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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Sei nicht traurig“ das ist so ein Satz, den habe ich schon hundert Mal zu meinen Söhnen gesagt. Und andere haben ihn schon zu mir gesagt. Wenn ich enttäuscht gewesen bin. Oder etwas passiert ist, was mich traurig gemacht hat. „Sei nicht traurig!“

Wieso eigentlich nicht? Klar, Traurig sein ist nicht schön. Nichts was man jemandem wünschen würde. Aber es gehört doch auch zum Leben dazu. Sei nicht traurig! Das ist, als ob mir jemand einen Teil meines Lebens verbietet. Aber dieser Teil ist wichtig. Und es ist gut sich in ihm umzuschauen und auszukennen. Auch damit man etwas tun kann, wenn es soweit ist. Denn man kann es gar nicht verhindern: irgendwann packt einen die Traurigkeit ja doch.

Und: es gibt auch gute Gründe dafür traurig zu sein. Die kann man ja nicht einfach beiseite wischen und sagen: „Ach, macht nichts!“ Wenn etwas nicht so klappt, wie ich es mir gewünscht hätte zum Beispiel. Obwohl ich alles mir Mögliche dafür getan habe. Oder wenn ich jemanden sehr vermisse, der weit weg ist. Oder wenn ich streite mit Menschen, die ich eigentlich liebe.

Im Privaten sind das solche Momente, da ist es richtig und wichtig traurig zu sein. Und es ist auch gut, wenn Kinder dann traurig sein dürfen. Denn so können sie lernen ihrem Gefühl zu vertrauen. Dann können sie auch viel selbstbewusster fröhlich sein. Emotionale Reife nennt man das. Und auch im Öffentlichen gibt es Momente, da gibt es gute Gründe um traurig zu sein. Z.B wenn ich lese: in Deutschland ist fast jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Das ist doch wirklich ein Grund traurig zu sein. Und ich wünschte mir mehr Menschen, die dann auch zeigen, dass sie das traurig macht. Die nicht leichthin sagen: „Sei nicht traurig!“ Sondern die sagen: Ja stimmt! Das ist traurig! Und das ist schlimm! Und das soll so nicht bleiben!

Menschen, die die emotionale Reife haben Trauriges zu benennen. Es zu sehen. Und es nicht beiseite zu wischen. Weil nur so kann etwas dagegen getan werden kann. Deshalb: Sei traurig, wenn es traurig ist! Dann können wir schauen, was wir tun können, damit Du wieder froh sein kannst.

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Teilen ist nicht einfach. Kindern muss man es beibringen. Es ist nichts, was sie einfach so können. So habe ich es auf jeden Fall erlebt. Im Sandkasten die Förmchen, zu Hause der Kuchen. Wenn es allein nach den Kindern ginge: die würden alles für sich behalten. Meins! rufen sie und verteidigen ihren Schatz gegen alle anderen.

Und wenn man als Kind das mit dem Teilen nicht so gut gelernt hat – dann fällt es später auch ganz schön schwer. So erlebe ich es bis heute. Beim Teilen gibt es weltweit einen gehörigen Nachholbedarf. Bis ins hohe Alter rufen Menschen da: Meins! und verteidigen was sie haben nach allen Seiten. Selbst dann wenn sie viel mehr haben als sie brauchen.

Um das Teilen zu lernen gibt es bei uns in der Familie eine einfache Regel: Einer teilt – der andere nimmt. Das klappt prima: denn so bemüht sich der, der teilen darf immer sehr darum möglichst gerecht zu teilen. Denn er ahnt: wenn ich ungleich teile: mein Bruder nimmt sich mit Sicherheit das größere Stück.

Bei Geschwisterkindern funktioniert das gut. In der Gesellschaft ist es komplizierter. Jesus hatte zum Teilen eine Idee, die da weiterhelfen könnte. Er hat gesagt: Jeder Mensch soll so viel bekommen, wie er braucht. Genug zum Leben, aber nicht bloß zum Überleben. In der Bibel findet sich leider keine genaue Handlungsanweisung, wie das gehen kann. Jesus hat den Menschen viel zugetraut. Aber er war sich sicher: Teilen kann man lernen.

Das sollten wir Menschen uns zu Herzen nehmen. Alle. Die Entscheider in der Politik. Sie können sich dafür einsetzen, dass der Reichtum gerechter geteilt wird. Und jeder kann im Kleinen dazu beitragen. Wenn wir aufeinander achten. Wenn wir genau schauen, was jeder und jede zum Leben braucht. Und wenn wir uns gemeinsam darum bemühen das, was da ist so zu verteilen, dass es für alle reicht. Dann können wir zeigen: Jesus hat sich nicht geirrt: Teilen kann man lernen damit es gerechter zugeht in der Welt.

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Wie stellen Sie sich das Himmelreich vor? Ein schöner Garten vielleicht? Weiße Strände und Palmen am Meer? Der Seher Johannes, ein weiser Mann zur biblischen Zeit, hatte einen ganz anderen Traum. Den hat er beschrieben – in der Bibel kann man es nachlesen. Wie eine große Stadt hat er sich das Himmelreich vorgestellt. Reich geschmückt und riesengroß. Mit Platz für alle Menschen.

Für ihn stand fest:  Das Himmelreich, das Gott verspricht, ist eine Stadt. Eine Großstadt um genau zu sein – eine Megacity! Und doch ganz anders als die Städte die wir kennen. Ohne Mietwucher und Problemviertel. Ohne Feinstaubalarm und öde immer gleiche Fußgängerzonen.

Ich stelle mir das wunderschön vor: Belebte Plätze auf denen Kinder miteinander spielen. Brunnen mit klarem Wasser. Und in den Grünanlagen ist überall das Betreten der Rasenflächen ausdrücklich erwünscht. Menschen aller Kulturen und jeder Schattierung der Haut, leben friedlich mit einander. Sicher wird auch miteinander gegessen. An großen Tischen und immer ist ein Gedeck mehr da als man braucht – damit noch einer kommen kann, mit dem man nicht gerechnet hat. Und jeder und jede hat ein Dach über dem Kopf. Einen Ort, an dem er sich sicher und geborgen fühlen kann. Kein Krieg, kein Leid. Verkehrsberuhigt – sicher auch das. Alles ist fußläufig zu erreichen.

Gottes Stadt soll anders sein, schreibt der Seher Johannes in der Bibel. Sie soll die ganze Welt umspannen und den Menschen soll es gut gehen. Nicht nur in den Nobelvierteln – nicht denen, die sich die Mieten leisten können, sondern allen Menschen. Bunt und lebendig – so stell ich mir diese Stadt vor. Erfüllt von Lachen. Und Gott, so steht es da in der Bibel, wird bei den Menschen wohnen. Mittendrin. Und wird den Durst stillen: Nach Leben und Gerechtigkeit.

Bis heute eine wunderschöne Utopie: und mir hilft das, wenn ich es kaum aushalte, wie unsere Städte wirklich aussehen. Johannes Traum gibt mir Kraft und Mut. Gott meint es gut mit uns.

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„Ohne Vertrauen, Solidarität und Zuversicht könnte ich das alles gar nicht machen!“ sagt Tanja. Sie ist Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule in einem sogenannten gutbürgerlichen Viertel. Ich erwische mich dabei, wie ich denke: „Die trägt aber dick auf!“ Dann beginnt sie zu erzählen von einem ganz normalen Tag:

„Morgens kommt eine Lehrerin zu mir, weil zwei Jungen einen dritten geschlagen und getreten haben. Eigentlich wäre ich jetzt schon in meiner Gruppe für schüchterne Kinder. Ich mache ein Treffen mit den Jungs für die Pause aus“ sagt Tanja.

„In der Pause steht dann aber erstmal ein weinendes Kind vor mir, weil es sein Lineal verloren hat. Und es erzählt, dass es Zuhause mit dem Stock bekommt, wenn es ohne Lineal nachhause kommt. Ich nehme es mit in mein Zimmer, sage der Lehrerin Bescheid und führe mein Krisengespräch mit den drei Jungen aus der ersten Klasse.“, berichtet sie weiter.

„Wir finden eine Lösung für die Jungs. Die, die getreten haben, sollen es wieder gut machen. Der getretene Schüler ist damit einverstanden. Die zwei anderen müssen in meine Gruppe für „Aggressive Kinder“ kommen und einen Entschuldigungsbrief schreiben.“, schildert Tanja die Lösung.

Um gleich darauf weiterzusprechen: „Dann gehe ich zu dem Jungen, der Angst hat nach Hause zu gehen. Jeden Tag sehe ich: Es brennt an allen Ecken. Wenn ich nicht das Vertrauen hätte, dass die Kolleginnen und Kollegen meine Arbeit schätzen und solidarisch mit mir sind, hätte ich keine Hoffnung“, seufzt sie.

„Wir sind ein Team, jeder an seinem Ort mit seinen Aufgaben – aber das Wichtigste ist die Solidarität unter uns!“ So endet Tanja und eilt von dannen. Das hätte ich nicht gedacht. Jetzt verstehe ich Tanja besser. Ich glaube, alle, die sich in unserer Gesellschaft für Gerechtigkeit einsetzen, brauchen Vertrauen und Solidarität, damit sie die Zuversicht nicht verlieren.

Und ich nehme mir vor, in Zukunft meinen Teil dazu beizutragen: solidarisch zu sein. Wenn ich Tanja das nächste Mal treffe werde ich sie fragen, wie wir Eltern sie unterstützen können.Und auch mal Danke sagen – für das was sie leistet. Ich glaube, das können alle. Solidarisch sein, damit die Einzelnen in ihrem Einsatz für Gerechtigkeit Vertrauen spüren und Zuversicht haben.

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Auf seinem Grabstein steht: „Auf Wiedersehen“. Jedes Mal, wenn ich daran vorbei gehe, gibt es einen kurzen Stich im Herzen, aber auch ein Schmunzeln auf meinen Lippen. Eines Tages spreche ich unsere alte Nachbarin auf das Grab an. Und sie lacht. Sie hat den Menschen gekannt, dessen Grabsteininschrift mich so oft schon berührt hat. Und sie erzählt mir sein Leben:

Egon, so war sein Name. Er hat auch hier im Ort gelebt. Immer hatte er einen Spaß auf den Lippen und er ist tiefgläubig gewesen. Schwere Zeiten hat er durchgemacht. Egon hat gegen die Nazis gekämpft und sich für Gerechtigkeit eingesetzt.

Als die jüdischen Geschäfte und Synagogen angezündet wurden, hat er auf der Straße gestanden und die Zündler angeschrien: „Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Wehe euch Gott!“ Dann ist er verhaftet worden und in den alten Franzosen-Kerker gesperrt worden. Da hatte Egon nichts mehr zu lachen.

Nach dem Krieg hat er sich als Textilverkäufer durchgeschlagen – mehr schlecht als recht. Aber auch da hatte er immer einen Spaß auf den Lippen. Nur wenn er Ungerechtigkeit erlebt hat, hat der Spaß für ihn aufgehört.

Nun ist Egon schon eine ganze Weile tot. Aber wir sehen uns wieder, denke ich und lese seinen Grabstein seitdem ganz anders. Sein Leben war geprägt von der Zuversicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt – eine Auferstehung. Dass es mal besser und gerechter wird. Das hat ihm das Rückgrat gegeben, für Gerechtigkeit einzutreten. Zuversichtlich sein und daran glauben, dass es besser werden kann. Für Egon war das die Triebkraft, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Gegen alle Widerstände. Und ich glaube daran. „Auf Wiedersehen!“

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„Glaube, Liebe, Hoffnung – die Aufzählung kennst du sicher“ so beginnt Marta unser Gespräch. Wir sitzen vor ihrer Hütte in Waren in West-Papua und Marta spricht über ihren Glauben, ihren Glauben an Gerechtigkeit.

„Ich habe zwei Söhne, erzählt sie: „der Eine engagiert sich im Untergrund für die Befreiung und der andere ist bei der Polizei.“ Beide Söhne sind von ihr im christlichen Glauben erzogen worden, wie sie sagt.bDer eine will eine bessere Zukunft für alle Papuas und kämpft deshalb für die Unabhängigkeit im Dschungel. Denn – so seine Überzeugung – Gott ist auf der Seite der Unterdrückten und Schwachen. Von ihm hat sie schon lange nichts mehr gehört.

Ihr anderer Sohn will auch eine bessere Zukunft für die Papuas und ist deshalb zur Polizei gegangen. Er sagte: „Die von Gott gewollte Gerechtigkeit können wir nur mit allen Menschen schaffen und dafür braucht es eine starke Polizei“.

Marta ist selbst hin- und hergerissen. Dass so ein Riss mitten durch ihre Familie geht, macht ihr sehr zu schaffen. Aber sie hat eine Kraftquelle. Sie meint: „Wenn ich meinen Glauben nicht hätte – ich würde es nicht schaffen. Ich glaube, dass Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist.“

Ich bin beeindruckt von ihren Worten, frage aber doch nochmal nach ihren Söhnen – die so unterschiedliche Antworten auf die Frage nach Gerechtigkeit gefunden haben. „Ja, es ist schrecklich und ich wünsche mir meine Söhne zurück hier an den Esstisch. Aber ich bin voller Vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ende führen wird.“

Ich bin sehr berührt von dem Vertrauen, das aus Martas Worten spricht. Ihr Vertrauen, dass Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist. Für uns Menschen ist es oft nicht einfach zu entscheiden, was gerecht ist und wie Gerechtigkeit entstehen kann. Martas Söhne sehnen sich beide nach Gerechtigkeit und gehen dabei so unterschiedliche Wege. Aber Marta hält sich daran fest: Gott wird es am Ende gut richten. Nicht nur für die Papuas, sondern auch für ihre Familie. Dieses Vertrauen wünsche ich uns allen in unseren Kämpfen für Gerechtigkeit.

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