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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

15JUN2019
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Ein bekennender Atheist hat zu mir gesagt:
„Weißt Du, wenn ich Euch Christen so beobachte, da fällt es schwer zu glauben, dass Ihr wirklich an die Auferstehung der Toten glaubt. Ihr tut euch doch mit dem Sterben genauso schwer, wie all die anderen auch, oder?“

Stimmt. Aber auch Christinnen und Christen haben schließlich das Recht, ihr Ende zu betrauern; oder das ihrer Lieben. Und dennoch ist die Frage natürlich berechtigt: Wie halten Christen es eigentlich mit der Auferstehung? Glauben sie das wirklich? Und was macht das für einen Unterschied?

Ich persönlich habe keinen Zweifel an der Auferstehung. Und ich werde fast täglich darin bestätigt, im Kontakt zu den Sterbenden. Die Trennwand zu einer anderen Welt wird für Sterbende oft durchlässig. Sie sehen Dinge, die ich nicht sehen kann. Und sie erzählen mir davon.

Manche begegnen längst verstorbenen Menschen, die ihnen einmal nahestanden. Eine Frau erzählte mir: „Abends, wenn alle gegangen sind, erscheint meine Mutter in meinem Zimmer. Und dann setzt sie sich auf den Stuhl, genau da, wo Sie jetzt sitzen. Und wir schauen einander an; und unterhalten uns, ganz ohne Worte. Das ist so friedlich. Und ich weiß: ich werde ihr bald folgen.“

Manchmal ist es aber auch so, dass die Angehörigen etwas Außergewöhnliches erleben. So wie bei der jungen Frau, die ihre Mutter beim Sterben begleitet hat. Sie erzählte mir, wie - im Augenblick des Todes - ein wunderschönes, leuchtendes Licht aus ihrer Mutter herausgetreten sei.

„Mein Vater und mein Bruder sind auch dabei gewesen, sagt sie, aber leider habe nur ich es gesehen. Es war so schön, mir sind die Tränen heruntergeflossen vor Freude, während sie bitterlich um sie geweint haben.“ 

Mich bestärken solche Erzählungen in meinem Glauben. Der Glauben an ein Leben nach dem Tod ist tröstlich und entlastend. Und er kann helfen das eigene Leben besser anzunehmen. Auch das, was daran unvollständig bleibt. Christinnen und Christen glauben:

Das Leben ist nicht alles. Es geht weiter, auch nach dem Tod. Ich glaube das wirklich – und ja: Es macht einen Unterschied – nicht erst beim Sterben, sondern gerade auch beim Leben.

 

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14JUN2019
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Es gibt ein paar Dinge, die kann man sich nicht selbst sagen: Z.B. kann man sich nicht selber segnen. Und man kann sich selber auch keine Vergebung zusprechen; und schon gar nicht die Vergebung von Gott.

Für die Absolution braucht es eine andere Person. Eine, die im Namen Gottes sagt: „Deine Schuld ist dir vergeben.“ Weil sie fest daran glaubt: So ist Gott! Gott vergibt.Selbst da, wo wir uns selbst nicht vergeben können. Ich bin mal einer Frau begegnet, die war vom Gegenteil überzeugt. Sie sagte: „Ich bin so durch und durch schlecht, Gott wird mir nie verzeihen.“ So sehr hat sie an sich selbst gezweifelt.

Ich bin selten einem Menschen begegnet, der so traurig war. Und ich ahnte ihre Geschichte, noch bevor sie sie erzählt hat: Eine einzige Aneinanderreihung von Gewalt und Missbrauch, von Kindesbeinen an...    Jetzt war kaum noch etwas von ihr übrig. Aber sie sehnte sich danach, dass Gott ihr vergeben möge. Dieses kaputte Leben vergeben, für das sie eigentlich nichts konnte - an dem sie sich aber schuldig fühlte.

Ich habe gelernt: es macht an so einer Stelle überhaupt keinen Sinn, einem Menschen die Schuld ausreden zu wollen – mag es einem noch so falsch, oder ungerecht vorkommen. Denn: wer sind wir, darüber zu entscheiden, woran sich ein Mensch schuldig fühlen darf? Und woran nicht?

Da gibt es keine Objektivität und keine Maßstäbe. - Jeder Mensch hat ganz allein die Deutungshoheit über sein eigenes Leben. Und manchmal ist die Schuld einfach besser zu ertragen, als die Ohnmacht in der Rolle des Opfers. Denn so bewahrt man sich wenigstens ein letztes Stück Macht und Kontrolle über das Leben...

Dennoch, die Lebensbeichte und Selbstanklage dieser Frau hat mich erschüttert. Und da habe ich ihr die Hände aufgelegt und zu ihr gesagt, woran ich fest glaube: „Im Namen Gottes: Deine Schuld ist Dir vergeben!“ Und ich glaube: In dem Moment hat sie das auch gespürt. Und konnte annehmen, was sie sich nicht selbst sagen konnte.

 

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13JUN2019
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„Seht Ihr den Mond dort stehen...?“ – Mit dieser Frage beginnt meine absolute Lieblingsstrophe von dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“.

Und weiter heißt es:
Seht Ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
und ich doch rund und schön.

So sind so manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehn.

Es ist meine Lieblingsstrophe, weil so viel Weisheit in diesen Zeilen steckt.
Wie oft kommt es vor, dass Menschen etwas als Unsinn abtun – nur weil sie es nicht verstehen? Weil sie nur glauben, was sie auch sehen können. – Das, was mit dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“ vereinbar ist...

„Das glaub ich nicht!“, habe ich auch gesagt, als mir jemand geraten hat, es doch mal mit Akupunktur zu versuchen, gegen Asthma und Heuschnupfen. Aus reiner Verzweiflung habe ich es dann doch irgendwann probiert. Und jetzt gehe ich da seit 20 Jahren hin, weil es mir so gut hilft.

 „Das glaub ich nicht!“ - Das hat auch mal einer von Jesu Jüngern gesagt: Thomas. - Das war, nachdem Jesus gestorben ist. Seine Jünger waren am Boden zerstört. Und da ist ihnen Jesus plötzlich erschienen. Er stand mitten im Raum und hat mit ihnen gesprochen.

So wird es in der Bibel erzählt. Nur Thomas sei nicht dabei gewesen. Und als er später dazukommt, erzählen die anderen alle ganz aufgeregt von ihrem unglaub-lichen Erlebnis. Und was antwortet Thomas?
„Das glaub ich nicht! – Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehen und mit den eigenen Händen anfassen kann.“

Es ist klug, erst einmal skeptisch zu sein. Nicht alles zu glauben. Aber noch klüger ist es, zu merken: die Skepsis beruht nur auf Unwissenheit. 

Das ist wie mit dem Mond: Wer erstmal begriffen hat, dass der Mond rund ist, den kann der halbe Mond nicht mehr täuschen. Der kennt die verborgene Wahrheit. Jesus ist übrigens ein paar Tage später noch einmal erschienen. Extra für Thomas. Da konnte sich dann auch Thomas überzeugen.

 

 

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12JUN2019
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Haben Sie gut geschlafen? Wenn man gut schlafen kann, das ist etwas Wunderbares. Niemand weiß das besser, als die, die Probleme mit dem Einschlafen haben; oder unter Schlaf-losigkeit leiden. Denn für längere Zeit keinen Schlaf zu finden ist schrecklich! Man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen; kann sich kaum mehr konzentrieren...

Und davon sind oft gerade die besonders betroffen, die sowieso schon eine schlimme Zeit durchmachen. Die liegen dann nachts wach und grübeln und kommen einfach nicht zur Ruhe. An Schlafen ist kaum mehr zu denken. Und dabei braucht man den Schlaf gerade dann so dringend. Und das sanfte Vergessen, in das er uns für einige Stunden wiegt...

Das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ besingt genau das. Da heißt es:         

„Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold.

Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer,
verschlafen und vergessen sollt.“

Sicher, das klingt ein bisschen antiquiert; kein Mensch würde mehr „so traulich und so hold“ sagen. Aber man spürt, was gemeint ist. Und die Erfahrung, dass es mit dem Abend stiller zugeht, in der Welt, die ist wohl keinem ganz fremd:

Wenn sich die Erde in Dunkelheit hüllt.Und der Lärm und die Geschäftigkeit des Tages allmählich nachlassen.Die Nacht, das ist wie ein Atemholen. Eine Ruhepause. Wir brauchen das.

„Irgendwann habe ich mich mit der Dunkelheit angefreundet“, erzählt mir eine Frau, die ihren Mann verloren hat. „Und von da an wurde es etwas besser, mit Einschlafen... Und ich habe angefangen, ein Traum-Tagebuch zu führen. Damit würdige ich sozusagen, was mir im Schlaf geschenkt wird. Denn ich weiß ja, wie kostbar das ist.

Wenn ich einen schwierigen Traum habe, versuche ich herauszubekommen, was mir dieser Traum sagen will. Vielleicht will er mich ja auf etwas Wichtiges aufmerksam machen...? Und wenn ich etwas Schönes träume, dann bin ich einfach nur dankbar. Denn das kann mich den ganzen Tag lang beflügeln.“

 

 

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11JUN2019
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Kinder lieben Rituale. Zum Beispiel, wenn einer vorliest vor dem Schlafen-gehen. Da hat das Ins-Bett-müssen wenigstens etwas Gutes. Man kann sich vielleicht nochmal an Mama oder Papa, oder auch nur an das Schlaftier kuscheln. Und fühlt sich sicher und geborgen.

Menschen, die sich da gut daran erinnern können, wiederholen dann solche Rituale bei den eigenen Kindern fast wie von selbst. Meine Eltern haben nicht vorgelesen. Aber trotzdem hatten wir ein Ritual am Abend: wir haben miteinander gebetet. Und dann wurde gesungen. Es war immer das gleiche Lied:

Der Mond ist aufgegangen.
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.

Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Beim Singen habe ich das alles direkt vor mir gesehen:
Den silbernen Mond, die Sterne, den dunklen Wald und die Wiesen. Irgendwie schön - aber auch unheimlich, dieser dunkle Wald... - wie im Märchen. Jeden Abend aufs Neue.
Und ich hab Vertrauen gelernt durch das Lied: Darauf, dass die Welt Bestand hat. Dass es ewig so weiter geht, mit dem Mond, da am Himmel. Und den Sternen, die freundlich zu uns runter blinken. Und den Wiesen. Und dass nach der Nacht ein neuer Tag kommt. Dass es dann im Wald wieder vor Tieren nur so wimmelt. Und die Vögel singen. Und aus den Wiesen wieder ein himmlisches Insekten-Gebrumme aufsteigen wird...

Da wusste ich noch nicht, wie zerbrechlich diese Welt ist. Und wie gefährdet. So ein harmloses Lied... – und doch kann es einen aus den Träumen reißen. Und die Augen dafür öffnen, dass wir unseren Kindern noch weit mehr schuldig sind, als Rituale und Geborgenheit:
- Eine Zukunft, mit Himmel, Mond und Sternen. Und überreichen Wiesen.... 
Und vielleicht können uns auch da Rituale helfen:
Mit den Kindern oder Enkeln Blumensamen streuen, in Töpfe und Vorgärten. Sie hegen und pflegen. Und mit ihnen wiederentdecken, was in der Natur so alles kriecht und fliegt. Und überlebenswichtig ist, für alle.

 

 

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