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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

29JUN2019
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Umarmen, das ist in manchen Gesellschaften ganz normal – wenn man sich begrüßt oder verabschiedet. Aber dass es einen Tag der Umarmung gibt – das habe ich nicht gewusst. Manche feiern ihn im Februar und manche heute, am 29. Juni. Ein Pfarrer hat´s wohl erfunden in den USA. Mittlerweile gibt es sogar Kurse, die einen zum Umarmer machen und Kliniken, die mit Umarmungen arbeiten  - sicher nicht für jeden etwas.

 Aber vielleicht ist doch etwas dran: Umarmungen tun oft  gut. Wenn sie echt sind und nicht oberflächlich. Und wir sind manchmal sehr geizig damit. Ich will eine Umarmung! Meine Tochter sagt das manchmal ganz deutlich. Aber wir Erwachsenen? Wollen das ja auch manchmal.  Aber sagen es nicht. Sich nur keine Blöße geben!  Ein älterer Mensch, der alleine lebt – eine Umarmung wirkt  da manchmal  lange nach. Ein spröder Jugendlicher, der seine Oma kumpelhaft umarmt – sagt mehr als mit tausend Worten. Und andere Formen wie „Gib fünf“ . Ein Händedruck oder ein flüchtiger Wangenkuss – auch das sind kleine Umarmungen, die Menschen verbinden. Studien haben sogar gezeigt:  Umarmungen  können den Blutdruck senken  und Depressionen vorbeugen.

Umarmungen tun gut. Ob aus Freundschaft oder zum Trost, ob vor Freude beim Fußballspiel. Wenn man beschenkt wird, oder um jemandem Mut zu machen vor  einer Prüfung. Umarmt Euch!

Wir Menschen sind halt spürende Wesen. Und daher kann man nicht nur  den Bildschirm oder das Handy berühren, sondern lieber den Menschen neben uns. Immer fragen, ob eine Umarmung dem Anderen auch recht ist, klar – aber wer nie umarmt wird, bleibt arm. Und wenn sich zwei umarmen, haben ja beide was davon. Wenn einer herzliche und echt  umarmt, kann er es mit dem Anderen nicht böse meinen, oder?  Und genau da fangen Frieden und Heilung an.

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28JUN2019
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Sie haben lange gewartet – nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer; Eltern, Großeltern. Heute ist es endlich soweit – letzter Schultag – auch in Rheinland-Pfalz. Sechs Wochen keine Schule! In manchen Gesichtern kann man richtig die Erleichterung sehen, schauen Sie sich mal um.

Was aber tun mit der freien Zeit? Die Frage stellt sich ja nicht nur den Kindern und Jugendlichen. Und auch nicht nur heute: Manche Rentner haben freie Zeit. Manche Arbeitnehmer nehmen sich irgendwann ihren Urlaub und fragen sich dann auch: Was tun mit der freien Zeit? Manchmal ist man versucht, selbst die freie Zeit fest zu verplanen. Hier ein Job, da ein großer Einkauf, dort ein Besuch oder endlich die Wohnung auf Vordermann bringen …. Nützlichen Zeitvertreib gibt es ja genug. Aber dafür sind die Ferien wohl nicht da. Nicht nur. Was zu leisten, Sinnvolles zu tun, klar ist das wichtig – aber wie schnell  verlerne ich dabei  die Muße. Einfach die Seele baumeln lassen. Zweckfrei. Ich muss gestehen: Leicht fällt mir das nicht. Dabei geht das überall. Ohne Terminkalender.

Ob ich verreise oder zuhause bleibe. Ganz ohne Geld und ohne Vorbereitung: Mal nichts tun, nur sein.  Müßiggang. Durchatmen und nicht an den nächsten Tagesordnungspunkt denken. Schon die Schüler können das nicht immer gut, aber Ihnen gelingt es doch immer wieder ganz gut, zu chillen, wie sie es nennen. Wenn man sie  lässt! Und das geht nur, wenn ich mal Zeit und Raum vergessen darf.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum, so heißt es von Gott in einem alten Gebet.  Das ist für mich DAS Ferienmotto. Ferien ist, wenn für mich Raum und  Zeit weit werden. Ein Gottesgeschenk. Nicht mehr eingeengt, getaktet sein. Nicht mehr durch Wecker und Pendeln bestimmt sein. Nicht mehr durch den Fahrplan oder die Stoppuhr. Raum und Zeit werden weit. Das kann ich in diesen Wochen, oder auch manchmal am Wochenende,  genießen.  Und vielleicht geling es dann auch im Alltag immer besser:  Zu spüren, wie gut es Gott mit mir meint. Das Warten auf die Ferien hat sich gelohnt! Ich  wünsche Ihnen und Euch, dass Raum und Zeit ganz weit werden: Gute Muße, schöne Ferien und auch für die ohne Ferienzeit: Ein geruhsames, wunderbares Wochenende!

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27JUN2019
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Was bleibt, was vergeht? Ich glaube, so gut wie alles verändert sich. Rasant! Gerade heute besonders schnell – so kommt es mir vor. Aber manches hält sich dennoch erstaunlich lange. Bauernregeln zum Beispiel. Die gibt es lange schon. Der heutige Tag ist bekannt durch eine Bauernregel. Heute ist Siebenschläfertag. Laut Bauernregel der Tag, an dem man  grob das Wetter der nächsten sieben Wochen ablesen kann: Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, so ist es sieben Wochen lang bestellt.

 Mit dem niedlichen Nagetier Siebenschläfer hat dieser Tag allerdings  nichts zu tun. Sondern mit einer alten Legende von sieben Schläfern. In unterschiedlicher Form bekannt bei Muslimen und Christen. Das waren keine Schlafmützen, sondern sieben hellwache junge Männer im dritten Jahrhundert. Die christliche Version erzählt es so:  Diesen Sieben wird klar, dass der Glaube an Gott ihnen wichtiger ist als der Herrscher, unter dem sie leben.

Sie fliehen vor Verfolgung in eine Höhle bei Ephesus in der heutigen Türkei  - und werden dort eingemauert.  Dann kommt die Sache mit dem Schlaf:  in der Höhle sterben sie nicht, sondern schlafen schlicht. Unglaubliche runde zweihundert Jahre lang.  Welch Wunder, dass sie nach dem Wiederentdecken noch lebendig und putzmunter ihren Glauben weiter verkünden.  So erzählt es die Geschichte von den Siebenschläfern.

Was bleibt, was vergeht? Gott bleibt! So verstehe ich die Geschichte. Gottes Liebe wirkt in jeder noch so tiefen Höhle, in jeder noch so bedrohlichen Lage. Gottes Liebe ist wetterfest und beständig und weckt nicht nur sieben schlafende Männer wieder auf. Sie bewirkt noch viel mehr. Sie durchbricht die Grenze des Todes, der Angst, sie schafft neues Leben. Das ist doch das eigentliche Wunder. Gottes Liebe bleibt, trotz aller Veränderung – da bleibt etwas, ganz egal, wie das Wetter  nun wird: Und nicht nur sieben Wochen lang. 

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26JUN2019
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„Vergeben ist das Wichtigste!“  Wir bereiten gerade einen Gottesdienst vor. Eine, die mitmacht, betont immer wieder: „Vergeben ist das wichtigste!“ Obwohl es in dem Bibeltext, den wir lesen, gar nicht um Vergebung geht. Aber sie sagt schon wieder „Für mich ist klar. Ohne Vergeben geht es nicht!“ Die anderen verdrehen schon die Augen.

Nach dem Treffen habe ich überlegt: Hat sie denn recht? Ist Vergebung wirklich das wichtigste? Es heißt doch Glaube, Hoffnung, Liebe – diese Drei sind wichtig. Vor allem die Liebe.

 Aber es stimmt ja:  Liebe ohne Vergebung- das wäre keine echte Liebe. Egal, wen und wie wir lieben – wir werden immer auch Vergebung brauchen. Weil wir nicht immer für den Anderen da sind. Weil wir oft etwas sagen, was den anderen  trifft. Oder  nichts sagen, sondern schweigen und damit jemanden sehr verletzen können.

Vergeben ist wichtig. Und nicht selbstverständlich. Ich kenne Leute, die sagen stolz. Ich vergesse nichts! Und meinen zum Teil auch: ich vergebe nichts.

Es geht bei uns  ja oft um Recht haben, Recht behalten, Recht durchsetzen. Das fängt schon am Frühstückstisch an: „Deine Schuld! Wenn Du das Glas nicht so blöd hingestellt hättest, wäre es mir nie umgefallen. Das hast Du getan!“

Dieses ganze Hin- und Herschieben von Schuld, das wäre doch nicht nötig, wenn Menschen leichter vergeben könnten. „Es tut mir leid.  Ehrlich!“ sagt der eine und dann kann der andere sagen:  „Ja, ist ok. Vergeben und  vergessen.“

Dem Anderen vergeben. Sich selber vergeben, wenn man  etwas falsch macht. Im Vater unser, dem Gebet, das Jesus seinen Freunden beigebracht hat, gibt es die Bitte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Auch bei Gott gilt. Ohne Vergebung geht es nicht.

Vielleicht muss man manchmal, so wie dieser Frau im Vorbereitungskreis, darauf bestehen: Vergebung ist  so wichtig.  Und dann am besten selbst damit anfangen.

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25JUN2019
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„Was ist denn mit Deinen Augen los?“ fragt mich eine Freundin. Ja stimmt, ich sehe auf einmal so schlecht. Beim Augenarzt heißt es dann: Eine Operation wird es richten. Aber ich bin nachdenklich geworden: Sehen können – das scheint mir so selbstverständlich. Als es nicht mehr so gut geht,  wird mir erst bewusst, was ich eigentlich an meinen Augen habe. Ich sehe sie selber nicht, aber für mich sind sie so etwas wie das Tor zur Welt. Ein unglaublich wichtiger Sinn. Während blinde Menschen sicher besonders gut hören und riechen können, geht bei mir vieles über die Augen. Sie ermöglichen mir jede Sekunde einen Zugang zur Welt. Und meistens nehme ich das ganz selbstverständlich hin.

Unsere Sprache kennt Worte, die das Schöne am Sehen ausdrücken: Augenschmaus und Augenweide zum Beispiel. Ich denke daran, was ich gerade jetzt im Sommer so gerne sehe: das satte Grün, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, Blumen.

Augen sehen aber auch Schmerzhaftes. Manchmal möchte man da die Augen lieber feste zumachen. „Ich guck da nicht hin“, sagt meine Tochter oft zu Recht. Aber auf Dauer ist es nicht gut, die Augen zu verschließen vor schlimmen Dingen. Das klappt auch nicht. Was wir sehen, das können wir gar nicht immer steuern. Aber egal, ob Schönes oder Schlimmes – es sind in der Tat nicht nur die Augen, die sehen.

Der Schriftsteller Antoine Saint-Exupéri, der diese Woche Geburtstag hat, hat gesagt „Man sieht nur mit dem Herzen gut: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Für mich ist das eine Einladung, meinen Blick  zu schärfen für das, was so kostbar ist im Leben. Die Augen mögen schlechter werden, aber das Herz kann immer tiefer sehen, schärfer - und dankbarer.

Ein hoffnungsvoller Blick nach innen und außen hilft mir in trüben Zeiten. Erkennen, was jeder Tag uns schenkt – mit offenen Augen und offenem Herzen.

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24JUN2019
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Neulich bin ich auf einen Post in Facebook gestoßen: „Ich weiß nicht“, hat da ein Theologe geschrieben, „ob es christlich geboten ist sich für die Schöpfung zu engagieren!“ Er findet dagegen, bereits die ersten Christen hätten doch das Ende der Welt herbei gesehnt. Nun, wo es nahe ist, sollten sich Christen und Christinnen vor allem um die eigene Seele kümmern, anstatt in Weltrettungsaktionismus zu verfallen.

Ich bin etwas fassungslos über diese Haltung. Aber es fanden sich viele positive Kommentare darunter. Offensichtlich teilen nicht wenige diese Auffassung.

Ich glaube das nicht. Und ich glaube auch Paulus würde sich über diese Haltung wundern. Paulus gehörte zu den ersten Christen. Er hat tatsächlich geglaubt, dass das Ende der Welt ganz nahe ist. Er hat geglaubt, dass Christus bald zurückkehrt und dann das Gottes Reich anbrechen würde. Eine Zeit in der niemand mehr leiden müsse. Aber obwohl er davon überzeugt gewesen ist, hat er sich für die Erde eingesetzt. Und dafür, dass die Welt ein besserer Ort wird. Dabei hat er die Schöpfung nicht unabhängig von den Menschen gesehen. Für ihn gehörte beides zusammen. Seine Art zu predigen war deshalb nie weltvergessen.

Die christlich-jüdische Lehre spricht den Menschen Verantwortung zu für diese Welt. Für alles was darauf lebt, Tiere und Pflanzen, in der Luft und im Meer. So steht es im Schöpfungsbericht in der Bibel. Es gibt nichts, was Christen von dieser Verantwortung entbinden könnte. Auch nicht der nahende Weltuntergang. Selbst dann nicht, wenn er die Wiederkehr Christi bedeuten würde. Es ist gut, diese Hoffnung zu haben in der Paulus gelebt hat. In sich die Überzeugung zu tragen, dass auch der Untergang der Welt den Menschen nicht von der Liebe Gottes trennen kann. Aber daraus folgt nicht, sich von der Welt abzuwenden. Sondern eher, sich gestärkt und getröstet für die Welt einzusetzen. Martin Luther hat dafür ein wunderbares Bild geprägt. Er soll gesagt haben: Und wenn die Welt morgen untergehen würde – ich würde heute einen Apfelbaum pflanzen. Recht hat er!    

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