Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Neulich habe ich eine Lebenskünstlerin getroffen. Das hab ich nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Aber als sie mir ihre Geschichte erzählt hat, da habe ich es gewusst:

Über 60 Jahre lang hat sie mit ihrem Mann zusammengelebt. Sie haben sich geliebt. Sind durch dick und dünn gegangen. Haben sich ergänzt, gestritten, versöhnt, haben gefeiert, getanzt, viele Reisen unternommen. Haben ein Haus gebaut, Kinder und Enkel groß werden sehen, sich im Dorf engagiert und Nachbarschaft gepflegt.

Irgendwann ist sein Herz immer schwächer geworden. Er ist ein paar Mal gestürzt. Konnte kaum noch etwas sehen. Aber er hat sich immer wieder hochgerappelt, hat sich sich nicht unterkriegen lassen. Doch dann ist er müde geworden. Am Ende hat er fast nur noch geschlafen.

Für sie steht fest: „Ich gebe ihn nicht ins Heim. Er war immer für mich da, das will ich ihm jetzt zurückgeben.“ Sie organisiert häusliche Pflege, Rollstuhl, Badewannenlift, alles was nötig ist. Die Kinder unterstützen sie. Und dann ist er friedlich eingeschlafen.

Aber auch jetzt ist sie nicht deprimiert oder hilflos. Sie hatte ja lange Zeit, sich zu verabschieden, das war richtig Arbeit. Sie spürt: Die Dankbarkeit ist größer als die Trauer. Wieder gibt es viel zu tun: Die Beerdigung, die ganze Bürokratie, Kondolenzbesuche – sie ist ganz überwältigt von der Anteilnahme und kann dadurch sehen, was für ein erfülltes, reiches Leben ihnen beiden geschenkt war.

Und jetzt beginnt etwas Neues: Sie hatten noch gemeinsam beschlossen, zu den Kindern zu ziehen. Nun wird sie diesen Schritt allein gehen: ein neuer Lebensabschnitt. Sie genießt es, ihren eigenen Rhythmus zu finden.

Eine Lebenskünstlerin. Ganz unscheinbar. Ihre Kunst besteht darin, in Dankbarkeit auf das Vergangene zurückschauen und nicht zu verbittern darüber, was ihr genommen wurde. Das Leben anzunehmen wie es ist und das Beste daraus zu machen. Diese Kunst würde ich auch gerne beherrschen. Ich glaube, sie hilft dabei das Leben auszukosten – bis zum letzten Atemzug.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27976

Das Leben ist ein Geschenk. Manchmal vergisst man das. Das hat viele Gründe: der Alltag nimmt einen in Beschlag. Der gewohnte Trott behindert die Sicht. Und dann kommt es einem ganz selbstverständlich vor, dass man lebt. Bis etwas passiert.

So ist es bei einer guten Bekannten gewesen. Sie war frühmorgens mit ihrer Tochter auf dem Weg in die Kita. Unterwegs hat es begonnen zu schneien. Vor ihr fährt ein LKW. Gefühltes Schritttempo. Weil sie es eilig hatte, hat sie auf gerader Strecke überholt. Als sie schon fast vorbei war, ist sie ins Schleudern geraten. Das Auto ist mit dem LKW kollidiert. Dreimal haben sie sich überschlagen, aber wie durch ein Wunder sind sie beide unverletzt geblieben. „Ich muss wohl 1000 Schutzengel gehabt haben,“ sagt sie. „Es war noch nicht meine Zeit.“ Seither hat sie eine völlig andere Einstellung zum Leben. Ihr ist klar geworden, wie wertvoll das Leben ist. Sie geht viel achtsamer damit um. Und sie lässt sich nicht mehr so leicht antreiben.

Das Leben ist ein Geschenk. Für meine Bekannte war der Unfall wie ein Weckruf, durch den sie das neu entdeckt hat. Aber ich frage mich: Muss es erst eine Katastrophe geben, damit mir wieder bewusst wird, wie kostbar das Geschenk des Lebens ist? Wie kann ich das in meinen Alltag lebendig halten?

Eigentlich ist das gar nicht schwer – es gibt ein kleines Wort, das dabei hilft: „Danke“. Ich kann mir das so vorstellen: Jeden Morgen, bevor ich aufstehe und in den Trott des Alltags einsteige, mache ich mir bewusst, wofür ich „Danke“ sagen kann. Danke für meine Hände und Füße, dass ich sie bewegen und spüren kann. Danke für das warme Wasser, mit dem ich gleich duschen kann. Danke für den Duft des Kaffee. Danke für die Menschen in meiner Nähe, denen ich vertrauen kann.

Wenn ich das tue, erinnere ich mich daran, dass die Dinge in meinem Leben nicht selbstverständlich sind. Vieles habe ich gar nicht verdient, es ist mir geschenkt. Eine kleine Übung, nur 5 Minuten, jeden Tag. Und nach kurzer Zeit weiß ich, wie kostbar das Leben ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27975

Menschen machen Pläne. Das gehört zu uns. Vielleicht ist es unsere Art mit der Ungewissheit umzugehen. Aber wir haben nicht immer in der Hand, was die Zukunft bringt.

Das hat auch eine Freundin erlebt, als sie ihr erstes Kind bekommen hat. Sie erzählt, dass sie genau gespürt hat: Jetzt bin ich schwanger. Und sie ist sich ganz sicher gewesen: Es wird ein Junge. Irgendwann hat sie begonnen, in Gedanken mit ihrem Kind zu sprechen. Und wie selbstverständlich ist da auch der Name: Paul.

Aber wie groß ist die Überraschung bei der Geburt gewesen, als die Hebamme sagt: Ein Mädchen! „Ich weiß noch genau, wie ich mich über das kleine, warme Wesen gefreut habe“, sagt sie. „Aber obwohl ich ja schon eine Geschichte mit meinem Kind hatte, das in meinem Bauch gewachsen ist, habe ich förmlich einen Reset machen müssen - einen ganz neuen Anfang mit dem kleinen Menschen, der nun gar kein Paul war. “

Zu planen ist gut und wichtig. Aber es ist auch gut, offen zu bleiben, wenn etwas Neues auftaucht, das die Pläne durchkreuzt. Um lächelnd sagen zu können: OK. Alles auf Anfang.

Dieser Gedanke hat in mir weitergearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass es mir mit den Menschen genauso geht wie mit meinen Plänen. Wie oft mache ich mir ein Bild von einem Menschen! Glaube zu wissen, wie er denkt, wie er fühlt, was er will. Doch wie oft habe ich schon falsch gelegen. Und dann gab es Missverständnisse und Streit.

Vielleicht sollte ich immer wieder mal den Reset-Knopf drücken und neu starten, indem ich zum Beispiel frage: Wie fühlst du dich? Was beschäftigt dich im Moment? – Ich glaube, damit könnte ich immer wieder einen neuen Anfang machen. Auch mit den Menschen, mit denen ich schon lange zusammenlebe und von denen ich glaube, ich würde sie kennen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27974

Humor ist auch eine gute Geschichte. Weil: mit Humor kommt man besser aus unguten Geschichten raus. Manchmal könnte man sich doch den ganzen Tag aufregen. Da hat man einen super Zeitplan. Schnell noch von A nach B. Dazwischen einkaufen und Briefe zur Post. Und alles würde super klappen, wären da nicht andere, die einen ausbremsen. Mich zum Beispiel hat jemand ausgebremst, weil er einfach bei grün an der Ampel stehengeblieben ist bis es wieder rot war.

„Na toll! Jetzt komm ich zu spät und kriege wieder was zu hören von wegen nicht pünktlich, klage ich einer Freundin, man könnte sich den ganzen Tag aufregen!“  „Stimmt, sagt sie, man könnte sich den ganzen Tag aufregen. Aber man ist nicht verpflichtet dazu!“

Wir schauen uns an und auf einmal ist der Druck raus. Humor ist eine gute Sache. Wenn man die Spur wechseln will. In Mainz, wo ich lebe, wird grade wieder der Humor zelebriert. Auf der Gass und im Saal. Ursprünglich hatten sich die Mainzer auch furchtbar aufgeregt. Über ihre französischen Besatzer. Aber sie sind darüber nicht verbittert geworden, sie haben den organisierten Humor erfunden. Fassenacht mit der Narrengruß- Hand an der Narrenkappe. Damit haben sie den militärischen Gruß der Franzosen lächerlich gemacht. Gute Geschichte. Mit Humor die Perspektive wechseln. Angst und Ärger verlachen. Und wieder wissen, was wichtig und was unwichtig ist. Und dass keiner von uns der liebe Gott ist.

Für meinen Ärger habe ich mir deshalb eine Sammlung von guten Geschichten und Pointen zugelegt. Hilft ungemein. Eine gute Geschichte ist mir wieder eingefallen, nachdem mich jener Mann an der Ampel ausgebremst hat. Die Geschichte hat mir ein Mann erzählt, dem genau das in Mainz passiert ist. Weil er an der Ampel auf eine Karte geschaut hat, hat er verpasst loszufahren und hat es erst gemerkt, als sie von grün auf gelb auf rot umgesprungen ist.

Kurz darauf klopft jemand an seine Scheibe. Er zieht den Kopf ein und lässt das Fenster runter. Da steht ein Mann und lacht ihn an und sagt: „Na junger Mann, war keine Farbe für sie dabei?“ Gute Geschichte. So eine wünsche ich Ihnen heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27966

Warum passiert so wenig gegen den Klimawandel? Viele fragen sich das. Der letzte Sommer ohne Regen, jetzt viel zu warm für Januar, in Bayern so viel Schnee wie noch nie. Der Klimaforscher Schellnhuber hat sein ganzes Berufsleben davor gewarnt. Jetzt sagt er:

Vielleicht haben wir das Thema auch falsch angepackt. Wir haben nur gedroht und gewarnt. Jeder Mensch will doch gern Teil einer guten Geschichte sein. Laden wir doch einander ein, Teil einer guten Geschichte zu werden. Für unseren Planeten.

Bei mir ist das der Garten. Wenn ich Himbeerbüsche pflanze, wenn ich die Erde umgrabe und neben mir eine Amsel drauf wartet, dass ich für sie einen Wurm abfällt, wenn ich Komposterde auf das Beet streue, dann bin ich glücklich. Dafür lege ich mich gerne krumm. Auch wenn ich am Tag danach vor Muskelkater kaum noch laufen kann. Es ist wunderbar, Teil einer guten Geschichte zu sein. Der Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung.

Diese Lust an der Schöpfung kennt die Bibel auch. Schon vor mehr als zweitausend Jahren haben Menschen das besungen.

„Du Gott breitest den Himmel aus wie einen Teppich, du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz des Menschen. Dass du Brot aus der Erde hervorbringst und der Wein erfreue des Menschen Herz.“

Vielleicht legen Sie sich weniger für einen Garten krumm und mehr für was Anderes: für plastikfreie Meere und plastikfreie Supermärkte. Für Straßen mit mehr Fahrräder oder für Smartphones, die man reparieren und tauschen kann. Oder Sie lieben es, Verantwortlichen Druck zu machen. So wie viele Schüler in unserem Land, die freitags jetzt immer streiken. Für gute Klimapolitik.

Und was ist, wenn das alles doch nicht mehr die Katastrophe aufhält? Dann ist es trotzdem gut, Teil einer guten Geschichte zu sein. Ich würde sagen: Auch wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch Himbeerbüsche pflanzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27965

Haben Sie dem lieben Gott schon mal bei der Arbeit zugeschaut? Er schafft ja mit. Damit wir die Welt nicht allein retten müssen. Mich beruhigt das ungemein. Vor allem montags, wo es wieder losgeht mit dem Schaffen. Also, haben Sie schon mal dem lieben Gott bei der Arbeit zugeschaut?

Einmal hab ich es genau gesehen. Ich hatte von einer Reise einen handtellergroßen Kern mitgebracht. Aufgesammelt an einem einsamen Strand, keine Ahnung was das war. Aber zu Hause hab ich ihn in einen Topf mit Erde gesteckt und auf die Fensterbank gestellt. Einen Monat hab ich ihn beobachtet. Nichts. Muss wohl eine hohle Nuss sein, dachte ich.

In der fünften Woche hat sich ein kleiner weißer Faden mit einem runden Kopf durch die Erde gebohrt. Eine Woche später hat sich der runde Kopf spiralförmig entrollt. Das kleine Blatt am Ende hat sich schließlich aufgeklappt, sodass es zwei waren. Wunderschön.

Und ich habe begriffen: Wenn der liebe Gott arbeitet, dann entsteht etwas, an dem man sich kaum satt sehen kann. So schön. So voller Wunder. Und immer sieht man erst mal - nichts.

So ist das immer, wenn Gott was schafft. Wenn zB. ein Menschenkind geboren wird und seine kleine Seele erwacht. Oder wenn man sich nach langem Streit miteinander versöhnt. Wunderschön. Aber wie kann man das erkennen, wenn Gott was schafft?

Die Jünger haben das Jesus gefragt. Und der hat ihnen von einem Bauer erzählt. Bauern schaffen und tun ja schon immer den ganzen Tag was. Damit Korn wächst und wir unser Brot auf dem Tisch haben. Aber damit was wächst, wirft er nur Samen auf die Erde. Und dann macht er -nichts. Beobachtet nur das Feld. Wochenlang. Erst tut sich gar nichts. Dann wächst langsam Halm und Ähre. Der Bauer schafft gute Bedingungen, düngt, vielleicht wässert er auch. Aber dass das Korn wächst, das kann er nicht machen. Das passiert.

Er kann nur Gott beim Schaffen zugucken. Und sich freuen über das Wunder. Und die Schönheit, die sich vor seinen Augen entfaltet. Ich bin sehr gespannt, was der liebe Gott diese Woche wieder alles schafft. Da geht mir meine Arbeit viel leichter von der Hand.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27964