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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Weißt Du wieviel Sternlein stehen? Abend für Abend singe ich das meinen Kindern vor. Im Lied heißt es: Gott allein kennt die Antwort. Nun habe ich jemanden getroffen, der auch ganz gut Bescheid weiß. Der Direktor der Mannheimer Sternwarte Christian Theis hat mir erklärt: Es sind ungefähr hundert Milliarden Sterne in unserem Sonnensystem. Das ist eine eins mit elf Nullen. Die Zahl beeindruckt mich: Aber das haben die Sterne auch schon vorher getan. Wenn ich in einer sternenklaren Nacht in den Himmel schaue, dann werde ich meist ganz stumm vor Staunen. Und ich fühle mich ganz klein angesichts dieser unendlichen Weite. Und unbedeutend. Irgendwie verloren.

In der Bibel heißt es in einem alten Gebet: Du Gott stellst meine Füße auf weiten Raum. Wenn ich von der Erde in den Weltraum schaue, spüre ich richtig, wie unglaublich groß dieser Raum ist. Unermesslich. Und ich finde: Das kann einem auch ganz schön Angst einjagen.

Der Mannheimer Astronom hat mir aber auch noch erklärt: Es sind zwar hundert Milliarden Sterne, aber doch ist die Erde etwas sehr Besonderes. Wir leben auf einem Planeten, auf dem alles stimmt: der Abstand zur Sonne. Der Mond, der die Erde begleitet. Die Atmosphäre, die uns umgibt. Flüssiges Wasser. Beste Bedingungen für unser Leben. Ein Ort, der den Menschen alles gibt was sie brauchen.  Mitten in der Weite des Universums

In dem biblischen Gebet, in dem von dem weiten Raum die Rede ist, heißt es etwas später: Gott behütet die Menschen in einer sicheren Stadt. An einem Ort, an dem die Menschen sicher und geborgen sind. An dem sie keine Angst haben müssen vor der Weite, die sie umgibt.

Ich stelle mir gerne vor: Die Erde ist diese Stadt. Ein Ort, den Gott uns bereit hält, damit wir sicher und geborgen sind in der Weite des Weltalls. Gott stellt meine Füße auf weiten Raum, aber er schenkt mir einen Ort, an dem ich leben kann. So behütet schaue ich gerne in den Sternenhimmel und gehe aufrecht in den Tag.

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Der König hat sein Zepter. Die Prinzessin ihr Krönchen. Der Schiedsrichter seine Trillerpfeife und der Hausmeister den Schlüsselbund. Sie alle tragen Gegenstände mit sich, die sie auszeichnen. Sie bedeuten etwas. Sie drücken aus, was ihre Träger wert sind. Damit es jeder sehen kann. Und damit sich jeder, der sie sieht, entsprechend verhält.

Aber diese Gegenstände sind nicht nur wegen Ihrer Außenwirkung bedeutsam. Ich habe gerade erlebt: auch für die Träger selbst haben sie eine wichtige Bedeutung.

Der Hausmeister der Schule ist sehr schwer erkrankt. Er ist ins Krankenhaus gekommen und bald war klar: er wird nicht wieder gesund werden. Er wird sterben. Als er im Krankenhaus war hat er einen Freud gebeten zu ihm nach Hause zu fahren und seinen Schlüsselbund zu holen. An dem Bund waren alle Schlüssel dran. Er hat zu dem Zeitpunkt schon gewusst: Er wird diese Schlüssel nicht mehr brauchen. Aber er wollte sie bei sich haben. Bis zum Schluss. Ihm hat das geholfen sich daran zu erinnern: Im Leben hatte ich meinen Platz. Ich war wichtig. Ich hatte eine Aufgabe und ich wurde gebraucht. Ihm war das wichtig – weil es in seinem Leben nicht selbstverständlich war. Es hätte auch alles anders kommen können. Aber er hatte Glück. Alle in der Schule haben ihn und seine Schlüssel gebraucht. Auch deshalb sind die Schlüssel ihm wichtig gewesen.

Ich bin sicher: Unser Wert vor Gott lässt sich nicht festmachen an irgendwelchen Sachen. Gott schaut auf den König, die Prinzessin und den Hausmeister mit demselben liebevollen Blick, wie er auf alle Menschen blickt. In der Bibel heißt es darum: Gott schaut nicht auf das was vor Augen ist, sondern er schaut das Herz an. Aber trotzdem ist es für einen Menschen manchmal wichtig etwas zu haben, woran er seinen Wert festmachen kann. Etwas, woran er sich festhalten kann, wenn er unsicher wird oder Angst hat. Das kann helfen, nicht zu vergessen: Ich bin wertvoll.

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Ein Engel ist geblieben. Nur einer. Die anderen sind wieder auf dem Dachboden, in der Weihnachtskiste. Aber dieser eine hatte sich versteckt. Als wir den Baum Anfang Januar abgeschmückt haben ist er wohl heruntergeschwebt und hinter dem Regal gelandet. Da habe ich ihn nun gefunden. Etwas staubig, aber offensichtlich sonst ganz unbeschadet. Und irgendwie hat er auch zufrieden ausgesehen. Aber es kann sein, dass ich mir das nur eingebildet habe. Er hat wohl gewusst, dass ich zu faul sein werde noch mal auf den Dachboden zu klettern - wegen dem einen Engel. Deshalb steht er jetzt im Küchenregal. Ohne die anderen. Denn eigentlich gehört er zu einer Engelkapelle. Die Musiker sind gut verstaut. Er singt nun a-capella. Er hält ein Notenblatt in den Händen. Sein Blick ist fromm darauf gerichtet und der Mund geöffnet. „Tragt in die Welt nun ein Licht“. Steht auf dem Blatt.

Irgendwie bin ich dankbar dafür, dass dieser Engel geblieben ist. Denn „tragt in die Welt nun ein Licht“ ist ja nicht nur an Weihnachten wichtig. Im ganzen Jahr gibt es dunkle Momente. Nicht nur in meinem Leben. Auch bei denen die ich liebe. Bei denen, mit denen ich arbeite. Und bei denen, die einfach so meinen Weg kreuzen. Mein standhafter Engel erinnert mich aus dem Küchenregal daran: ich kann das Leben ein bisschen heller machen. Wenn ich mein Licht in die Welt trage. Nicht unter den Scheffel stelle. Nicht nur im Kämmerlein leuchten lasse. Sondern in der Welt. Mit dem was ich tue und dem was ich sage.

Ich bin überzeugt: alle Menschen tragen Licht in sich, das sie weitergeben können: Lichtworte und Lichttaten. Wenn ich das morgenmuffelige Kind nicht genervt antreibe, sondern verständnisvoll in den Arm nehme – dann beginnt der Tag etwas heller. Wenn ich der Kollegin einen Kaffee mitbringe mit ganz viel Zucker, so wie sie es am liebsten mag – dann leuchtet ein bisschen Licht in ihr Leben. Wenn ich der Mutter mit Kinderwagen helfe, die Treppe am Bahnhof hinauf, weil der Fahrstuhl wieder mal kaputt ist – dann spürt sie etwas davon. Ein Engel ist geblieben. Zum Glück.

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Vor genau hundert Jahren trat das erste Mal die Weimarer Nationalversammlung zusammen. Der erste wirkliche Demokratieversuch auf deutschem Boden. Ein mutiger Versuch nach der Katastrophe des ersten Weltkriegs. Rückblickend sagen viele: die Startbedingungen waren äußerst schlecht. Und die Geschichte gibt Ihnen recht: Dieser erste Versuch endete in der Katastrophe des Dritten Reiches.

Heute, hundert Jahre später, leben wir seit Jahrzehnten in einer Demokratie. Der zweite Versuch nach dem zweiten Weltkrieg war erfolgreicher. Wir haben freie Wahlen und mächtig Auswahl bei Parteien und Repräsentanten.

Und trotzdem: Immer häufiger höre ich die Menschen seien demokratiemüde und politikverdrossen. Experten sehen die Politikverdrossenheit als Folge eines gesellschaftlichen Wandels. Wenn Politik zu einem Beruf wird, sagen sie, dann ändert sich was. Manche glauben, die Politiker wissen gar nicht mehr, wie die Menschen wirklich leben. Sie seien abgehoben und betriebsblind.

Wahr ist: Immer weniger Menschen wollen sich an eine Partei binden. Das ist bei Vereinen und der Kirche genauso. Menschen scheinen sich nicht mehr langfristig binden zu wollen.
Aber heißt das gleich, dass sie demokratiemüde und politikverdrossen sind? Vielleicht hat sich nur die Art des Engagements geändert? Man arbeitet in Projekten im Beruf wie im Ehrenamt. Das entspricht der heutigen Lebenswirklichkeit.

Ich glaube: Es hilft niemandem immer nur zu sagen was nicht ist. Stattdessen könnte man auf das schauen was ist: Menschen setzen sich ein für andere. Sie geben Deutschkurse, organisieren Tafeln, sind Vorlesepaten in Grundschulen und Platzwarte auf Sportplätzen. Wenn man das wahrnimmt, dann ändert sich der Blick.

Und es wird deutlich: Jede und Jeder von uns darf sich einbringen und viele gestalten so die Politik im Kleinen und Großen mit. Dass das so bleibt, dafür will ich mich einsetzen, Ganz wach für die Demokratie und mit Lust an Politik.

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„Moderne Zeiten“, so lautet der Titel des Filmes von Charlie Chaplin, der vor 73 Jahren in den USA anlief. Schon 1936 hat Chaplin damit einen Film geschaffen, der die Tristesse und die prekäre Situation der Industriearbeiter darstellt.

Eine Szene ist mir besonders in Erinnerung: Man sieht Menschen morgens in die Fabrik strömen, vorbei an den Stempelkarten, gehetzt an den Arbeitsplatz. Dann - Überblendung  - und plötzlich läuft eine Herde Schafe durch die Fabriktore. Bis heute berührt mich das.

Denn leider stellt der Film nicht nur die Wirklichkeit des letzten Jahrhunderts in den USA dar. Auch heute ist er noch für viele Menschen wahr. Der Titel „Moderne Zeiten“ passt noch immer. Und die Bilder schrecken noch heute auf, weil sie stimmen. Die Hauptfragen im Film sind: Welchen Stellenwert hat Arbeit? Wie sehr ist das Leben von Menschen dadurch bestimmt, wo und wie sie arbeiten?

Fragen, die heute auch ganz aktuell sind. Menschen arbeiten immer länger. Freizeit und Arbeit verschwimmen. Immer schneller kommunizieren wir miteinander. Und immer noch strömen Menschen wie Schafe, in die  Fabriken, Firmen und Banken zur Arbeit.

Mich macht das nachdenklich. Ich glaube, Leben ist so viel mehr als Arbeit und Geld verdienen. Natürlich geht es für die meisten Menschen nicht ohne. Wir brauchen ja Geld um zu leben. Aber Leben heißt doch vor allem Beziehungen pflegen, als Familie leben, Zeit füreinander haben. Und dazu braucht es oft gar nicht so viel Geld – sondern Zeit. Und davon ist doch eigentlich genug da. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn alle Menschen morgens kurz innehalten würden.

Einen Augenblick für sich und Gott nehmen und sich fragen, was ist für mich „Leben“. Was macht mein Leben reich? Und jeden Abend zurückschauen und kurz nachsinnen, was es Gutes an diesem Tag gab, auf das sie dankbar schauen können. Vielleicht wäre dann schon vieles anders. Denn Leben ist mehr als nur Arbeit!

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Heute vor 113 Jahren ist Dietrich Bonhoeffer geboren worden. Er ist ein „Heiliger“ gewesen sagen viele. Dabei haben es die Protestanten ja nicht so mit Heiligen. Aber scheinbar war Bonhoeffer etwas Besonderes. Er ist einer der Pfarrer gewesen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Position bezogen haben. Position immer aus ihrem Glauben heraus.

Er hat die Politik als Christ beurteilt: durch die Brille der Liebe Gottes für alle Menschen. Dies hat ihm am Ende auch das Leben gekostet. Dabei hat er so viele Angebote gehabt sich der drohenden Verhaftung zu entziehen. Aber Dietrich Bonhoeffer ist in Deutschland geblieben und ist aktiv geworden.

Die Gefahr ist, wenn man Bonhoeffer als „Heiligen“ verehrt, dann wird sein Handeln zwar vorbildlich, aber eben auch herausragend und für uns „normale“ Menschen nicht erreichbar. Dabei hat er sich selbst nie als einen besonderen Menschen gesehen. Er hat an Gott und die Würde jedes Menschen geglaubt. Und an die Liebe, die Jesus gelehrt hat.

Das tue ich auch. Müsste ich dann nicht öfter aktiv werden: Wenn unmenschliche Begriffe gebraucht werden wie „Flüchtlingswelle“ oder „Asyltourismus“? Wenn über Menschen in prekären Verhältnissen geurteilt wird? Wenn Menschen beschimpft und diffamiert werden oder auch nur, wenn ich dabei sitze und andere so sprechen höre?

Vor 113 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer geboren. Ich frage mich oft, wie es ihm ergangen wäre, wenn mehr Menschen aktiv geworden wären. Oder – wie Bonhoeffer es nannte – dem Rad in die Speichen gefallen wären. „Dem Rad in die Speichen fallen“ geht leichter, wenn das Rad noch nicht voll in Fahrt ist. Für mich heute bedeutet das: Ich will mich jetzt dafür einsetzen, die Würde der Menschen zu verteidigen. Hier und überall auf der Welt. Dazu muss man kein Heiliger sein – das können wir alle.

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