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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

27APR2019
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Kleine Mädchen und Jungs in hellen Gewänder. Manchmal auch in dunklen Anzügen oder weißen Rüschenkleidern. An etlichen Orten im Land wird man dieses Bild morgen früh sehen können. Katholiken feiern morgen nämlich den sogenannten Weißen Sonntag, an dem zahlreiche Kinder in den Kirchen zum ersten Mal zum Abendmahl gehen. Zur Eucharistie, wie wir Katholiken auch sagen. Zum ersten Mal also bekommen sie im Gottesdienst die geweihte Hostie gereicht. Für Christen ist das ein wichtiges Ereignis.

Die Rede vom Weißen Sonntag hat indirekt etwas mit den Kleidern der Kinder zu tun. Der Begriff ist nämlich viel älter und geht zurück auf die Frühzeit der Kirche. Damals wurden noch keine Kinder getauft, sondern erwachsene Menschen und ihre erste Kommunion bekamen sie gleich nach der Taufe. Jedes Jahr in der Osternacht ist das geschehen und die neugetauften Frauen und Männer haben dann ihr weißes Taufgewand angelegt. Das für alle sichtbare Zeichen, dass sie nun Christen sind. Dass sie Christus angezogen haben, wie es bei der Taufe heißt. Und dieses weiße Gewand, das trugen sie dann stolz eine ganze Woche lang, bis zum Sonntag nach Ostern, der darum der Weiße Sonntag hieß.

Die hellen Kleider morgen sind also eine schwache Erinnerung an das weiße Taufkleid, das ja auch die Kinder morgen vor Jahren mal getragen haben. Doch wie kann ich heute noch zeigen, dass ich getauft bin und glaube? Im Alltag, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Ohne so ein äußeres Symbol wie ein weißes Gewand.

Die wenigen Worte, die die Bibel über die ersten Christen der sogenannten Urgemeinde verliert, dürften zwar mehr Ideal als Wirklichkeit gewesen sein. Aber als Idealbild wirken sie bis heute. Da heißt es: „Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt“. Es wäre sicher kein schlechtes Erkennungszeichen, finde ich, wenn man Christen daran erkennen würde, wie sie miteinander und mit anderen umgehen.

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26APR2019
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Vielleicht, mal sehen, ich schaue mal. Etliche Jahre habe ich mit Studierenden gearbeitet und Aussagen wie diese habe ich da ganz oft gehört. Mit den jungen Leuten längerfristig etwas zu planen war schwierig. Die Frage: „Seid ihr dabei?“ endete ganz oft im unbestimmten Nirgendwo: Vielleicht, mal sehen, weiß noch nicht genau. Dabei verstehe ich sie gut. Da gibt es Prüfungstermine, die erst spät herauskommen. Praktika, die noch nicht feststehen. Ein Leben auf Sicht sozusagen. 

Irgendwie, fand ich immer, hat das auch zu unserer kleinen christlichen Studentengemeinde gepasst. Denn auf Sicht fahren muss ich oft auch mit meinem Glauben. Da geht es mir nicht anders als unseren Studierenden damals. Denn auch im Glauben gibt es ja immer wieder dieses Vielleicht. Dieses Ich-bin-mir-nicht-sicher. Ich weiß, dass das für manche Menschen nur schwer auszuhalten ist. Dass mancher gerne die ewige Wahrheit hätte, in Stein gemeißelt. Aber so funktioniert der Glaube leider nicht. Zumindest für mich nicht. Denn da gibt es viel zu oft dieses „vielleicht“. Ja, vielleicht war es so, wie es die Bibel berichtet. Damals, in den Tagen nach dem Osterfest. Vielleicht haben sie den auferstandenen Jesus wirklich leibhaftig gesehen. Vielleicht war seine Grabhöhle wirklich leer. Vielleicht. Und selbst als er seinen treuesten Mitarbeitern persönlich begegnet, zweifeln ein paar von ihnen trotzdem. So jedenfalls berichtet es Matthäus noch auf den letzten Zeilen seines Evangeliums. Glaube und Zweifel sind wie eineiige Zwillinge. Sie gehören zusammen, sind einfach nicht zu trennen.

Einen Ausweg aus diesem Spagat gibt es also nicht. Für niemanden. Auch Papst Franziskus hat vor kurzem eingestanden, dass er immer wieder Zweifel habe. Und dennoch, ich kann nicht anders. Ich baue darauf, dass es diesen Gott gibt und dass er auch mich am Ende nicht vergessen wird. Das hoffe ich jedenfalls inständig. Auch wenn ich immer wieder mal an ihm zweifele.

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25APR2019
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Vielleicht erinnern sie sich auch noch an öffentliche Telefonzellen. Jene kleinen gelben Häuschen am Straßenrand, in denen es wahlweise nach fremdem Schweiß, kaltem Rauch oder beidem roch. Rasch ein paar Münzen in den Schlitz am Apparat geworfen und dann solange mit den Lieben daheim geplaudert, bis das Geld alle war. Und was in keinem dieser gelben Häuschen damals fehlen durfte war das Schild mit dem schönen Satz „Fasse dich kurz“. Für mich eine geradezu philosophische Aussage.

Fass dich kurz. Um wieviel besser würde dadurch wohl so manche wortreiche Predigt in unseren Kirchen werden? Fass dich kurz! Das möchte ich manchmal auch telefonierenden Mitmenschen im Zug sagen, die mich und andere mit ihren intimsten Lebensgeschichten unterhalten. Fass dich kurz. Das muss ich mir auch selber immer wieder sagen, wenn ich zum Beispiel hier im Radio spreche. Zweieinhalb Minuten habe ich, mehr nicht. Und das ist dann fast wieder wie früher in der Telefonzelle, wo man seine Groschen nach und nach durchrutschen sah. Sprechen gegen die Uhr. Also: Fass dich kurz.

Dennoch, ich persönlich mag diesen kleinen Satz sehr, weil ich glaube, dass es für die wichtigsten Dinge im Leben noch nie endlos lange Reden gebraucht hat. Das fängt schon in der Bibel an. Für die Erschaffung der Welt etwa braucht Gott nur ein paar Worte. Auch Jesus heilt unheilbar Kranke mit einem kurzen Satz: „Steh auf und geh, dein Glaube hat dir geholfen.“ Punkt! Und reichen nicht für die wichtigsten Sätze im Leben manchmal sogar drei Wörter: „Bitte verzeih mir“ zum Beispiel, aber auch: „Ich vergebe dir“. Nur ganze drei Wörter braucht es auch, um einem anderen Menschen zu sagen, dass man ihn liebt. Ich glaube, dass sich das Innigste zwischen Menschen sowieso nicht mit Worten ausdrücken lässt. Für einen Abschied, der mir schwer fällt, reicht deshalb oft schon ein einziges Wort, das alles sagt: „Adieu“! Wortwörtlich übersetzt heißt das: bei Gott. Ich lasse dich, geliebten Menschen, los an die Hand Gottes. Braucht es mehr?

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24APR2019
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„Diese Wirtschaft tötet.“ Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Zitat von Papst Franziskus inzwischen gehört oder gelesen habe. Es ist ja auch ein echter Knaller. Keine netten Floskeln. Stattdessen klare Kante. Doch um mediale Effekthascherei ging es Franziskus dabei sicher nicht. Sein so oft zitierter Satz geht nämlich weiter. Der Papst schreibt: „Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“ (Evangelii Gaudium S. 45)

Mir sind diese Sätze des Papstes wieder eingefallen, als ich von den Demonstrationen in Berlin und anderen Großstädten hörte. Wo Menschen nun zu tausenden auf die Straße gehen und gegen immer weiter steigende Mieten protestieren. Ja, sie fordern sogar die Enteignung von Wohnungskonzernen. Viele von ihnen haben Angst. Angst, aus ihrem Zuhause vertrieben zu werden, in dem manche schon Jahrzehnte leben. Angst, bald keine Wohnung in der Stadt mehr zu finden, die sie noch bezahlen können. Nicht mehr als 30 Prozent eines Monatseinkommens sollten Menschen fürs Wohnen aufbringen müssen, sagen Experten. Die Menschen in Berlin aber müssen im Durchschnitt schon 46 Prozent ihres Einkommens dafür ausgeben. Tendenz steigend. Viele Städte werden sich bald nur noch Gutverdiener leisten können.

Ich weiß, durch all das wird kein Mensch getötet, wie der Papst es mit dem knackigen Satz nahelegt. Aber die drastische Formulierung steht ja auch stellvertretend für etwas anderes: Dass die Interessen der Kapitalbesitzer oft eben wichtiger sind und mehr zählen als elementare Lebensbedürfnisse von Menschen: Ein Zuhause zu haben. Saubere Luft zum Atmen. Am Leben einer Stadt auch teilnehmen zu können. All das gibt es. Aber längst nicht mehr für jeden. Und die Grenze, wer noch dazu gehört und wer nicht mehr, die verschiebt sich gerade immer mehr. Dieses Dilemma auflösen kann auch ein Papst nicht. Aber immer wieder nachdrücklich danach fragen, was uns im Zweifel wichtiger ist. Menschen oder Kapitalgewinne?

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23APR2019
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Kurz vor der zentralen Haltestelle in der Mainzer Innenstadt macht unser Busfahrer eine Durchsage: „Für alle, die hier aussteigen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Passen sie auf sich auf und bleiben sie gesund. Und genießen sie das wunderbare Wetter heute.“ Für einen Moment bin ich wie vom Donner gerührt. Die Haltestellen werden längst digital angekündigt. Er hätte also gar nichts sagen müssen. Aber es scheint ihm wichtig zu sein. Der Mann da vorne meint das ernst!

Für mich ist der Tag damit ein guter Tag geworden.  Das ist er zwar auch dann, wenn mir etwas gut gelungen ist. Wenn ich ein Projekt im Büro erfolgreich gemanagt habe. Oder wenn ich endlich mal dazu gekommen bin, meine Obstbäume im Garten zu schneiden. Doch am schönsten sind Tage, an denen mir fremde Menschen völlig unverhofft freundlich oder liebevoll begegnen. Einfach so. Sicher, beim Einkaufen an der Kasse höre ich das öfter mal „Schönen Tag noch“. Aber: „Passen sie auf sich auf, bleiben sie gesund“, von einem Busfahrer, den ich gar nicht kenne? Mit einem Lächeln im Gesicht bin ich aus dem Bus ausgestiegen, und habe gemerkt: Ich bin damit nicht alleine.

Manchmal kann es ganz einfach sein, einem fremden Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihm seinen Tag zu einem guten Tag zu machen. Man muss die anderen Menschen nur mögen, was – zugegeben – nicht immer so einfach ist. Aber das ist es, was ich mit dem kleinen biblischen Satz „Liebe deinen Nächsten“ verbinde. Keine steile moralische Forderung, kein erhobener Zeigefinger. Vielmehr eine Lebenshaltung. Und damit mir die gelingen kann, ist die zweite Hälfte dieses Satzes ganz wichtig: „Liebe deinen Nächsten … wie dich selbst.“ Wenn ich mich nämlich selber schon nicht ausstehen kann, werde ich auch dem anderen kaum freundlich begegnen. Darum an dieser Stelle einen herzlichen Dank an alle Busfahrerinnen und Schaffner, die sich und ihren Job lieben und mich daran ein bisschen teilhaben lassen.

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