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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Um diese Jahreszeit herum bleibe ich gern vor den Schaufenstern der Reisebüros stehen. Ich überfliege die Angebote: „übers Wochenende nach Barcelona“ – „Wanderurlaub auf Madeira“.

Für einen Moment träume ich mich aus dem deutschen Februar hinein in die Sonne und die schon blühende Pflanzenwelt des Südens. Sehnsuchtsorte.

In der Bibel gibt es auch so einen Sehnsuchtsort: „Das Land, in dem Milch und Honig fließen“. Gott hat dem Volk Israel in Ägypten zugesagt, dass er es dorthin führen wird. Das dauert viele Jahre und ist beschwerlich. Schließlich kommt das Volk Israel aber an. Die Rede vom Land, in dem Milch und Honig fließen ist vor allem ein Bild für einen Ort, an dem es mir so richtig gut geht.

Wo oder was ist mein Sehnsuchtsort? In welche Richtung soll mein Leben laufen? Ich meine jetzt nicht die üblichen Verdächtigen wie ein Haus, ein Auto oder ein Boot. Ich meine meinen eigenen Herzenswunsch.

Das ist auf Anhieb gar nicht so einfach zu sagen. Vor allem kommt mir erst einmal alles Mögliche in den Sinn: gesund bleiben, erfolgreich sein, auf dem Konto ein dickes Polster. Dann werden meine Wünsche immer persönlicher: gute Freunde, ausreichend Zeit – vor allem für meine Bienen, denn ich bin leidenschaftliche Imkerin. 

Aber dann setze ich Prioritäten und wähle aus. Das dauert, ist manchmal unangenehm und führt zu Überraschungen: Die Dinge, die mir als erstes in den Sinn kamen, sind mir später im Vergleich doch nicht so wichtig.

Wenn ich dann einigermaßen klar habe, wo meine Sehnsucht liegt, kann ich mich in Bewegung setzen – auf den Weg machen. Der Sehnsuchtsort klingelt nicht an meiner Tür. Wenn es zum Beispiel die guten Freunde sind, muss ich mir dafür Zeit nehmen – Freundschaften pflegen.

Manchmal komme ich auf dem Weg auch nicht richtig voran. Auch das Volk Israel hatte auf seinem Weg bisweilen schon die Hoffnung aufgegeben, anzukommen. Es gab Krisen und Misserfolge. Aber es hat durchgehalten und es hat sich gelohnt.

Ich bin überrascht, welcher Wunsch bei mir letztlich übriggeblieben ist: Wenn ich alt bin, möchte ich mit einem geliebten Menschen unter einem Apfelbaum sitzen.

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Ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen sei „gegen jeden Menschen-verstand gerichtet“. Mit dieser Einschätzung kommentierte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer eine Idee der Verkehrskommission. Der Minister hat die Kommission im letzten Jahr selbst eingesetzt. Ihr Auftrag: Ideen und Konzepte entwickeln, um den CO2 Ausstoß im Verkehr zu senken. Warum aber der Menschenverstand gegen ein Tempolimit sein soll, verstehe ich nicht. Mich persönlich ärgert diese Einschätzung. Sie ist zu pauschal. Und sie beleidigt diejenigen, die sich ernsthaft Gedanken machen wie Deutschland vereinbarte Klimaziele erreichen kann.

Und ja, ich persönlich bin für ein Tempolimit von 130. Vor allem, weil das Miteinander auf der Autobahn dadurch entspannter ist. Ich finde aber die Diskussion um ein Tempolimit macht etwas Anderes deutlich. Eine Redewendung bringt es auf den Punkt: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“

Laut Umfragen findet eine Mehrheit, dass zu wenig für den Klimaschutz in Deutschland getan wird. Nur wenn es konkret wird – und da ist das Tempolimit dann nur ein Beispiel – fühlt sich die eine oder der andere nicht angesprochen oder nicht zuständig. Persönliche Nachteile für den Klimaschutz in Kauf nehmen? Da gibt es doch bestimmt noch andere Möglichkeiten.

Nein, ich muss bei mir selber anfangen. Und ja, ich finde es auch oft unbequem: Wenn ich in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs bin, brauche ich gefühlt länger, habe ein Transportproblem und bin verschwitzt. Deshalb nehme ich meistens eher den Bus. Zudem muss ich daran denken, Gläser und Beutel für den Einkauf auf dem Markt mitzunehmen. So kann ich regional und plastikfrei einkaufen. Das dauert länger und ist auch ein bisschen teurer als im Discounter.

Aber das ist es mir wert! Ich tue aktiv in meinem Alltag etwas für das Klima oder als Christin sage ich auch: Ich tue etwas für die Bewahrung der Schöpfung.

Und wenn ich dann manchmal sehr weite Strecken mit dem Auto fahre – weil es momentan noch praktischer und bequemer ist als mit der Bahn, dann fahre ich zumindest gerne maximal 130 km/h – dem Klima und meinen Nerven zuliebe.

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Seit Tagen flattert Werbung für den Valentinstag ins Haus. Immer mit demselben Tenor. Vergiss nicht: am 14. Februar ist Valentinstag! Damit verbinden sich diverse Kaufangebote – vor allem für Blumen in allen Varianten und Schmuck.

Dabei ist es gar nicht der Einzelhandel, der uns diesen Tag beschert hat. Stattdessen geht der Tag zurück auf den Heiligen Valentin. Er lebte im dritten Jahrhundert.

Es wird erzählt: Er habe als Priester die Trauung von Paaren nach christlichem Ritus unterstützt. Dies war damals verboten. Denn das Christentum war gegenüber den römischen Staatskulten nicht gleichberechtigt. Valentin wurde daher hingerichtet. Man erzählt sich weiter: Der Heilige Valentin half auch bei Ehekrisen. Die Verbindung zwischen dem Heiligen Valentin und der Liebe könnte also einen wahren Kern haben.

So oder so: Ich mag den Valentinstag! Wenn ich zurückdenke, war das eigentlich  immer so. Ich habe das auch bereits als Kind weithin kundgetan – und dies zu einer Zeit als ich noch nicht an einen Freund dachte. Ich habe den Gedanken mit dem Liebsten einfach auf die Liebsten in meiner direkten Umgebung übertragen. Also auf meine Familie. Und so bekamen meine Mutter und meine Schwester immer eine Karte zum Valentinstag und ich bekam eine von ihnen. Seit ich ausgezogen bin, habe ich in all den Jahren schon ganz verschiedenen Personen zum Valentinstag geschrieben. Aber immer Menschen, die mir besonders am Herzen liegen.

Dabei fällt mir auf: Das ist in den letzten zwei Jahren etwas aus dem Blick geraten oder eingeschlafen. Das möchte ich ändern. Handgeschriebene Briefe sind inzwischen so selten, dass sich viele Menschen ganz besonders freuen, wenn sie welche bekommen. Zudem muss es ja nicht in Stress ausarten. Ich wähle nur ein bis zwei Personen aus und im nächsten Jahr bekommt dann eine andere Person einen Gruß.

Und wenn es dieses Jahr schon zu spät ist für einen Brief – dann rufe ich heute Abend vielleicht einfach an.

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„Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“. Als 1979 das erste Europäische Parlament gewählt wurde, war das ein satirischer Blick auf die Auswahl der Kandidaten. Altgediente Politiker, für die man keine Verwendung mehr hatte, lobte man weg ins Europaparlament.

Das war zumindest der Eindruck der Kabarettisten. Und ich muss ehrlich zugeben: lange Zeit stand das politische Europa bei mir auch nicht ganz oben auf der Liste der wichtigen Themen. Und die Europawahl habe ich schon mal geschwänzt. Das hat sich aber spätestens in diesem Jahr total geändert. Auf keinen Fall möchte ich im Mai das Feld den rechten Populisten überlassen, die Europa als Gefahr für ihr eigenes Land ansehen.

Was geschieht, wenn Nationalstaaten nur auf ihrem eigenen Interesse beharren, hat Europa in vielen Kriegen leidvoll erfahren müssen. Dass wir jetzt über 70 Jahre in Frieden leben, haben wir weitsichtigen Menschen zu verdanken wie dem französischen Unternehmer Jean Monnet. Der hatte 1950 die Idee zu einer Wirtschaftsunion, aus der sich dann unser Europa von heute entwickelt hat. Von diesem Mann stammt ein Satz, den ich mir gemerkt habe: „Alle unsere Anstrengungen sind die Lehre unserer historischen Erfahrung: Nationalismus führt zu Rassismus und Krieg“. Und ein anderer Mann, Roger Schutz, hat seine ökumenische Gemeinschaft von Taizé nach dem Krieg auch gegründet, um Menschen unterschiedlichster Nationen zu versöhnen. Da treffen sich Gustav aus Schweden und Lena aus Polen mit Daniel aus England und Madalena aus Portugal, leben, beten und singen eine Woche miteinander.

Wer die Kraft einmal spüren will, die von dieser Gemeinschaft ausgeht, der sollte sich die Zeit gönnen und Taizé, diesen kleinen Ort in Burgund mit dem Zentrum der Brüder besuchen. Und nach kurzer Zeit wird er wissen, was für ein Gewinn ein einiges Europa sein kann. Und er wird verstehen, was die Gründungsmütter und -väter Europas im Blick hatten. Die wussten: Nur ein einiges Europa ist ein friedliches Europa.

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Pastor Robert Jeffres von der First Baptist Dallas Church in Texas findet die Idee, eine Mauer zwischen Mexiko und den USA zu bauen, gut. Und begründet das mit der Bibel. Die Offenbarung des Johannes lasse nämlich vermuten, dass auch der Himmel von einer Mauer umgeben sei. „Nicht jeder wird rein gelassen“ sagt Jeffres.

Ja, ihr lieben Pechvögel auf der mexikanischen Seite der Grenze: wer aus der Hölle kommt, der muss wohl was falsch gemacht haben, den kann der Teufel holen und der Himmel bleibt ihm verschlossen. Vielen Dank Pastor Jeffres.

Meine Generation ist noch von den Großeltern belehrt worden: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nicht in den Himmel.“ Heute wird man für eine solche Drohung höchstens ein müdes Lächeln ernten. Denn bekanntlich kommen böse Kinder heute überall hin, während brave eben „nur“ in den Himmel kommen.

Wo eine Mauer drum herum ist, da will man doch nicht hin, siehe Nordkorea oder damals die DDR. Wer mit Mauern droht, der macht sich und andere nicht froh. Und eine Mauer um den Himmel zu bauen, das geht gar nicht. Ja, man hat es versucht und damit über Jahrhunderte im Namen von Kirche und Christenheit viel Leid über die Menschen gebracht. Darüber sollten wir allerdings längst hinweg sein. Doch leider gibt es noch viel zu viele Mauern, an Grenzen und in den Köpfen. Siehe Pastor Jeffres.

Wir Deutschen haben es vor 30 Jahren geschafft, eine ganz spezielle Mauer zum Einsturz zu bringen. Darauf dürfen wir als ganzes Volk stolz sein. „Die Mauer muss weg“, dieser Satz von Willy Brandt ist ein schönes Motto auch für 2019, geweitet auf alle Mauern, die sich uns in den Weg stellen. Und dem Pastor Jeffres aus Texas empfehle ich einen meiner Lieblingssätze aus der Bibel. Der steht im Johannesevangelium und lautet: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh10,10). Und zu diesem Leben in Fülle passen einfach keine Mauern, weder im Himmel noch auf Erden.

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Ich weiß nicht mehr allzu viel aus meiner Schulzeit. Aber mein Englischlehrer erzählte manchmal von den Problemen mit seinen Kindern zu Hause. Ein anderer von seiner Zeit als junger Soldat im 2. Weltkrieg und wie ihn das geprägt hat. Und in Religion hatten wir einen, der war komplett unerlöst, cholerisch, immer in Abwehrhaltung und absolut nikotinsüchtig.

Was wir bei ihm an Unterrichtsstoff durchgenommen haben, habe ich erst da wieder staunend festgestellt, als ich in meiner alten Schulbibel Pfuschzettel gefunden habe. Hatte ich alles total vergessen. Es sind die Menschen, die mich und mein Leben berührt oder eben nicht berührt haben.

Eltern, Verwandte, Lehrer, Freunde, Gruppenleiter, Jugendpfarrer oder wer auch immer. Und nicht der Unterrichtsstoff der Schule oder der Katechismus der Kirche. Unser Pfarrer zu Hause, ja, der hat auch Angebote gemacht für uns Jugendliche damals. Aber in erster Linie war er ein Mensch, der uns Raum gegeben hat. Da konnten wir uns austoben und bewähren. Und vor allem: er war da, mit seiner Geduld und wahrscheinlich auch mit seinem Vertrauen. Viel mehr brauchte er gar nicht machen.

Wie wichtig das war, habe ich erst viel später kapiert. Seitdem ist mir eines völlig klar: Es sind immer Menschen, die zeigen, wie das Leben geht, nicht Programme oder Weltanschauungen. Es sind Menschen, an denen ich mich orientiere, die mir Beispiel und Hoffnung geben. Eben, weil sie so leben, wie sie leben. Weil sie so handeln, wie sie handeln, weil sie Raum geben oder nicht, weil sie lieben oder hassen. Auch der Glaube kommt immer auf zwei Beinen daher, so hat das mal ein Kollege treffend beschrieben. Wir sind es, Sie und ich, die denen um uns herum Hoffnung, Vertrauen und Zukunft geben. Und das jeden Tag, auch heute wieder.

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