Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Gottesdienst im Seniorenheim. Ein Ehepaar ist neu und feiert zum ersten Mal in unserer Runde Gottesdienst.

Der Mann fällt mir auf, weil er so eine schöne und kräftige Stimme hat und unseren Gesang sehr bereichert. Seiner Frau hingegen fällt das Sprechen schwer. Aber sie nickt, lächelt und hört sehr aufmerksam zu.

Die Riten und Lieder sind den beiden vertraut. Gottesdienst haben sie wohl schon oft zusammen gefeiert. Nur nicht hier. In der fremden Umgebung. Mit Menschen, die sie kaum kennen.

Und dann sehe ich, wie die Hand der Frau nach der Hand ihres Mannes sucht.

Sie möchte berührt werden und spüren: Wir sind hier zusammen. All das Neue und Unbekannte im Heim, die vielen Beschwerden, die unser Leben mühsam machen, all das stehen wir zusammen durch. Und dabei verbindet uns, wenn wir zusammen beten. Das ist uns vertraut. Das brauchen wir. Denn das gemeinsame Beten verbindet uns beide auch mit Gott.

Sie erleben: In all dem Neuen schenkt der Glaube Halt.  Es ist der Glaube, dass Gott jedes Leben begleitet, auch und gerade, wenn es beschwerlich wird. Das hilft, das Leben anzunehmen, so wie es nun mal ist.

Und so beten und singen wir alle miteinander. Die Hand der Frau liegt geborgen und zärtlich in der Hand ihres Mannes. Die beiden halten zusammen. Das sieht man. Sie schenken sich Halt und sie empfangen Halt.

Nach unserem Gottesdienst gehen alle wieder in ihre Zimmer. Das Ehepaar hält sich immer noch an der Hand. Und im Vorbeigehen spricht der Mann einfach aus, was er empfindet: „Das hat jetzt richtig gutgetan.“ 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28191

Christ werden. Glauben. Wie kann das gehen?  

In meiner Kirchengemeinde stellen wir uns die Frage. Und ringen um Ideen.

Dabei ist mir Charlotte in den Sinn gekommen. 

Ich sehe sie noch genau vor mir: Schwarze, lange Haare. Große, neugierige Augen und einen pinken Koffer in der Hand.

Charlotte war vor ein paar Jahren unsere Austauschschülerin aus England. Zwei Wochen hat sie bei uns gewohnt.  Charlotte wollte lernen. Vor allem die deutsche Sprache, aber sie interessierte sich für alles, was typisch deutsch ist.

Und so haben wir ihr gezeigt und erzählt, was so typisch für uns ist. Deutsches Essen, bestimmte Redewendungen, Kulturelles und Sehenswürdigkeiten.

Charlotte hat einfach mit uns zusammengelebt. Wir haben sie überall mit hin geschleppt und ihr erklärt, was sie wissen wollte. Wir haben sie teilhaben lassen an unserem Leben. Und je mehr Charlotte unsere Kultur kennengelernt hat, umso mehr hat sie sich in die deutsche Sprache verliebt und sie fast nebenbei gelernt.

Vielleicht können wir uns in unserer Kirchengemeinde von den Austauschfamilien eine Scheibe abschneiden, wenn es um den Glauben und das Christ werden geht: Anderen erzählen, was mir wichtig am Glauben ist. Was der Glaube mir bedeutet. Was für mich typisch ist. Den ganz persönlichen Glauben miteinander teilen:

Dass ich mich geborgen fühle und von Gott begleitet. Dass ich nur staunen kann über alles Lebendige auf der Welt. Dass ich spüre: Gott geht es um mich. So wie ich bin. Auf Gottes Liebe ist Verlass.

Diesen Glauben kann ich anderen nicht aufdrängen, nur anbieten.

Glauben kann ich nicht lernen wie Vokabeln oder Grammatikregeln.

Aber ich kann erleben, was Glauben bewirkt: Im Austausch mit anderen, beim Beten, im Vertrauen auf Gott, der es mit jedem Menschen gut meint.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28190

Feiern hilft. Punkt. Auf grauem Asphalt sind in bunten Farben diese beiden Worte aufgesprüht: Feiern hilft. Und dahinter ein dicker Punkt. Damit scheint alles gesagt.

Der Satz bringt mich ins Nachdenken. Ich feiere ganz gerne. Mit anderen zusammensitzen, etwas leckeres Essen, ein gutes Glas Wein, Musik, die Zeit vergessen. Das mag ich. Aber: Wieso hilft feiern?

Im Leben geht es ja oft nicht gerade feierlich zu. Viel öfter erlebe ich da grauen Alltag, Verpflichtungen, Krankheiten und manchmal auch große Sorgen. Alles andere als feierlich.

Auf der anderen Seite spüre ich auf einem Fest: Da gibt es Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin. Erzähle, lache oder auch jammere. Und da sind Menschen, die gerne mit mir zusammen sind. Sonst wären sie ja schließlich nicht gekommen.

Feste zeigen mir also:

Es gibt sie. Die schönen und bunten Zeiten. Und die Menschen, für die ich dankbar bin, die mir verbunden sind.

Ja, das hilft. Das hilft, das Schöne im Leben wahrzunehmen. Und zumindest für den Moment froh und dankbar zu sein. Mögen die Tage drumherum auch gerade ziemlich grau sein.

Für mich spielt dabei noch etwas eine Rolle: Mit den Menschen um mich herum, in dem unbeschwerten, ehrlichen Miteinander erfahre ich, dass es Gott gut mit mir meint.

In der Bibel ist die Rede vom Leben in Fülle (Joh 10,10), das Gott für jeden Menschen will.  Gott will also, dass es mir rundum gut geht. Dass ich mich geborgen und aufgehoben fühle. Dass ich gesegnet bin.

Davon können mir Feste eine Ahnung geben.

So hoffe ich, dass es immer mal wieder einen Grund zum Feiern gibt.

Denn: Feiern hilft. Punkt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28189

„Wer bemerkt seine eigenen Fehler?“ (Ps 19, 13) Diese Lebensweisheit steht in den biblischen Psalmen. Die Psalmen sind Gebete, die tiefgehende Lebensfragen aufgreifen. Und dazu gehört auch diese Erfahrung: Es ist gar nicht so einfach, die eigenen Fehlern und Schwächen zu erkennen und dazu zu stehen. Da gibt es Scheuklappen und blinde Flecke. Jeder steht ja vor sich und den anderen lieber gut da. Es kann passieren, dass ich die unliebsamen Seiten an mir selbst ausblende. Aber niemand besteht nur aus Stärken. Bei so manchem gibt es große Unterschiede zwischen dem, wie er sich selbst sieht – und wie die anderen ihn erleben.

Es tut dem Miteinander gut und letztlich auch mir selbst, wenn ich mir nichts über mich vormache. Wenn ich auch meine Unzulänglichkeiten und Schattenseiten sehe und dazu stehen kann.
Wie kann ich mir da auf die Schliche kommen?

Für mich persönlich ist dabei die Erkenntnis wichtig: Ich darf Fehler und Schwächen haben. Sie gehören zu jedem Menschen, also auch zu mir. Und ich kann Ja sagen zu mir mit meinen Schattenseiten. Denn ich spüre, dass ich von Gott angenommen bin, genau so, wie ich nun mal bin. Deshalb stellen meine Schwachpunkte mich nicht total infrage. Im Gegenteil: Wenn ich sie annehme, wenn ich sie als einen Teil von mir akzeptiere – dann haben sie mich nicht mehr im Griff – dann helfen sie mir sogar, dass ich menschlich reifer werden kann.

Ein Zweites tut mir dabei gut: Gottseidank erlebe ich im Freundeskreis und bei meinen Mitarbeitern, dass ich akzeptiert und geschätzt werde – mit meinen Ecken und Kanten. Auch wenn ich anderen damit manchmal das Leben schwer mache. Sie ertragen diese Seiten von mir. Das heißt: Sie tragen sie mit, sie tragen mich mit, so wie ich bin. Auch diese Erfahrung hilft mir, dass ich mich so annehmen kann, wie ich bin.

Und diese Erfahrung hat noch einen Nebeneffekt: Wenn die anderen Verständnis für meine Schwächen haben, dann fällt es mir umso leichter, Verständnis für ihre Schwächen zu haben. Auch wenn ich dabei manchmal seufzen muss. So wie sie über mich …

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28286

„Lieber Gott, ich bete für meinen Schatz Yilmaz, der täglich auf der Straße unterwegs ist. Lass ihn immer ans Ziel kommen, dass ihm und seinen Passagieren nichts passiert. Und danke dafür, dass ich diesen Menschen lieben darf.“

Das hat eine Frau aufgeschrieben. Auf einen Zettel, der im Speyerer Dom hängt. Dort gibt es eine große Stellwand mit der Aufschrift „Mein Gebetsanliegen“. Wer möchte kann seinen Gebetswunsch aufschreiben und an die Stellwand hängen. Sehr viele Dombesucherinnen und Dombesucher tun das. Mich bewegt sehr, wenn ich sehe, um was alles sie bitten.

Da werden Gott viele ganz persönliche Sorgen anvertraut: „Herr, heile die Beziehung von meinem Mann und meinem Schwiegersohn. Mach alles neu.“ „Gott, ich bete für unsere Tochter Cecilie. Sie soll in der Schule besser werden.“ Manche bitten um Gesundheit und Glück für ihre Familie oder um Frieden in der Welt. Auch viele Kinder schreiben auf, was sie Gott sagen möchten. So zum Beispiel Marina: „Lieber Gott, danke für das neue Zimmer und das neue Handy. Ich wünsche mir, dass nicht so viele Straßen gebaut werden und nicht so viele Bäume gefällt werden. Und dass mein Hund noch lange lebt.“

Viele Dombesucher bleiben an der Wand mit diesen Gebetsanliegen stehen und lesen sie. Manche finden sich und ihre Wünsche wieder in dem, was da alles steht. Andere werden durch die Zettel angeregt, dass sie selbst ihre persönlichen Sorgen niederschreiben und aufhängen.

Und wenn die Wand voll ist mit diesen Zetteln? Dann nehmen wir sie ab und bringen die Gebetsanliegen dorthin, wo weiter dafür gebetet wird. In allen drei Frauenklöstern in Speyer und in weiteren Ordensgemeinschaften bekommen die Schwestern dann die Gebetszettel. Und sie beten ganz konkret in diesen Anliegen und für diejenigen, die sie aufgeschrieben haben. Die Schwestern machen sich deren Sorgen und Wünsche zu eigen und tragen sie vor Gott. Ihr Gebet ist ihr Dienst für die Mitmenschen. Eine hilfreiche spirituelle Unterstützung. Auch mir tut es gut, wenn ich weiß, dass andere für mich und in meinen Anliegen beten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28285

„Ich geb‘ mir nicht mehr lange. Mein Leben ist fertig.“ Der 63jährige, der das gesagt hat, ist deutlich vom Leben gezeichnet. Getrocknetes Blut klebt unterm Auge, die Hände sind aufgeschürft. So wie er riecht, hat er wohl schon lange nicht mehr geduscht. „Ich muss um Entschuldigung bitten“ sagt er, und nimmt einen Schluck Kaffee. Und er erzählt von seiner Kindheit, dass sein Vater ihn jeden Tag gedroschen hat; er erzählt von seinem momentanen Schlafplatz und wie er sich im Sommer mal mit Wonne in einem Brunnen gewaschen hat. Jetzt genießt er den schönen, warmen Raum in der Bahnhofsmission. Und bei ihm sitzt eine ihrer Mitarbeiterinnen. Sie hört ihm zu, sie schenkt ihm ihre Zeit und ihre Zuwendung. Sie kennt viele seiner Geschichten schon, der Mann kommt öfter. Sie möchte auch ihn spüren lassen, wozu die Bahnhofsmission da ist: „Wir möchten das Leben in schwierigen Augenblicken etwas leichter machen. Alle sind hier bei uns willkommen. Jeder darf hier einfach so da sein. Und wir sind für ihn da.“

Der Dienst der Bahnhofsmission hat sich schon lange gewandelt. Die direkte Unterstützung hilfebedürftiger Bahnreisender macht nur noch 20% ihrer Arbeit aus. Immer mehr ist die Bahnhofsmission ein Zufluchtsort geworden, ein Anlaufpunkt für Menschen, die irgendwie sozial abgerutscht sind: Wohnungslose, Drogenabhängige, psychisch Kranke, gestrandete Osteuropäer, Geflüchtete, Einsame, Arme, … Die Gesellschaft produziert sie anscheinend in immer größerer Zahl. Aber es fehlen die Anlaufstellen, wo diese Menschen sich den Tag über mal für eine kurze Zeit aufhalten können. Wo sie erleben, dass ihnen jemand zuhört, für sie persönlich da ist – wo sie also ihre Würde spüren können. Ein 82jähriger Rentner kommt ab und zu vorbei, um der Einsamkeit seiner Wohnung zu entfliehen. Seine Erfahrung: „Hier ist immer jemand zum Reden. Und die Mitarbeiterinnen sind so freundlich.“ Das tut ihm gut.

Das schenkt ihm neuen Mut. Auch für ihn ist die Bahnhofsmission eine kleine Oase, wo er ein wenig aufleben kann. Genauso, wie es die Mitarbeiterin gesagt hat: „Jeder darf hier einfach so da sein. Und wir sind für ihn da!“

Für die Ansprache habe ich mich gestützt auf den Artikel „‘ne Tasse Kaffee kriegst du immer. Zu Besuch in der Bahnhofsmission in Karlsruhe“ von Daniel Gerber im „Konradsblatt. Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg“ in der Ausgabe vom 9.12.2018 (Nummer 50/2018), S. 18-20.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28284