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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02NOV2019
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0,75 PS Leistung, wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, Höchstgeschwindigkeit 16 Kilometer pro Stunde, Verbrauch 10 Liter auf 100 Kilometer.

Dieses Auto würde ich nicht kaufen. Viel zu langsam. Und erst der Verbrauch! Wer hat sich denn so was ausgedacht? Carl Benz war’s. Sein Patent Motorwagen Nummer 1 bekam heute vor über 130 Jahren sein Patent. Das war die Geburtsstunde des Autos. Mit einem Dreirad begann die Motorisierung auf den Straßen.

Ich finde Benz‘ Leistung beeindruckend. Auch wenn sein erster PKW heute auf einer Automobil-Ausstellung nicht mehr mithalten könnte und Automobil-Ausstellungen insgesamt nicht mehr so hoch im Kurs stehen.

Benz war ein Tüftler, ein Erfinder, und immer ging es um praktische Lösungen. So rühmte die Mannheimer Zeitung damals an seinem Automobil, dass es „ohne viele Umstände in Gebrauch gesetzt werden kann“. Weniger umständlich ausgedrückt: Einsteigen und losfahren. Pferde anspannen überflüssig. Dass am Anfang noch der Sohn des Erfinders nebenher laufen musste, um immer wieder Benzin aus der Apotheke nachzufüllen – geschenkt. Das war ein Problem, über das man nachdachte und für das es dann eine Verbesserung und eine Lösung geben musste.

Auch wenn wir heute Autos nicht mehr so euphorisch betrachten aufgrund ihrer Klimabilanz, mich stimmt die Geschichte von Carl Benz zuversichtlich: In Sachen Verkehr und Auto geht noch was. Es braucht Kreativität und Ausdauer. Und es braucht sicher noch viel mehr als früher Teams, die „wir“ sagen und von Menschen und Gott gefördert werden. Gerade von Gott, der unsere Erde auf Zukunft angelegt hat und uns Hände gegeben hat, um Probleme anzupacken. In einem alten Gebet wünscht sich einer: Unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände. (Psalm 90,17) Das steht in einem der biblischen Psalmen. Vielleicht gibt es dann einen würdigen Nachfolger für den Patent-Motorwagen Nummer 1, gut für unsere Erde, klimafreundlich, innovativ und seiner Zeit voraus. Von Menschenhand gemacht, gefördert von Gott.

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31OKT2019
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Ein feste Burg. Heute Abend wird dieses Lied in vielen evangelischen Kirchen wieder gesungen. Ein feste Burg ist unser Gott. Das Lied von Martin Luther schmettere ich immer ganz laut mit. Obwohl: Dieses Jahr weiß ich noch nicht so recht. Obwohl Kirchenlieder singen zuversichtlich und fröhlich macht. Und manchmal besser ist als die schönste Predigt. Ich bin nachdenklich, weil ich einen Satz von Dietrich Bonhoeffer im Kopf habe, dem Pfarrer und Widerstandskämpfer, den die Nazis kurz vor Kriegsende ermordet haben. Der hat gesagt: Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen, also alte fromme Lieder.

In einer Welt, in der nicht alles wunderbar ist, kann es eben nicht bei Singen wie vor fünfhundert oder tausend Jahren bleiben. Denn wir haben Anteil an dem, was geschieht. Bonhoeffer hat zu seiner Zeit erlebt, wie in Deutschland die Juden ermordet wurden. Und er sagt allen, die zufrieden damit sind, wenn sie ihre Lieder singen können: Irgendwann ist Singen nur noch bequem. Es kommt der Zeitpunkt, da kommst Du mit Harmonie und Wohlklang nicht weiter. Da musst du schreien. Da siehst Du zum Beispiel in diesen Tagen die Tür der Synagoge in Halle vor Dir. Diese unscheinbare Tür mit den Einschusslöchern, die der Attentäter nicht aufbekommen hat. Du denkst an die verängstigten Menschen hinter der Tür und an die Ermordeten draußen auf der Straße.

Das ist kein Moment, um vierstimmig Kirchenlieder zu singen. Sondern Zeit, die Stimme zu erheben, laut zu werden, richtig laut und schrill. Ein Schrei über Menschenverachtung und über fehlende Ehrfurcht vor dem Leben anderer Menschen.

Heute ist Reformationstag und es gibt eine Menge Gottesdienste. Ich finde: nur wer für die Juden schreit, darf auch Ein feste Burg singen. Dann darum geht es an diesem Tag. Um das Leben und das Glück aller Menschen, das Wohl der Gemeinschaft. Es geht nicht um das Wohlbefinden der Kirche. Das hat damals schon Martin Luther so gesagt. Kirche darf sich nicht selbst feiern, wenn Not am Mann ist. Das Leben der anderen soll nicht von einer Tür abhängen. Oder von Polizeiwachen am Eingang. Damit wir miteinander leben können, sollen wir laut und deutlich dafür eintreten, was geht und was nicht.

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30OKT2019
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Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt deutscher Bundeskanzler. Und wie das immer ist bei einem Regierungswechsel, im Parlament gibt es eine Regierungserklärung. Vorhaben werden dargestellt. Absichtserklärungen abgegeben, das Profil im Unterschied zur alten Regierung geschärft. Aber man muss auch auf Mehrheitsfähigkeit achten. Ausgewogenheit kann nicht schaden. Ich habe die Rede Brandts einmal nachgelesen. Klingt größtenteils in heutigen Ohren nicht sonderlich spektakulär, sondern eher solide.

Aber dann ist das dieser eine Satz: Wir wollen mehr Demokratie wagen. – Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Es bestimmt alle Angelegenheiten eines Staates, seine Angelegenheiten, selbst. Es hat einen Anspruch darauf, umfassend informiert zu werden. Das Volk soll mitdiskutieren und mitentscheiden. Dazu muss es einbezogen werden. Nicht nur alle vier Jahre bei Wahlen. Es muss „sehend“ gemacht werden. Eine bleibende, ständige Aufgabe.

Wenn das kein Wagnis ist! Da kann eine Menge schief gehen. Was, wenn die falschen Meinungen die Oberhand gewinnen? Ja, Demokratie kann anstrengend und gefährlich sein. Aber die Chancen sind viel, viel größer. Die Demokratie gibt jedem einzelnen ein Versprechen: Er wird ernst genommen. Seine Meinung ist gefragt. – Und wenn man in der Demokratie so auf mich zählt, dann lasse ich mich nicht lumpen. Ich überlege mir gut, was richtig ist und was falsch. Da will ich auf Augenhöhe mitreden und angemessen urteilen. Da will ich zeigen: das Wagnis der Demokratie geht ein Land zu recht ein, indem wir alle sorgfältig abwägen.

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Ein kostbarer und immer noch kühner Satz. Ein verletzlicher und immer wieder bedrohter Satz. Denn mit der Demokratie kann es auch ganz schnell vorbei sein. Dann herrschen die einen und andere müssen gehorchen. Deshalb gehört ein Vers aus der Bibel unbedingt an seine Seite: So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen (Galater 5,1).

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29OKT2019
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"Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt."

So begann am 29. Oktober 1923 in Deutschland der Rundfunk zu senden. Um 20.00 Uhr hat die Sendung begonnen, um 21.00 Uhr war sie mit der Schlussmusik schon wieder verklungen.

Wie könnte es anders sein, war das auch die Geburtsstunde der Rundfunkgebühren. Umgerechnet 60 Euro musste man pro Jahr bezahlen. Und natürlich blieb es nicht bei Unterhaltungsmusik. Schließlich konnte man viele Menschen gleichzeitig mit Informationen beliefern, verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen. Und mit den verschiedenen Stimmen dann auch verschiedene Meinungen und Ansichten. Und das alles auch noch in Echtzeit, nicht erst Tage später.

Viele Pfarrer kämpften damals gegen den Rundfunk. Ein Mainzer Pfarrer schrieb zum Beispiel: die Leute sollen lieber in der Bibel lesen statt Radio zu hören. Sonst kommen sie nur auf dumme Gedanken und werden verwirrt. Falsch, würde ich ihm gerne zurufen, ganz falsch, lieber Kollege. Nicht Entweder-oder. Es braucht beides, die Weisheit der Bibel und die weltweite Information. Damit wir nicht in unseren Blasen leben. Damit wir mehr hören als das, was wir schon immer wussten. Damit auch Vorurteile widerlegt werden. Damit wir uns nicht nur mit Gleichgesinnten austauschen. Medienkompetenz nennt man das heute.

Es braucht viele Stimmen, die wir hören, um uns eine Meinung zu bilden. Genau das meint auch die Bibel, wenn sie sagt: Prüfet alles, aber das Gute behaltet (1. Thess 5, 21). Das ist weise, aber natürlich auch anspruchsvoll. Es geht um den Blick dafür, was dem Leben und Zusammenleben dient, was es erhält, stärkt und fördert. Prüfet alles, aber das Gute behaltet.

Nach bald einhundert Jahren Radio, zusammen mit den anderen Millionen Hörerinnen und Hörern: Das sollten wir draufhaben.

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28OKT2019
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Die Freiheit ist 46 Meter hoch. Na ja, genau genommen geht es um die Freiheitsstatue auf einer kleinen Insel vor der New Yorker Hafeneinfahrt. Das ist die Dame mit dem wallenden Gewand, einem Strahlenkranz um das Kopf und der Fackel in der erhobenen rechten Hand. Innen ein Stahlgerüst, drum herum als Verkleidung dünne Kupferplatten, die mittlerweile eine grüne Patina angesetzt haben. Übrigens war sie ein französisches Geschenk für die Vereinigten Staaten, in Frankreich gebaut, in den USA zusammengeschraubt. Der 28. Oktober, also heute, ist ihr Einweihungstag: Tag der Freiheit. Und damit die Freiheit auch wirklich leuchtet, strahlte die Fackel tatsächlich. Sie war innen mit einer starken Glühbirne versehen. Kein Wunder, dass Lady Liberty der Leuchtturm-Verwaltung unterstellt wurde.

Für unzählige Menschen war die Freiheitsstatue das erste, was sie von Amerika sahen, wenn sie mit dem Schiff reisten. Die vielen, vielen Einwanderer aus Europa zum Beispiel. Das war den Amerikanern sehr bewusst. Deshalb steht auf dem Sockel der Freiheitsstatue: Schickt mir eure Müden, schickt mir eure Armen. Der Gedanke dahinter: Wer Freiheit sagt, meint auch Hoffnung und Zukunft. Vielleicht sollte man den einen oder anderen heute mal bei ihr vorbeischicken, für einen kleinen Auffrischungskurs.

Freiheit gibt Mut und Zuversicht. Sie lässt keinen draußen. Sie lädt alle ein, sie will jedem eine Chance geben. Wer erschöpft ist, bekommt neue Kraft. Wer nicht mehr weiter weiß, bekommt eine neue Chance. Die Freiheit strahlt und leuchtet und funkelt. Für die Kämpfer unter den Menschen, die sich für andere einsetzen, und für diejenigen, die nicht mehr können. Sie hat eine unglaubliche Anziehungskraft auf alle Menschen, denn zur Freiheit sind wir alle berufen.

Die Freiheitsstatue ist 46 Meter hoch, doch ihr Licht leuchtet um die ganze Erde. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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