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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

04MAI2019
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Eine Kiste voller Spielzeugsoldaten, Panzer, Düsenjets. Ich habe sie auf meinem Heimweg entdeckt, Da komme ich immer an einer Stelle vorbei, an der Menschen Dinge hinstellen, die sie nicht mehr brauchen. Die sie verschenken wollen. Aussortiertes. Am nächsten Tag hat die Kiste da noch immer gestanden und auch einen Tag darauf noch.

Es hat sie keiner haben wollen – die Soldaten und ihr ganzes Kriegsgedöns. Wie schön habe ich gedacht. Und stelle mir vor. Wäre das nicht wunderbar. Ein Ort in der Welt, auf dem landet, was Menschen aussortieren. Und denken – vielleicht kann es ja noch jemand gebrauchen. Und eines Tages liegen da all die Waffen, Panzer und Granaten. Drohnen und Raketen. Soldaten besser nicht – aber ihre Uniformen. Ausgezogen von Menschen die sagen: genug davon. Das brauchen wir nicht mehr. Und niemand kommt und holt die Sachen. Weil keiner sie mehr haben will. Weil sich alle einig sind: das ist nicht mehr zu gebrauchen. Das ist wirklich nur noch Müll.

In der Bibel gibt es diese Vision. Von einer Zeit, in der die Menschen aufhören Kriege zu führen. In der die Kinder nicht mehr lernen mit Waffen umzugehen. In der Eltern nicht um ihre gefallenen Kinder trauern und Kinder nicht um ihre getöteten Eltern. Die Sehnsucht nach Frieden ist alt. Und sie ist universell. Wirklich alle Menschen kennen sie. Nicht der Krieg ist die Sprache, die jeder versteht. Der Frieden ist es. Alle Menschen können diese Sprache sprechen. Sie ist ganz leicht zu lernen: Ein Lächeln für eine Fremde. Ein freundliches Wort für den Kollegen. Ein zärtlicher Kuss zwischen Liebenden, eine sanfte Berührung zwischen Freunden. Die Sprache des Friedens hat viele Ausdrucksmöglichkeiten. Ihre Grammatik ist ganz einfach. Naiv sagen jetzt vielleicht manche. Ja, aber nur im besten Sinne des Wortes: Unschuldig nämlich, offen und vertrauensvoll. Ich bin überzeugt – so fängt der Frieden an. 

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03MAI2019
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In jedem Leben gibt es Situationen in denen man gefragt ist. In denen es die eigene Stimme ist, die einen Unterschied macht. Es kommt dann darauf an mutig zu sein. Aufzustehen. Sich zu trauen. Das ist nicht leicht. Und manchmal sucht man Ausflüchte. Das kenne ich gut. Zum Beispiel: Ich habe so viel zu tun – darum kann ich mich nicht auch noch kümmern. Oder: Ich bin viel zu schwach. Auf mich hört eh keiner! Auch wenn ich was sage, das ändert doch nichts. Da schweige ich lieber, um des lieben Friedens willen.

Aber: Gott lässt keine Ausreden gelten. So jedenfalls hat es der Prophet Jeremia erlebt. Gott wollte, dass Jeremia Kritik übt an den schlimmen Zuständen im Land und am falschen Weg der Regierung. Auf Jeremias Stimme kam es an damals! Aber Jeremia wollte nicht. „Ich bin doch viel zu jung!“ hat er gesagt. „Such Dir besser einen anderen, der das macht. Ich bin ungeeignet!“

Die meisten Ausflüchte leuchten sogar ein. Sind gar nicht weit hergeholt. Auch Jeremia hatte ja Recht. Er ist damals wirklich noch sehr jung gewesen. Wer sollte einem so jungen Mann schon Glauben schenken, wenn er von Gott spricht.

Aber Gott lässt das nicht gelten. Er hat Verständnis. Er sieht die Angst, die oft hinter den Ausflüchten steht. Und dieser Angst begegnet er. Zu Jeremia hat er damals gesagt: „Ich bin bei Dir. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich unterstütze Dich mit meiner Kraft und meinem Segen.“ Und ich glaube, das gilt auch für mich. Wenn es auf meine Stimme ankommt, so wie es damals auf Jeremia angekommen ist.  Wenn es soweit ist, dann weiß ich: Gott ist bei mir. Er unterstützt mich. So alleine bin ich gar nicht. Gott traut mir zu, dass ich meine Stimme erhebe. Z.B. wenn ich nicht lache über den sexistischen Witz auf der Party, sondern widerspreche – auch wenn ich dann als Spaßbremse verschrien bin. Wenn ich Partei ergreife für den einen, gegen den sich die anderen verschworen haben, auch wenn ich dadurch selbst in die Schusslinie gerate.  Ich glaube: Gott traut mir das zu. Mir macht das Mut. Mut dazu, die Ausreden wegzulassen. Die Aufgabe klar zu benennen. Und dann zu tun, was nötig ist. Jetzt. Mit Gottes Hilfe.

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02MAI2019
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„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün und lass mir an dem Bache die kleinen Veilchen blüh`n.“ So heißt es in einem Kinderlied, das Mozart komponiert hat. Den Text dazu hat Christian Adolph Overbeck geschrieben. Vor ungefähr Zweihundertfünfzig Jahren war das. Viel hat sich seitdem verändert in der Welt. Und eines fällt mir in diesem Jahr besonders auf: Ich muss den Mai nicht mehr bitten die Bäume wieder grün zu machen. Denn das sind sie längst. In unseren Breitengraden haben das der März und der April bereits erledigt. Und die Veilchen, nach denen sich im Lied so arg gesehnt wird, sind sogar schon verblüht. Zweihundertfünfzig Jahre und das Wetter hat sich verändert. So sehr, dass die Lieder nicht mehr stimmen.

In einem Lied in unserem evangelischen Gesangbuch besingt auch jemand den Mai (EG 135, Schmückt das Fest mit Maien). Aber in diesem Lied geht es nicht nur um das Wiedererwachen der Natur. Der Dichter bittet Gott um Mut und die Kraft zu beten. Ich glaube: Beides brauchen wir bis heute. Gerade auch, weil die Natur sich verändert. Mut und die Kraft zu beten. Den Mut nämlich etwas dagegen zu tun, dass sich die Erde immer weiter erwärmt. Dagegen, dass der Frühling immer früher kommt und die Sommer immer länger und heißer werden. Mut, etwas zu ändern – vor allem im eigenen Leben. Denn da fängt es ja an. Es macht einen Unterschied was jede und jeder einzelne von uns tut. Und ob er dabei an die Zukunft der Erde denkt und daran, dass wir Menschen nur diese eine Erde haben. Es gibt keinen Planet B.

Aber es braucht auch die Kraft zum Beten. Denn ich merke, manchmal verliere ich den Glauben daran, dass wir Menschen noch die Kurve kriegen. Dann zum Beispiel wenn ich sehe wie langwierig die Verhandlungen sind auf Klimagipfeln und in Regierungsetagen. Und wie ungläubig immer noch viele den Klimawandel bezweifeln und erst recht, wie wenig sie bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Zum Beispiel bete ich dann auch mit Worten aus dem Kirchenlied: „Gib zu allen Dingen Wollen und Vollbringen – führ uns ein und aus!“ Zum Wollen das Vollbringen und einen Ausweg, darum bitte ich Gott. Damit auch meine Kinder noch singen können.

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01MAI2019
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Heute wird nicht gearbeitet. Heute feiern wir, dass es das gibt: gute Arbeit! Vielleicht haben Sie auch eine gute Arbeit. Eine, die Sie gerne machen. Die Ihnen das Gefühl gibt, etwas Gutes für Andere zu tun. Eine, mit der Sie sich und Ihre Familie ernähren können.

Ich kenne niemanden, der nicht auch gerne arbeitet. Arbeiten ist nicht das Problem. Sondern dass jemand die falsche Arbeit macht. Dass die Arbeitszeit nicht stimmt. Oder der Lohn. Darum haben am Ende des 18. Jahrhunderts die Arbeiter in Washington gekämpft. Dass es neben der Arbeit auch noch Zeit zum Schlafen und Freizeit gibt. Dass der 8 Stundentag zur Normalität wird. Daran erinnert der heutige Tag. Bis heute haben Arbeitnehmer dafür kämpfen müssen. Freiwillig bekamen sie es nie.

Vielleicht ist deshalb das biblische Gleichnis so brisant. In dem Jesus Gott mit einem Arbeitgeber vergleicht. Der stellt Tagelöhner ein- zu einem festen Tagessatz. Die Tagelöhner wirbt er auf dem Arbeitsmarkt in der Stadt ab. Morgens, mittags und nachmittags.

Als der Arbeitgeber am Ende des Tages seine Arbeiter auszahlt, bekommen alle das Gleiche. Egal, ob sie morgens, mittags oder nachmittags angefangen haben zu arbeiten. Das ist ungerecht, sagen die Ganztagsarbeiter. Wir haben mehr geleistet, also kriegen wir auch mehr.“

Der Arbeitgeber- also Gott- denkt aber anders. „Ihr habt bekommen, was wir vertraglich ausgemacht haben. Genug zum Leben für diesen einen Tag. Und genau das brauchen doch auch die, die erst nachmittags angefangen haben. Genug zum Leben für diesen Tag. Oder ärgert ihr euch, dass ich gütig bin?“

Leistung oder Güte. Modern ausgedrückt: Leistung oder Solidarität und Menschlichkeit. Nach welchem Prinzip verteilen wir, was wir haben? Die begrenzten Ressourcen, das begrenzte Budget?

Jesus sagt: An oberster Stelle steht Menschlichkeit und Solidarität. Erst dann kommt das Prinzip Leistung. Es darf nicht sein, dass die Leistungsstarken so viel bekommen, dass für die Anderen nicht genug übrig bleibt für ein menschenwürdiges Leben. Oder - um es mit den Worten des himmlischen Arbeitgebers zu sagen: Warum ärgert ihr euch, wenn ich gütig bin?

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30APR2019
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Was für eine Wonne! Wenn man jetzt über Wald und Feld spaziert. Dieses zarte Grün, diese Blütenpracht. In den Gärten duftet es nach Flieder und Lavendel. Und in der Luft summt und brummt und zwitschert es!

„Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art.“ Das sagt Gott am Anfang der Schöpfung, nachzulesen in der Bibel ganz vorne. Mir ist, als ob Gott das jeden Frühling wieder sagt: Schaut und riecht und hört, was da so alles fliegt und krabbelt und hüpft. Ein jedes nach seiner Art. Sehr gut! sagt Gott.

Und lädt uns ein, sie auch so zu sehen, die Artenvielfalt. Das ist gar nicht selbstverständlich, wie mir vor kurzem wieder klar geworden ist. Das war beim Abendessen in fröhlicher Runde. Eine Freundin hat leckeren Salat gemacht. Frisch aus dem Garten, mit Kräutern und Walnussstückchen. Als ich mir grade ein sauerwürziges Salatblatt auf der Zunge zergehen lassen, sehe ich, wie sich was bewegt: ein Stückchen Walnuss. Krabbelt ganz langsam in Richtung Tellerrand.

Ich stupse meine Freundin an: „Guck mal, die Walnuss lebt!“  Und sie, mit der größten Selbstverständlichkeit: „Ach das Käferchen! Vorhin ist es auf dem Tisch rumgekrabbelt. Jetzt sitzt es im Salat! Wie süß!“

Alle nicken und essen weiter, ich auch- immer das Käferchen im Blick. Das inzwischen auf dem Kerzenständer sitzt. Und dann auf der Lampe. Wie süß! finden alle.
Ich frage mich: Warum habe ich früher alles entsorgt oder weggesaugt, was in der Wohnung rumgekrabbelt ist? Statt es- wenn auch mühsam- nach draußen zu befördern. Lebend.

Artenvielfalt ist doch „sehr gut“! Nicht nur Bienen, auch kleinste Käferchen sind wichtig für die Kreisläufe der Natur. Heute freue ich mich über jedes Insektenhotel, über ein bisschen verwilderte Vorgärten und Felder, die auch mal brach liegen dürfen, weil die Kommune das den Bauern finanziert.

Siehe, sie ist sehr gut! sagt Gott über die Artenvielfalt. Wenn das nächste Mal ein Walnussstückchen durch den Salat krabbelt, werde ich versuchen, mich entspannt zurückzulehnen und durchzuatmen- bis es vom Teller gesprungen ist.

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29APR2019
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Demut- das ist der Mut, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen. Seit ich diesen Satz gelesen habe, denke ich häufiger darüber nach.  Der Mut, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen.

Für mich trägt dieser Mut zur Zeit das Gesicht eines jungen Mädchens. Greta Thunberg, die 16 jährige schwedische Umweltaktivistin. Mit ihrem Schild „Schulstreik fürs Klima“ hat sie eine weltweite Schülerbewegung losgetreten. Friday for future. Mich fasziniert, wie Greta Thunberg auftritt: vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos, vor dem Europarat, vor der UNO. Überall kritisiert sie die, vor denen sie spricht. Dass sie ihrer Verantwortung für das Klima nicht gerecht werden. Dass sie die Bürde des Klimawandels ihren Kindern und Enkeln überlassen.

Für ihr Engagement wird sie bejubelt, belächelt und angegriffen. Sie nimmt das alles ganz gelassen. Weil es ihr egal ist, wie man sie als Person findet. Dieser Wettstreit der Eitelkeiten, in dem sie sich als öffentliche Person bewegt, sie macht ihn einfach nicht mit. Mich fasziniert das, auch wenn ich weiß, dass sie als Asperger- Kind nicht so anfällig dafür ist, von anderen gemocht zu werden.

Dass sie trotz heftigem Widerstand an ihrer Mission festhält, finde ich mutig. Es ist diese Mission, die sie umhüllt wie ein Schutzmantel. Sie hilft ihr, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten einfach zu entziehen.

Ich bin mir meiner Mission nicht so gewiss wie Greta Thunberg. Was könnte für mich so ein Schutzmantel sein? Wenn ich mal wieder von möglichst allen gemocht werden will? Wenn mich Kritik persönlich trifft? Was hilft, mich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen?

Mir hilft, wenn ich mit Gott ins Gespräch gehe. Wenn ich Gott frage: wie findest du mich? Was würdest du an meiner Stelle tun? Jesus hat gesagt: Wenn du nach Gottes Willen fragst, wird er bei dir sein. Seine Liebe wird dich umhüllen wie ein Schutzmantel. Denn vor Gott musst du nichts werden. Du bist schon Gottes geliebtes Kind.

Ich glaube, solche Geborgenheit macht stark und mutig. Demütig und aufrecht den eigenen Weg zu gehen.

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