Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

11JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Gott sei Dank! – Es war nur ein Traum.“ Mit diesem Gedanken sind Sie vielleicht auch schon aus dem Schlaf geschreckt. Oft geht es in den Albträumen um die Angst, zu versagen.

Ich bin Pastorin und mein typischer Albtraum ist: Ich habe einen Gottesdienst vor mir - oder noch verheerender: eine Beerdigung - und meine Predigt ist weg! Ich suche und suche, und gerate immer mehr unter Druck - und am Ende stehe ich mit leeren Händen da, und weiß nicht, was ich sagen soll...

Wie gut, dass man aus solchen Albträumen immer irgendwann erwacht. Es gibt allerdings auch Albträume, aus denen gibt es kein Erwachen. Im letzten Sommer ist mein Computer abgestürzt. Ich hätte ich mir so sehr gewünscht, es sei alles nur ein böser Traum... Ich hab mich sogar gekniffen. Aber es hat nichts genutzt: Mein Computer ist in echt abgestürzt.

Und alles, was ich in den acht Wochen zuvor erarbeitet hatte, war weg; unwiederbringlich verloren. Der Computer hatte schon länger nichts mehr abgespeichert - und ich hab´s nicht bemerkt... Ein komplett ausgearbeiteter Gottesdienst - weg, und sieben Rundfunkan-dachten. Ausgedruckt hatte ich auch nichts... Und die Zeit war knapp.

Ich war erstmal fertig mit der Welt. Ich hab mich ins Bett gelegt und geheult. Ich wusste nicht einmal mehr meine Themen... Alles war weg - auch in meinem Kopf. - Vielleicht ist Ihnen was in der Art ja auch schon mal passiert?

Was mir dann geholfen hat: Ich musste mir keinen einzigen dummen Spruch anhören. Das ist enorm wichtig! Denn es hilft kein bisschen weiter, wenn einem dann auch noch jemand erklärt, wie doof man doch ist; und wie leicht man das alles hätte verhindern können...

Und: die Anteilnahme der anderen, die hilft. Da konnte ich - wie nach einem bösen Traum - wieder zu mir kommen; und es mit der Realität aufnehmen. Die verlorenen Gedanken sind teilweise zurück-gekehrt. Und ich habe den Albtraum noch mit knapper Not in den Griff bekommen. Gott sei Dank!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30044
10JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Ein Junge weint nicht“, hat man früher gesagt; das hat als „unmännlich“ gegolten. - Und ich bin froh, dass wir dieses Denken weithin überwunden haben: Auch Männer dürfen heute Gefühle zeigen.

Aber: wirklich immer und zu jeder Zeit? - Ist das gut? Ich erlebe auch Situationen, da sind Menschen mit den Gefühlsausbrüchen anderer überfordert. Vor allem in Grenzsituationen.

Ich denke z.B. an eine Patientin, die ich im Krankenhaus besucht habe; weit über achtzig und schon sehr geschwächt. Als ich das Zimmer betreten habe, war die ganze Familie an ihrem Krankenbett versammelt. Deshalb wollte ich gar nicht groß stören; nur kurz „Hallo“ sagen und gleich wieder verschwinden...

Aber die alte Dame hat mich an ihr Bett gewinkt. Ich trete näher, und sie winkt weiter, bis ich ganz dicht an ihrem Gesicht bin. Da flüstert sie mir ins Ohr: „Bitte, schicken Sie alle raus!“

Ich bitte die Angehörigen, uns für einen Augenblick alleine zu lassen. Dann setze ich mich zu ihr. Und sie erzählt, was sie auf dem Herzen hat: „Ich ertrage das nicht länger, wie sie alle weinen,“ sagt sie.

„Meine Söhne sind doch längst erwachsen und haben selber Kinder! Und ich bin schon so alt – da ist es doch normal, dass man geht. Aber die weinen, als würde die Welt untergehen. Wie soll man da in Ruhe sterben können?“

Diese Frau hätte sich gewünscht, dass ihre Angehörigen sich mit ihren Gefühlen zurücknehmen. Die vielen Tränen haben sie belastet. Sie war ja schon viel zu schwach, um ihre Angehörigen auch noch zu trösten...

Damit sind die meisten Sterbenden überfordert. Sie sehnen sich nach einem ruhigen, friedlichen Umfeld. In dem die Uhren etwas langsamer ticken. Und alles etwas gedämpfter zugeht. Auch die Gefühlsäußerungen.

Und ich glaube: Das ist zu machen. Man kann ja vor dem Besuch am Krankenbett weinen, wenn einem danach ist. Und hinterher. Aber manchmal ist es wichtig, den Tränen Einhalt zu gebieten: Aus Liebe zu denen, die gerade einen schweren Weg vor sich haben, und Menschen um sich brauchen, die ihnen beistehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30043
09JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Du musst positiv denken!“ Das höre ich oft, im Krankenhaus. Die Angehörigen und Freunde sagen das zu ihren Kranken, wenn sie nieder-geschlagen sind: „Du musst positiv denken!“

Sicher, sie meinen es gut. Sie möchten den Kranken so gerne wieder aus dem Loch rausholen, in dem er sich gerade befindet! Das Dumme ist nur: ich habe noch kein Mal erlebt, dass das wirklich funktioniert hätte... Im Gegenteil: Oft sehe ich, wie sich die Kranken nach so einem Satz enttäuscht abwenden. Oder widerwillig abwinken und sagen: „Bitte, erspare mir solche Sprüche!“

Wie kommt das? Die meisten Kranken im Krankenhaus fühlen sich ohnmächtig in ihrer Situation; sie haben Angst vor dem, was kommt und oft sind sie verzweifelt.

Und wenn dann einer kommt und sagt: „Du musst positiv denken!“, dann ist das für sie wie ein Schlag ins Gesicht. Denn sie haben das Gefühl: Die da draußen haben überhaupt nicht verstanden, wie es in mir aussieht! Und jetzt wollen die mir auch noch erklären, wie ich mich zu fühlen habe: positiv... – Kein Wunder, dass die Kranken sich wehren..

Denn: Gefühle lassen sich nun mal nicht auf Kommando verändern. Und schon gar nicht von außen. Gefühle wollen erst einmal anerkannt und verstanden werden. - Auch die Angst und die dunklen Gedanken: Was kommt auf mich zu? Wird es gutgehen? Und was, wenn nicht...?

Solche Gedanken sind weder falsch noch richtig. Sie gehören einfach dazu. Das ist der Weg der Seele, mit den Dingen umzugehen, die sich unserer Macht entziehen... Es hilft enorm, wenn die anderen das zulassen. Und die Kranken so akzeptieren - oder ertragen - wie sie gerade sind.

Die Situation verstehen und anerkennen, dass der Kranke etwas Schlimmes durchmacht - das ist ein großer Trost. Wenn er oder sie spürt: Ich darf so sein mit all meinen Gedanken und Gefühlen. Und niemand bewertet das. Dann fühlen sie sich verstanden. Und wenn wir uns verstanden fühlen, das hilft.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30042
08JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Sternsinger sind wieder da. Haben Sie schon welche gesehen? Sie ziehen gerade um die Häuser. Sie sind die Bettler vom Dienst. Kommen im Namen des Herrn. Kalte Nasen, heiße Herzen. Gekrönte Häupter mit Stern und Stil. Sie sind um Gottes Willen seine besten Hausdurchsucher.

Aber sie kommen nur mit guten Absichten. Sie sammeln nämlich für arme Kinder, die zwischen Krieg und Frieden hin und hergerissen in Armut leben. Im Libanon. Dorthin soll diesmal das gesammelte Geld fließen. Sie tun das, weil die Weihnachtsgeschichte der Bibel sie begeistert. Denn da wird von 3 Sterndeutern berichtet, die dem Jesuskind Geschenke bringen. Sie haben nämlich einen Stern gesehen.

Und der war so aufsehenerregend, dass sie ihre Kamele gesattelt haben und auf die Suche nach dem neuen König von Israel gegangen sind. Denn so haben sie das Himmelslicht gedeutet. Ihnen ist sternenklar:
Es muss da einen neuen lichterloh strahlenden König geben.

Und wo sucht man einen neugeborenen König? Am Königshof natürlich. Und der ist in Jerusalem. Also klopfen sie dort an. Beim amtierenden König Herodes. Wollen nicht ihm, sondern dem neugeborenen König huldigen. Aber Fehlanzeige. Kein neuer König da. Nur ein Alter. Und der sieht auf einmal ziemlich alt aus.

Und da kann man schon ahnen, dass mit Weihnachten eine heilige eilige Zeit angekommen ist, in der sich alle Herrscher und Mächtigen mächtig beherrschen müssen.

Denn: Ein neuer Stern geht auf. Für die, die sich für Stars halten ganz schön bedrohlich. Endlich gibt es einen Stern, der leuchtet für die, die ein Schattendasein führen müssen ist Licht in Sicht!

Er stellt die Welt der Großen auf den Kopf. Und deshalb ziehen die Sternsinger bis heute vorbei. Und singen und sammeln und segnen. Der Rest steht in den Sternen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30041
07JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jetzt sind sie wieder unterwegs. Die Sternsinger. Jungen und Mädchen ziehen in diesen Tagen durch Straßen und Gassen als Laufmasche des lieben Gottes und singen und sammeln für arme Kinder im Libanon.

Die leben dort im Unfrieden und leiden ganz viel Not. Das ist die größte Solidaritätsaktion, die Beine macht. Katholisch verantwortet, ökumenisch gelebt. Und sie bezieht sich auf die Geschichte der Weihnacht, die vom Stern von Bethlehem erzählt.

Das ist ein ganz komischer Komet gewesen, der um die Zeit von Christi Geburt 3 Sterndeutern am Nachthimmel aufgefallen ist. Und was sie da gesehen haben, das war schon eine Sensation. Man nennt es auch Konjunktion.

Was bedeutet, dass da 2 Sterne einander so nahe gekommen sind, dass sie für das menschliche Auge wie ein einziger Schweif ausgesehen haben. Und diese beiden Sterne sind nicht irgendwelche gewesen. Es waren nämlich Jupiter und Saturn. Also ganz große. Kein Wunder, dass man die angehimmelt hat. Zumal der eine, Jupiter als Königsstern bezeichnet wird und der andere, der Saturn als Israelstern.

Wenn die beiden sich also da oben im 7. Himmel küssen, dann kann das nur etwas ganz Großes bedeuten. Nämlich: Dass es bei den Juden einen neuen König gibt. Das hat Gott also so an den Himmel geschrieben, wie es seine Art ist, vom Himmel hoch. Und so sind die Sterndeuter mit deutlicher Deutekompetenz schließlich aufgebrochen zum Königskind.

Dass sie es allerdings umgeben vom bescheidenen Charme eines Stalles angetroffen haben, mag ihnen schon ein Rätsel geblieben sein. Heute wissen wir mehr. Heute wissen wir, dass genau dieser Judenkönig gekommen ist, um für die Menschenkinder da zu sein, die es bitter nötig haben. Und deshalb machen die Sternsinger weiter bis heute und sammeln für Kinder in Armut.

Was mir übrigens an den Sterndeutern besonders gut gefällt ist, dass sie nicht die Köpfe hängen lassen, sondern Ausschau halten und himmelweit vom Resignieren entfernt sind. Also Kopf hoch, ihr Sternsinger!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30040
06JAN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute starten sie wieder. Die Sternsinger. Seit 1959 gibt es diese große Aktion schon. Das ist so ziemlich das Größte, was sich die Kirche je ausgedacht hat. Es sind rund 300 000 Kinder auf den Beinen. Sie sammeln bei Wind und Wetter fleißig Geld für andere arme Kinder.

Kinder machen immerhin 1/3 der Weltbevölkerung aus. Und sehr vielen geht es nicht gut. Viele leiden unter dem, was sich Erwachsene antun. Sie hungern, sind arm, auf der Flucht, ohne Ruhe und Frieden.

So wie seit Jahren im Libanon, wo diesmal das Geld hingehen soll. Verkleidet als Könige ziehen sie durch die Straßen und wer will, kann ihnen die Tür öffnen und sich besuchen lassen. Das sind die sympathischsten Hausiere aller Zeiten. Sie tragen einen Stern mit sich und erinnern so an die Weihnachtsgeschichte der Bibel.

Da wird nämlich erzählt, dass es 3 Könige aus dem Morgenland gab, die am Nachthimmel einen einzigartigen Stern gesehen haben, der sie zum Jesuskind im Stall zu Bethlehem geführt hat. Dem haben sie dort Gold, Weihrauch und Mhyrre geschenkt.

Das sind wahrhaft königliche Gaben, die schon darauf hindeuten, dass dieses arme Kind in der Krippe einmal ein ganz Großer werden wird. Ja, dass er selber mal ein König sein wird.

Darum hatten sie auch zuerst am Königshof in Jerusalem nachgefragt. Aber da wusste man von Nichts. Die wirklich wichtigen Dinge passieren manchmal außerhalb der Zentren der Macht. Eher innerhalb der Zentren der Ohnmacht im Stallgeruch der Armseligkeit. Das sagt schon alles darüber, was er vorhat mit diesem Kind.

Und deshalb sind die Sternsinger auch genau die richtigen Nachfolger dieser Drei. Sie verlängern die Bescherung, die im Stall bei Ochs und Esel stattgefunden hat bis zu uns hier und heute.

Was für eine herrliche Sache. Und wenn Sie sie in ihrer Straße kommen sehen, winken sie freundlich und wenn s geht, lassen sie sie nicht vorübergehen. Denn Sternsinger sind eigentlich Engel. Engel mit Stern. Sternstunde ist also, wenn sie vor ihrer Haustür stehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30039