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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

30NOV2019
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Ein Anfang soll rote Backen haben, wie ein Apfel. So heißt es. Der Anfang einer Geschichte etwa kann rote Backen haben, dann liest man gerne weiter. Ich habe ein Jahr im Studium nur Anfänge gelesen von Romanen. Das wollte der Professor. Klar konnten wir auch das ganze Buch lesen. Aber es ging um die Anfänge. Das ist mir hängengeblieben. Wie ein Erzähler die Geschichte anfängt ist wie eine Tür, durch die man gerne hineingeht oder eher zögert.

Morgen schlagen Christen ein neues Kapitel auf. Ein neues Kirchenjahr beginnt. Viele machen Türen von Adventskalendern auf, Musik und Geschichten haben Hochkonjunktur. Auch die sind so etwas wie rote Äpfel. Wie eine Tür, die sich öffnet. Allerdings muss ich gestehen: ich vergesse das oft. Oft finde ich diese Tür nicht, fühle mich eher von der Zeit überrumpelt: Schon wieder Advent!  Schade, wenn ich diese Zeit an mir vorbeirauschen lasse, wenn Musik um mich her dudelt, ohne dass ich wirklich hinhöre, oder wenn ich die einladende Tür vor lauter Arbeit oder Vorbereitungen nicht sehe. Manche haben in diesen Wochen mehr Stress als sonst. Manche meinen, es geht nur um Geschenke. Manche spüren mehr als sonst, wie alleine sie sind.  Es ist nicht für alle schön im Advent. Aber – ich glaube, es liegt  ein bisschen auch an mir, ob ich auf eine offene Tür hoffe. Ob ich selber in mir für Gott eine Tür öffne. Damit ER ankommen kann in mir. Das ist doch viel wichtiger als all der Trubel draußen und auch größer als meine Sorgen.

Ich weiß noch, wie ich als Kind die erste Tür am Adventskalender gefeiert habe, die war ganz besonders. Es war schwer zu warten, aber der Anfang war wunderbar. Mit dem Adventskalender haben meine Eltern mir eine Freude gemacht, eine Tür geöffnet. So kann ich es auch machen: Anderen die Tür öffnen, dass sie offener für Gott und ihre Mitmenschen werden. Dass sichtbar wird: Gott wird Mensch und auch wir können anfangen, menschlicher zu werden. Kleine Schritte, große Wirkung. Wie ein Apfel, der rote Backen hat! Und wie wenn ich ein Buch anfange mit dem Vertrauen: Was so anfängt, birgt noch viel Gutes.

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29NOV2019
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Gibt es Wunder? Viele sagen: Daran glauben nur Kinder, wie an den Weihnachtsmann. Aber ich habe jetzt wieder eines erlebt. Ein Wunder. Ein Kind, von dem alle überzeugt waren, dass es stirbt. Doch es lebt. Die kleine Hanna. Schon vor der Geburt hing ihr Leben am seidenen Faden. Dann schaffte sie es – bis es wieder ganz kritisch wurde. Ich wurde gerufen, um sie zu taufen – also Gottes Segen zu erbitten, auch wenn mit allem gerechnet werden musste. Hanna überlebte, was niemand gedacht hatte, sie ist nicht gesund, aber gibt nicht auf. Unglaubliches hat das Team in der Klinik geleistet, vor allem aber auch ihre Eltern, die nie aufhören zu hoffen, die ganze Familie. Ein Wunder, dass sie noch lebt. Natürlich kann ein aufgeklärter Mensch sagen: Kein Wunder: Die moderne Medizin macht vieles möglich. Da widerspreche ich nicht.

Aber egal, worin das Wunder besteht: Darin, dass die kleine Hanna nicht aufgab. Oder darin, dass Menschen wunderbare Fähigkeiten haben, so hilfreiche Medizin zu entwickeln. Oder darin, dass Menschen so lieben wie Hannas Eltern. Vielleicht all das zusammen. Ich bin jedenfalls fest überzeugt, dass ich ein Wunder erleben durfte.

Hanna wird an Weihnachten einige Monate alt sein, ein anderes Kind, neugeboren, bringt an Weihnachten auch ein Wunder in unsere Welt. Jesus Christus, der zwar nicht im Brutkasten lag, aber in der erbärmlichen Krippe sich durchschlagen musste. Der hat uns im Laufe seines Lebens so manches Wunder gelehrt. Nicht zuletzt, dass wir nie aufhören sollen, auf Wunder zu hoffen, selbst, wenn irgendwann tatsächlich der Tod kommt. Gott hat immer noch etwas für uns zur Hand. Gottes Wirken als Wunder - das macht den Advent aus. Dass sich was ändert in einer Welt, die oft genug ein Wunder braucht. Oder in meinen Leben, wo ich manchmal keine Ahnung oder keine Kraft habe und denke – wie wird alles werden?

Vielleicht ist Advent die Zeit, wieder auf ein Wunder zu hoffen. Ein wunderbares erstes Adventswochenende wünsche ich Ihnen!

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28NOV2019
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Eine große Holzleiter. Sie steht in meinem Zimmer, alt ist sie und ziemlich robust. Um zum offenen Dachboden zu gelangen, braucht man sie. Und diese Leiter erinnert mich an „oben und unten“. Etwas, was Menschen oft als Kategorien verwenden: der ist oben, jener ist unten.

 Das kann sehr problematisch sein – sind denn die unten weniger wert? Die, die Leiter nach oben nicht finden, es nicht hoch schaffen?   Und die, die oben sind,  die erfolgreich sind,  die was erreicht haben, die scheinen auf Andere herabzublicken.  Wenn doch alle auf Augenhöhe wären, wäre vieles einfacher. Manche denken auch: Gott ist da oben. Blickt der also auch auf mich herunter?

Dabei heißt es in den biblischen Schriften immer wieder, dass das gar nicht so ist mit dem „oben und unten“. Dass Gott eigentlich viel näher ist als wir denken. Dass wir vor ihm alle gleich sind, er uns alle gleich liebhat. Da gibt es kein „oben und unten“.  Anders als wir Menschen macht er ernst mit der Augenhöhe.

Jakob, von dem die Bibel erzählt, hat das erlebt. Er war unterwegs, auf der Flucht, es ging ihm nicht gut. Da hat er von einer Leiter geträumt. Er ist gar nicht hochgestiegen. Das war gar nicht nötig. Er hat allerdings Engel gesehen! Also Wesen, die unser „Oben und Unten“ überbrücken. Die uns helfen, wieder aufzublicken, wenn wir am Boden liegen, so wie Jakob.  Als es Jakob schlecht ging, war das für  ihn eine wunderbare Stärkung. Und er hat im Traum Gottes Stimme gehört, der von der Leiter her ihm versprochen hat: Ich bin bei dir, wo immer du auch bist. Ich glaube: Mit dieser Stimme im Ohr und im Herzen kann ich mich geborgen fühlen, egal, ob ich im Leben gerade ein Hoch oder einen  Tiefpunkt erlebe. Gut, wenn Menschen auf Augenhöhe mir die Hand reichen und mir helfen, wenn ich es brauche. Und gut, wenn ich immer wieder offen werde für Gottes Stimme, die mir näher ist, als ich ahne. Die Leiter in meinem Zimmer, die ist für mich eine schöne Erinnerung daran, dass es mit Gott an der Seite Hoffnung gibt, egal, ob oben oder unten.

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27NOV2019
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Das Klima hat sich verändert. Ich meine aber das Klima unseres Zusammenlebens. Vor einigen Jahren hätte ich nie geglaubt, dass so etwas kommen kann. Dass Juden wieder Angst vor Anschlägen haben müssen, dass Morddrohungen gegen Politiker kein Einzelfall sind, dass der Ton niveaulos und gewaltbereit ist. Ich hätte nicht geglaubt, dass ein Geschäftsmann, den ich kenne, hier in Mainz an einem Morgen seinen Laden nicht aufschließt. Warum? Weil jemand auch ihm gedroht hat. Nur, weil er vom Aussehen her wohl nicht nur deutsche Vorfahren hat.

Das Klima hat sich verändert. Unser Zusammenleben ist anders, jeder spürt das. Und darüber müssen wir genauso reden wie über CO2- Emissionen und Regenwald.

Dabei müsste das Klima in unserer Gesellschaft sich nicht verschlechtern. Die Zehn Gebote, das Grundgesetz, die Würde des Menschen, Demokratie. Wir haben doch eine Grundlage, die diese vergiftete Atmosphäre verhindern will. Aber es ist eines nötig: dass ALLE sich daran halten! Und mehr noch: Dass wir  nicht schweigen, sondern offen sagen, was gar nicht geht.

Ob Hassbotschaften oder verletzende Sprache, ob Gewalt gegen Einsatzkräfte oder Diskriminierung von Fremden: Null Toleranz lautet hier die Devise.

Ein Kind, das ich bei einem Notfall-Einsatz erlebte, hat gesagt: „Warum machen Erwachsene das: warum helfen die den Krankenwagenleuten nicht, sondern stören die?“ Ja, wenn wir unseren Kindern oder Enkeln nicht erklären können, warum der Ton gerade so ist, wie er ist; warum Erwachsene nicht das Gute suchen, sondern die Lage schwieriger machen, was dann? Es gibt Montagsdemonstrationen, es gibt Fridays for Future – vielleicht bräuchten wir noch Mittwochskundgebungen für ein gutes Zusammenleben.

Gegen die Klimaveränderung in der Gesellschaft. Und es gibt ja Menschen, die trotz Morddrohungen noch Politik machen, die als Einsatzkräfte Menschenleben retten.  Die im Internet Gutes verbreiten und sich aussprechen gegen Hass. Da habe ich großen Respekt! Das Gute suchen, dazu ruft nicht nur die Bibel auf. Versuchen wir es, jeden Tag wieder neu. Für diese Klimaverbesserung ist es nie zu spät!

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26NOV2019
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Was ist die größte Angst heutzutage? Dass mein Handy-Akku leer ist. Das habe ich neulich zugespitzt in einem Vortrag gehört. Und viele haben verständnisvoll genickt. Zum Teil war das als Scherz gemeint, klar: Die meisten Menschen haben ganz andere Ängste und ernsthafte Sorgen. Aber es gibt viele, die sich wie amputiert fühlen, wenn ihr Handy leer ist. Abgeschnitten, unvollständig. So beschreiben das manche. Und in der Arbeitswelt hört man oft: Ohne Handy geht gar nichts.

Gott sei Dank sind wir auch noch Menschen, jenseits von Handy und Internet, brauchen zum Leben kein W-Lan, keine Steckdose und keine App. Trotzdem kann sich das mit dem leeren Akku sehr schlecht anfühlen. Aber eben nicht nur beim Handy.

Ein leerer Akku kann sogar gefährlich sein, wenn ich an meinen inneren Akku denke! Der kann auch leer sein. Dummerweise haben wir da keinen Warnhinweis, da blinkt und piept nichts. Manchmal gibt der Körper ein Signal, Kopfweh oder schlechten Schlaf. Aber das kann man ja übergehen. Bis der Akku ganz leer ist. Und dann?

Besser ist’s, ans Aufladen rechtzeitig zu denken. Aber - wie fülle ich meinen inneren Akku? Da gibt es so Einiges. Ich erinnere mich an den Sommer. Nicht nur mancher Spaziergang und mancher Sonnenstrahl tat mir gut. Eine kleine Auszeit im Kloster, das war Aufladezeit. Da habe ich die Reserven auffüllen können und mich beschenkt gefühlt. Oder im Alltag – frische Luft schnappen im Herbst, etwas Gutes schmecken, eine heilsame Musik hören. Einen lieben Menschen treffen, oder Gott begegnen, indem ich auf sein Wort höre, mich in Geschichten vertiefe. Ein Gebet. All das sind gute Auflademöglichkeiten, die ich täglich nutzen kann, ganz umsonst.

Es wird trotzdem manchmal wiederkommen, das Gefühl, dass ich zu lange gelaufen bin, ohne Stopp zu machen, oder dass ich mich ausgelaugt fühle. Dass halt der Akku fast leer ist. Aber ich kann mir bewusst machen, was mir gut tut. Gott schenkt mir so viel Gutes, und das alles kann ich für meinen Akku nutzen. Also, nicht vergessen, heute rechtzeitig aufzuladen! Bestimmt gibt es etwas, was auch Ihnen heute ganz besonders gut tut.

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25NOV2019
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„Zeit ohne Ende scheinen die zu haben!“ schimpft eine Frau, die meiner Tochter und mir nach der Klimademonstration über den Weg läuft. Sie ist total aufgebracht:„-…diese Jugend“! "Ich sag Ihnen", fährt sie fort, "die würd ich gerne alle mit ins Altersheim nehmen. Da sollten die ihre überschüssige Zeit verbringen. Was man da erlebt! Leute, für die niemand Zeit hat. Das ist doch dringend. Irgendwann leben die nicht mehr, dafür sollten die ihre Zeit nehmen, nicht für's Klima!“, schimpft sie und fährt auf ihrem Fahrrad davon, bevor wir etwas erwidern können.

Ich hätte schon gerne etwas gesagt. Etwa, dass ich froh bin, dass junge Leute uns wachrütteln. Dass ich mich angesprochen fühle, wenn sie mir die rote Karte zeigen dafür, dass ich zu sorglos mit unserer Umwelt umgehe, dass wir umdenken müssen. Aber mit der anderen Sache, denke ich, da hat sie irgendwo auch Recht. Es gibt Bereiche, wo sich auch was ändern muss, und die wir übersehen, und dazu gehören belastete Menschen, die nicht laut auf sich aufmerksam machen.

Aber wie wäre das denn: Das eine tun, aber das andere nicht lassen? „Wie das?“ – fragen Sie sich jetzt vielleicht. „Ich habe ohnehin keine Zeit. Was soll ich denn noch alles machen?“

Ich kann nicht die Welt retten. Schon gar nicht allein. Aber ich kann etwas für das Klima tun UND für den Menschen neben mir, das glaube ich schon. Mal ein, zwei Stunden weniger Bildschirmzeit in der Woche oder etwas anderes weglassen, das bringt Zeit für einen Menschen, der mich braucht. Die Bibel kennt das jedenfalls nicht, dieses Entweder - Oder. Sie hat im Sinn, dass wir die Schöpfung bewahren und Unrecht benennen. . Aber auch da sind für Menschen, die Hilfe brauchen. Jetzt akut– in ihrer Einsamkeit oder dort, wo tatsächlich landunter ist. Auch das heißt:  Den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das eine tun und das andere nicht lassen. Weil Zukunft und Gegenwart wichtig sind, Schöpfung und die Geschöpfe, und weil es gut ist, dass manche Menschen beides im Blick haben. Sollten wir dafür keine Zeit haben? ALLES hat seine Zeit, sagt die Bibel. Wenn das nichts ist!

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