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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

14DEZ2019
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Advent ist eine wertvolle Zeit – eigentlich.
Advent ist Fastenzeit – eigentlich.
Advent ist Warten auf Weihnachten – eigentlich.
Advent ist innere Vorbereitung – eigentlich.

Deshalb habe ich einen Seminartag ausgeschrieben um das auszuprobieren. Ich habe viele Rückmeldungen bekommen. Aber kaum Anmeldungen. Dabei haben viele gesagt: „Oja, so einen Tag, wenigstens einen wünsche ich mir im Advent.“ Die Ausschreibung hat viele Menschen angesprochen. Aber nur wenige hatten am Ende Zeit dafür. Teilgenommen haben dann 8 Menschen. Immerhin und für uns war es sehr gut. Aber ich fand es auch schade, weil so viele andere es nicht möglich machen konnten – obwohl sie ja wollten.

Ja, der Advent ist eine eilige Zeit geworden, dabei war sie mal eine heilige Zeit der Vorbereitung. Ein Richtungsweiser auf das „Eigentliche“. Immerhin feiern wir an Weihnachten, dass Gott zur Welt kommt!

Aber ich glaube klagen ist der falsche Weg. Ein Bekannter von mir hat beschlossen was zu unternehmen – mitten im Adventsstress. Jeden Morgen steigt er 10 Minuten früher aus dem Bett und geht jeden Abend 5 Minuten früher ins Bett. Das bekommt er gut hin. Für Morgens hat er sich ein Buch gekauft mit 24 Geschichten. Mit denen beginnt er den Tag. Sie haben etwas Nachdenkliches – aber meist auch etwas „Wärmendes“. Abends im Bett lässt er den Tag Revue passieren und schaut auf alles, wofür er dankbar sein kann. Dann freut er sich oft schon ein bisschen auf Weihnachten. Seit er das macht – sagt er – hat er „Einkehr“ gefunden – auch im Advent.

Ich bewundere Ihn dafür. Für ihn ist wirklich Advent geworden und er wartet auf das „Eigentliche“ an Weihnachten. Er bereitet sich vor und erlebt es nicht als zusätzlichen Stress. So müsste es sein – eigentlich. Aber das kann man doch schaffen – sagt mein Bekannter. Und ich finde: er hat eigentlich Recht!

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13DEZ2019
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Wo ist ihr Sehnsuchtsort? Der Ort, an den Sie sich träumen, wenn Sie mal weg möchten? Ich habe einige – je nach Jahreszeit variieren sie. Zurzeit wäre es wieder Griechenland – Wärme, Sonne – und irgendwie entspannter.

Auf der Suche nach meinem Sehnsuchtsort habe ich eine Andacht von Tiki Küstenmacher gelesen. In seiner Drei-Minuten-Bibel beschreibt er eine Frau, die ebenfalls auf der Suche ist. Deshalb ging sie zu einem Therapeuten. Sie bekam von ihm die Aufgabe, sich bewusst zu werden, was sie sich wünscht. Nach kurzer Zeit – so beschreibt der Therapeut, fing sie an zu weinen.

Sie sagte: „Das, was ich wirklich empfinde, ist, dass die Dinge zur Zeit wirklich in Ordnung sind. […] Ich glaube ich will nicht mehr, als ich im Augenblick habe. Ich fühle Dankbarkeit“ Ich merke immer wenn ich das lese, wie sehr mich diese Geschichte berührt.

Denn auch ich merke, dass mein Sehnsuchtsort ganz nahe ist. Es ist meine Familie. Egal wohin ich mich träume sie ist dabei. Es geht mir also wohl gar nicht um einen anderen Ort – sondern vielmehr um Zeit mit meiner Familie – um Familienzeit.

Seit ich für mich diese Entdeckung gemacht habe, versuche ich wieder bewusster Zeit mit meinen Lieben zu verbringen – dann kann auch mal das Küche aufräumen wegfallen, wenn wir stattdessen alle zusammen etwas spielen oder auch zusammengekuschelt einen Film schauen.

Gerade jetzt im Advent wünsche ich mir mehr Zeit für die gemeinsame Einkehr. Wir zünden dann den Adventskranz an, manchmal singen wir ein Lied. Danach erzählt jeder von seinem Tag. Diese kurzen Inseln der gemeinsamen Zeit machen für mich Advent aus.

Natürlich wäre es jetzt in einer warmen Gegend schön – aber alles was ich will und brauche habe ich bei mir und dafür bin ich dankbar. Und wie ist das mit Ihrem Sehnsuchtsort?

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12DEZ2019
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Freiheit – ein großes Wort. Freiheit – sie ist mir sehr wichtig. Aber: Das Wort „Freiheit“ kann für unterschiedliche Menschen sehr Unterschiedliches bedeuten.

Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich letztes Jahr im Advent in Ghana – einem Land an der afrikanischen Goldküste – einen Kollegen aus Südkorea traf. Er war vor drei Jahren mit seiner Familie nach Ghana gezogen, um dort in einer Schule Computerbildung für Menschen aus ländlichen Gegenden zu ermöglichen.

Wir tauschten uns über das Projekt aus und ich habe ihn gefragt, wie es für ihn und seine Familie sei, in Ghana zu leben. Seine Augen leuchteten auf. „Hier erlebe ich Freiheit!“ - Mein Erstaunen konnte er wohl an meinen Augen ablesen, und er hat ergänzt:

„Weißt du, in Südkorea schaut jeder genau, was der andere tut: es geht früh morgens los, sogar die Kinder sind schon ständig damit beschäftigt: gut in der Schule sein, ein Instrument lernen, Leistung bringen, vorankommen –das ist bei uns das Wichtigste und alle ordnen sich unter. Hier in Ghana ist das anders“, hat der Kollege gesagt:

Meine Kinder gehen zur Schule, lernen, machen ihren Schulabschluss und trotzdem können sie nachmittags spielen und wir haben dennoch Zeit als Familie. Gerade jetzt in der Adventszeit bin ich sehr dankbar dafür. Diese Freiheit habe ich in Südkorea nie erlebt.“

Ich war sehr erstaunt. Ich fand immer, dass ich in Ghana sehr genau beobachtet wurde. Es war wichtig, sich so zu verhalten, wie es erwartet wurde. Ich habe mich dort sehr unfrei gefühlt.

Wie anders hat das mein Kollege gesehen. Freiheit hat für ihn bedeutet etwas mehr Zeit zu haben und weniger Bildungsstress als in Südkorea. Er wollte in Gemeinschaft leben und Zeit für andere haben – ohne immer das Gefühl zu haben etwas falsch zu machen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Freiheit beginnt für ihn schon da, wo ich mich noch bedrückt und eingeengt fühle.

Freiheit. Ein großes Wort, über das es sich lohnt, ab und zu neu nachzudenken. Vielleicht gerade auch jetzt im Advent.

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11DEZ2019
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Heute vor 56 Jahren, am 11. Dezember 1963, hatte der Film Winnetou I in den deutschen Kinos Premiere.

Er spielt in den schönsten Landschaften des ehemaligen Jugoslawien. Winnetou, der Häuptling der Apachen, und sein deutscher Freund Old Shatterhand, Pierre Brice mit schwarzen und Lex Barker mit blonden Haaren, reiten Seit an Seit in den Sonnenaufgang, neuen Abenteuern entgegen.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Deshalb fielen die Kritiken vor 56 Jahren sehr unterschiedlich aus: Ein Feld-, Wald- und Wiesentaumel von ergötzlicher Freudigkeit, sagte damals der eine Kritiker; etwas hölzern in der Darstellung, meinte der andere. Worüber nicht zu streiten ist: inmitten des kalten Kriegs zwischen Ost und West, im eskalierenden Vietnam-Krieg setzen die beiden Helden auf Versöhnung und Frieden. Sie sind Krieger, die keinen Krieg wollen. Schüsse fallen nur zur Verteidigung. Und nur ungern ballt Shatterhand seine Schmetterfaust. Stattdessen wollen sie Hände reichen und die Friedenspfeife. Natürlich kann man einwenden: so edel und gut und geradeheraus ist doch kein Mensch. Ja, zugegeben, und trotzdem: ich finde, das ist schon beeindruckend, wie die beiden, ohne von ihrem Weg nach rechts oder links abzuweichen, für Verständigung eintreten. Unerschütterlich versuchen sie den Satz der Bibel umzusetzen: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Rö 12, 21).

Über drei Millionen Zuschauer sind damals in die Kinos gekommen. Ein riesiger Erfolg für einen deutschen Western. Und ich denke mir heute: Was im Kinosessel richtig ist, kann im echten Leben nicht ganz falsch sein: Sind wir bereit für das Abenteuer Frieden? Wollen wir losziehen und Neuland entdecken: Gewalttätern mutig entgegentreten, energisch Versöhnung stiften, das große Ziel des Zusammenlebens aller niemals aus den Augen verlieren? Am besten geht das, wenn man nicht allein ist. Und wer sich die Hauptrolle nicht zutraut, lieber in der zweiten Reihe statt in der ersten steht – es gibt ja auch wichtige Nebenrollen. Der treue Begleiter Old Shatterhands, Sam Hawkins zum Beispiel, wenn ich mich nicht irre.

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10DEZ2019
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Heute will ich, wie früher die Sesamstraße, einen einzelnen Buchstaben vorstellen, den fünfzehnten Buchstaben unseres Alphabets. Genauer gesagt den Laut, für den dieser Buchstabe steht. Kein knarzendes „k“, kein skeptisches „e“, kein angewidertes „i“, sondern das O. Eine runde Sache! Als Laut funktioniert das O nur, wenn ich mich öffne. Also meinen Mund aufmache. Das, was mir wichtig ist, nicht in mich hineinfresse, sondern herauslasse.

Ein kurzes O drückt Überraschung aus. „O“ mache ich, wenn etwas geschieht, mit dem ich nicht gerechnet habe.Ein langes „O“ zeigt Staunen, wenn ich etwas besonders Schönes bewundere.Und dann gibt es noch ein drittes O. Es kommt ein wenig gepresst daher, nicht ganz so entspannt. Kein Wunder, denn dieses O wartet. Es wartet voller Sehnsucht. Das ist das O für alle diejenigen, denen die Zeit lang wird. Zum Beispiel: O, wann kommt denn jetzt endlich der Zug! – Ein O für den Bahnsteig ist das, wenn man darauf wartet, dass endlich der Zug mit der Liebsten oder dem Liebsten einfährt. Weil man dann wieder zusammen ist. Weil man sich erst dann komplett fühlt. Weil man ein anderer Mensch ist, wenn man spürt, dass man geliebt wird. – Aber dann hat der Zug auch noch wie üblich Verspätung. O nein!

Dieses O kommt auch in ziemlich vielen Adventsliedern vor. Zum Beispiel: O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Das ist so ähnlich wie auf dem Bahnsteig. Ich warte, dass der Heiland kommt, der mich so nimmt, wie ich bin. ich warte auf einen, der mich versteht. Einen, der mich liebevoll ansieht, auch meine Schwächen und Fehler. Und der gerade so das Beste aus mir herausholt.

Darauf warten und hoffen Menschen nicht nur im Advent. Da aber besonders, meine ich. Denn da ist immer wieder von diesem Heiland zu hören, der einem manchmal ganz unvermutet begegnet. In einem freundlichen Menschen. Oder durch jemanden, der mich braucht. Deshalb ist die kürzeste Art und Weise um Advent zu feiern und sich das Warten zu verkürzen: ein sehnsüchtiges „O“.

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09DEZ2019
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Eines nehme ich mir im Advent auf gar keinen Fall vor: endlich ruhiger zu werden und in die Stille zu gehen. Ehrlich gesagt, mich macht es im Gegenteil eher unruhig, wenn ich auf Kommando besinnlich sein soll.

Klar ist es im Advent hektisch, es ist ja auch viel zu tun und vorzubereiten. Und solange an Weihnachten Gottes Sohn auf die Erde kommt, solange Weihnachten Weihnachten ist, solange wird das auch so bleiben. Deshalb will ich das auch gar nicht ändern. Im Gegenteil, dieses Jahr will ich sogar noch etwas mehr tun. Das Problem ist doch nicht, dass ich zu viel mache und mich dabei verliere. Sondern dass ich oft nicht die richtigen und wichtigen Dinge mache. Die sollten Vorrang haben.

Aber was ist richtig und wichtig? Diese Frage stellt sich vielen ja auch zum Jahreswechsel, wenn es um gute Vorsätze für die kommenden zwölf Monate geht. Der Vorteil des Advents gegenüber den guten Vorsätzen für’s neue Jahr: die sollen für das ganze Jahr gelten und machen dann ein schlechtes Gewissen, wenn man nicht durchhält. Aktuell bleiben im Advent nur noch zwei Wochen bis Weihnachten. Das ist überschaubar. Ich habe mir drei Dinge vorgenommen:

Erstens. Wenigstens einmal selbst Plätzchen backen. Und mir dabei nicht in Gedanken auf die Finger hauen, wenn ich zwischendurch Teig nasche und keine zehn Sorten hinbekomme. Aber zum Backen jemanden einladen. Weil es dann viel mehr Spaß macht und die Arbeit leichter von der Hand geht.

Zweitens. Wenigstens einmal für eine gute Sache spenden. Etwas abgeben von dem, was ich habe. Noch habe ich keine Ahnung und keine Vorstellung, wie viel das dann konkret sein wird, aber ich will es tun. Ich werde mich schlau machen und wie St. Martin aufmerksam bleiben, welche Not mir vor die Füße gelegt wird. Wo ich helfen soll und möchte.

Drittens. Wenigstens einmal in dem fantastischen Adventskalender „Der andere Advent“ lesen. Der ist mittlerweile ein richtiger Verkaufsschlager und ich habe ihn jedes Jahr auf dem Tisch liegen. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich drin lese. Das will ich dieses Jahr unbedingt tun.

Wenn ich’s mir recht überlege, soll es diesmal ein anderer Advent werden. Nicht unbedingt mit weniger Hektik, sondern mit den richtigen Sachen, die ich anpacke.

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