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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Zwei Tage noch. Dann ist Heilig Abend und dann Weihnachten. Da wird Jahr für Jahr die Geschichte von der Geburt Jesu erzählt. Was in den Weihnachtsgottesdiensten und Predigten gerne verschwiegen wird: Die Geschichten von der Geburt dieses Kindes sind keine Nachrichten aus der Zeitung. Sie erzählen keine historischen Tatsachen.

Historisch gesichert ist, dass Jesus gelebt hat. Aber genauso sicher ist: Er war niemals in Betlehem. Jesus wurde in Nazaret geboren. Seine Eltern hießen Maria und Josef. Aber sie waren sicher miteinander verheiratet. Zudem wissen wir, dass Jesus in einer Großfamilie lebte. Er hat vier Brüder und zwei Schwestern gehabt. Trotzdem wird Jahr für Jahr von einer Geburt in Betlehem, von der Jungfrau Maria und einem Stall vor den Toren der Stadt erzählt.

Ist die Weihnachtsgeschichte also eine Lüge? Nein, denn die Geschichten rund um die Geburt Jesu sind Sinngeschichten, keine historischen Berichte ist. Eine Geschichte, die Auskunft darüber gibt, wie Menschen diesen Jesus verstanden haben. Deshalb finde ich es problematisch, wenn immer so getan wird, als hätte sich die Geburt Jesu tatsächlich in einem Stall in Betlehem ereignet. Als würde die Geburt Jesu genau so wahr sein, wie der Fall der Mauer oder der II. Weltkrieg. Nein. Diese Geschichte will etwas Anderes. Sie will keine Tatsachen erzählen, sondern Herz und Kopf von Menschen berühren. Wie sie das macht? Indem sie eine menschliche, allzumenschliche Geschichte erzählt. Von Menschen auf dem Weg, auf der Flucht, ohne Unterschlupf. Von Menschen, die in einem Kind einen neuen Anfang entdecken. Von Menschen, die sich verzaubern lassen von dem Unschuldigsten, was es gibt. Von Menschen, die Hoffnung haben, dass diese Welt sich ändern kann. Zum Guten. Das ist die Wahrheit dieser Geschichten.

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„Hast du eigentlich noch einen Traum, den du dir erfüllen willst?“ Die Frage trifft mich unvorbereitet. Wir feiern Geburtstag. Eine große Gesellschaft. Es ist laut und lustig, es gibt gutes Essen und ein paar witzige Spiele.

Am Tisch sitzen wir mit einigen Freunden zusammen. Da fragt mich der Mann einer Kollegin: „Hast du eigentlich einen Traum, den du dir erfüllen willst?“ Ich frage nach: „Wie meinst du das?“ „Ja,“ sagt er, „so eine Idee, was du einfach gerne unbedingt mit deinem Leben noch anstellen willst? Ich zum Beispiel träume von einem Stück Land. Und möchte da Obst und Gemüse anbauen.“

Die Frage hat mich durch den Advent begleitet. Antworten finde ich viele: Einmal im Leben durch die USA reisen. Ein Instrument lernen. Enkel aufwachsen sehen. Einen Roman schreiben. Quer über die Alpen wandern. Ein ehrenamtliches Engagement finden, das mich anfüllt. Ideen habe ich viele. Meinen einen, besonderen Traum habe ich aber noch nicht gefunden.

„Hast du einen Traum, den du dir erfüllen willst?“ Das ist eine adventliche Frage. Eine Frage, die auf Weihachten hinführt. Denn auch die Weihnachtgeschichten erzählen von ganz unterschiedlichen Menschen, die noch etwas von ihrem Leben erwarten. Die etwas für diese Welt erwarten. Da sind die Hirten. Die geben sich mit ihrem Leben nicht zufrieden, wollen mehr sehen und erleben. Das sind die Sterndeuter. Sie sind sicher, dass weit weg, hinter dem Horizont etwas Großartiges auf sie wartet.

Was ich tröstlich finde: Auch die Hirten und Sterndeuter wissen nicht so ganz genau, was sie eigentlich wollen, was sie erwarten und wovon sie träumen. Aber sie glauben daran, dass in ihrem Leben noch etwas möglich ist. Etwas passieren kann. Etwas Neues sich ereignet. Erst als sie das Kind sehen, da wissen sie: Das ist unsere Sehnsucht.

Und vielleicht ist es ja bei mir auch so: Dass ich meinen Traum, meine Sehnsucht erst erkenne, wenn ich ihr ganz unverhofft gegenüberstehe.

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Ich sitze in der Regionalbahn. Über dem Gang hängen Anzeigen. Sie zeigen mir die nächste Station und immer wieder den Zielbahnhof an. Außerdem sehe ich, in welche Richtung ich aussteigen muss. Das ist praktisch. Ich weiß, wohin die Reise geht, hab immer Orientierung und Durchblick.

In meinem Leben läuft‘s nicht so einfach. Mir ist oft genug gar nicht klar, wohin es geht. Wie sieht unser Leben aus, wenn die Kinder langsam aus dem Haus gehen? Was verändert sich durch einen Berufswechsel? Ist es Zeit, nochmal in einer anderen Stadt neu anzufangen? Auf die Fragen finde ich keine einfache Antwort. Ich weiß nicht, welche Richtung mein Leben nimmt oder welche Richtung ich meinem Leben geben soll.

Auch in der Weihnachtsgeschichte ist das so. Auf den ersten Blick ist da zwar alles klar. Engel und Sterne zeigen den Weg. Orientierung? Ein Kinderspiel. Aber auf den zweiten Blick wird deutlich: Maria und Josef kennen immer nur ihren nächsten Schritt. Sie wissen, dass sie nach Betlehem müssen. Aber sie haben keine Ahnung, was sie da erwartet. Nach der Geburt Jesu müssen sie schon wieder los. Brechen nach Ägypten auf. Und kehren dann Jahre später nach Hause zurück. Immer wieder muss sich die kleine Familie neu orientieren.

Die Weihnachtsgeschichten sind Geschichten vom Aufbruch, vom Unterwegs sein. Davon, dass Menschen ihren Weg suchen – und manchmal auch finden. Sie geben mir keine Antworten auf meine Fragen nach Richtung und Orientierung. Aber sie können mir Mut machen. Dass ich die Unsicherheit in meinem Leben annehme. Sie annehmen kann, weil mein Leben eben kein Regionalzug ist, bei dem ich genau weiß, wann ich wo ankomme.

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Immer mehr Menschen haben keine Wohnung. Leben auf der Straße. Oder in Notunterkünften. Nicht nur in den Großstädten, auch bei uns in der Region. Die Caritas bekommt das jeden Tag mit – und schaut, wie sie helfen kann.

In Stuttgart ist dabei ein ganz neuartiges Projekt entstanden. Stuttgart bedeutet: sehr hohe Mieten – und der Wohnungsmarkt ist leergefegt; Menschen, die wenig oder gar kein Geld haben, finden einfach kein Zuhause. Laut Wohnungsnotfallkartei bräuchten 4000 Menschen dringend eine Wohnung. Das hat einem Caritas-Mitarbeiter keine Ruhe gelassen. Er hat sich etwas Neuartiges einfallen lassen, wie man zu Wohnungen kommt. Das „Investor-Betreiber-Modell für Sozial-Immobilien“. Eine pfiffige Idee, die tatsächlich funktioniert. Und zwar so:

Es werden potente Investoren oder vermögende Privatleute gesucht, die eine Immobilie bauen oder kaufen – und sie langfristig an die Caritas vermieten, für mindestens zehn Jahre. Die Caritas vermietet die Wohnungen dann an bedürftige Klienten oder Menschen mit Wohnberechtigungsschein, die auf den Wohnungsmarkt Null Chance hätten. Die Investoren sind auf der sicheren Seite: Die Caritas garantiert ihnen langfristig einen festen Zins und übernimmt Verwaltung und Instandhaltung der Häuser. Wenn es Schwierigkeiten mit einem Mieter gibt, ist auch die Caritas zuständig. Die Geldgeber müssen sich um nichts kümmern. Sie erhalten ihre Rendite – und sie wissen, dass ihre Immobilie einem guten Zweck dient. Eine hilfreiche und ertragssichere Geldanlage mit garantiertem Werterhalt. Mehr geht nicht.

Deshalb gibt es inzwischen überall in Stuttgart solche „Null-Problemo-Immobilien“, wie sie ihr Erfinder liebevoll nennt. Eine klare Win-win-Situation: Die neuen Bewohner, die Investoren und die Stadt profitieren davon. Und da es kleine, dezentrale Wohneinheiten sind, entstehen auch keine sozialen Brennpunkte. Den bedürftigen Menschen tut es unendlich gut, dass sie nun in einer richtigen Wohnung leben können.

Das Projekt in Stuttgart ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit Kreativität und Engagement durchaus etwas tun kann. Und es illustriert das Motto der Caritas-Jahreskampagne: „Jeder Mensch braucht ein Zuhause.“.

 

Auf das Projekt aufmerksam geworden bin ich durch den Artikel „‘Null Problemo‘ in Stuttgart“ von Thomas Wilk in „Sozialcourage. Das Magazin für soziales Handeln.“ hg. vom Deutschen Caritasverband, Freiburg; www.sozialcourage.de), Winter 2018, S. 18-19.

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Bald werden die Leute wieder Schlange stehen. Wie jedes Jahr: „Alle Jahre wieder“ kommen an den Weihnachtstagen und in den Wochen danach viele, viele Menschen, um die Krippe im Speyerer Dom zu betrachten.

Dieses Jahr wird sie noch schöner. Sakristan Markus Belz und drei Ehrenamtliche haben wochenlang dafür gearbeitet und viele Stunden Freizeit investiert. Bei der Eröffnung am Heiligabend erstrahlt die Krippe in neuem Glanz. Passend zum orientalischen Charakter der 100 Jahre alten Figuren ist alles andere neu gestaltet: der Stall, die Krippenlandschaft drumherum. Im Hintergrund statt pfälzische Tannen Olivenbäume – wie im Bergland Judäas. Damit alle Betrachter noch näher an dem sind, wie es damals war, in Betlehem.

Weihnachtskrippen haben Hochkonjunktur. In vielen Wohnungen und in den Kirchen. Es gibt einige Krippen-Museen. Es gibt Privatpersonen, die Krippen sammeln wie andere Briefmarken. Und es gibt in manchen Städten Krippenwanderungen von Kirche zu Kirche.

Offensichtlich geht von den Krippendarstellungen etwas aus, was die Menschen anzieht und ihnen gut tut. Egal, ob sie sonst Kirchgänger sind oder nicht.

Die Krippen erzählen die Weihnachtsgeschichte in sprechenden Bildern. Sie stellen eine Szene dar, die zu Herzen geht, die anrührt. Die irgendwie etwas mit uns zu tun hat. Weil sie unsere Sehnsucht anspricht.

Die Weihnachtsgeschichte spiegelt wider, wie es Menschen ergehen kann. Das Glück und die Notlage der jungen Familie. Wer alles zu ihnen kommt. Und wie es dann weiter geht. Die Weihnachtserzählung ist auch eine Geschichte, die von Gott erzählt. Vom großen Gott, der sich klein macht, der ein Kind wird. Weil er bei uns sein möchte. Weil er unser Leben teilen möchte. Weil er am eigenen Leib spüren will, wie es uns geht. Eine Geschichte von dem Gott, der unsere Wege mitgeht und der uns nahe ist.

Das kann man offensichtlich an der Krippe ahnen. Ein bisschen Himmel auf Erden lässt sie spüren. Ich freue mich, dass sich viele „alle Jahre wieder“ davon anrühren lassen.

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Joshua weiß, was er will. Und was ihm wichtig ist. Er braucht die Spendenaufrufe nicht, die gerade vor Weihnachten in die Haushalte flattern. Er spendet regelmäßig. Und zwar zehn Prozent seiner Einkünfte!

Joshua ist 22 Jahre alt und studiert Sport. Ein normaler, netter Student – wie andere auch. Mit einem Unterschied zu seinen Freunden: Joshua ist ein „10-Prozent-Spender“. Seit seiner Kindergartenzeit spendet er zehn Prozent seiner Einkünfte – früher vom Taschengeld und von Geschenken, heute von dem, was er neben dem Studium mit Tennisunterricht und als DJ verdient. Das kommt dann z.B. Bildungsprojekten von Misereor in Indien zugute.

Joshua ist klar: ‚Wenn ich die globalen Entwicklungen wie Klimawandel, Terror, Hunger, Armut und Flucht vor Augen habe; wenn ich sehe, welche verschiedenen Notlagen es in unserem Land gibt – dann geht ein Lebensstil nicht, bei dem ich nur an mich denke.‘ Das hat für ihn etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Und mit seiner christlichen Überzeugung.

Von seinen Eltern hat er mitbekommen, dass es den „Mister-10-Prozent“ gibt. Einen Geschäftsmann aus dem Rhein-Main-Gebiet, der 1968 damit begann, zehn Prozent seines Gewinnes für Selbsthilfeprojekte rund um den Globus zu geben. Anonym – und unter der Bedingung, dass zehn weitere Menschen mitmachen – damit die Aktion Kreise zieht. Das tut sie. 2018, im Jahr des 50. Jubiläums, will Mister-10-Prozent die Rekordsumme von 50.000,-- € spenden – unter der Voraussetzung, dass sich weitere 450 Spender finden, die ihre 10 Prozent spenden. Joshua ist dabei.

Er hat für sich eine klare Entscheidung getroffen: „Wenn ich in 50 Jahren auf mein Leben zurückschaue, dann möchte ich sagen können: Ich habe nicht nur über die Katastrophen diskutiert, sondern etwas dagegen getan. Ich vertraue darauf, dass man etwas verändern kann. Das ist Teil meiner Lebensphilosophie. Jeder kann etwas dafür tun, dass es Menschen anderswo in der Welt besser geht.“ Auch im Alltag versucht Joshua, für andere da zu sein. Er ist überzeugt: ‚Helfen macht optimistisch. Wer Gutes tut, kann sich auch selbst Mut machen.“

 

Die Ansprache stützt sich auf den Artikel „Richtig Gutes tun – wie geht das?“ von Heike Baier in „frings. Das Misereor-Magazin“ (www.misereor.de / magazin@misereor.de">magazin@misereor.de ), Zwei/2018, S. 27-30

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