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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

08FEB2020
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„Leute, freut Euch, solange es geht! Tut etwas für Euch, ganz bewusst.“ Das hat eine schwerkranke Frau an ihre Freunde geschrieben. Ich habe das in einem Kalender gelesen und mich berührt das, weil ich etwas Ähnliches erlebt habe.

Ich kannte einen Patienten, der schwerkrank viele Monate auf Intensivstation lag. Der hat für seine Frau und Tochter Ideen entwickelt, was Ihnen jetzt gut tun könnte. Und auch Freunde hat er gebeten: „Kommt nicht so oft hierher. Macht was Schönes, geht spazieren, genießt ein gutes Essen, trefft Euch. Und schreibt mir davon, da freue ich mich mit Euch. Das Leben ist doch kurz.“ Dass ein Kranker noch so an Andere denkt! Wo jeder versteht, wenn man jetzt nur an sich denkt. Das hat mich berührt und ich denke: An andere denken –  das kann auch sehr heilsam sein. Allerdings. Einfach ist das nicht! Es kostet oft auch Kraft. Gerade, wenn man ein Kreuz zu tragen hat.

Wenn ich da an Jesus denke: Der starb ja am Kreuz. Aber genau da, vor seinem Tod,  wird vom ihm erzählt, dass er für die neben sich am Kreuz betet. Und: Dass er besonders an seine Mutter und seinen Freund denkt. Ja, er hat überhaupt für die Menschen gebetet, sogar für die, die ihn da ans Kreuz gebracht haben. An Andere denken, wenn es einem selber schlecht geht. Sich selber nicht isoliert betrachten, sondern verbunden mit Gott und Mitmenschen. Und auch mal für Menschen beten, die es mir nicht leicht machen. Ich glaube, das macht den christlichen Glauben aus. Und auch, meinen Mitmenschen Dankbarkeit und Genießen zuzustehen. Denn jetzt ist das Leben, nicht irgendwann.

Der Patient auf der Intensivstation hat vorgemacht, wie man am Ende die Hoffnung nicht verliert. Dass der Augenblick zählt. Und dass noch etwas kommt. Dass unsere Freude hier nur ein Vorgeschmack ist, wenn wir auf Gott vertrauen.

Der Mann lebt nicht mehr. Aber irgendwie ist er noch da mit dem, was er vorgelebt hat. Und ich glaube, jetzt bei Gott, da sagt er auch noch oft genug zu uns: Freut Euch doch, solange es geht. Und habt keine Angst vor dem, was kommt!

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07FEB2020
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Mein Handy kennt Gott nicht. Schade, denke ich. Immer wenn ich Gottes Segen schreiben möchte, und das tue ich hin und wieder – dann macht das Rechtschreibprogramm aus Gottes immer „Göttes“.  Ich kenne „Götte“ nicht. Muss ich auch nicht. Aber sollte mein Handy nicht Gott kennen? Der, von dem ich glaube, dass er alles geschaffen hat?

Mein Handy weiß fast alles über mich, es kennt meine Fotos und weiß, wo ich hingehe und was ich kaufe. Aber es kennt Gott nicht, der für mich doch ganz wichtig ist? Obwohl ich so oft Gottes Segen schreibe, will das Handy  mir  immer noch „Götte“ andrehen. Es ist also doch nicht so allwissend und lernfähig, wie ich dachte. Deshalb überlege ich: Über Künstliche Intelligenz wird viel geredet, viel entwickelt, das ist groß im Kommen. Dabei wird auch über ethische Fragen geredet.  Aber wie ist das, wenn ein Roboter mich später mal pflegt? Solche Fragen sind ja berechtigt.

Ich unterrichte manchmal Schülerinnen und Schülern der Pflegeschule. Wir reden da über Sterben, über Würde und Ehrfurcht vor dem Leben. Wir haben lebhafte Diskussionen, denn jeder bringt Erfahrungen und einen anderen Glauben mit. Da habe ich schon oft gedacht: na, mein Pflegeroboter wird sich über all das kaum den Kopf zerbrechen. Mein Handy kann noch nicht mal das Wort Gott buchstabieren. Wie soll da eine Maschine die Werte, Bedürfnisse und Gefühlen von Menschen erkennen? Die, die nicht programmierbar und schwer vermittelbar sind? Aus der Maschine wird nun mal keine „Menschine“ werden. . Es ist gut, dass Künstliche Intelligenz viel kann und wir werden auf vielen Gebieten damit leben. Mein Handy leistet mir gute Dienste und ein Roboter kann viele Handgriffe abnehmen.

Und doch bleibt es wohl dabei: Auch das menschliche Gegenüber bleibt wichtig. Damit Werte und Ehrfurcht und Würde das Miteinander prägen, braucht es Menschen, von Gott erschaffen. An ihm und der Würde, die er uns schenkt, hängt so viel – und das möchte ich immer wieder neu weitersagen und buchstabieren – ob mit oder ohne Handy.

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06FEB2020
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Leben wir in einer Krisenzeit? Wahrscheinlich, denn das Wort ja taucht ständig auf. Flüchtlingskrise, Krise der Demokratie, Klimakrise – all das ist Standard in den Nachrichten. Da bekommt man die Krise. Auf einmal habe ich das Gefühl: Alles schwierig. Früher war alles besser. Die Zukunft scheint unsicher, manchmal auch durch ganz persönliche Krisen.

Alles Krisenzeit also? Ich weiß nicht. In Deutschland leben wir heute so sicher und so gut wie kaum sonst jemand. Klar, mir macht vieles in der Zukunft auch Sorgen.  Ich sorge mich wegen Intoleranz und Hetze, wegen Ungerechtigkeit. Ich sorge mich um die Umwelt, um einsame Menschen, um Kinder, die in Armut aufwachsen. Eine Krise? Das heißt ins Deutsche übersetzt nichts anderes als Entscheidung. Wendepunkt. Es ist nicht immer nur etwas Negatives, so eine Krise. Es kann einfach heißen: Leute, es ist Zeit, sich zu entscheiden! Krisen gehören zum Leben, immer wieder gibt es Punkte, an denen man sich entscheiden muss. Ich treffe hunderte kleine Entscheidungen jeden Tag: Springe ich aus dem Bett, wenn der Wecker klingelt, oder drehe ich mich nochmals um? Trinke ich noch eine zweite Tasse Kaffee oder reicht eine? Rufe ich an, oder nicht?  Manches kann da auch kritisch sein: Spreche ein unangenehmes Thema an, oder nicht? Reiche ich jemanden die Hand zur Versöhnung – oder nicht? Eine Entscheidung nach der anderen, da bekommt man leicht die Krise. Und weil das so ist, sagt Gott: Ihr könnt Euch an mich wenden, gerade wenn Ihr eine richtige Krise erlebt. Gerade wenn ihr an einem Wendepunkt entscheiden müsst und nicht weiter wisst.

So haben es Menschen immer wieder erfahren: Ich kann mich Gott anvertrauen. Ich kann ihn bitten, dass er mir Vertrauen ins Leben schenkt. Damit ich heute bei allen Entscheidungen, die ich treffen muss, nicht vergesse: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Seine Entscheidung für mich ist längst gefallen.  Er wird mich nicht im Stich lassen, auch nicht in Krisen. Manchmal braucht es Zeit, um das zu sehen. Und um zu sagen: ich will vertrauen und nicht resignieren. Auch eine Entscheidung!

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05FEB2020
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Immer Angst zu haben, das muss die Hölle sein. Ein Freund von mir hat viel Angst. Das macht ihm das Leben schwer. Er versucht es nicht zu zeigen und tut so, als wäre alles in Ordnung. Nur wenigen erzählt er davon. Nun haben ja alle Menschen irgendwann Angst. Der eine mehr, der andere weniger. Angst ist oft auch ein gutes Warnsignal, ein Schutz.  Doch manchmal beherrscht sie einen und macht einen fast ohnmächtig.

Als kleines Kind habe ich mich mal eingesperrt auf der Toilette, ich wollte es machen wie die Großen. Zuschließen. Dann war´s passiert. Ich war zu klein. Ich bekam die Tür nicht mehr auf. Es war sicher nicht lang, aber für mich war es eine Ewigkeit, bis ich raus kam. Natürlich hatte ich danach Angst, das wollte ich nicht nochmals erleben. Noch heute ertappe ich mich dabei, manchmal auf Toiletten nach Fluchtwegen zu schauen oder erst mal ein Schloss auszuprobieren, bevor ich mich einschließe. Ein schmaler Grat zwischen Vorsicht und Angst. Das Leben ist einfacher, wenn ich die Angst im Griff habe und nicht sie mich. In der Bibel ist oft die Rede von Angst. Gott lässt uns immer wieder sagen: „Fürchtet Euch nicht.“

Leider muss ich zugeben: Auch wenn ich Gott vertrauen will, habe ich manchmal zu viel Angst. Aber wie wäre es, wenn die Angst einen Partner bekäme? Nämlich die Hoffnung. Darauf, dass Angst vergehen kann. Dass Ängste zusammenfallen können wie ein Ballon, der Luft verliert. Heute kann ich mich ja getrost auf Toiletten einschließen. Oder eine Freundin kann heute fast angstfrei fliegen, und ein anderer hat es geschafft, trotz Angst vor Hunden einen Hund liebzugewinnen.

Ängste kann man manchmal überwinden. Bis es so weit ist, sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Uns gegenseitig Mut machen, Verständnis haben, manchmal auch Hilfe suchen. Aber wissen: Wenn ich schon nicht immer mutig sein kann, wenn ich schon nicht angstlos bin, so muss ich noch lange nicht hoffnungslos sein. Wenn Gott sagt: „Fürchte Dich nicht!“, dann hat nicht die Angst das letzte Wort. Denn Gott selber steht mir bei gegen die Angst! Das jedenfalls istnmeine Hoffnung.

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04FEB2020
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Meine Oma sagte dazu nur „Die Böse Krankheit“. Das Wort Krebs hat sie nie in den Mund genommen, obwohl sie daran gestorben ist. Wie andere in meiner Familie auch. Aber da war eine tiefe Angst – wenn man das Wort ausspricht, dann ist das nicht gut.

Heute ist Weltkrebstag. Und ich bin froh, dass viele Menschen heute das Wort aussprechen, auch wenn ich Verständnis für die Angst meiner Oma hatte. Doch manchmal ist es gut, Dinge beim Namen zu nennen.

Am 4. Februar 2000 gab es in Paris ein Weltgipfeltreffen gegen Krebs. Und in den zwanzig Jahren seither ist viel geschehen, an Forschung, an Aufklärung, an Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Menschen reden heute über Krebs, auch wenn diese und andere Krankheiten noch lange nicht besiegt sind. Oft fällt es uns auch heute nicht leicht, über bestimmte Krankheiten zu sprechen. Etwa psychische Krankheiten - was soll man da sagen? Und auch körperliche – lieber einen Bogen darum machen, nicht drüber reden, so halten es viele. Aber nur wenn wir reden, können wir Leid und Freude miteinander teilen. Man muss nicht über alles reden - aber manches, was runtergeschluckt wird oder ausgehalten, ist selber wie ein Krebsgeschwür, wie eine Sorge, die heimlich wächst, weil niemand mir zuhört.

Wenn aber Schweigen gebrochen wird, kann etwas geschehen. Durch mitfühlende Fragen, nicht neugierige. Durch wenige Worte, nicht leere. Durch Solidarität. In der Not soll niemand allein sein. Das ist die ursprüngliche christliche Spital- und Hospizidee. „Einer trage des Anderen Last“ – wenn ich und andere diesen biblischen Grundsatz ernst nehmen, dann werden wir zwar nicht alle gesund machen können. Aber es passiert etwas allein dadurch, dass man Zuwendung erfährt. Da ist nicht alle Sorge weg – trotzdem: Einer trage des anderen Last! Das ist es, was wir tun können, wenn die Medizin nicht mehr weiter kann. Und das ist ganz schön viel – mit Gottes Hilfe, der sagt: Wir alle können helfen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Daran hat trotz ihrer Sprachlosigkeit auch meine Oma nie gezweifelt, bis zuletzt.

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03FEB2020
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Manchmal sucht man verzweifelt nach Hilfe. Und oft kommt sie auch, aber unerwartet. So hat es ein Mädchen erlebt, das ich kenne. Und das einmal in einer Situation steckte, wo es bitterlich weinte. Eine Schülerin nach Schulschluss.

Sie weint, weil eine wichtige Tür  verschlossen ist. Vor der Tür sie, weinend, und hinter der Tür das Buch mit den Hausaufgaben, das sie so dringend braucht. Sie ist extra zurückgekommen. Aber zu spät. Die Tür ist zu. Sie weint bitterlich. Wenn sie die Hausaufgaben wieder nicht hat, gibt es Ärger. Gerade erst hat der Lehrer sie ermahnt.

Aber hätte sie nicht hörbar geweint, wäre die Reinemachefrau zwei Stockwerke tiefer nicht auf sie aufmerksam geworden. Und wäre nicht hochgekommen. Eine tränenerstickte Stimme und gebrochenes Deutsch machen es möglich, dass die Frau den Schlüssel hervorzieht. Da ist das Mädchen drin, schnappt sich das Buch, bedankt sich und rennt davon, von Tränen kaum mehr was zu sehen.

Die Frau lächelt. Zu oft hat sie selbst schon vor verschlossenen Türen gestanden. Und für das Mädchen ist sie die Retterin. Auch wenn da keine Flügel zu sehen sind – für das Mädchen ist diese Frau ein Engel.

Verschlossene Türen, darauf treffe ich auch manchmal. Wie oft brauche ich jemanden, der wie ein Engel unverhofft vorbeikommt und mir hilft, mich tröstet, oder mir etwas auftut, was verschlossen scheint. Da ist es gut, wenn jemand etwas davon mitbekommt, was für eine verschlossene Tür mir gerade zu schaffen macht. Die Reinemachefrau konnte nur zur Rettung kommen, weil die Not nicht zu überhören war. Statt alles mit mir auszumachen oder zu denken, da muss ich jetzt durch, ist mir diese Schülerin ein Vorbild.

Ich muss ja nicht alles sagen und nicht über alles klagen. Aber manchmal in einer schweren Situation meine Not sichtbar machen oder hörbar – das kann einen Engel auf den Plan rufen. Weil Gott in Menschen wirkt, die wir oft nicht wahrnehmen. Aber die ein gutes Gehör und ein gutes Gespür haben: Und damit Türen öffnen.

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