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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Auf meinem Grabstein hätte ich gerne folgendes Gedicht von Goethe stehen:

„Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe, aus ein paar sonnenhellen Tagen sich so viel Licht ins Herz zu tragen, dass, wenn der Sommer längst verweht, das Leuchten immer noch besteht.“

Die Zeilen fallen mir immer während oder im Anschluss an besondere Momenten ein:

bei Tee und Gebäck mit einem besonders guten Buch, bei Begegnungen mit Freunden, die mich an trüben Tagen zum Lachen bringen. Eine ganz klassische Situation ist auch eine Wanderung im Sonnenschein mit weiten Aussichten. Alle Mitwandernden müssen es sich dann auch immer anhören:

 „Auch das ist Kunst, ist Gottes Gabe, aus ein paar sonnenhellen Tagen sich so viel Licht ins Herz zu tragen, dass, wenn der Sommer längst verweht, das Leuchten immer noch besteht.“

Natürlich geht es hier nicht in erster Linie ums Wetter. Es geht um alle bereichernden und wertvollen Momente. Und die kommen meist unverhofft des Weges.

So auch wieder vor ein paar Tagen: Der Tag ist hektisch, ich habe viel zu tun, dann kommt auch noch mein Zeitplan durcheinander und ich bin bereits mittags ziemlich zerknirscht. Da begegnet mir zufällig ein alter Freund. Er strahlt mich an: „Schön dich zu sehen! Du siehst ja gut aus! Wie geht es dir?“ Mein ganzer Frust ist wie weggeblasen. Fünf Minuten unterhalten wir uns über Gott und die Welt, lachen viel und machen einen Termin zum Kaffeetrinken aus.

Später sagt eine fremde Frau an der Kasse der Tiefgarage zu mir: „Na, Sie haben wohl einen schönen Tag so wie Sie strahlen!“ Und zuhause fällt mir dann wieder das Gedicht ein.

Leider sind solche Situationen weder planbar noch machbar. Und nicht immer passieren sie in den Momenten, in denen ich sie dringend brauche. Aber manchmal passt es halt. Und dann versuche ich sie fest in meiner Erinnerung zu verankern. Vielleicht kann ich sie dann an den Tagen – an denen wirklich gar nichts passt – ins Gedächtnis rufen und so meinen Tag etwas heller machen,

         damit selbst „wenn der Sommer längst verweht, das Leuchten immer noch besteht.“

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Lilli bringt aktuell 11 kg auf die Waage. Lilli ist ein Bienenvolk. Alle Völker haben für den Winter von mir Futter bekommen. Ich bin nämlich auch Imkerin. Dann habe ich alle Bienenvölker gewogen. Na ja und Lilli ist das leichteste meiner Völker.

 

Prompt fange ich an zu grübeln: Wird das Volk den Winter überleben? Hat es ausreichend Futter? Muss ich noch was tun?

Besonders die letzte Frage treibt mich um. Denn: Was soll ich tun? Schließlich haben die Bienen im Winter gerne ihre Ruhe – und zwar auch ihre Ruhe vor mir als Imkerin.

Also lautet nun das Motto: In Ruhe lassen! Aber dieses „in Ruhe lassen“ finde ich echt schwierig. Dingen mal ihren Lauf lassen – das ist nicht so mein Ding! Ich habe da lieber etwas mehr Kontrolle.

Und das ist nicht nur in Bezug auf die Bienen so. Auch wenn ich Veranstaltungen vorbereite: Eine Planung bis ins Detail schenkt mir Sicherheit. Ansonsten werde ich nervös.

Oder wenn ich selbst an Fortbildungen teilnehme: Ich habe gerne schon Tage vorher den Zeitplan in der Hand. Damit ich weiß, was passiert.

Allerdings: Manche Sachen brauchen einfach Zeit und Ruhe, um sich zu entwickeln.

Das ist beim Brotbacken so – aber genauso bei Freundschaften – sich gegenseitig Raum lassen, sich auch mal Ruhe gönnen.

Da möchte ich dran arbeiten. Einfach mal in Ruhe lassen. Das verschafft mir auch Luft: Ich kann in dieser Zeit etwas Anderes tun. Nur muss ich dann auch üben, nicht nervös zu werden. Stattdessen kann ich ja auch gespannt auf das Ergebnis warten. Darauf vertrauen, dass es gut werden wird.

Bei meinen Bienen hilft mir zum Beispiel meine Erfahrung: Die Erfahrung des letzten Frühlings – Es ging gut. Die Bienen sammelten am ersten warmen Frühlingstag Nektar und Pollen. Und deshalb werden sie wohl auch wieder am nächsten warmen Frühlingstag Nektar und Pollen sammeln.

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„Und haben Sie denn auch gebetet?“ Der Mann ruft mir die Frage hinterher, dabei war er schon 10 Meter an mir vorbei. Ich stutze, drehe mich zu ihm um und rufe mit einem spöttischen Ton zurück: „Aber natürlich!“

 

Das ist im Urlaub passiert – auf einem Wanderweg zu einer Kapelle. Wir finden sie aber nicht. Wir sprechen andere Wanderer an. Sie helfen uns weiter und wir kommen an der Kapelle an, besichtigen sie, machen Rast und begeben uns auf den Rückweg. Da treffen wir die Wanderer noch einmal. Und ein Mann aus der Gruppe ruft etwas spöttisch: „Und haben Sie denn auch gebetet?“

Die Frage ist mir unangenehm. Ja, ich habe in der Kapelle gebetet.

Aber durch die Frage fühle ich mich irgendwie ertappt – auch habe ich das Gefühl: der Mann macht sich über mich lustig. Mein erster Impuls: „Das geht Sie gar nichts an!“ Die Frage ist mir einfach zu privat. Daher antworte ich: „Aber natürlich!“

Spöttische Frage – spöttische Antwort. Na prima. Diese Unterhaltung hätte ich mir auch getrost sparen können. Letztlich habe ich mich erst über den Mann und dann über mich selber geärgert. Denn ich hätte auch anders reagieren können.

Für mich war der Aufenthalt an der Kapelle schön! Und durch meine spöttische Antwort habe ich mir das kaputt gemacht: Ich habe selbst abfällig davon gesprochen.

In der nächsten Situation dieser Art will ich daher anders reagieren. Vielleicht in etwa so:

„Ja, ich habe gebetet. Ich fand die Kapelle schön. Die Aussicht ins Tal über die Berge und Wiesen bei dem wunderbaren Wetter. Da habe ich einen Moment innegehalten und gebetet: ‚Danke, Gott, für diesen Ort und diesen schönen Tag.‘“

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„Heute einen Krieg beenden“, so lautet das Motto für den heutigen Tag, den Buß- und Bettag 2018. Buß- und Bettag, da war doch mal was? In manchen Kalendern steht er noch. Aber als gesetzlicher Feiertag wurde er 1995 für die Einführung der Pflegeversicherung abgeschafft, außer in Sachsen. Zu arbeiten hielten damals Staat und Wirtschaft für dringlicher als zu büßen und zu beten. Was ich auch verstehen kann,  denn nur noch wenige Menschen haben damals diesen Feiertag zum Büßen und Beten genutzt.  Und heute würde wohl kaum einer auf die Idee kommen, die Einführung dieses Tages wieder zu fordern. Zu sperrig sind diese Begriffe:  Büßen und Beten.

 

Dabei geht es eigentlich um was ganz einfaches. Es geht darum, dass ich mir die Frage stelle, was läuft falsch in meinem Leben und in welche Richtung will oder sollte ich mich verändern. Sicherlich, wenn das nur mein persönliches Leben betrifft, braucht man hierfür keinen eigenen Feiertag, einen freien Tag für alle. Aber ein gemeinsamer freier Tag hat den Vorteil, dass man sich diese Frage gemeinsam stellen kann: Was läuft falsch in unserem Verein, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, in unserer Kirche; ja: was läuft falsch in unserm Land? Und darum ging es eigentlich bei dem Buß- und Bettag als gemeinsamer Feiertag.

„Heute einen Krieg beenden“ mir gefällt dieses Motto der evangelischen Kirche für den heutigen Tag. Zum einen ist es eine Aufforderung an mich persönlich. Wie sieht es aus mit meinen Kleinkriegen? Mit wem liege ich im Clinch? Wo könnte ich versuchen, einen Streit zu beenden? Und zwar hier und heute, nicht irgendwann am Sankt Nimmerleinstag.

„Heute einen Krieg beenden“ ist zum andern aber auch ein Appell was die großen Kriege betrifft. Nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb unserer deutschen Gesellschaft. Da driftet im Moment vieles auseinander. Wenn ich an die Hetzkampagnen im Internet denke, gibt es da viele Kriege zu beenden.  Warum nicht schon heute damit anfangen, an Buß- und Bettag – auch wenn er kein gesetzlicher Feiertag mehr ist.

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Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaia (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich? Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, ob Mütter besser trösten können einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie darauf hin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Fakt ist, wenn es ums trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden. 

 

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir da so vormacht. Wenn Trösten- können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum fallen und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen.

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„Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“, so heißt ein Lied, das sowohl in der Evangelischen als auch in der Katholischen Kirche gerne gesungen wird. Das Lied entstand 1981 in der damaligen DDR. Anlass war der 750. Todestag von Elisabeth von Thüringen. Der damals groß gefeiert wurde sowohl hüben als auch drüben. Sowohl in Thüringen, wo sie lange gelebt hat, als auch in Hessen, wo sie gestorben ist. Das Lied greift eine Legende auf, die von dieser großen Heiligen des 13. Jahrhunderts erzählt. Während es auf der Burg des Grafen genug zu essen und zu trinken gab, hungerte das Volk.  Aber es war verboten, Nahrung von der Burg in die Stadt zum Volk zu bringen. Elisabeth hielt sich nicht daran und trug mal wieder einen Korb voller Brot in die Stadt. Da begegnete ihr der Graf, der natürlich wissen wollte, was  Elisabeth denn da im Korb hätte? Sie deckte das Tuch auf und siehe da, aus dem Brot waren Rosen geworden.

 

Eine der vielen Wundergeschichten, die gerne von Heiligen erzählt werden. Ob sich das wirklich so abgespielt hat, ist für mich zweitrangig. Wichtig ist, was damit ausgesagt wird: Elisabeth war eine Frau, die den Armen sowohl Nahrung für den Körper – Brot – als auch Nahrung für die Seele – Rosen – gegeben hat. Und davon hat sie sich von niemandem abbringen lassen, auch nicht von den politischen Autoritäten. Und wenn dies in einer Wundergeschichte erzählt wird, dann heißt das: Gott hat da seine Hände mit im Spiel. Gott hat sich da auf die Seite von Elisabeth gestellt. Und er stellt sich auch heute auf die Seite aller, die Arme wie zum Beispiel Obdachlose und Flüchtlinge mit Brot und Rosen beschenken, zur Not auch in zivilem Ungehorsam. Denn:  „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht …, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt.“

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