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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

06JUL2019
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Glauben ist in! Wer das nicht glaubt, muss nur mal in den Buchhandlungen gucken. Die Regale mit spirituellen Büchern sind voll. Denn Spirituelles ist hochaktuell.

Anscheinend sucht das menschliche Herz etwas, an das es glauben kann. Etwas, was größer ist als der Mensch selbst. Eine Welt, die sich vor allem um Ansehen, Geld und immer neue Erlebnisse dreht, ist nicht genug. Und das spüren auch heute viele Menschen. Für diese Sehnsucht waren allerdings über Jahrhunderte die großen Religionen zuständig. Aber das scheint vorbei zu sein. Die beiden christlichen Kirchen hierzulande verlieren schon lange immer mehr Mitglieder. Auf Seiten der Kirchen haben vor allem Macht und Missbrauch massiven Schaden angerichtet. Die große frohe Botschaft ist dabei nicht selten unter die Räder gekommen. Die Kirche, die doch den Menschen von Gottes heilender Kraft künden soll, hat viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Eine Frau, die gerne Mitglied der katholischen Kirche ist, sagte dazu sehr unglücklich: Wir haben doch so viel zu bieten mit unserem Glauben. Warum hören das nur noch wenige?

Ja, das ist eine berechtigte Frage. Ich habe darauf keine einfache Antwort. Ich bin ja genauso betrübt darüber, dass die frohe Botschaft Gottes so wenig attraktiv geworden ist. Und überlege: Was hat Jesus gemacht – wie hat er seine Nachfolger gefunden? Er hat den Zuhörern von der Hoffnung gesprochen, die von Gott ausgeht. Deshalb halte ich mich an das Bibel-Wort: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die Euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Darauf kommt es an. Ob ich etwas davon sagen kann, wie sich mein Leben durch den Glauben verändert. Ob ich durch meinen Glauben zuversichtlicher bin. Und mutiger. Ob ich dem Leben mehr trauen kann. Davon sollten Christen erzählen – das sollten andere bei uns erfahren. So sage ich es dieser Frau und ermutige sie: „Sprechen sie von Ihrem Glauben. Sprechen Sie davon, wie der Glaube ihr Leben bereichert. Und was er Ihnen gibt.“

Dann können andere für sich entscheiden, ob sie das hören möchten. Ob sie es vielleicht sogar kennenlernen möchten. Und ob die frohe Botschaft Gottes auch für sie wichtig sein könnte.

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05JUL2019
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Oh je! Das neue Baby in der Familie weint verzweifelt. Der Hunger ist so groß! Und die Mama scheint Lichtjahre entfernt – jedenfalls für ein kleines hungriges Baby. Aber jetzt: Mit einem letzten Aufschluchzen schmiegt es sich an die Brust seiner Mutter und darf endlich trinken. Alles ist wieder gut! Aber jeder weiß: das hält nicht lange. Dann ist das Baby wieder hungrig. Und alles geht von vorne los.

Gerührt sehe ich zu. Ach, diese winzigen Kinder! Bei uns Erwachsenen ist es allerdings nicht viel anders. Vernünftige Menschen schreien nur nicht so laut. Wir werden hungrig und satt und wieder hungrig. Und jeder weiß: nicht nur der Magen, auch die menschliche Seele hungert und dürstet: nach mehr, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Sinn. Wir Menschen tragen unendlich viele Wünsche in uns. Glaubende verstehen dies als Sehnsucht nach Gott. Das Irdische ist oft sehr schön – aber es sättigt nicht genug. Erst bei Gott findet die Seele Ruhe. „Meine Seele dürstet nach Gott wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser“, so sagt es der Psalm 143.

Entscheidend ist, ob ich mich der Frage stelle: Was brauche ich wirklich? Was erfüllt mich? Es ist ja kein Geheimnis: da wird uns viel angeboten und vorgeschwärmt, was erfüllend sein soll. Eine neue Beziehung, Reisen, immer noch mehr gutes Essen – alles schön und gut, aber nichts davon stillt den tiefen Hunger nach Sinn in meinem Leben. Persönlich finde ich diesen Sinn in meinem Glauben an Gott, und vor allem in der Beziehung zu Gott. Darin werde ich von Gott genährt. Ich hoffe und glaube, dass er mich im Blick hat, mich liebt und begleitet.   

Einen Haken gibt es aber doch: Auch die Gottesbeziehung ist nichts, was man ein für allemal erreichen kann. Manchmal kann ich Gott lieben mit heißem Herzen und ihm ganz nah zu sein, zu anderen Zeiten suche ich ihn scheinbar vergeblich. Da heißt es dranbleiben und üben: Bibel lesen, Beten, Gottesdienste besuchen. Am besten zusammen mit anderen, die auf einem ähnlichen Weg sind. Die auch mit Gott leben wollen. Gemeinsam geht es besonders gut. Denn der Hunger nach Leben hat eine gemeinsame Richtung. Das verbindet! Und nährt auch.

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04JUL2019
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Eine falsche Bewegung, eine unglückliche Drehung, ein Sturz – und es war geschehen. Der Fuß war gebrochen. Das hatte gerade noch gefehlt. Und so kam es, dass ich vor einigen Wochen mit dem Gipsfuß auf dem Sofa liegen musste und mir selbst kaum helfen konnte. Das war echt ätzend. Wie gut, dass sich einige Familienmitglieder kümmern konnten. Sie haben mich soweit versorgt, dass ich notdürftig irgendwie zurechtkam. Aber eben wirklich nur notdürftig. Körperpflege und Essen zubereiten waren Kraftakte. Aber Einkaufen, aufräumen, Müll entsorgen – das ging alles gar nicht. Für fast alles musste ich jemanden um Hilfe bitten. Das war für mich gar nicht so einfach. Denn normalerweise bin ich eine sehr selbständige Frau. Ich sorge für mich selbst und regle mein Leben alleine. Nun musste ich lernen, andere um Hilfe zu bitten. Und ich musste lernen, mir helfen zu lassen.

Ich gebe zu: Ich fand es schwer, dermaßen hilflos zu sein. Meine Tochter hat mir aber ziemlich den Kopf gewaschen: Wenn ich mir nicht helfen lasse, und dann vielleicht doch nicht zurechtkomme, mache ich ihr mehr Arbeit. Und das geht gar nicht. Das kann sie nicht leisten.

Also habe ich geübt. Geübt, mir helfen zu lassen. Andere machen lassen. Die waren dabei erstaunlich fröhlich, wenn sie mir helfen konnten! Und - Überraschung: es gab eine ganze Reihe von schönen Erlebnissen, die ich dem Gipsfuß verdanke. Ab und zu kam ganz spontan jemand vorbei zu einer kleinen Unterhaltung. Einmal hat ein Taxifahrer erst mich zur Haustür begleitet und dann noch meine Mülltonnen auf die Straße gestellt. Freundinnen haben unseren Gesprächskreis kurzerhand einfach in meine Wohnung verlegt, damit ich dabei sein konnte. Und wie schön schien die Sonne beim ersten Kakao im Straßencafé vor der Arztpraxis.

Natürlich bin ich froh, dass diese ganze Episode überwiegend ausgestanden ist. Ich kann wieder gehen und für mich selbst sorgen. Die Schmerzen im Fuß aber erinnern mich an eine wichtige Erfahrung: dass ich dringend weiter üben muss, mir helfen zu lassen. Fürs Alter und all das, was es mir und anderen womöglich noch abverlangt.

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03JUL2019
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Der Untergang der Titanic – die meisten haben diesen Film gesehen: Kate Winslet aus der ersten Klasse des Luxusschiffes steht im Bug und singt ergreifend schön und ihr Freund, noch nicht mal zweite, sondern 3. Klasse und gespielt von Leonardo diCaprio, himmelt sie an. Da fiebert man während des Untergangs die ganze Zeit mit und freut sich über jeden, der gerettet wird.

Solche Schiffsunglücke sind auch heute traurige Realität: im Mittelmeer, kleine Boote, sogar Schlauchboote, völlig überfüllt mit Menschen, die vor Hunger, Not, Gewalt und Krieg aus Afrika nach Europa flüchten. Oft endet die Reise tödlich.

Aber hier wird nicht mitgefiebert. Viele wollen nichts von dem Elend hören, sondern in Ruhe ihren Urlaub am Mittelmeer verbringen. Es gibt sogar Menschen, die sich freuen, wenn mit so einem kleinen Boot viele Menschen ertrinken. Seenotrettung kann bestraft werden.

Gibt es denn Menschen erster und zweiter Klasse?

Ja, natürlich.

Menschen erster Klasse sind männlich, weiß, gutverdienend. Oder weiblich, weiß, gutverdienend oder Ehefrau eines gut verdienenden Mannes.

Zweiter Klasse sind Leute, die sich keine Luxus-Kreuzfahrt leisten können. Weiße Frauen oder Männer, alleinerziehend, vielleicht Hartz IV - BezieherInnen. Männer in schlecht bezahlten Berufen, oder Dunkelhäutige, egal ob Mann, Frau oder Kind.

Wenn Menschen erster Klasse bei einem Unglück gerettet werden, finden alle das prima. Wenn Menschen zweiter Klasse bei einem Unglück sterben, scheint das für einige nicht so schlimm zu sein.

Viele sind abgestumpft.

Natürlich gibt es Probleme, wenn zu viele Menschen auf der Welt in Not geraten. Ein Teil kann in Europa integriert werden. Auf jeden Fall können wir Europäer in den Fluchtländern unterstützen, damit nicht so viele ihre Heimat verlassen müssen. Die Probleme können gelöst werden.

In der Bibel lese ich: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Ich lese da nichts von Menschen erster und zweiter Klasse. Und mir wird richtig übel, wenn ich mir vorstelle, wie wir das Bild Gottes im Meer ertrinken lassen.

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02JUL2019
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Irmgard wird 79, ein Anlauf auf den 80. Geburtstag. Heute hat sie die Nachbarinnen eingeladen, Waffeln gebacken, die sind schön knusprig und die Kirschen dazu heiß und reichlich Sahne: köstlich. Alles selbst gemacht.

Die Nachbarinnen sind voll des Lobes. Die Jüngste ist 73, die älteste 89 Jahre. Nach dem Gespräch über Waffeln geht es allgemein über Rezepte und dann über die Männer, die nicht kochen können und dann sind sie plötzlich bei den Männern allgemein und wie sie ihre kennen gelernt und geheiratet haben.

Alle 5 Damen an diesem Tisch mussten heiraten. Weil ein Kind unterwegs war. Das war damals so; wenn ein Kind unterwegs war, musste man heiraten und auch so tun, als sei es erst nach der Eheschließung zur sexuellen Seite der Liebe gekommen.

Heute amüsieren die Damen sich über die 7-Monatskinder, die sie zur Welt gebracht haben, bei einer war es sogar ein 3-Monatskind. Damals waren sie alle richtige Feger, und es klingt ein bisschen Stolz mit, wenn sie von den Schwierigkeiten mit der Kirche erzählen. Der Pfarrer wollte damals Paare nicht trauen, wenn ein Kind unterwegs war. Sex vor der Ehe war verboten. Sie haben sich dem damals mehr oder weniger gefügt, sind aber alle nicht aus der Kirche ausgetreten.

Ich denke ja, wenn Gott etwas gegen Sexualität hätte, dann hätte er uns nicht als Menschen geschaffen, als Frauen und Männer, die Freude daran haben. Sexualität ist eine Sprache der Liebe. Und auch wenn diese Liebe wächst zwischen zwei Männern oder zwei Frauen – ich glaube nicht, dass das gegen Gottes Pläne vom Menschen ist. Es gibt ein schönes Lied aus dem christlichen Kloster Taize in Frankreich. Darin heißt es: „Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben. Ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben“.

Die Sexualität ist eins dieser großartigen Geschenke Gottes an die Menschen und es liegt an uns, sie auch mit großem Herzen anzunehmen.

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01JUL2019
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Ich wohne gegenüber der Bushaltestelle. Morgens kommen aus allen Richtungen junge Leute dahin. Manchmal stolpern sie unterwegs leicht, weil ihre Augen auf das Smartphone gerichtet sind und nicht auf den Weg.

Zu meiner Schulzeit war das anders. Meistens tauschten wir untereinander Hausaufgaben aus. Ich war gut in Deutsch, da haben einige von mir abgeschrieben. Anne war ein Mathe-Ass. Das hat mir aus mancher Verlegenheit geholfen. Und wir haben viel gequatscht.

Naja, die Zeiten ändern sich, die Menschen auch.

Aber ich mache mir so meine Gedanken. In einer Umfrage * gaben erschreckend viele Menschen an, sich oft einsam zu fühlen. Am stärksten betrifft Einsamkeit junge Erwachsene:

17 Prozent der Personen in der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren fühlen sich ständig oder häufig einsam. Bei den Mittdreißigern sind es sogar 18 Prozent. Also jeder 5.

Von den  11 bis 17jährigen gaben 5 % an, sich oft oder immer einsam zu fühlen.

Kinder also und junge Jugendliche.

Ob das etwas mit der häufigen Nutzung von Medien zu tun hat? Vielleicht lernen Menschen heute nicht mehr so leicht wie früher, mit anderen in Kontakt zu treten, im richtigen Leben sich zu begegnen und nicht nur virtuell?

Allerdings kann einen die virtuelle Welt schon verführen. Ich merke selbst, dass es Spaß macht, Bildchen zu teilen und lockeren Kontakt mit anderen zu halten. „Gefällt mir“ zu drücken oder „gefällt mir nicht“.

Andererseits bin ich innerlich viel mehr zufrieden und erfüllt, wenn ich mit meiner Freundin wandern war. Leer geredet und körperlich erschöpft. Prima. Handy höchstens für Fotos genutzt. Und wenn wir was trinken gehen mit Freunden,

brauche ich auch keine „Maschine“; es sind ja lebende Menschen da. Und zwar nicht nur eine Stimme am Ohr, sondern ein Mensch, wo ich kein Smiley sehe, sondern ein echtes Augenzwinkern.

 

*Die vollständigen Ergebnisse gibt es kostenlos unter www.splendid-research.com/studie-einsamkeit

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28956