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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Papa, was ist höflich?“ das hat mich meine Tochter gefragt nachdem wir gemeinsam Brötchen holen waren. Meine Tochter wollte alleine einkaufen. Deshalb bin ich mit dem Hund draußen geblieben und habe vor der Tür gewartet. Da wurde ich mal wieder Zeuge, was man als Kind in der Welt der Erwachsenen alles so erlebt.

Drinnen ist es sehr voll gewesen. Wie immer hatten es alle eilig und so hat sich ein Erwachsender nach dem Anderen an meiner Tochter vorbei gedrängelt. Ich war gerade dabei den Hund festzubinden, um sie unterstützen zu kommen. In dem Moment hat jemand gesagt – „Jetzt ist aber mal dieses junge Fräulein dran“.

Meine Tochter hat dankbar aufgeschaut und hat dann im Flüsterton bestellt. Die Verkäuferin hat sie dann freundlich und zugewandt bedient. Auf dem Rückweg bestärkte ich meine Tochter: „Wenn sowas beim nächsten Mal wieder passiert, dann kannst du höflich sagen: Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin an der Reihe.“

Und dann hat sie gefragt „Papa, was ist höflich?“ Da war ich baff. Ja was ist höflich? Viele Beispiele sind mir da spontan nicht eingefallen.Ich habe es ihr dann versucht anhand der goldenen Regel zu erklären: „Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Matthäus 7,12) 

So hat es Jesus einmal formuliert. „So wie der Mann, der dir schließlich geholfen hatte.“
Wenn er an deiner Stelle gewesen wäre, dann hätte er sich sicher auch jemanden gewünscht der ihm hilft. Und so hat er Dir geholfen.

In dem Moment, war ich dem Mann in der Bäckerei sehr dankbar. Denn ich habe wieder einmal gemerkt: Erziehung klappt am besten durch Vorbilder. Es wäre schön, wenn wir Erwachsenen uns das immer wieder zu Herzen nehmen. Auch morgens beim Bäcker.

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„Sinn und Sinnlichkeit, das macht ein Leben reich“ so fasste Frank seine Sehnsucht zusammen. Frank ist Berater gewesen in seinem früheren Leben. Ja einer dieser unglaublich viel arbeitenden und noch mehr verdienenden Berater.

Wir haben uns im Urlaub kennengelernt und er hat mir seine Lebensgeschichte erzählt. Seine erste Ehe ist gescheitert. Als sein Sohn dann Abitur gemacht hat, hat er sich zum ersten Mal eine 6 Wochen lange Auszeit genommen. Und da war es um Ihn geschehen.

Zuerst hat er das dann jedes Jahr wiederholt  – immer zwei Wochen länger. Dann hat er sein ganzes Leben verändert. Schon lange hatte er keinen Sinn mehr in seiner Arbeit als Berater gesehen. Als er sich dann noch neu verliebt hat, da hatte das Leben für ihn plötzlich wieder einen Sinn. Sinn und Sinnlichkeit, beides hatte ihm vorher sehr gefehlt.

In seinem Job war es immer nur darum gegangen, noch mehr Geld zu machen. Dabei waren die Summen an Geld so irreal und aberwitzig, dass er dafür kein Gefühl mehr entwickeln konnte. Er hat sich dann für einen Auflösungsvertrag entschieden.

Mit der Ablöse hat er dann sein Leben neu geplant. Ist viel gereist. Hat viel nachgedacht. Aber das Glück ist nicht von langer Dauer gewesen. Heute ist Frank wieder auf der Suche. Also, war alles umsonst? Frank findet das nicht: „Sinn und Sinnlichkeit, das macht ein Leben reich!“

Frank hat durch seinen Ausbruch aus dem alten Leben gelernt, was für ihn wirklich wichtig ist. Er hat sich auf die Suche gemacht und hat gefunden wonach er gesucht hat. Frank hat gemerkt was ihm fehlt zum Glücklichsein. Das finde ich toll. Er kann seine Sehnsucht in Worte fassen und weiter danach suchen

„Du bist doch Pfarrer“, hat er am Ende zu mir gesagt: „bitte bete für mich, bete für Sinn und Sinnlichkeit, das macht ein Leben reich. Und bete, dass ich mich traue weiter danach zu suchen.“ In der Bibel steht: „Suchet, so werdet ihr finden“ (Mt 7,7) Ich bete für Frank und für alle Suchenden: Dass Gott dieses Versprechen wahrmacht.

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Südkorea, Seoul, Obdachlosenasyl. Ich ziehe, wie es üblich ist in Korea die Schuhe aus bevor ich die Räume betrete – hier aber würde ich sie lieber anlassen. Es riecht streng, nein es stinkt und ich atme lieber durch den Mund. So besichtige ich die Räume der Urban Industrial Mission. Es ist eine Kirche im koreanischen Verständnis.

Zwar gibt es auch einen Gottesdienstraum, aber die Menschen hier kümmern sich in erster Linie um Bedürftige und Obdachlose. Und davon gibt es viele. In meiner Arbeit bin ich zuständig für unsere Partnerkirchen weltweit unter anderem auch in Korea.

Ich bin es eigentlich gewohnt mich in schwierigen Lebensverhältnissen zu bewegen. In Strümpfen steige ich über Menschen, die dort auf dem Boden liegen oder kauern, schlafen oder Fernsehen. Sie sind alle dünn und sehen sehr arm, teilweise verwahrlost aus. Ich werfe auch einen Blick in den Hinterhof, überall zerschlissene  äsche die entweder trocknet oder zum Lüften aushängt.

Die Vorstellung hier jeden Tag zu arbeiten und in diesen Räumen Essen zu verteilen bereitet mir Unbehagen. Mit Erleichterung sehe ich am Schluss des Besuches meinen Schuhen entgegen.

Als ich wieder auf dem Weg bin in mein Hotel fühle ich mich beschämt.

Jesus hat mal gesagt: Was Ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25,40).

So wie es die Menschen in dieser koreanischen Kirche täglich tun. Ich habe große Hochachtung vor den Helfern und Helferinnen in der Kirche dort. Sie versuchen Jesus Anweisung in die Tat umzusetzen. Ich habe gespürt wie schwer das ist. Und ich muss mir eingestehen, ich könnte das täglich dort eher nicht. Aber ich glaube es gibt viele Möglichkeiten den „Geringsten“ zu helfen.

Wieder zu Hause sehe ich viele Menschen die anderen helfen. Bei der Tafel, den Kleiderkammern, beim Deutschunterricht oder als Schulpaten. Wenn ich mich anrühre lasse von den Menschen die mich umgeben, dann helfe ich. Ich habe gemerkt ich kann nicht alles – aber ich kann auch hier tun, was Jesus sagt: meinen geringsten Geschwistern helfen.

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Heute ist der „Tag der deutschen Einheit“ – zum 28. Mal feiern wir, dass Deutschland, das durch eine Mauer geteilt war, nun wieder eins ist.

Aber Einheit entsteht nicht durch die Unterschrift unter einen Vertrag. Auch das haben die vergangenen 28 Jahre gezeigt. Letztes Jahr hat Bundespräsident Steinmeier ganz andere Mauern benannt: Mauern, die in Köpfen und Herzen aufgebaut sind. Solchen Mauern bin ich in einer ganz alltäglichen Situation begegnet.

Ich habe bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung Eintrittskarten kontrolliert. Kurz vor Einlass hat sich an der Tür eine kleine Menschentraube gebildet. Irgendwie ist die Sprache auf den Osten gekommen. Zu meinem Erstaunen haben die Menschen nur negative, hässlichen Vorurteile über „die da drüben“ geäußert. „Und dann noch das viele Geld, das wir für den Aufbau Ost bezahlen müssen…“ hat einer gesagt. Da habe ich mich eingemischt: „Also, ich bin froh, dass ich über eine gut ausgebaute Autobahn zu meiner Familie in Brandenburg fahren kann…“

Zum Glück ist in diesem Moment die Tür aufgegangen, und die Menschen sind in den Saal geeilt, um sich gute Plätze zu sichern. Aber Ihre ganze Wut gegen „den Osten“ ist noch lange bei mir geblieben.

28 Jahre, habe ich gedacht, und die Menschen sprechen noch immer von „denen da drüben“? Da war sie, die unsichtbare Mauer.

Ich denke an einen alten Gebetssatz aus der Bibel. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Und mir fällt eine Weihnachtsfeier ein, die ich in Afghanistan erlebt habe. Da haben wir alle gemeinsam an Tischen gesessen und gefeiert. Die Geschichte von der Geburt Jesu habe ich dann auf besondere Weise von Soldaten vorlesen lassen – immer zwei Verse in einer Mundart: Bayrisch, Schwäbisch, Sächsich, Rheinisch, Hessisch, Plattdütsch, und ein waschechter Berliner war auch dabei.

Da war nichts von Mauern zu spüren. Wir waren alle aus verschiedenen Orten, mit unterschiedlicher Sprache sogar, aber wir haben nicht übereinander geredet, sondern miteinander. So kann sie aussehen, die Einheit - in Verschiedenheit. Und zwar nicht nur an einem Festtag – auch im Alltag, wo alle am gleichen Auftrag mitgearbeitet haben.

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„Sei deinem Gegner wohlgesonnen“. Diesen Ratschlag gibt Jesus seinen Zuhörern. Ich finde, das ist genau das Gegenteil von dem, was ich sonst erlebe. Normaler Weise mag ich meine Gegner nicht besonders. Ich möchte stärker sein. Vielleicht auch, dass er bezahlen muss für all das, was er mir angetan hat. Wieso sollte ich meinem Gegner wohlgesonnen sein?

Im Alten Testament findet sich dazu eine Geschichte: König Saul der erste König Israels, bekommt Gerüchte zu hören, dass David, einer seiner Schützlinge, ihn vom Thron stürzen will. Saul ist eifersüchtig auf den jungen und erfolgreichen David. Er beobachtet ihn seit langem argwöhnisch, deshalb schenkt er diesen Gerüchten gerne Gehör.

Kurz entschlossen trommelt er einen Trupp zusammen, um David zu suchen und aus dem Weg zu räumen. An einem Abend ist Saul müde von der Suche. Er will sich in einer Höhle ausruhen und schläft ein. Er ahnt nicht, dass sich David und seine Freunde genau in dieser Höhle versteckt haben. „David, dass ist die Chance! Jetzt kannst Du Saul besiegen!“ flüstern die Freunde. Doch David entscheidet anders. Er schleicht sich an Saul heran und schneidet nur einen Zipfel von seinem Gewand ab.

Als Saul erwacht und die Höhle verlässt, läuft David ihm hinterher und zeigt ihm den Zipfel. Und er fragt ihn: „Saul, warum vertraust du auf Gerüchte? Ich bin nicht gegen dich!“ Saul ist beschämt und erkennt, dass David ihn verschont hat. „Wann hat es das schon einmal gegeben, dass einer seinen Feind im Guten gehen lässt?“

Für mich zeigt die Geschichte vor allem eins: Ich kann meine Stärke auch ohne Gewalt beweisen. David ist der Stärkere, weil er auf seine Stärke verzichtet. Er hat Sauls Schwäche nicht kaltblütig ausgenutzt. Er hat seine Macht genutzt, um seinen Gegner zum Freund zu machen. Er war Saul wohlgesonnen, und das hat ihn verändert

Vielleicht komme ich manchmal weiter, wenn ich aufhöre zu kämpfen und stattdessen dem etwas Gutes tue, der etwas gegen mich hat. So wie David. „Sei deinem Gegner wohlgesonnen.“ Jesus will mir zeigen, wie ich aus der Spirale der Gewalt herausfinden kann. Und das tut mir gut.

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„Du segnest mein Leben mit Sehnsucht.“ Das hören die Besucher bei den Abend-Gottesdiensten auf der kleinen Insel Iona in Schottland. „Du segnest mein Leben mit Sehnsucht.“ – Momentmal, denke ich. Sehnsucht? das ist doch kein Segen. Sehnsucht tut weh.

Ich habe das gespürt als ich drei Wochen zur Reha war. Wie oft hatte ich Sehnsucht nach meiner Frau. Das ist nicht schön. Sehnsucht ist, wenn mir etwas fehlt, das sehr wichtig ist für mich. Sehnsucht fühlt sich eher an wie Strafe. Was soll daran gut sein – also ein Segen? Aber dann habe ich plötzlich verstanden, was das heißen könnte:

Ich habe auf meinem kleinen Balkon gesessen und geseufzt, weil ich mich nach Hause gesehnt habe. Bilder sind an mir vorbeigezogen: Das Lachen meiner Frau, die gemeinsamen Abende auf der Terrasse, die Gespräche über das, was wir am Tag erlebt haben, die Berührungen, wie wir uns gegenseitig ärgern…

Die Sehnsucht hat mich richtig im Griff und lässt nicht locker. Ich will sie gerne loswerden. Doch dann ist mir plötzlich klargeworden. Eigentlich kann ich unheimlich dankbar sein für all das Schöne. Genau das ist es, was die Sehnsucht mir zeigt: Was mir guttut, was wichtig für mich ist - wirklich wichtig. Und dass es nicht selbstverständlich ist.

Ich habe zum Handy gegriffen, um zuhause anzurufen – doch dann habe ich es wieder zur Seite gelegt und stattdessen meinen Block geholt und angefangen, einen Brief zu schreiben. Nicht darüber, wie sehr ich sie vermisse, sondern darüber, wie glücklich ich mit ihr bin.

So hat mir die Sehnsucht die Augen geöffnet und mir einen wundervollen Augenblick geschenkt, in dem ich einem Menschen ganz nah gewesen bin, obwohl er über 400 km weit weg war.

Gott, Du segnest mein Leben mit Sehnsucht. Wie gut, dieses Gefühl nicht wegzuschieben, sondern mir von ihm zeigen zu lassen, was wirklich wichtig für mich ist.

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