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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

24AUG2019
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Beten hilft. Meint meine Freundin. Sie hat das erlebt und erzählt: Sie hat sitzt in der Garage im Auto gesessen und wollte gerade losfahren - da stellt sie fest: Ihr Schlüsselbund ist weg! Und sie hat sich ausgesperrt; denn die Tür von der Garage ins Haus hat sie fest hinter sich zugezogen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre: auch alle anderen Schlüssel sind auch weg. Denn sie hängen alle an dem Schlüsselbund:

Der Autoschlüssel, der Schlüssel des Nachbarn – und das Allerschlimmste:
Der Universalschlüssel ihrer Arbeitsstelle, den sie unter gar keinen Umständen verlieren darf! – Ihr wird ganz schwindelig. Da fällt ihr ein - das darf man eigentlich gar nicht erzählen - sie hat doch mal einen Ersatzschlüssel für das Haus in der Garage versteckt... Und richtig, jetzt kommt sie zumindest wieder ins Haus.

Und da sucht und sucht sie, überall; sogar im Kühlschrank und in den hintersten Winkeln. Die Zeit drängt; sie hat einen Termin. Aber sie kann gar nicht mehr klar denken: Wo ist nur dieser Schlüssel abgeblieben? Oder hat sie ihn ganz woanders verloren...?

In ihrer Verzweiflung hat sie sich aufs Bett gesetzt und ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „Lieber Gott, hilf! Ich weiß nicht mehr weiter...“ Sie sitzt einen Augenblick vollkommen still da. Und plötzlich ist ihr ein Gedanke durch den Kopf geschossen:
Sie hatte doch gestern diese Schürze beim Kochen an, die sie sonst nie benutzt... Und tatsächlich: Der Schlüssel ist in der Schürzentasche.

„Und weißt du was?“ sagt sie. Ich bin mir sicher: Das hing mit dem Gebet zusammen.“ Ich glaube, da hat sie Recht. Natürlich funktioniert das nicht wie Magie: Man muss nur beten und augenblicklich tritt die Lösung ein!

Aber wenn man aufhört, panisch zu suchen und sich stattdessen einen Augen-blick hinsetzt; und die Verzweiflung vor Gott bringt - dann verändert sich was: Ich bin nicht mehr mit mir allein. Und mit meiner Sorge. Und das kann beruhigen. Und in dem Moment lichtet sich womöglich ein Schleier...

 

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23AUG2019
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Der Entertainer Harpe Kerkeling hat den Unterschied zwischen Menschenwerk und Gott mal so beschrieben:
„Gott ist so eine Art hervorragender Film; mehrfach preisgekrönt und großartig. Die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Vorführung ist manchmal mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films.“  

Mir hilft das. Denn die Vorstellung, die die Kirche abliefert, ist manchmal wirklich mehr als mies: Die Missbrauchsskandale sind ein himmelschreiendes Verbrechen! Und dabei spielt es keine große Rolle, welche Kirche das nun am meisten betrifft; für die Menschen ist es die Kirche, die sich schuldig gemacht und versagt hat.   

Und auch abgesehen von solchen fatalen Vergehen bieten die Kirchen oft kein gutes Bild: Da wird von Nächstenliebe gepredigt, aber nach den Gesetzten der freien Marktwirtschaft gehandelt. Und da verstehe ich, wie sich die Leute enttäuscht abwenden und sagen. „Die sind ja auch kein bisschen besser. Predigen Wasser und trinken Wein.“

Aber auch wenn ich diese Klagen verstehe, bleibe ich der Kirche tief verbunden. Weil es manchmal eben doch gelingt, das Meisterwerk dahinter sichtbar zu machen:
Ich sehe zum Beispiel diese vielen Menschen in den Gemeinden, die sich ehrenamtlich engagieren. Die im Stillen Großes leisten. 

Und ich sehe das unendliche Ringen um theologische Fragen. Und das ernsthafte Bemühen, Gottes Wort zu verstehen und richtig auszulegen. Und weiterzusagen. Und ich sehe die unendliche Schar an Gläubigen, die darauf vertrauen. Und so bleibe ich dem Dorfkino treu. Weil ich daran glaube: Der Film ist und bleibt ein Meisterwerk!

 

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22AUG2019
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Jesus stellte mal ein Kind vor die Leute hin und sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Man muss Kinder gar nicht idealisieren. Aber sie besitzen ein paar Eigenschaften, die mächtig genug sind, die Welt zu verwandeln: 

Da ist einmal dieses grenzenlose Vertrauen. Und: Kinder folgen ihrem Herzen. Und: sie gehen ganz im Augenblick auf.
Ich glaube, das hat Jesus gemeint, als er gesagt hat: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...“  Nur, wie soll das gehen: Wie ein Kind werden...?

Es gibt Menschen, die uns das vormachen. Ich kenne zum Beispiel einen Kinderarzt, der sagt:
„Das Schöne an meinem Beruf ist: Ich habe immer wieder Gelegenheit, mit einem Kind zu spielen. Auch wenn ich es noch so eilig habe, kann ich für einen Augenblick verweilen und spielen. Natürlich lerne ich dabei auch etwas über seine Fähigkeiten und seine Entwicklung. Aber das ist für mich wertvoller, als jedes Gespräch mit Erwachsenen.“

Und eine Frau hat mir etwas Ähnliches erzählt, über ihren damaligen Hausarzt:
Als Kind war sie auf die Straße gefallen; mit einer Hand landet sie in Glasscherben. Und sie muss zum Arzt. Sie mag den Doktor. Aber ganz besonders toll findet sie sein Auto: Ein kleiner, schicker, roter Porsche. Sie lässt sich tapfer alle Splitter entfernen. Als der Doktor fertig ist, sagt er:

„Jetzt werde ich dir einen Wunsch erfüllen“, und hält ihr eine Kiste voller Süßigkeiten hin. Sie schaut auf und sagt:
„Ich wünsche mir viel lieber, dass du mich mit deinem roten Auto nach Hause fährst.“ Da springt der Arzt auf, hängt seinen Kittel an die Wand und fährt das Kind nach Hause. Obwohl das Wartezimmer brechend voll ist.

Wie Kinder werden heißt: sich auf Kinder einlassen. Da kann man lernen wie das ist im Augenblick zu leben und die Regungen des Herzens spüren.... 

 

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21AUG2019
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Jesus hat die Menschen ermahnt, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Er sagte einmal:
„Wenn der Himmel abends rot ist, sagt ihr: Morgen wird es schön sein.
Wenn der Himmel morgens rot ist, sagt ihr: Es wird regnen.
Die Zeichen des Himmels könnt ihr deuten. Warum dann nicht die Zeichen dieser Zeit? Es wird nur ein Zeichen gegeben werden: Das Zeichen des Jona.“

Was ist das Zeichen des Jona? Jona ist ein Prophet aus dem AT. Eines Tages spricht Gott zu ihm: Jona soll in die Stadt Ninive gehen und den Menschen dort den Untergang verkünden. Denn die sind so gleichgültig und boshaft. Jona erkennt sofort: Das ist ein sehr unangenehmer Auftrag. Und er beschließt, mit dem Schiff abzuhauen, übers Meer, weit weg von Gott... Die Sache geht aber ziemlich daneben:

Mitten auf dem Meer wird Jona über Bord geworfen. Und er sinkt tiefer und tiefer... und droht zu ertrinken. – Da schickt Gott einen großen Fisch, der Jona verschlingt. Er überlebt, aber es ist entsetzlich eng und finster.

Aber das Erstaunliche ist: plötzlich fängt Jona an zu singen. Denn miteinemmal fühlt er sich seltsam geborgen. Denn er spürt:

Mitten in der Finsternis ist Gott. Am Tiefpunkt, am absoluten Nullpunkt geschieht eine Wandlung:
Da geht Jona auf, wer Gott wirklich ist.

Und nach drei Tagen wird er ins Leben zurückgeworfen. Und diesmal redet er in Ninive. Und Jona redet so, dass die Menschen von Ninive hinhören. Und ihm glauben. Und sie werden reumütig und ändern sich. Und wie Gott das sieht, tut es ihm leid um Ninive – um all die Menschen und die Tiere. Und er führt seine Drohung nicht aus.

Jesus hat die Menschen ermahnt, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Es ist eine Mahnung an uns alle, hinzuhören und zu reagieren, um das Ruder noch rechtzeitig herumzureißen. 

 

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20AUG2019
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„Wer da hat, dem wird gegeben“, steht in der Bibel. (Mt 13,12) Und manchmal kann man dabei zusehen, wie sich das bewahrheitet:

Ich verbringe ein Wochenende mit vier Freundinnen in Berlin. Wir schauen uns die Stadt an und lassen uns so treiben, da kommen wir an einer jungen Frau vorbei. Sie steht am Rande, unter einem Baum und hält ein kleines Schild hoch: „Free hugs“ steht darauf; kostenlose Umarmungen.

Sie bietet Nähe an. Sie steht wohl schon eine ganze Weile so rum, mit ihrem Schild. Und sie wäre mir gar nicht groß aufgefallen. Aber eine aus meiner Gruppe hat sie entdeckt; und sie läuft direkt auf sie zu und umarmt sie.

Was dann geschieht, ist einfach zu köstlich:
Die junge Frau fährt erschrocken zusammen. Offenbar hat sie geträumt und schon ganz vergessen, was sie da nach oben hält... „Free hugs“, erklärt ihr meine Freundin und weist auf das Schild.

Da bricht die junge Frau lachend zusammen und kann sich gar nicht mehr einkriegen. Und uns geht es genauso: wir stehen um sie herum und krümmen uns vor Lachen. Am Ende gehen wir alle zu der Frau hin und umarmen sie.

Und merkwürdig: es ist ein ganz schönes Gefühl. – So richtig Gänsehaut. Wie ein kleiner Segen, in aller Beiläufigkeit...

Eigentlich mag ich das gar nicht: so eine körperliche Nähe zu Fremden. Aber diese Fremde habe ich mit Freuden umarmt. Vielleicht, weil man sich gar nicht mehr fremd ist, wenn man so sehr miteinander lacht. Da entsteht unwillkürlich eine Beziehung, mag sie auch noch so flüchtig sein.

Aber das Schönste ist: Sie, die ja eigentlich anderen Umarmungen angeboten hat, hat am Ende selber ganz viele Umarmungen bekommen.

Und sicher wird sie noch manches Mal daran zurückdenken, wenn sie mit ihrem Schild wartet, um anderen etwas zu geben. Denn auf einmal ist sie selbst die Beschenkte gewesen...  - „Wer da hat, dem wird gegeben.“  

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29276
19AUG2019
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„Gottlos glücklich“, das ist das das Motto einer Gruppe, die gegen den Kirchentag demonstriert. Und das steht auch in großen Lettern auf ihren T-shirts: „Gottlos glücklich.“ Von hinten wie von vorne.

Um sie herum stehen auch ein paar provokante Pappmasche-Figuren. Zum Beispiel ein Luther, der mit dem Ausdruck großer Boshaftigkeit seinen dicken nackten Bauch aus dem weit geöffneten Umhang herausstreckt, so dass alle Welt ihn in seiner ganzen Pracht bewundern kann. Darunter ist zu lesen: „Luther - der Anstifter zum Judenmord.“ Und so in dem Stil sind auch die anderen Figuren.

Bei mir erreichen die Provokateure direkt, was sie wollen: Ich werde zornig über so viel krude Halbwahrheiten. Und ich würde mich am liebsten direkt in eine hitzige Diskussion werfen.

Aber dann sehe ich mich um und beobachte die anderen Kirchentagsbesucher. Die bleiben ruhig und laufen in fröhlichem Gleichmut an der Gruppe vorbei.  Und das holt mich wieder runter.

Denn sie haben ja Recht: Genau so sollte die Antwort auf eine Provokation aussehen: Nicht dem erstbesten Impuls folgen und mit Empörung reagieren. Denn dann verhält man sich oft genauso, wie die Leute, über die man sich aufregt.

Stattdessen den Andersdenkenden mit Gelassenheit begegnen. Diese Leute nehmen schließlich auch nur ihr Recht in Anspruch, ihre Meinung zu äußern. Und die muss mir nicht gefallen.

Ob sie wirklich gottlos glücklich sind? – Schwer zu sagen. Nur dass sie gottlos sind, das wage ich zu bezweifeln. Denn Gott loszuwerden, das liegt nicht in unserer Macht. Ob nun glücklich oder unglücklich. Daran glaube ich fest.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29275