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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

06APR2019
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Jesus brauchte einen Kranken nur anzurühren, und schon war er geheilt.

Einmal hat er seinen Freund Petrus besucht. Und wie er ins Haus kommt, sieht er auf den ersten Blick: die Schwiegermutter vom Petrus ist krank. Und sie hat hohes Fieber.

Da setzt er sich zu ihr und nimmt ihre Hand. Und kaum, dass er sie berührt, geht das Fieber runter. Und sie fühlt sich wieder wohl und kann aufstehen.   

Wie ich Jesus darum beneide! Ich würde das auch gerne können:

Menschen einfach nur die Hand auflegen - und schon sind sie geheilt.

Nur, wenn ich Kranken die Hand auflege, dann geschieht überhaupt nichts.

Obwohl: So ganz stimmt das auch wieder nicht...

Es geschieht zwar kein Wunder, aber etwas passiert schon:

Manchmal erlebe ich, dass jemand ganz blass ist; aber nach einer Berührung oder Segnung ist da plötzlich wieder Farbe im Gesicht. Oft erlebe ich, dass Menschen anfangen zu weinen, wenn man sie berührt. Weil sich dadurch etwas löst, und die Gefühle kommen hoch...

Und es kommt vor, dass man jemanden berührt, der am Boden zerstört ist und nicht mehr weiterweiß. Und plötzlich lässt er den Kopf nicht mehr ganz so tief hängen, denn er fühlt sich nicht mehr so allein.

 Wenn man gesund ist, und es geht einem gut, kann man sich kaum vorstellen, was so eine kleine Berührung ausmacht.

Aber wenn man krank ist, ist alles anders. Da ist man hilflos und verletzlich... -

und deshalb auch so empfänglich für Zeichen der Zuwendung.

Mir jedenfalls geht es so:

Es macht einen Unterschied, ob die O.P.-Schwester noch ein gutes Wort hat; und der Anästhesist einem nochmal aufmunternd zulächelt, bevor es losgeht. Und es macht einen Unterschied, ob die Ärztin bei der Visite einem zum Abschied kurz den Arm drückt; und damit ihre Zuversicht unterstreicht.

Warum eigentlich?

Weil man das Gefühl hat: Ich werde gesehen. Und eine Berührung macht es noch deutlicher. 

So gesehen, hat uns Jesus da was Gutes vorgemacht. Wir werden zwar keine Wunder bewirken. Aber wenn wir uns vom Schicksal des anderen berühren lassen – und das auch zeigen durch eine Berührung, das ist heilsam. Für alle.

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05APR2019
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„In der Kirche reden sie immer vom `Lieben Gott´“, sagt ein Mann zu mir, „aber wenn Gott alles geschaffen hat, dann ist er doch auch für das Schlechte verant-wortlich. Und dann kann er nicht nur lieb sein.“

Ja, das stimmt: Gott ist nicht nur harmlos, lieb und nahbar. Davon erzählt auch die Bibel - und manche Geschichten dort lassen einen geradezu erschaudern.

Aber ich - und viele mit mir - machen es sich viel lieber mit der anderen Vorstellung von Gott gemütlich:

Mit dem Gott der Liebe, und der kleinen Leute - der gut ist und nicht auch böse, klein und nicht auch groß, nah und nicht auch fern...

Jedoch: ausgerechnet dieser harmlose, liebe Gott, bleibt den Gefühlen so seltsam fern.

Vielleicht, weil ich ihm nichts zumuten kann:

Denn wie soll man den lieben Gott anklagen, für das Grausame und Schlimme in der Welt? Und wie vom lieben Gott eine Antwort fordern, auf meinen Schmerz? Und wie dem lieben Gott die Zweifel und Verzweiflung entgegen-schleudern? - So schonungslos, wie einst die Beter in den Psalmen.

Wer Gott verharmlost, traut ihm auch im Guten nicht viel zu. 

Darum ist es so wichtig, auch die dunklen Erfahrungen mit Gott zu verbinden. Die Schattenseiten der Wirklichkeit: Viele Menschen leiden. Menschen tun einander Unvorstellbares an. Und wir plündern die Erde.

Klar: Was wir Menschen davon verschulden, das liegt in unserer Verantwor-tung. Aber wer hat denn die Menschen geschaffen, mit ihrem Zynismus, ihrer Brutalität, ihrer Gefühllosigkeit?

Wenn Gott tatsächlich alles in allem ist, dann hat er auch die Schattenseiten dieser Welt geschaffen. Dann tut Gott auch Dinge - oder lässt sie zu - die ich nicht verstehe; die ich nur schlimm, verrückt, ungerecht und grausam nennen kann. Dann ist Gott einer, der zuweilen Unzumutbares zumutet.

Und doch finde ich darin einen eigenartigen Trost:

Denn wenn ich Gott so denke, groß und mächtig - und nicht nur als den lieben Gott - dann ist Gott ein echtes Gegenüber.

Er ist zwar zum Fürchten - und ich werde ihn nie ganz verstehen; aber ich kann mich ihm auch zumuten, schonungslos, mit allem, was ich bin – auch mit meinen Schattenseiten.

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04APR2019
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Ausgebremst, von jetzt auf gleich - damit muss man erstmal klarkommen.

Auch wenn es nur eine Verletzung ist, mit Aussichten auf Heilung...

Man kann sich ja nicht darauf vorbereiten.

Von jetzt auf gleich ist alles anders. Eben ist man noch mittendrin - und im nächsten Augenblick sitzt man auf der Reservebank. Und alle Fragen nach dem: Warum? Warum grad jetzt? Warum grad mir...? - führen zu nichts. Denn es ist wie es ist. Und es gibt kein Zurück.

Ich habe über einen Psychiater gelesen, den interessiert gar nicht das Problem selbst. Er denkt in eine ganz andere Richtung. Er fragt: Was ist das Gute am Schlechten? (Paul Watzlawick)

Ich hab mich im ersten Augenblick geärgert, als ich das gelesen habe:

Wie bitte? - Das Gute am Schlechten? Na, toll: Jetzt soll ich auch noch positiv denken! - Und dabei bin ich doch gerade vollends damit beschäftigt, um mein Problem zu kreisen, mit allem Drum und Dran...

Aber die Frage ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen:

Was ist eigentlich das Gute am Schlechten?

Das Gute am Schlechten ist - jedenfalls in meinem Fall: Ich darf mich mal schonen. Das Gute am Schlechten ist: ich lerne, Termine abzusagen; und es geschieht gar keine Katastrophe! Das Gute am Schlechten ist: Es geht auch ohne mich. Andere springen für mich ein; und sie machen ihre Sache genauso gut.

Das Gute am Schlechten ist: Meine Kollegen vermissen mich und senden mir ihre guten Wünsche.

Und: Ich habe plötzlich ganz viel Zeit. Und muss mich mal mit mir selber auseinandersetzen...

Und dabei ist mir etwas aufgegangen:

Ich tue immer so, als hätte ich noch alle Kraft der Welt. Aber das stimmt nicht. Mein Körper weiß das. Er sendet mir Signale. Aber ich zwinge ihm meinen Willen auf.

„Wer nicht hören will, muss fühlen“, hat man früher gesagt. Es ist nur eine Frage der Zeit... - Klar, schön ist das nicht. Und ich wünschte, ich wäre schadlos davongekommen. Und das wünschte ich auch für alle anderen, denen es so ergangen ist, wie mir. Und klar – nicht an allem Schlechten gibt es etwas Gutes. Aber mir hat der Gedanke geholfen, meine Situation leichter anzunehmen.

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03APR2019
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Jeder Mensch hat so seine Macken; seine Ängste - das ist eine Allerweltweis-heit. Die einen haben Angst vor Spinnen, andere vor Mäusen oder Schlangen. Und wieder andere haben Höhen- oder Platzangst.

Ich selber kann keine Enge ertragen. Das verfolgt mich bis in meine Träume. Normalerweise habe ich das ganz gut im Griff. Ich kann sogar Fahrstuhl fahren, solange er nicht zu voll ist.

Aber als ich jetzt in die „Röhre“ musste, wie man so schön sagt, da hat mich die Angst mit ganzer Macht eingeholt. Ich habe schon oft von Patienten gehört, wie unangenehm das ist, so ein MRT. Aber ich hatte ja keine Ahnung, wie schreck-lich es wirklich ist!

Schon als ich das Gerät gesehen habe, ist mir ganz anders geworden...

Also habe ich meine ganze Selbstkontrolle aufgeboten. Ich habe mir nichts anmerken lassen und die Augen fest geschlossen. Und ich habe mir geschworen, sie unter gar keinen Umständen zu öffnen, bis ich wieder rausgefahren werde.

Ich kann Ihnen sagen: Mein Herz hat mir bis zum Halse geschlagen.

In meiner grenzenlosen Panik habe ich angefangen, das Vaterunser zu beten – das heißt, eigentlich hat es sich ganz von selber gebetet, das Vaterunser, tief in mir drin. Und es ist mir wild durcheinandergeraten, denn ich habe es gar nicht mehr richtig zusammengekriegt...

Aber das Erstaunliche war: es hat mich beruhigt. Und als ich wieder halbwegs klar denken konnte, hat mir eine andere Vorstellung weitergeholfen. Ich habe mir vorgestellt: Ich liege in unserer Kirche, auf dem Boden; im Altarraum. –

So wie ich das schon mal gemacht habe, mit meinen Schülern, bei einer Kirchenraum-Meditation. Und hab dann - in Gedanken - von da unten aus in dieses unendliche Kirchenschiff geschaut...

Und am Ende war ich erstaunt, dass die Untersuchung schon rum war.

Seltsam, mir ist noch nie das Vaterunser in den Sinn gekommen, in so einer Situation; Stoßgebete, schon... Aber dieses Mal haben mir wohl die Worte gefehlt. Und da sind die alten, vertrauten Worte einfach zu mir gekommen.

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02APR2019
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Manchmal erweisen sich ausgerechnet diejenigen als besonders mitfühlend und menschlich, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. Das ist eine uralte Erfahrung - die hat schon König Saul gemacht, der erste König über Israel.

Das ist, als er nicht mehr ein noch aus weiß. Denn da ist keiner mehr, dem er trauen kann. Und zu Gott hat er auch den Draht verloren. So erzählt es die Bibel.

In seiner Verzweiflung sucht er eine Totenbeschwörerin auf. Vielleicht, dass sie ihm helfen kann...?

Totenbeschwörung ist ein uralter, religiöser Brauch gewesen. Deshalb hatte König Saul sie ja auch strengstens verboten.

Aber jetzt ist dem König alles egal; er will nur noch eines:

Er will mit dem Mann sprechen, der zu Lebzeiten immer Rat wusste - mit Samuel, dem Propheten. - Ihn soll die Frau aus dem Totenreich holen.

Und tatsächlich: Sie ruft den Toten. Aber der Prophet hat für Saul nur ein ver-nichtendes Urteil. Dann ist er wieder verschwunden.

Da bricht Saul zusammen. Denn es ist aus.

Aber jetzt geschieht etwas Unerwartetes:

Ausgerechnet die Totenbeschwörerin hat Erbarmen mit dem König. Sie sieht seine Verzweiflung; und die grenzenlose Einsamkeit. Und sie redet Saul gut zu. Und gibt ihm ihr bestes Essen, damit er wieder zu Kräften kommt. - Ein Lehr-stück in Sachen Menschlichkeit.

Ich erinnere mich an eine Situation - da ging es zwar nicht um Leben und Tod – aber um Diebstahl. Meine Tochter, gerade 18, ist abends auf einer Feier gewesen. Und da hat ihr jemand die Handtasche gestohlen.

Alles war weg: das neue Handy, Geld, Ausweis, Führerschein. Unsere Tochter ist natürlich enorm unter Druck geraten: Der Verlust, der Ärger mit den Eltern - und alles was man in so einem Fall erledigen muss...

Aber dann, ein paar Tage später klingelt es an der Haustüre.

Da steht ein Obdachloser. Und er streckt er mir den Ausweis meiner Tochter entgegen. „Hab ich gefunden“, sagt er. Und schon macht er kehrt. Er lässt mir nicht einmal Zeit, mich ordentlich zu bedanken.

Ausgerechnet einer, von dem man es am wenigsten erwarten hätte, macht sich auf den Weg. Und fühlt mit, weil jemand was verloren hat.

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01APR2019
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Wenn sich Himmel und Erde berühren, dann sind das magische Momente. In der Bibel wird von so einem Moment erzählt:

Da führt Jesus seine Jünger auf einen Berg hinauf, um dort oben, dem Himmel näher, Kontakt aufzunehmen zu den Toten.

Es heißt: Sein Angesicht leuchtete und seine Kleider wurden strahlend weiß.

Und dann erscheinen zwei Propheten aus Vorzeiten: Elia und Mose. Und die drei unterhalten sich miteinander, als sei es das Normalste auf der Welt...

Die Jünger fallen derweil in eine Art Trance. Doch obgleich sie alles eher diffus erleben, muss die Erfahrung überwältigend sein! Petrus will sogar direkt Hütten bauen. Denn wer einmal erlebt hat, wie die beiden Sphären einander berühren: Das Jenseits und das Diesseits, der möchte nicht mehr hinabsteigen ins Alltägliche und Banale; der möchte dem Himmel nahe bleiben...

Ich habe auch einmal so etwas Überirisches erlebt:

Da habe ich eine Frau beim Sterben begleitet. Sie war schon nicht mehr bei Bewusstsein. Aber plötzlich hat sie die Arme nach oben gestreckt, und die Augen aufgerissen und über das ganze Gesicht gestrahlt, als würde sie etwas Wundervolles sehen. Und dann sind ihre Arme wieder herabgesunken. Und sie ist gestorben.

Ich hätte diesen Augenblick gerne festgehalten; und ich hätte zu gerne mehr gesehen... Aber leider – es geht nicht. Solange uns die Erde braucht, muss der Himmel warten.

In der Geschichte mit Jesus müssen die Jünger auch wieder aufwachen.

Eine Wolke überschattet sie. Dann sind sie wieder allein.

Elia und Mose - verschwunden;

der Kontakt zwischen den Sphären - abgebrochen.

Sie gehen, wie sie gekommen sind. Und doch…, auch wieder nicht.

Denn wer so etwas erlebt, geht verändert zurück. Für den hat sich der Vorhang kurz gelichtet. Und der hat eine leise, schemenhafte Ahnung von dem, was dahinter ist.

Noch ganz im Banne der Erleuchtung ziehen Jesus und die Jünger schweigend ihres Weges. Und das Schweigen hält an.

„In jenen Tagen“, heißt es, „teilten sie niemandem mit, was sie gesehen haben.“ Denn dafür muss man erstmal Worte finden.

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