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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Auf der Intensivstation liegt ein Mann im Sterben. Die Angehörigen möchten, dass er von jemandem von der Krankenhausseelsorge einen Segen bekommt, also gehe ich hin. Er ist nur ein Jahr älter als ich, aber man sieht ihm an, dass er schwer krank ist. Seine Frau ist da, der Sohn mit Partnerin, die Tochter, und sie haben grade gehört, dass wirklich nichts mehr zu hoffen ist. Es kann noch dauern, aber heute oder morgen oder übermorgen wird er versterben; er hat sich schon auf den Weg gemacht.

 

Er war katholisch, aber kein Kirchenläufer, wie mir die Frau erzählt. Deshalb will sie auch nicht, dass er das volle „katholische Programm“  bekommt, die Krankensalbung, die Sterbesakramente. Sie möchte einfach, dass jemand ihn segnet für den Weg.

Ich versuche, die richtigen Worte zu finden, um die Gedanken der Familienangehörigen vor Gott zu tragen. Dann lade ich alle ein, das Vaterunser zu beten. Im Raum ist es andächtig, alle schauen auf den Patienten. Es ist aber nicht ganz leicht, das Draußen auszublenden. Die Tür steht offen, nebenan knallt der Putzwagen gegen die Wand, Stimmen rufen auf dem Flur. Dann kommt ein Arzt  ins Patientenzimmer. Glücklicherweise merkt er sofort, dass wir beten, und stellt sich schweigend an die Tür. Überall bimmelt es…Intensivstation eben. Das lenkt mich für einen Moment ab und mir geht der Text aus. Wie geht es nochmal weiter nach: „wie im Himmel, so auf Erden“?

Mein Blick fällt auf die Tochter. In aller Ruhe betet sie „unser tägliches Brot gib uns heute“. Ja klar, ich stimme in die Worte ein, und wir beten gemeinsam zu Ende.

Im Rausgehen denke ich: gut, dass ich hier nicht allein beten musste. Gut, dass wir Christen verbunden sind in diesem Gebet. Dafür brauche ich die Gemeinschaft, brauche ich die Kirche: wenn mir mal der Text ausgeht, dann beten die anderen für mich mit.

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Manchmal mach ich mir freitags nachmittags auf dem Weg von der Arbeit nach Hause einen Spaß daraus, die Stauberichte im Radio zu hören. Zwischen meiner Arbeitsstelle und meinem Heimatdorf in der Eifel gibt es in der Regel keine Probleme, aber wer über die Autobahn von Köln kommt oder von Mainz, der kann schon mal eine Stunde Fahrzeit draufschlagen für zähfließenden Verkehr oder Stau.  Neuerdings sagen sie im Radio ja sogar die Wartezeit an, da entwickelt sich manchmal bei mir eine gewisse Schadenfreude.

 

Anders natürlich, wenn ich selber im Stau stehe. Dann bin ich maximal genervt über all die Idioten, die Deutschlands Straßen verstopfen. Und vergesse gern, dass ich ja auch eine von denen bin, die selten öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

Dann mache ich mir so meine Gedanken über die Gründe für den Stau.

Eine Baustelle: gut, das wird mir irgendwann zugute kommen, weil dann wieder freie Fahrt ist. Ein Unfall. Hoffentlich nicht zu schlimm und keine Toten – und ich bin dann froh, dass ich nur im Stau warten muss und nicht die Ursache bin für den Stau. Und ich rege mich wieder ab.

Einfach zu viele Autos unterwegs, kein besonderer Grund für einen Stau. Naja, wir wollen halt alle mobil sein und selbst jederzeit überall hinfahren….das ist schön unabhängig, aber wir verstopfen damit eben auch die Straßen.

In manchen Orten gibt es Mitfahrerbänke. Wer da sitzt, will mitgenommen werden, das mache ich dann auch. Hab mich allerdings selbst noch nie draufgesetzt. Da wäre ich ja auf hilfsbereite Menschen angewiesen, die mich mitnehmen – das fühlt sich unbehaglich an. Blöd eigentlich. Es gäbe weniger Stau, wenn wir mehr Mitfahrer würden. Und es stärkt die Gemeinschaft, wenn wir uns zu gemeinsamen Fahrten verabreden.

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Patrick ist in der dritten Klasse. Nächstes Jahr geht er zur Ersten Heiligen Kommunion. Jetzt im Herbst werden die Kinder und ihre Eltern eingeladen, sich auf dieses große Ereignis vorzubereiten. Dazu zählt auch der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes.

Patrick fährt mit seiner Familie in die Stadt zu einem besonderen Gottesdienst. Im Schlosspark wird eine Messe mit Tieren gefeiert. Die Leute haben ihre Hunde dabei oder ihre Kanarienvögel im Käfig. Manche haben eine Katze auf dem Arm oder ein Meerschweinchen. Sowieso anwesend sind in diesem alten Schlosspark mit den hohen Bäumen und dem Wassergraben Vögel, Enten,  Bienen und Mücken. Patrick hat in einem Schuhkarton seine Schildkröte dabei. Er hat extra ein paar Salatblätter in die Schachtel gelegt, damit Toby, die Schildkröte, nicht hungrig bleibt.

Es ist ein schöner Herbsttag, viele Menschen sind heute Morgen gekommen. In den Gesang der Menschen mischen sich auch die Stimmen der Tiere.

Dann kommt die Kommunion.

Der Pfarrer sagt: „nicht die Kirche lädt ein, nicht der Pastor lädt ein. Jesus selber lädt ein. Und er lädt alle ein.“

Patrick lässt die Hand seiner Mutter los. Die Mutter ahnt, was der Sohn vorhat. Und obwohl die Erstkommunion erst im April  stattfinden soll, erlebt Patrick sie schon an diesem schönen Herbsttag, denn er hat die Worte gehört:

alle dürfen kommen.

Ich finde, da hat dieser 8järige etwas ganz Wichtiges verstanden. Die Kommunion ist kein exklusives Mahl für die besonders Frommen. Sie ist eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen. Und sie macht uns zu Schwestern und Brüdern am Tisch des Herrn.

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Das Vaterunser ist das Gebet, das am weitesten verbreitet ist. Die ganze christliche Welt kennt es, in allen Sprachen. Ich habe schon öfter miterlebt, wie Menschen  es gleichzeitig in verschiedenen Sprachen sprechen. Jeder und jede in der eigenen Muttersprache. Wenn die verschiedenen Sprachen dann im gleichen Rhythmus klingen, ist das für mich immer sehr aufregend und bewegend. Ein schönes Zeichen für die weltweite Gemeinschaft. Die Worte des Vaterunsers verbinden mich mit Christen in der ganzen Welt. Es gehört sozusagen zur Muttersprache des Glaubens.

Wer es seit Kindesbeinen geübt hat, kann das Vaterunser oft auch dann noch mitsprechen, wenn der Kopf nicht mehr so richtig will. Davon erzählen Menschen immer wieder. Und ich habe es selbst erlebt bei einem Onkel. Er war schon lange krank. Gesprochen hat er nicht mehr, dazu war er zu schwach. Früher hatte er Zeitungen und Bücher gelesen, die ganze Welt war für ihn interessant. Das war jetzt vorbei. Von all dem wollte er nichts mehr wissen. Die meiste Zeit lag er schlafend im Bett. Aber wenn wir ein Vaterunser mit ihm gebetet haben, dann geschah etwas Erstaunliches: Da kam auf einmal ein wenig Leben in ihn zurück. Er versuchte, mitzusprechen. Wir sahen, dass er sich erinnert. Seine Lippen haben sich mitbewegt. Diese uralten Worte haben offensichtlich auf ihn gewirkt. Und sein Gesicht entspannte sich. Für einen Moment war alles gut.

Ich kenne viele Menschen, für die mit einem Vaterunser „alles gesagt ist“. Im Vaterunser finden sie sich, ihren Glauben und ihre Sehnsucht nach Leben wieder. Deshalb beten sie es gerne. Und es ist ja auch ein einfaches Gebet, das man immer bei sich haben kann, immer und überall. Für mich ist es aber am schönsten, wenn ich das Vaterunser zusammen mit anderen beten kann.

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Ein Schüssel voller Mehl, Wasser, Gewürze, eine Tüte Sauerteig– in der Generation meiner Kinder wird wieder selbst Brot gebacken. Die Hobbybäcker geben Rezepte und Erfahrungen hin und her. Am Abend ist die Mehlmischung noch unauffällig, am anderen Morgen blubbert der gesamte Teig. Welche Sauerteigmischung hilft da am besten und wieviel?

In der Bibel ist mehrfach vom Sauerteig die Rede. So sagt Jesus einmal: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.“ (Mt 13,33) Sauerteig wirkt kräftig! Und wie Sauerteig soll die gute Nachricht vom Himmelreich sich ausbreiten und ansteckend wirken. Und in der Tat – ein Sauerteig im Sinne von Jesus tut wirklich not. Dieser Sauerteig heißt Liebe. In Gottes neuer Welt, die auf der Erde anfängt, gilt die Nächstenliebe. Die Menschen sollen sich gegenseitig helfen, Schwache beschützen und Fremde achten. Vor allem aber sollen sie ihre Feinde lieben, dh. als Menschen betrachten. In einem solchen neuen Leben, von dem Jesus spricht, leben die Menschen aus dem Glauben an Gott – und hoffen auf Gott. Es geht um Gottes Macht, nicht um die Macht von Menschen. Und immer wieder geht es in Gottes neuer Welt um Liebe, Liebe, Liebe.

Stattdessen jedoch wird die Stimmung in unserer Gesellschaft immer gereizter und teilweise sehr gehässig. In manchen Bereichen gehen die einfachsten Regeln des Anstands verloren. Christliche Werte – die werden durchaus leider auch von Christen missachtet. Auf einmal werden Menschen wieder eingeteilt in erwünschte und nicht erwünschte. Das ist nicht nur politisch ein Skandal. Für Christen geht eine solche Unterscheidung absolut nicht! Vor Gott sind alle Menschen gleich. Ob mir das passt oder nicht. Jesus Christus war da ganz klar in seinen Worten. Wer diese ablehnt, kann sich nicht mehr Christ nennen. Christen müssten hier vielmehr Sauerteig sein. Für die Liebe, gegen nationalen Egoismus.

Für Christen muss deshalb die Liebe das Bindeglied unter den Menschen sein. Das ist ein Sauerteig. Der wird wirken!

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Christsein hat mit Liebe zu tun. Jesus hat viel über die Liebe gesprochen. Eigentlich sprach er über nichts anderes, in vielen Variationen. Von ihm ist das wichtigste Gebot überliefert: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. (z.B. Lk 10, 25-37) Das ist das ganze Paket! Es geht um die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Und zwar gleichwertig. Keine der genannten Liebes-Aufgaben steht über der anderen, keine hinter der anderen. Jesus ist dabei wenig bescheiden: dieses Liebesgebot ist so groß und umfassend; weitere Gebote sind dadurch im Grunde überflüssig. 

Eigentlich ist das ja auch logisch. Wer Gott liebt, kann unmöglich andere Menschen hassen oder verachten oder noch Schlimmeres antun. Denn auch sie sind Kinder Gottes. Wer Gott liebt, sollte aber auch sich selbst liebhaben. Denn: Wenn ich mich selbst nicht leiden kann - wie könnte ich zu anderen gut sein, wenn ich nicht mal mir selbst gut bin? Und wieder weiter: Es wäre ebenso unmöglich, nur sich selbst zu lieben, den Nächsten aber zu vergessen. Da müsste ich mich vor Gott schämen. So hängt für Christen die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst eng zusammen, unlösbar ineinandergelegt. Dieses Liebesgebot ist eine ziemlich große Liebes-und Lebensaufgabe. Und es ist ganz wichtig. Das Wichtigste überhaupt. Aber wer kann das schon, immer lieben? Wer kann schon immer alle drei Seiten im Blick haben? Sich selbst, den Mitmenschen und auch Gott?

Weil das so schwer ist, hat dieses dreifache Liebesgebot eine Art Vorwort. Und das geht so: Alles geht immer zuerst von Gott aus! Was ich tue oder versuche, kann ich deswegen tun, weil Gott mich immer schon liebhat. Für mich ist das überhaupt das Schönste!

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