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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18JAN2020
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Zehn Gläubige müssen zusammenkommen, wenn ein jüdischer Synagogengottesdienst stattfinden soll. Diese Regel geht zurück auf eine Geschichte der Hebräischen Bibel, die für mich zu den aufregendsten der Heiligen Schrift gehört.

Das Buch Genesis erzählt, wie Gott beschließt, die Städte Sodom und Gomorra zu vernichten. Feuer und Schwefel sollen vom Himmel regnen, weil ihre Bewohner gottlose Sünder sind. Ihre Verkommenheit ist sprichwörtlich: „Zustände wie in Sodom und Gomorra!“

Gott informiert den frommen Abraham über die geplante Vernichtung. Abraham reagiert entsetzt. Er denkt dabei auch an seinen Neffen Lot und dessen Familie, die als rechtschaffene Bürger in Sodom leben. „Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?“ (Gen 18,23), so fragt er Gott vorwurfsvoll. Und er macht ihm einen Vorschlag: „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt? Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten in ihrer Mitte?“ (Gen 18,24)

Gott willigt ein. Aber Abraham gibt keine Ruhe. Er kann nicht glauben, dass Gott Menschen kollektiv straft. Was, wenn es 45 Gerechte sind? Oder nur 40? 30? 20? Wieder gibt Gott nach. Bis auf 10 Gerechte kann Abraham ihn herunterhandeln. „Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen.“ (Gen 18,32) Das ist die rote Linie.

Die Kühnheit Abrahams ist beispiellos. Er findet sich nicht einfach mit dem göttlichen Urteil ab. Er fordert den Allmächtigen heraus. „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (Gen 18,25), so hakt Abraham nach.

Diesen Einspruch Abrahams nannte der israelische Schriftsteller Amos Oz, „den ruhmreichsten Moment der (…) jüdischen Geschichte“ und „die wunderbarsten Worte der ganzen Bibel.“1

Der Gott Israels lässt sich auf den Handel mit Abraham ein. Gott und Mensch begegnen sich auf Augenhöhe! Sodom und Gomorra werden am Ende zwar trotzdem zerstört; Lot und die Seinen aber, offenbar die einzigen Gerechten, können sich retten.

  

1: Oz, Amos: Die Kraft des Zweifels. In: Herder Korrepondenz 7/2017, S. 13

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17JAN2020
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„Wäre der Mensch Gottes Abbild, dann müssten die Tiere Atheisten sein.“

Diese Einsicht stammt von dem Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti.

Der Umgang des Menschen mit den Tieren gehört sicher zu den dunkelsten Seiten der Gattung Mensch! Wegen des Raubbaus an der Natur waren seit dem Verschwinden der Dinosaurier noch nie so viele Arten vom Aussterben bedroht wie heute. Und dann die industriell betriebene Massentierhaltung! Kühe, Schweine, Hühner, zusammengepfercht in seelenlosen Fabriken. Kostengünstig muss es zugehen. Mehr, schneller, billiger. Das allein zählt. Mitgefühl für die von Gott gewollten Geschöpfe? Fehlanzeige!

Das alles sind keine neuen Erkenntnisse. Aber es gibt gerade unter Christen auch eine bemerkenswerte Gegenbewegung. Überall – auch in unserem Land – richten verantwortungsbewusste Tierfreunde sogenannte „Gnadenhöfe“ ein. Dort nehmen sie Nutztiere auf, die eigentlich für die Schlachtbank vorgesehen waren, dazu geschundene Kreaturen, die von ihren Haltern vernachlässigt oder gequält wurden. Auf dem „Gnadenhof“ verleben Pferde, Kühe, Schweine, Schafe oder Ziegen einen artgemäßen „Ruhestand“, bis sie eines natürlichen Todes sterben.

Aber auch die herkömmlichen Tierheime gehen neue Wege, um Mensch und Tier zusammenzubringen. So können Interessierte zum Beispiel regelmäßig mit Hunden spazieren gehen. Immer mehr ältere und alleinstehende Menschen nutzen diese Möglichkeit, um etwas gegen ihre Einsamkeit zu tun. Als Mieter dürfen sie ja oft keine Hunde halten. Das Gassigehen mit einem geliebten Vierbeiner ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Die Hunde freuen sich über den sonst nicht möglichen Auslauf, die Menschen über Abwechslung und die Nähe und Dankbarkeit der Tiere.

Meist sind es kleine Schritte wie diese, die unser Verhältnis zu den Tieren verbessern. Denn noch immer gilt der Auftrag Gottes, den Garten Eden und seine Geschöpfe zu bewahren.

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16JAN2020
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„Gott wohnt nicht in der Kirche, aber man kann dort besonders gut an ihn denken.“1 So hat es ein vier Jahre altes Mädchen einmal ausgedrückt. Kein Theologe hätte das treffender sagen können!

Gewiss, an Gott denken kann ich auch außerhalb eines Gotteshauses. Viele Zeitgenossen finden Ruhe und Besinnung in der Natur: bei einem Spaziergang im Wald, am Flussufer,am Strand oder bei einer Tour durch die Berge.

Aber vielen gläubigen Menschen geht es so wie dem kleinen Mädchen: Im Kirchenraum fühle ich mich meinem Gott besonders nahe. Und dieses Gefühl der Nähe ist nicht an die Mitfeier des Gottesdienstes gebunden. Oft empfinde ich die Geborgenheit des Ortes noch viel deutlicher, wenn ich allein in der Kirche bin. Das mystische Halbdunkel des Raums, das wärmende Licht der Kerzen, der manchmal noch wahrnehmbare Duft des Weihrauchs , das alles nimmt mich gefangen.

Und dann die Stille, die mich zur Ruhe kommen lässt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob ich in einem mächtigen Dom sitze, in einer Dorfkirche oder in einer kleinen Kapelle. Ich spüre die atmosphärische Dichte des Raums. Woher kommt sie? Vielleicht sind es die unzähligen Gedanken und Gebete, die von den Gläubigen über Generationen an diesem Ort zum Himmel geschickt wurden? Mag sein.

Mir ist natürlich bewusst, dass Gott mir überall auf der Welt nahe sein kann. Aber ich weiß auch: Ich bin nicht überall derselbe. In einer Kirche – im Haus Gottes – fällt es mir leichter, „an ihn zu denken“ – so wie es das kleine Mädchen gesagt hat.

Und so wird der Kirchenraum zu einem Rastplatz für die Seele, zu einem Ort der Begegnung mit dem, der doch so unendlich weit über Raum und Zeit hinausreicht. 

 

1: zit. nach: Goecke-Seischab, Margarete Luise/Harz, Frieder: Der Kirchenatlas. München, 2008, S. 9

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15JAN2020
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Es ist eine Anekdote, die sich um die erste Eisenbahnfahrt in Deutschland rankt. Im Jahr 1835 hat sie stattgefunden. Damals gab es Leute, die eindringlich vor dem neuen Verkehrsmittel gewarnt haben. Die enorme Geschwindigkeit, so meinten sie, könne der Mensch überhaupt nicht ertragen. Wohlgemerkt: Der erste Zug fuhr rund 30 Stundenkilometer schnell. Doch weil schon damals die Faszination der Geschwindigkeit überwog, blieben die Warnungen eine Anekdote. Der Wunsch nach immer mehr Tempo hat sich bis heute nicht verändert. Inzwischen kann ich im ICE mit 300 Sachen zwischen Städten hin- und her rasen. Ich kann auch morgens in Frankfurt frühstücken und am Abend schon in Südafrika einen Cocktail trinken. Und von dem Tempo, mit dem im Netz Informationen und Bilder rund um die Welt jagen, ganz zu schweigen. Klar, das irre Tempo verbindet uns Menschen wie noch nie zuvor.

Doch vielleicht hatten die verschrobenen Mahner vor 185 Jahren in einem Punkt ja doch Recht. Wenn ich zurückdenke, dann habe ich nämlich alles, was mir auch Jahre später noch tief im Gedächtnis geblieben ist, langsam gemacht. Meistens auf Wegen, die ich zu Fuß gegangen bin. Schritt für Schritt in meinem Tempo. Nur dann kann ich den Duft einer frisch gemähten Wiese in mich aufnehmen. Den Gesang von Vögeln. Den warmen Wind zwischen den uralten Olivenbäumen in Griechenland. Wenn immer mehr Menschen heute die alten christlichen Pilgerrouten wiederentdecken, dann suchen die meisten von ihnen wohl genau das. Im langsamen Vorankommen, Schritt für Schritt, erst meine Umwelt und dann auch mich selbst wieder wahrzunehmen. Und im besten Falle dabei auch etwas von Gott zu erahnen. Das ist schwer in atemloser Raserei.

Ich bin sicher, wir werden in Zukunft noch höhere Geschwindigkeiten sehen und zweifellos auch vertragen. Um nicht krank zu werden braucht es dann aber zwischendurch umso dringender die Entschleunigung. Immer wieder mal. Mit einem Tempo, bei dem auch meine Sinne mitkommen dürfen.

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14JAN2020
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Ich lebe offenbar  in „traumhaften“ Zeiten. So kommt es mir mitunter vor, wenn ich in bunten Magazinen blättere. Mit dem Traumauto geht es da zum Traumschiff. Das bringt uns auf einer Traumreise zu Traumzielen rund um die Welt, wo wir es uns an Traumstränden gut gehen lassen können. Bei so viel Traum kann es einem schon schwindelig werden. Nur mit den echten Träumen, die mich im Schlaf besuchen, haben diese Wunschphantasien in der Regel leider so gar nichts zu tun.

In den Träumen der Nacht tobt nämlich das konkrete Leben. Und das kommt zumindest bei mir weder in Hochglanz noch in bunten Pastelltönen daher. Erlebnisse aus meinem Alltag, die nachts wieder hochkommen, sich vermischen und ein Eigenleben entwickeln. Dinge, die mich viel tiefer bewegt haben, als ich mir eingestehen wollte. Anstehende Entscheidungen, die mich umtreiben und mich auch noch im Schlaf beschäftigen. Und das, was mich verstört und belastet hat, taucht vielleicht als Albtraum ungebeten wieder auf. Doch es ist irgendwie immer mein konkreter Alltag der sich in meinen echten  Träumen spiegelt.

In den Geschichten der Bibel spielen die Träume indes noch eine andere, oft ganz wichtige Rolle. Als eine Art Kontaktstelle zwischen den Menschen und Gott. Da ist zum Beispiel der Pharao in Ägypten. Im Traum bekommt er die Eingebung, wie sich eine große Hungersnot im Land verhindern lässt. Oder Josef, der Vater Jesu. Auch er ein großer Träumer. Erst im Traum wird ihm bewusst, dass er auf der Reise mit Maria und dem Jesuskind eine andere Route einschlagen muss, um seine kleine Familie nicht in Lebensgefahr zu bringen. Die Erfahrung der biblischen Menschen, die sich in diesen Geschichten wiederspiegelt und die mir als Anregung zum eigenen Nachdenken dienen kann: Gott redet nicht mit lauter Stimme aus dem Off, wie ein Regisseur im Fernsehen. Er lässt sich eher im Unterbewussten vernehmen. Lässt mich vielleicht auch mal ziemlich ratlos zurück. Dann kann es sinnvoll sein, mit vertrauten Menschen nochmal über seine Träume zu reden.

Vor allem aber wird nicht jeder nächtliche Traum gleich eine Botschaft aus dem Himmel sein. Eher im Gegenteil. Doch diese Möglichkeit grundsätzlich offen zu halten, das finde ich dann doch ziemlich spannend.

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13JAN2020
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Es war ein Jahr zum Schämen, das vergangene Jahr 2019. Zumindest erscheint es mir so im Rückblick. Ich konnte mich schämen, wenn ich mal wieder mit dem Auto gefahren bin, statt die Bahn zu nehmen. Ich konnte mich bei jeder Scheibe Wurst schämen, die ich mir abends aufs Abendbrot gelegt habe. Und vom Schämen beim Flug an den Urlaubsort mal ganz zu schweigen. Schließlich hätte ich ja auch in Deutschland Urlaub machen können. Wahrscheinlich gab es fast keinen Tag, an dem ich mich nicht irgendwann mal schämen konnte. Zugeben, es gibt dafür tatsächlich gute Gründe, die sich nicht so einfach vom Tisch wischen lassen. Angesichts schmelzender Gletscher, brennender Wälder und dem Verschwinden so vieler Pflanzen- und Tierarten. Schuld daran ist auch unsere Art zu leben. Und weil sich daran auch in diesem Jahr wohl kaum etwas ändern wird, kann ich auch dieses Jahr wieder jeden Tag sagen: Schäm dich!

Dennoch glaube ich, dass man es nicht übertreiben darf. Vor allem: Dass nicht ständig die einen mit dem Finger auf die Anderen zeigen und ihnen sagen sollten, sie sollen sich was schämen. Man kann Menschen nämlich auch be-schämen. Und das ist nie gut. Ich glaube vielmehr, dass manche schon was ändern würden, wenn sie nur könnten. Wer gerade so mit seinem Geld über die Runden kommt, wird sich kaum ein modernes E-Auto leisten können. Und wer im tiefsten Hunsrück lebt, wird auch morgen nicht die Bahn nehmen, weil dort einfach keine fährt. Wir wissen eigentlich längst, dass wir was ändern müssen, weil wir sonst unsere Zukunft ruinieren. Unsere und die unserer Kinder. Und wer weiß, dass er ständig etwas macht, das nicht in Ordnung ist, der wird sich dafür im besten Fall auch schämen. Vielleicht ja nur ein bisschen und still und heimlich, aber das reicht schon - als ständige Mahnung und Anstoß.

Mich also still schämen und trotzdem weiter dran arbeiten, meine eingefahrenen Gewohnheiten zu ändern. Schritt für Schritt. Das wäre schon mal was. Und damit könnte ich auch schon heute beginnen.

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