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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

01FEB2020
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Heute fliegt er auch bei mir endgültig raus: der Weihnachtsbaum. Ziemlich vertrocknet ist er mittlerweile tatsächlich, aber die Nadeln haben eigentlich ganz gut gehalten am Baum. Ich weiß: Mancher wird jetzt verständnislos mit dem Kopf schütteln. Weihnachtsbaum Anfang Februar? Aber für mich hat das seit Kindertagen Tradition. Weihnachten, das ging bei uns damals bis Lichtmess, bis 2. Februar. Erst dann wurden Krippe, Baum und Lichterketten abgeräumt. Bis heute ist das an vielen katholischen Orten so, zum Beispiel auch auf dem Petersplatz in Rom. Obwohl die Weihnachtszeit in der katholischen Kirche offiziell mittlerweile auch kürzer ist, seit 50 Jahren schon: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil endet sie mit dem Fest „Taufe des Herrn“, am Sonntag nach Dreikönig, dieses Jahr war das der 12. Januar.

Aber ich habe Weihnachten trotzdem dieses Jahr wieder drei Wochen länger gefeiert. An dem Punkt bin ich sozusagen Reformverweigerin. Ich finde es einfach wunderbar, wenn der Weihnachtsbaum im Januar noch lange steht. Wenn die Geschenke und Karten darunter über Wochen zum Stöbern und Schmökern einladen. Wenn mir Mitte Januar noch der Nadelgeruch in die Nase steigt, wenn ich nachhause komme, und die Lichterkette am Baum mein Wohnzimmer in ein wohliges Licht taucht.

Bis Lichtmess leuchtet das Licht der Weihnacht einfach weiter. Und wenn ich mich am 2. Februar dann doch von Weihnachten verabschieden muss, dann geschieht auch das mit einem besonderen Licht. An Lichtmess wird in der katholischen Kirche der Blasiussegen gespendet. Der heilige Blasius hat seinen Tag am 3. Februar, gleich nach „Lichtmess“. Beim Blasiussegen steht der Pfarrer mit zwei in Kreuzform gehaltenen, leuchtenden Kerzen vor mir und spricht: „Der allmächtige Gott schenke dir Gesundheit und Heil. Er segne dich auf die Fürsprache des heiligen Blasius durch Christus, unsern Herrn.“ Ich kann darin die Botschaft spüren: Gott schenkt mir Licht und Heil. Auch nach Lichtmess noch. Mit seinem Licht-Segen will er mich das ganze Jahr wärmen und schützen, an Leib und Seele.

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31JAN2020
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Am Sonntag ist der 75. Jahrestag seiner Ermordung. Alfred Delp wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, kurz vor Kriegsende, wie etliche aus dem Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime. Manchmal denke ich darüber nach: Was wäre wohl gewesen, wenn Menschen wie er überlebt hätten? Wie hätte er unsere Gesellschaft beeinflusst und natürlich auch: unsere Kirchen? Alfred Delp war Priester und Jesuit. In den letzten Wochen vor seinem Tod, im Winter 1944/45 hat er in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel Meditationen und Aufsätze geschrieben. Für mich gehören sie zum Eindrucksvollsten, was ich je kirchlich und geistlich gelesen habe. Kluge und weitsichtige Sätze finden sich darin. Sätze, mit denen man die katholische Kirche auch heute noch verändern, erneuern könnte.

Alfred Delp spricht zum Beispiel von der „Rückkehr der Kirchen in die Diakonie.“ In den Dienst. Er schreibt: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.“ Dienst an den Menschen: Das ist für Delp die größte Aufgabe der Kirche. Die Kirchen sollen den Menschen nicht Vorhaltungen machen, sie sollen ihnen nachgehen und nachwandern „auch in die äußersten Verlorenheiten“, sagt er. Und: Kirche darf keine Monologe halten, sie muss in den Dialog gehen. „Damit meine ich die geistige Begegnung als echten Dialog“, schreibt Alfred Delp.

Die ganze Haltung, die Erscheinungsweise der Kirche muss anders werden: „Weg von der Anmaßung zur Ehrfurcht“, schreibt Delp, „Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber“. Und er erklärt weiter: „Der anmaßende Mensch ist schon in der Nähe der Kirche immer vom Übel, geschweige denn in der Kirche oder gar im Namen der Kirche.“ Was für klare Worte. Ich glaube, das ist die Richtung, in die auch heute Veränderung gehen muss, in der Kirche, aber nicht nur da, auch etwa in der Politik und im Internet: weg von der Anmaßung und hin zu mehr Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber und zu echtem Dialog.

 

(vgl. Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Freiburg 2007)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30233
30JAN2020
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In Frankfurt startet heute eine besondere Versammlung. Rund 250 Katholikinnen und Katholiken kommen zusammen, um über die Zukunft der Kirche in Deutschland zu beraten. Bischöfe und viele Menschen, die sich an unterschiedlichen Orten, in Pfarrgemeinderäten oder kirchlichen Verbänden in der Kirche engagieren. Es ist die Vollversammlung des so genannten „Synodalen Wegs“, und sie tagt zum ersten Mal, drei Tage lang, bis Samstag. Die katholische Kirche muss sich wandeln, sie muss ihre Strukturen überdenken und verändern. Das ist klar, spätestens seit dem Entsetzen über den furchtbaren sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Ich weiß noch, wie ich im September 2018 in der S-Bahn saß und die ersten Zahlen gelesen habe aus der Studie der Bischofskonferenz über die sexualisierte Gewalt in der Kirche. Die Tränen sind mir in die Augen getreten, mitten in der S-Bahn. Wie schrecklich, was da herauskam. Über 3600 Kinder und Jugendliche, die von Klerikern missbraucht worden sind, und über 1600 Täter. Aber schlimm war nicht nur der Missbrauch als solcher. Schlimm war auch: Die Gewalt wurde gedeckt. Bischöfe, Vorgesetzte haben weggeschaut, versetzt und vertuscht, statt sich darum zu kümmern, dass der Missbrauch aufhört und die Betroffenen Hilfe bekommen. Sie haben sich mit den Tätern solidarisiert, nicht mit den Opfern, die sich heute lieber „Überlebende“ nennen. Viele haben sich durch diese Vertuschung noch ein zweites Mal missbraucht gefühlt: weil ihnen nicht geglaubt wurde, ihnen keiner zugehört hat.

Die Studie von 2018 hat auch zum ersten Mal ganz klar gezeigt: Das hat mit Strukturen zu tun, mit Strukturen von Macht und auch von Männlichkeit, mit patriarchalen Strukturen. In Frankfurt wird deswegen über „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ gesprochen und über „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“.

Ich hoffe und bete, dass diese Versammlung des „Synodalen Wegs“ in Frankfurt gut berät und weise entscheidet. Und ich hoffe und bete für die Überlebenden von sexuellem Missbrauch. Dass sie Heilung erleben, Hilfe und Entschädigung bekommen. Und Menschen an ihrer Seite haben, die sie stützen und stärken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30232
29JAN2020
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Silvia Kugelmann ist seit 12 Jahren Bürgermeisterin von dem kleinen Ort Kutzenhausen in Bayern. Beim Neujahrsempfang jetzt im Januar hat sie sich verabschiedet. Sie wird bei der Neuwahl im Frühjahr nicht noch einmal antreten. Sie wurde in ihrem Amt bedroht, ihr Auto wurde mit Katzenkot beschmiert, ein Nagel wurde in ihren Autoreifen gerammt. Sie sagt dazu: „Wenn Sie so angegriffen werden und die große Mehrheit schweigt, dann ist der Platz an diesem Schreibtisch sehr einsam.“[1]Silvia Kugelmann ist leider kein Einzelfall. Land auf, Land ab werden Kommunalpolitiker*innen bedroht und angegriffen.

Daraufhin ist in diesen Tagen oft der Appell zu hören: „Die Gesellschaft muss zusammenstehen!“ Ja, sicher. Aber wie sieht das konkret aus?

Ich glaube: Damit unsere Gesellschaft zusammensteht braucht es Werte, an denen ich im Alltag mein Handeln orientiere. So ein Wert ist z.B. der Respekt. Ich als Christin glaube: Gott hat jeden Menschen einzigartig geschaffen, daher verdient jeder und jede per se meinen Respekt. Und wenn sich Menschen in öffentlichen Ämtern wie der Kommunalpolitik einbringen, verdienen sie auch dafür meinen Respekt und meine Dankbarkeit. Denn sie leisten da immer auch für mich einen Dienst. Vieles muss organisiert werden, damit das Leben in Dörfern und Städten funktioniert. Natürlich kommt es vor, dass ich anderer Meinung bin. Dann steht es mir frei, meine Argumente dazu sachlich einzubringen. Nur rummaulen und beschimpfen ändert nichts. Es führt nur zu schlechter Stimmung.

Für das Zusammenstehen ist es zudem wichtig, füreinander einzustehen. Dazu gehört: Die Person, die beleidigt oder angegriffen wird, macht dies öffentlich. Und ich schweige nicht dazu, sondern zeige mich offen solidarisch.

In ihrer letzten Rede hat Bürgermeisterin Kugelmann bedauert, dass diese Werte leider aus der Mode gekommen seien.[2]

Ich glaube, es wird Zeit, dass jeder und jede diese Werte mit dem einsetzenden Frühjahr wieder aus dem Schrank holt und sichtbar macht.

 

[1]https://taz.de/Kommunalpolitiker-werden-bedroht/!5655160/ (Zugriff: 2020-01-14)

[2]Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Silvia-Kugelmann-verabschiedet-sich-mit-Appell-id56448651.html

 (Zugriff: 2020-01-15)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30237
28JAN2020
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Vor einigen Tagen sitze ich im Café. Am Nachbartisch kratzt eine Mutter den Zuckerguss vom Möhrenkuchen ihrer Tochter ab. Ich muss unweigerlich grinsen, denn in dem Kuchen wird vermutlich auch Zucker drin sein. Die Mutter sieht mein Grinsen und sagt: „Zucker ist nicht gesund!“ Und sie ergänzt: „Nicht für die Zähne und vor allem ist Zucker nicht gesund für die Seele!“ Diese Aussage verblüfft mich so sehr, dass mir gar keine Antwort dazu einfällt. Natürlich weiß ich, dass zu viel Zucker für den Körper nicht gesund ist. Aber, dass Zucker für die Seele nicht gesund ist, ist mir neu. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Das Gegenteil ist der Fall! Zucker ist für mich manchmal ein wahrer Seelentröster: er hilft bei Liebeskummer, Prüfungsstress und Winterblues.

Irgendwie bleibe ich aber an dem Satz hängen: Was ist denn eigentlich gesund für meine Seele?

Die Frage ist ungewohnt. Schließlich funktioniert mein Alltag eher nach „ich soll“ und „ich muss“. Ich bin eingebunden in Beziehungen und Abläufe. Oft muss ich einfach funktionieren. Was mir als Person guttut, steht eher selten zur Diskussion.

Wenn ich aber darüber nachdenke, fallen mir als erstes zwei Bereiche ein, die mir immer guttun: Dazu gehört meine Familie, die mich liebt und mir Halt gibt, gerade wenn es um mich herum sehr turbulent ist. Und meiner Seele tut das Gefühl gut, dass ich als Seelsorgerin etwas Sinnvolles tue. So auch wenn ich bei Beerdigungen Menschen auf ihrem letzten Weg begleite, den Angehörigen zuhöre oder auch mit ihnen bete.

Und dann kommt mir noch ein dritter Gedanke: Meiner Seele tut es gut, ab und an etwas nur für mich zu machen. Wo ich nicht die Erwartungen Anderer erfüllen muss. Wo ich etwas tue, das mir einfach Freude bereitet. Bei mir sind das die Bienen. Klar ist meine kleine Imkerei auch mit viel Arbeit verbunden, aber es gibt Momente purer Freude. So zum Beispiel an diesem ungewöhnlich warmen Januartag: Mittags fliegen viele Bienen vor ihren Stöcken in der Sonne. Ich setze mich vorsichtig zu ihnen und beobachte sie. Prompt landet eine Biene auf meiner Hand. Einige Augenblicke sitzen wir zusammen da. Dann fliegt sie weiter.

Solche Momente braucht meine Seele auch, sie tun ihr gut. Denn meine Seele kann nicht nur funktionieren und hetzen, meine Seele muss auch gefüttert werden. Selten mit Zucker, aber oft mit Liebe, Sinn und Freude.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30236
27JAN2020
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„Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher.“[1] Ich stolpere über diesen Satz. Er findet sich in einem Beitrag des Journalisten Heribert Prantl. Prantl zitiert dabei die jüdische Philosophin Hannah Arendt. Der Satz klingt pessimistisch, aber wenn ich mich momentan in unserer Gesellschaft umschaue, gewinne ich manchmal tatsächlich den Eindruck: Man ist nur noch auf dem Mond vor Antisemitismus wie auch vor Rassismus und Hass sicher. 

Besonders bedrückend klingt der Satz aber heute, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Von den Zuständen dort berichten bis heute die wenigen Menschen, die die organisierte Massentötung überlebt haben. Dazu gehört die 95jährige Ester Bejarano. Sie kommt mit 18 Jahren nach Auschwitz. Sie überlebt, weil sie einen Platz im Mädchenorchester bekommt. Dieses Orchester ist eine perfide Einrichtung der Nazis. Sie missbrauchen die Mädchen und die Musik für ihre Todesmaschinerie. Ester Bejarano meldet sich als Akkordeonspielerin, obwohl sie eigentlich nur Klavier spielen kann. Im Rückblick sagt sie dazu:[2]

„Dann mussten wir dort stehen und spielen, wenn diese Züge ankamen. Das waren Personenzüge. […] Die Fenster waren geöffnet, die haben uns zugewunken. Die haben gedacht: Naja, wo es Musik gibt, da kann es ja nicht so schlimm sein. […] Wir haben geweint, wir haben mit Tränen in den Augen gespielt, hinter uns stand die SS mit ihren Gewehren, wenn wir nicht gespielt hätten, hätten sie uns abgeknallt. Das war eine Situation, die also für mich jedenfalls das Schlimmste war, was ich dort erlebt habe. 

Dieser Zeitzeuginnenbericht geht mir unter die Haut. Und im Wissen um diese Schicksale kann und darf der Satz „Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher“ nicht hingenommen werden. Heribert Prantl fordert stattdessen sinngemäß: Wenn das so ist, dann muss der Mond auf die Erde geholt werden![3] Dazu gehört, wachsam zu sein und den Mund aufzumachen: Unrecht benennen und für Recht eintreten. Frieden und Sicherheit fallen schließlich nicht von Himmel, sondern hängen von jeder einzelnen Person in unserer Gesellschaft ab.

 

[1] Heribert Prantl, Braune Mörder. Ein Blick in den Abgrund des Versagens, in: Harald Roth (Hg.), Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten, München 2014, 237-248, 248.

[2] Begegnungen mit Christopher Hoffmann und mit Ester Bejarano, vom 27.01.2019. Manuskript unter: https://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&autor=227&offset=50 (Zugriff: 2020-01-20).

[3] Vgl. Prantl, ebd.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30235