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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Claus war schon als Kind ein Tunichtgut, das hat sich nie geändert. Als er noch klein war, lachten alle über seine Streiche, aber später, wenn er in Kaufhäusern etwas mitgehen ließ oder sich mit seinen Bekannten geprügelt hatte, fanden  die Anderen das nicht mehr so lustig. Irgendwann kam er sogar für ein paar Monate ins Gefängnis und viele aus seinem Heimatdorf fanden das gut. Wer nicht hören will, muss fühlen.

 

Soweit, so gut – oder so schlecht. Er war dann im Knast und hatte seine Ruhe.

Und die Familie? Die Oma traute sich nicht, in die Kirche zu gehen; sie fühlte sich irgendwie mitschuldig, weil sie den Enkel so verwöhnt hatte. Und sie wollte nicht angesprochen werden von den anderen Kirchgängern.

Der Vater war tagsüber beruflich unterwegs, aber natürlich merkte er, wie die Kollegen hinter seinem Rücken tuschelten und verstummten, wenn er ins Büro kam.

Für die Mutter war es besonders schlimm. Nachbarinnen gingen ihr aus dem Weg; das übliche Schwätzchen am Gartenzaun fiel aus. Alle hatten die Zeitung gelesen und viele wussten, was mit Claus war. Eine fragte sogar scheinheilig: wie geht’s eigentlich eurem Sohn? Und weidete sich an der Verlegenheit der Mutter. Die Geschwister in der Schule wurden gehänselt und verspottet.

Ich finde das gemein. Vielleicht waren die Eltern nicht streng genug gewesen, aber Fehler in der Erziehung macht ja wohl jeder. Und manche haben trotzdem Glück mit ihren Kindern.

Aber es kann auf keinen Fall richtig sein, die ganze Familie in Sippenhaft zu nehmen. Im Gegenteil. Wir treffen uns auf einen Kaffee.  Es tut ihr gut, sich mal auszusprechen über diesen Tunichtgut, den sie trotz allem sehr lieb hat.

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Unsere Mutter wäre 90 geworden an diesem Wochenende, deshalb habe ich mich mit meinen Schwestern getroffen.

 

Zwischen Kirchwald in der  Eifel, Wissen und Hamburg haben wir Münster gewählt, was für niemanden zu weit zu fahren ist. Und dann haben wir von den alten Zeiten erzählt, wie jede von uns die Mutter erlebt hat. Hat sie die „Kleinen“ vorgezogen? Den „Großen“ zu viel Verantwortung übertragen? Waren ihre Strafen gerecht und ihre Kartoffelklöße nicht köstlich?

Als wir älter waren und in Deutschland verstreut unser eigenes Leben lebten, traf man sich natürlich Weihnachten und zu Geburtstagen in der Zentrale, bei den Eltern in Neuwied. Und später, als unser Vater gestorben war, gab es die wöchentlichen Telefonate mit der Mutter. Die wusste immer viel von ihren Kindern und so konnte ich sie fragen, was denn die Jüngste macht oder was es in Hamburg Neues gibt. Wir Schwestern untereinander haben uns manchmal über uns selbst und über unsere Mutter lustig gemacht, weil wir eben immer der Zentrale die wichtigen Dinge erzählt haben. Die gab es dann bei weiteren Telefonaten oder Besuchen an die anderen Töchter weiter. Wir haben uns manchmal lange nicht untereinander angerufen, weil wir über unsere Mutter gut informiert waren über das Leben der anderen Schwestern.

Jetzt ist die Zentrale tot.

Und wir müssen neue Wege und Orte finden, wie und wo wir uns treffen. Vielleicht tragen wir das Geburtstagswochenende der Zentrale als festen Termin in die Kalender ein.

In der Bibel steht das vierte Gebot: Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe auf Erden. Ich finde es eine echte Ehre, wenn eine Mutter mit Recht als „die Zentrale“ bezeichnet wird. Und uns ergeht es wohl damit, von ihr zu reden und Kartoffelklöße zu kochen.

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Zwischen den Feiertagen im Winter liegen im Krankenhaus nur wenige Patienten, die meisten versuchen, nach Hause zu kommen. Aber Verkehrsunfälle passieren ja und ich lernte einen Herrn kennen, der nach ein paar Tagen Intensivstation eigentlich schon wieder auf dem Weg der Besserung war.

Deshalb konnten die Krankenpfleger ihm auch den Katheter ziehen. Statt sich zu freuen, reagierte er ganz verstört. Als sie ihn dann zur Ablenkung in die Ergotherapie bringen wollten, blieb er in der Tür erstarrt stehen und eilte dann in sein Krankenzimmer zurück ohne ein Wort.

Später erzählte er mir seine Geschichte.

Als er 6 Jahre alt war, hatte er öfter er mit einer Freundin auf dem Spielplatz gespielt. Einmal kam ein Mann. Die Freundin rannte weg. Der Mann missbrauchte ihn. Als er nach Hause kam, glaubten die Eltern ihm nicht und bestraften ihn, weil er zu spät gekommen war.

Später schickten sie ihn in ein Internat – zur Abhärtung. Als er ungefähr 16 war, wurde er in der Klasse das Mobbing-Opfer – ohne bestimmten Grund. Die Mitschüler lockten ihn in den Kunstsaal. Sie banden ihn auf einem Tisch fest  und verprügelten ihn. Er musste die Schläge laut mitzählen und um weitere Schläge bitten.

Als er jetzt im Krankenhaus, 40 Jahre später, von Männern berührt wurde, hatte er einen Flashback, eine Art Rückblende in sein 6. Lebensjahr. Und in der Tür des Raumes der Ergotherapie fühlte er sich wieder wie mit 16 in der Tür des Kunstsaales.

Er hat viele Jahre Therapie gemacht, aber diese Missbrauchs-Erfahrungen haben sich in seinen Körper eingeschrieben. Als er sieht, dass ich Tränen in den Augen habe, gibt er mir ein Taschentuch. Diese freundliche Geste tröstet uns beide wenigstens ein bisschen.

Trotzdem bleibt für mich erschreckend, wie tief sich diese schlimme Erfahrung in seinen Körper eingegraben hat.

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Guten Morgen zum ersten Werktag im neuen Jahr!

Alles ist noch frisch und unverbraucht. Das neue Jahr steht vor uns wie eine große Wundertüte. Was ist da wohl drin? Diese Frage beantworten nicht wir.  Eine andere Frage kann ich sehr wohl beantworten:  Was möchte ich selbst für dieses Jahr und für das Leben tun? Da gibt’s natürlich viel Privates, für die Gesundheit, für die Familie. Keine Frage, das sind wichtige Aufgaben. Aber das wäre zu wenig. Ich lebe ja nicht nur das private Leben, sondern ich lebe in einem Ort, einem Staat, einem Land, und auf dieser Erde. Was immer ich tue, hat Auswirkungen auf andere. Für mich als Christin gibt es ein Thema von großer Bedeutung: mich interessieren und einsetzen, und zwar menschlich, ökologisch, politisch!

Das alles hat Jesus vorgemacht. Er hat seinen Anhängern deutliche Aufträge gegeben. Er war dabei nicht zimperlich, sondern deutlich: Ihr sollt Gott, den Nächsten und euch selbst  lieben, das zuerst. Und deshalb sollt ihr Frieden schaffen – Euch um Arme kümmern – für Gerechtigkeit sorgen.  Wer Christ ist, soll und muss mitarbeiten an einer besseren Welt. Weil Gott alle liebt. Egal woher sie kommen und wie sie leben. Deshalb setzen sich viele aus ihrer christlichen Haltung heraus direkt für Flüchtlinge ein. Oder für Obdachlose. Oder für andere, die Hilfe brauchen. Oder sie werden politisch aktiv und versuchen, Einfluss zu nehmen. Für die Demokratie, für Menschenrechte.

Die Welt, die Natur und die Menschen – alles und alle brauchen Leute, die Partei für sie ergreifen. Es sind natürlich nicht nur Christen, die dies tun. Aber Christen haben dazu einen deutlichen Auftrag von Jesus selbst: Es ist Gottes Welt. Helft mit, dass sie eine menschliche Welt wird und bleibt.

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Guten Morgen zum heutigen Silvestertag!

Wir haben es fast geschafft, das Jahr 2018. Heute Nacht dann gibt’s Salut und Sekt.  Aber  - noch nicht jetzt! Noch liegt der ganze Tag davor, mit all seinen inneren und äußeren Vorbereitungen. Und da gehen bei vielen die Gedanken so hin und her zwischen Sorge und Freude. Vermutlich lässt dieser Tag niemand ganz gleichgültig. Da sind so gemischte Gefühle, die Wehmut beim Abschied aus dem alten Jahr – und die Neugier, aber auch Sorge im Blick auf das unbekannte Neue. Wie wird es sein? Was wird es bringen? Mit dem Trubel und dem lauten Getöse in der Nacht lassen sich diese verschiedenen Empfindungen leichter ertragen.

Ich finde, dass sich diese gemischten Gefühle auch mit dem Glauben an Gott leichter ertragen lassen. Für mich ist das so. Im Blick zurück danke ich Gott, der an meiner Seite war. Er ist mit mir durch dick und dünn gegangen. Da war in diesem Jahr die ganze Palette, von Geburt bis Tod. Und in der weiten Welt war es nicht anders.

Genau da mitten drin ist Gott. Mitten in dem Gemischtwarenladen dieses Jahres. Gott schafft nicht die heile Welt für uns. Das ist schon unsere eigene Aufgabe. Aber er bleibt an der Seite der Menschen. Ganz egal, was geschieht. Und deshalb kann ich dem alten Jahr gut Adieu sagen. A dieu heißt: hin zu Gott – ich gebe mein persönlich erlebtes Jahr Gott in die Hand zurück. Ich bedanke mich für alles, was es mir gegeben hat. Reifer geworden bin ich und älter, gleichzeitig heiler und versehrter.

Und so umarme ich dieses Jahr. Du warst ein kostbares Jahr meines Lebens! Danke, dass ich es erleben durfte. Adieu.

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