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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

14SEP2019
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Vor ein paar Jahren sind wir mit der Seilbahn hochgefahren – auf den Pic du Midi in den französischen Pyrenäen, 2881m hoch. Schönes Wetter, grandioser Ausblick, ein tolles Erlebnis. In diesem Jahr waren wir wieder da und sind auf den Gipfel gewandert. Da gibt es eine neue Attraktion, eine gläserne Plattform, so dass man quasi im Freien über dem Abgrund steht. Wir wandern los. Was die Seilbahn in ein paar Minuten schafft dauert jetzt drei Stunden. Und der Schlussanstieg hat es echt in sich. Da hätte ich fast aufgegeben, aber eben nur fast. Oben angekommen erwartet uns ein Schild: „Liebe Wanderer. Herzlich Willkommen. Dieser Platz ist für euch. Wenn ihr die ganze Anlage besuchen wollt, klingelt an der Tür. Der Eintritt kostet 20 Euro, Abfahrt mit der Seilbahn inclusiv.“ Ja so was. Wir wollen nicht mit der Bahn fahren, nur eine Toilette und ein kühles Getränk wären schön gewesen. Und natürlich die Glasplattform. Aber so ist das im real existierenden Kapitalismus: wer sich abmüht und schwitzt, der soll zur Belohnung dafür auch noch bezahlen. Geärgert haben wir uns trotzdem nicht. Unsere Belohnung war die Aussicht und die Freude darüber, dass wir es geschafft hatten. Die Freude über die tolle Wanderung, die Drachenflieger, die wir beobachten konnten, die Schneebälle, mit denen wir uns mitten im Sommer beworfen haben, die Begegnung mit den Tieren, die am Weg standen. Wir haben auf die Seilbahn und die Glasplattform gepfiffen, unser Gipfelfoto gemacht und sind so wie wir es geplant hatten auch zu Fuß wieder abgestiegen. Unterwegs denke ich: man kann die Kalenderweisheit: „Der Weg ist das Ziel“ auch anders formulieren: wenn du am Ziel nicht das findest, was du dir vorgestellt hast, dann vergiss vor Enttäuschung nicht die schönen Dinge, die du auf dem Weg gefunden hast. Ist vielleicht nicht die schlechteste Weise, Freude am Leben zu haben.

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13SEP2019
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Warum bekommt der Specht keine Kopfschmerzen, wenn er mit seinem Schnabel auf einen Baum einhämmert? Ganz ehrlich, diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Ist einfach so und fertig. Zum Glück gibt es aber Menschen, die sind da ganz anders gestrickt. Die beobachten ihre Umgebung genau, sind viel neugieriger als ich und wollen wissen, was dahinter steckt. Z.B. hinter dem Schnabel des Spechts. Einer, der genau so getickt hat, war Leonardo da Vinci. Wir sind gerade im Jubiläumsjahr, vor 500 Jahren ist dieser geniale Künstler gestorben. Aus seinen Notizbüchern weiß man, dass er wohl einer der neugierigsten Menschen war, die man sich vorstellen kann. Endlose „to do“ Listen findet man da. „Herausfinden, wie ein Krokodilgebiss funktioniert! Eine Schleuse konstruieren! Die Sonne ausmessen! Und die Erde gleich mit.“ Wirklich, das hatte er sich vorgenommen. Und noch viel mehr. Daher hat er wohl auch so viele Projekte nicht zu Ende gebracht. Die Mona Lisa z.B. Die hat er bis zu seinem Tod mit sich herumgeschleppt, neun Jahre lang und immer wieder daran gemalt. Er war eben nie zufrieden. Denn es gab immer wieder neue Sichtweisen, anderes Licht, neue Blickwinkel. Was wäre das schön, hätte die Welt heute viel mehr von diesen Eigenschaften Leonardo da Vincis. Und nicht so viel Verbohrtes, Eingefahrenes, Festgelegtes, Eingeengtes. Dann wären viele Bretter nicht vor den Köpfen, sondern in bunten Farben angemalt und sie würden leuchten statt zu verdunkeln.

Die beste Art, sich dem Leben zu stellen und es in den buntesten Farben zu leben ist die Leonardo da Vincis: voller Neugier und Dankbarkeit für die grenzenlosen Wunder der Welt. Ach so: warum der Specht keine Kopfschmerzen bekommt, das kann man heute mit einem Klick erfahren. Man muss es nur wollen.

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12SEP2019
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„Ich glaube, ihr habt der Welt etwas bewiesen. Nämlich, dass eine halbe Million Leute zusammenkommen kann um drei Tage lang Spaß und Musik zu erleben. Und zwar nur dafür. Gott segne euch.“ Der Mann, der diese Sätze vor 50 Jahren auf der großen Bühne des Woodstock Festivals spricht, hat mit Rock N‘ Roll absolut nichts am Hut. Er ist der Farmer, der das Land zur Verfügung gestellt hat, auf dem sich drei Tage lang im August 1969 ein Stück Musik- und Weltgeschichte abspielt. Und er lässt sich von diesem unglaublichen Gemeinschaftsgefühl anstecken. „Es ist alles so freundlich hier und absolut friedlich“ sagen Festivalbesucher. „Wir haben 400.000 neue Freunde gefunden“. Oder: „Ich wollte nicht weg. Wir hatten für drei Tage die Welt verändert, die Zeit angehalten, und wir wussten, dass uns draußen der Kulturschock treffen würde.“ Ja so ist das, wenn die Welt plötzlich für einen Moment heil und ganz ist, wenn einfach alles stimmt, wenn man nichts mehr braucht um glücklich zu sein. Die Woodstockbesucher haben das erlebt. Und ich glaube, viele von ihnen zehren noch heute davon. Wenn die Welt mal wieder ganz anders ist als damals auf dem Feld im amerikanischen Bundesstaat New York. Ich war zwar nicht in Woodstock, aber solche Glücksmomente kenne ich auch. Da scheint die Zeit stehen zu bleiben, weil einfach alles gut ist. Bei mir hat das auch viel mit Gemeinschaftsgefühl und Musik zu tun. Es kann aber auch etwas ganz anderes sein. Es gibt Momente im Leben, die sind wie der Himmel auf Erden. Kurz und kostbar. Die muss man dann fest halten, tief im Herzen, als Vorrat für später. Vielleicht kennen Sie so etwas ja auch. Dann vergessen Sie ja nicht, was Sie da erlebt haben. Denn jeder braucht so ein Stückchen Himmel, denn dann lässt es sich hier auf Erden besser leben.

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11SEP2019
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Der Kirche ein Gesicht geben. Kirche gemeinsam gestalten.

In den katholischen Gemeinden werden in diesen Wochen Frauen und Männer gesucht, die in den Gremien der Pfarrei mitarbeiten möchten, die ihrer Kirche vor Ort ein Gesicht geben. So steht es auf dem Werbeplakat.

Freizeit, Kraft und Nerven kostet das. Wie jedes andere Ehrenamt auch. Und dann auch noch für die Kirche. Wer will da noch mitmachen?

Zu viel ist da schief gelaufen in den letzten Jahren, zu wenig von der Frohen Botschaft rüber gekommen.

„Da müsste erst mal einiges anders laufen“, bekomme ich oft zu hören.

Dass einiges anders läuft, das wünsche ich mir auch. Und ich weiß, viele mit mir.

Interessant finde ich, was Mutter Teresa, die Ordensfrau aus Kalkutta einmal dazu gesagt hat. Ein Reporter fragt sie: „Was muss sich eigentlich in der Kirche ändern?“ Ihre Antwort: „Sie und ich!“

Die Antwort überrascht. „Sie und ich, wir müssen uns ändern!“ Der Reporter hat wohl eher erwartet, dass sie die ganzen kritischen Themen aufzählt. Machtmissbrauch, die kirchliche Sexualmoral oder die Frage nach den Frauen in der Kirche. Aber Mutter Teresa denkt wohl: Warum mit dem Finger auf die anderen zeigen?

Wir müssen uns ändern! Ich denke, da ist was dran. Bei mir selber anfangen, mich einbringen auch und gerade mit den kritischen Fragen. Kreativ werden und nicht nachlassen, wenn es unbequem wird. Unrecht muss benannt werden. Riten, die hohl und leer sind, abgeschafft werden. Vertrauen, das verspielt wurde, neu aufgebaut werden.

Und genau dazu braucht es Frauen und Männer, die auch heute trotz allem Kirche mitgestalten, verändern. Die mutig auch heiße Themen anpacken.  Eben ihrer Kirche ein Gesicht geben. Gerne auch ein kritisches und unbequemes! Damit das Wesentliche bleibt: Gottes Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Gottes Botschaft an Sie und mich.  

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10SEP2019
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Den Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte meine Eltern im Westerwald besuchen. Kaffee und Kuchen. Dabei das ein oder andere regeln. 

Und dann das: Vollsperrung auf der A3 und ich mitten drin. Kein vor und kein zurück. Nichts geht mehr. Ich bin nun vollkommen ausgebremst.

Ich ärgere mich. Denn eins ist klar: So schnell komme ich hier nicht weiter. Der schöne freie Nachmittag dahin. Mit dem Handy kläre ich, was zu klären ist und dann heißt es: Warten. Akzeptieren, was nicht zu ändern ist und die Dinge geschehen lassen.

Und dann gehe ich ein wenig auf der Autobahn spazieren. Da ist der Vordermann, der die Vollsperrung zur Mittagszeit für ein Nickerchen nutzt. Die junge Frau, mit einem dicken Buch in der Hand, die an der Leitplanke im Schatten sitzt und die nächsten Kapitel verschlingt. Und der nette polnische LKW - Fahrer, der eigentlich gar nicht versteht, was ich sage und doch ahnt, worum ich ihn bitte: Etwas Wasser, damit in der brütenden Hitze mein Kreislauf nicht schlapp macht.

Ja, was zählt, wenn ich im Leben ausgebremst werde. Wenn nichts mehr geht, so wie ich es mir vorgenommen habe.

An diesem Nachmittag lerne ich das ganz neu und ganz konkret mitten auf der Autobahn:

Pause machen und Kraft sammeln, wie der Mann, der ein wenig schläft.

Tun, was trotz allem noch geht. Wenn auch anders als gewohnt. Wie die Frau mit dem Buch im Schatten auf der Autobahn. 

Und vor allem: Sagen, was ich brauche und annehmen, was mir gegeben wird. Und sei es nur ein Schluck Wasser.

So eine Vollsperrung ist nichts Schönes. Zumal sie oft einen schrecklichen Grund hat. Und doch: An diesem Nachmittag lerne ich neu, was zählt und hilft, wenn das Leben mir einen Strich durch die Rechnung macht:

Akzeptieren, was ist und tun, was dennoch geht!

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09SEP2019
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Alles muss raus.

Dieser Satz ist in meiner Familie in diesem Sommer häufiger gefallen. Das Elternhaus meines Mannes ist nicht mehr bewohnt und muss nun geräumt werden. Was für eine Aufgabe!

Kisten voll Wäsche, Geschirr, Bücher, Akten und vieles mehr. Was da alles zum Vorschein kommt: Das ein oder andere Spielzeug aus Kindertagen, Briefe der Enkel, Mitbringsel aus einem Urlaub, Fotos. So viele Fotos. Das Haus erzählt aus dem Leben der Familie. Wie hier gelebt und gearbeitet wurde, was wichtig und kostbar war, wem sich alle verbunden gefühlt haben.

Ein Haus räumen. Das kann man professionell machen lassen. Entrümpelungsfirmen machen das für einen. Das geht schnell. Da wird nach Material sortiert und entsorgt. Geschaut, was noch irgendwie verhökert werden kann. Ohne große Emotionen. Klare Sache. Aber nicht mein Fall.

Ein Haus räumen. Für mich geht das nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. Und jede Menge Respekt.

Manchmal frage ich mich: Darf ich das überhaupt anschauen? Ein Arbeitszeugnis aus alten Tagen. Ein Brief von fernen Verwandten. Und was tun, mit den Dingen, die einem schlichtweg nicht gefallen? Der einst liebevoll geknüpfte Teppich, das gute Sonntagsgeschirr, das Bild aus dem Wohnzimmer. Dinge, die mal lieb und teuer waren, aber heute niemand mehr haben will.

Alles muss raus. Manches landet auf der Deponie. Das geht nicht anders. Manches bei der Caritas. Manches in einem anderen Keller, oder an einer neuen Wand. Und das ein oder andere in der Studentenbude der Enkel.

Ein Haus räumen. Das heißt: Erinnern und weiter Abschied nehmen. Und heißt vor allem: Loslassen!

Mir hilft dabei, dass das Wichtigste bleibt: Nämlich all das, was in diesem Haus erlebt wurde. Wie miteinander gesprochen und gestritten, gefeiert und gearbeitet wurde. Wie hier gelebt und letztlich gestorben wurde. Es bleibt, was alle, die in diesem Haus groß und alt geworden sind, verbunden hat: Das Leben, das miteinander geteilt wurde.

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