt er eine rechtlose, arme Witwe. Die nervt einen gefühllosen und gleichgültigen Richter so lange, bis der aufgibt und für sie Recht spricht. So wie diese Witwe sollt ihr eurem Gott auf die Nerven gehen, sagt Jesus. Denn wenn schon der ungerechte Richter am Ende auf die Witwe hört, um wie viel mehr Gott, der euch liebt.

Doch heute sieht das anders aus. Die Christen von heute lassen ihren Gott in Ruhe, meint der Fernsehjournalist Joachim Jauer. Selbst die Hirten drängen sich Gott nicht auf, sagt der Journalist, sie kümmern sich lieber um die Ausrüstung des schwankenden Kirchenschiffs. Man kann das als vornehme Zurückhaltung werten.

Ich halte diese Zurückhaltung für falsch. Sicher, es gibt Aufdringlichkeit, die ist einfach nur frech und peinlich. Doch die Menschen in der Bibel drängen sich auf, weil sie ein dringendes Anliegen haben. Sie sind blind, krank und elend. Zugleich glauben sie, dass Veränderung möglich ist. Und sie haben ein unbändiges Vertrauen, dass Gott wirklich helfen kann. Deshalb sind sie aufdringlich. „Schaffe mir Recht!“, fordert die arme Witwe vom Richter und lässt nicht nach. Weder Macht noch Rang des Richters beeindrucken sie. So sollen auch wir uns nicht abhalten lassen von der Größe und Majestät Gottes, sondern ihn regelrecht angehen, meint Jesus.

Ich bin sehr für solche biblische Aufdringlichkeit.  Die Menschen in der Bibel haben den Ernst ihrer Lage erkannt. Zugleich halten sie Veränderung für möglich. Und setzen ihr ganzes Vertrauen auf Gott. Sie lassen sich nicht beirren und nicht abwimmeln, sondern bleiben dran und drängen sich auf. Und werden belohnt für ihre Aufdringlichkeit. Ich wünsche mir, dass das auch heute noch gelingt, wenn wir uns mit dringenden Anliegen Gott aufdrängen.

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11FEB2020
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Die Debatte um die Organspende hat es wieder gezeigt: Um kranke Menschen zu heilen und ihr Leben zu retten, sind wir zu äußersten Anstrengungen bereit. Und Medizin und Pflege überraschen uns immer wieder mit Heilungserfolgen.

Zugleich gibt es kranke Menschen, die nicht geheilt werden können. Weil es für ihre Krankheit keine Therapie oder Heilmittel gibt, weil sie auf den Tod erkrankt sind oder Alter, Schwäche und Krankheit eine unheilbare Verbindung eingegangen sind. Oder weil Armut und andere Faktoren Heilung fernhalten. Selbst die Organspende macht deutlich, dass unsere Heilkunst begrenzt ist: Denn sie setzt meist voraus, dass ein Mensch nicht mehr geheilt werden kann, und erst dessen Tod macht die Organspende.

Für religiöse Menschen können dauerhaft, ja unheilbar Kranke eine Herausforderung für ihren Glauben sein, besonders wenn Kinder krank sind. Warum lässt Gott zu, dass Menschen so leiden, warum werden nicht alle geheilt? Ein Priester antwortete mir auf diese Frage: “Warum Gott kranke Menschen heilt, weiß ich: Weil sie kranksind. Aber warum Gott nicht alleMenschen heilt, weiß ich nicht. Doch das wird meine erste Frage sein, wenn ich bei ihm ankomme.“ Nun, da werde ich noch etwas warten müssen.

Für die Zwischenzeit gibt die Bibel einen Hinweis:

Bei den sogenannten Werken der Barmherzigkeit geht es darum, Hungrige zu speisen, Obdachlose zu beherbergen, Nackte zu bekleiden und so weiter. Und es geht auch um die Kranken. Hier heißt es aber nicht, wir sollen die Kranken heilen. Sondern die Bibel empfiehlt: Die Kranken besuchen. Das geht bei allen Kranken, auch bei langfristig oder unheilbar kranken Menschen.  Mit einem Besuch können wir Anteilnahme, Zuneigung und Solidarität ausdrücken. Das ist freilich nicht einfach am Bett eines Schwerkranken oder gar Sterbenskranken. Deshalb gehört zu dieser biblischen Empfehlung eine Hoffnung dazu: Nämlich dass Gott mit am Krankenbett sitzt und den Sterbenden über den Tod hinaus ins Leben geleitet und ihn endgültig heilt. Die Bibel wählt das Bild, dass Gott selbst die Wunden verbindet und alle Tränen abwischt. Mit dieser Hoffnung können wir auch am Bett von Schwerkranken ausharren, selbst wenn wir ihnen medizinisch nicht mehr helfen können.

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10FEB2020
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Ein Gottesdienst hat meinen Blick auf transsexuelle Menschen verändert - also auf Menschen, die ein anderes Geschlecht leben wollen als ihr Körper ihnen vorgibt. Dabei haben mich nicht ein Gebet oder die Predigt beeinflusst, sondern die Frau, die vor mir in der Bank saß.

Die hatte nämlich einen Din-A-4 großen Aufnäher auf ihrem Rücken mit dem Text: Transfrau – was dagegen?

Ich habe mich über diesen Satz geärgert, habe mich provoziert gefühlt. Soll die Frau doch ihre Sexualität leben wie sie will - aber was hat eine solche Provokation in der Kirche zu suchen? Ich gehe ja auch nicht mit meiner Sexualität hausieren.

Doch im Gottesdienst gehen meine Gedanken manchmal eigene Wege. Ich habe mich an einen Brief des heiligen Paulus erinnert, in dem er schrieb: Unter Christen zählen Unterschiede nicht mehr. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus (Gal 3,28). Wenn es aber unter Christen keinen Unterschied macht, ob man Mann oder Frau ist,  wenn sogar der Sklave dem Freien gleichgestellt ist, dann kann es doch auch keinen Unterschied mehr machen, welche sexuelle Orientierung oder Identität ich habe. Denn wir sind alle einer in Christus.

Der Satz auf dem Rücken der Frau erscheint mir jetzt in einem anderen Licht. Ja, das ist eine Provokation, und geschmackvoll ist es sicher nicht. Aber vielleicht ist es eine notwendige Provokation. Gerade in der Kirche. Denn christliche Moral bildet sich ja leicht ein, auch in der Sexualität alles besser zu wissen und worauf es beim Unterschied zwischen den Geschlechtern ankommt. Aber diese Unterschiede stehen für Paulus nicht im Vordergrund, nicht unter Christinnen und Christen.

Das erklärt nicht alles und ist keine direkte Handlungsanweisung. Und natürlich gibt es Unterschiede, mit denen wir angemessen umgehen müssen. Doch vorallen Unterschieden sollte mindestens unter Christen klar sein: Es kommt nicht so sehr auf die Unterschiede an, sondern zu aller erstauf die Einheit, die uns alle verbindet. Deshalb ist es richtig, wenn die Frau in der Kirchefragt: Transfrau – was dagegen? Nein. Denn wir sind alle eins in Christus.

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