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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Du bist echt ein Engel.“ Der Satz rutscht mir aus dem Mund.

Ich bekomme mit, wie meine Bekannte  mal wieder in der Nachbarschaft aushilft. Einkauft,  Briefe wegbringt, Zeit für ein Schwätzchen hat. Eine Frau, die einfach da ist, wenn sie gebraucht wird. Ärmel hochkrempelt oder zuhört, je nachdem was ansteht. In meinen Augen: Echt ein Engel!

In einem geistlichen Lied heißt es: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel… Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand oder er wohnt neben dir Wand an Wand … Dem Kranken hat er das Bett gemacht und er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht.“ [1]

Ja, es gibt Menschen, die unverhofft zu Engeln werden. Auch ohne Flügel. Menschen, die spüren, wann und wo sie gebraucht werden.

Heute ist der Gedenktag aller Engel. Allen voran: Michael, Gabriel und Raphael.

Die biblischen Erzählungen über diese besonderen Engel sind spannend und tröstlich zugleich: Der Engel Michael, der mit anderen Engeln zusammen gegen das Böse kämpft. Oder Gabriel, der ankündigt, dass ein Kind zur Welt kommen wird und die Mutter ermutigt: Fürchte dich nicht! Oder Rafael, der einen jungen Mann auf einer weiten und gefährlichen Reise begleitet und beschützt.

Für mich stecken in diesen Engelerzählungen ganz intensive, ja göttliche Erfahrungen. Erfahrungen, in denen ich die Liebe Gottes erahne. Mich von ihm beschützt und geborgen fühle. Denn Engel, so heißt es, sind Boten Gottes. Und die gibt es nicht nur im Himmel. Sondern auch auf der Erde. Und manchmal in der Nachbarschaft.



[1] Rudolf Otto Wiemer, Es müssen nicht Engel mit Flügel sein

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27253

Eine ungewöhnliche Baustelle mitten im Wormser Dom: Ein neuer Altar soll entstehen. Ein neuer Ort, um den die Gemeinde sich versammeln wird, wenn sie Gottesdienst feiert.

 

Und dabei soll eine ganz besondere Idee verwirklicht werden:

Die Gemeinde soll an ihrem neuen Altar kräftig mitarbeiten. Gemeinsam wollen sie Hand anlegen.

Wer will, kann einfach in den Dom kommen und mithelfen. Geschickt oder handwerklich unbegabt. Das spielt keine Rolle. 

Die Künstler, die zusammen mit den Wormsern das Projekt verwirklichen, sind sich sicher: „Wir bauen einen Altar und gleichzeitig bauen wir Gemeinschaft auf.“ (Anna Heringer)

Der neue Altar wird aus Lehm gebaut. Da können viele mitmachen.

Schippen eine Schaufel Lehm nach der anderen in die Form. Manche bringen für sie bedeutsame Gegenstände mit und mischen sie unter den Lehm: Ein Bild, ein Gebetbuch, ein Stein von einem ganz besonderen Ort, ein Schmuckstück, das seit Kindertagen einen Menschen begleitet hat. So geben sie ein Stück ihres Lebens in die Erde des neuen Altars bevor sie über die Schalung steigen und das Ganze kräftig feststampfen. 

„Wir bauen einen Altar und gleichzeitig bauen wir Gemeinschaft auf.“

Die Idee geht auf. Menschen schaufeln, stampfen, singen und beten dabei und freuen sich einfach an dem, was sie zusammen schaffen.

So bewegt dieses miteinander Bauen jeden Einzelnen, der kommt und gleichzeitig rückt in diesen Tagen auch die Gemeinde enger zusammen. Ganz wie die Künstler sich das wünschen. 

Der Lehmaltar muss nun trocknen. Es braucht seine Zeit, bis er fertig ist und geweiht wird.

Doch dann wird der Altar zum Mittelpunkt. Wenn die Menschen im Wormser Dom an ihm Gottesdienst feiern. Wenn sie miteinander Brot und Wein teilen und ihre Gemeinschaft feiern mit Gott und untereinander.

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Wut, Trauer, Fassungslosigkeit. Es gibt viele Gefühle, die der tausendfache Missbrauch in der Katholischen Kirche gerade in Menschen aufwühlt. Auch bei mir, denn es ist auch meine Kirche und ich schäme mich für sie. 3677 junge Menschen, die von Mitarbeitern meiner Kirche verwundet worden sind. An ihren Seelen und auch an ihren Körpern. Die erlebt haben, dass man ihnen nicht geglaubt hat. Die vielfach allein gelassen worden sind mit ihrer seelischen Not. Und die erleben mussten, dass die meisten Täter, die ihnen Leid zugefügt haben, dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Viele von ihnen wurden sogar gedeckt. Mich macht das wütend, weil diese Kirche für mich für etwas ganz anderes steht. Für Liebe und Menschenfreundlichkeit, so wie Jesus sie uns vorgelebt hat. In seinen Worten und in seinem Tun. Denn das sollte ihr Programm sein.  Und weil ich in dieser Kirche auch unzählige Menschen getroffen habe, die sich Tag für Tag darum bemühen, genau das zu tun. Menschen, die sich nun wie ich fragen, was sie von dieser Kirche halten sollen.

 

Darum macht mich das, was geschehen ist und nun ans Tageslicht kommt, sogar doppelt wütend und fassungslos. Weil Vertreter meiner Kirche ihre Macht missbraucht und arg- und wehrlose junge Menschen für den Rest ihres Lebens geschädigt haben. Aber auch, weil sie damit alles das unglaubwürdig machen, was viele andere in dieser Kirche trotz allem Gutes tun.

Vertrauen ist der Anfang von allem. So hieß mal der Werbespruch einer großen Bank. Für die Kirche gilt das noch viel mehr. Das  Vertrauen ist schwer beschädigt, das merke ich auch immer wieder im Gespräch mit Menschen, die meiner Kirche trotz allem noch die Treue halten. Wir werden lange brauchen, es wieder aufzubauen. Die Bitte um Vergebung kann da nur der Anfang sein.

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Gute Nachbarn sind viel wert. Ich bin froh, dass ich rundherum gute Nachbarn habe. Dazu gehört auch einer auf der Straßenseite gegenüber: Ein griechisches Restaurant. Ich kenne die ganze Familie des Inhabers – und alle, die dort arbeiten. Das hat sich so ergeben, und das ist schön so. Das Personal, fast alles Griechen, nennt mich „Pater Christophoros“; das spiegelt wider, dass ich so etwas wie ihr Seelsorger bin. Sie sprechen mich an, wenn sie irgendeine Hilfe nötig haben. Mit einem Kellner war ich in der Schule, als er dort seinen Sohn anmelden wollte. Jetzt kümmere ich mich darum, dass eine ehemalige Küchenhilfe einen Deutsch- und Integrationskurs machen kann.

Dabei bekomme ich mit, wie schwer es Ausländer in Deutschland manchmal haben, nicht nur mit Behörden und Anträgen. Wer nicht oder nur schlecht Deutsch spricht, der ist bei Vielem hilflos. Und manchmal hat das gravierende Auswirkungen auf die ganze betroffene Familie.

Dazu kommen bei Griechen noch die Sorgen um die Angehörigen zuhause in Griechenland. Die Not in der Heimat ist groß. Wir sprechen öfter darüber.

Für mich sind das nicht nur schöne menschliche Begegnungen, bei denen ich auch wohltuende Gastfreundschaft erlebe. Ich freue mich, dass diese Nachbarn sich mir mit ihren Sorgen anvertrauen – und dass ich mitbekomme, wie es ihnen geht. Wie schwer sie es in vieler Hinsicht haben. Manchmal frage ich mich: Wie würde es mir an ihrer Stelle gehen?

Diese Nachbarschaft ist für mich eine gute Schule. Sie lehrt mich, meine Umgebung und unsere Gesellschaft noch besser mit den Augen der anderen sehen zu lernen. Darauf kommt es an, wenn unser Zusammenleben funktionieren soll. „Integration“ ist ein großes Wort. Sie beginnt aber damit, dass ausländische Mitbürger für mich keine „unbekannten Fremden“ mehr sind, sondern dass ich mich in sie hineinversetze und dass mein Verständnis für sie wächst. Und dass ich ihnen entsprechend begegne. Das erlebe ich auch für mich selbst als sehr bereichernd.

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Nichts geht mehr. Alle Züge zwischen Schifferstadt und Ludwigshafen fallen wegen Schäden an den Weichen aus. So haben es die Pendler vor einigen Wochen erlebt. Auch der Ehemann einer Bekannten, der jeden Tag von Schifferstadt nach Mainz zur Arbeit fährt. Er hat vom Bahnhof aus seine Frau angerufen, damit sie ihn mit dem Auto nach Ludwigshafen fährt – von dort fuhren die Züge weiter. Als sie sich dort von ihm verabschiedete, dachte sie: „Wie schade, dass ich jetzt alleine mit dem leeren Auto nach Schifferstadt zurück fahre. Wenn ich wüsste, wo jemand ist, der auch dorthin müsste - den könnte ich ja mitnehmen; ich hab ja noch Platz.“ Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da bekam sie vor dem Bahnhof im Vorbeigehen ein Gespräch mit. Zwei Bahnbedienstete erklärten einem älteren Herrn, er müsse jetzt wegen der Streckensperrung nur schauen, wie er nach Schifferstadt komme, von dort könne er mit der S-Bahn nach Homburg weiterfahren. Meine Bekannte hat ihm angeboten, er könne gerne nach Schifferstadt mitfahren, sie müsse ja sowieso dorthin – und er hat das freudig angenommen.

Zufall? Fügung?

Zwei Wochen später. Unwetter bei Worms. Der Zug kann nicht weiterfahren. Wieder sitzt ihr Ehemann drin. Sie holt ihn in Worms ab – und denkt vor dem Bahnhof: „Lieber Gott, wenn ich jetzt wüsste, wer vielleicht auch nach Schifferstadt muss, den könnte ich doch mitnehmen – ich habe ja noch Platz. Zeig mir, ob so jemand da ist.“ Kaum hatte sie dieses Stoßgebet zum Himmel geschickt, sah sie vor dem Bahnhof eine Frau stehen, die sie kannte, die auch mit der Bahn hier gestrandet war – und nach Schifferstadt musste. Die hat gestrahlt – und ist dankend mitgefahren.

Zufall? Schon wieder? Oder doch Fügung?

Ich habe schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Da erlebe ich etwas, was nicht zu erwarten war, was unwahrscheinlich ist. Aber es geschieht einfach so, und es passt wunderbar, es ist genau das Richtige. Das bedeutet für mich: Es gibt so etwas wie Fügung. Ich kann den Satz gut nachvollziehen, den ich schon öfter gehört habe: „Der liebe Gott tut nichts als Fügen.“ Er überrascht uns öfter …

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Ralf ist in der DDR groß geworden. Ich habe ihn in der Weinbruderschaft der Pfalz kennengelernt.

26 Jahre lang hat er die DDR erlebt. Es ist hoch interessant, wie er aus dieser Perspektive unsere Gesellschaft sieht. Ihm fällt manches Positive auf, was für uns allzu selbstverständlich ist, weil wir es nicht anders kennen. Er aber schon. Er hat mir ein Schlüsselerlebnis erzählt.

In der DDR sagten alle in den Ämtern und bei der Polizei: „Bürger, kommen Sie!“ Keine Anrede mit Namen. Beim Wehrdienst hieß er „Genosse Soldat!“; auf der Uniform gab es auch kein Namensschild. Nie wurde jemand mit Namen angesprochen, sondern alle gleich – gleich anonym, gleich unpersönlich. Weil in der klassenlosen Gesellschaft alle gleich sein sollten. Deshalb wurde alles Individuelle eingeebnet.

Im Nachhinein sagt Ralf: „Das war eine schleichende Entpersönlichung, eine fortwährende Entmündigung.“ Das ist ihm aber erst bewusst geworden, als er das Gegenteil erlebt hat. Gleich 1989 in der deutschen Botschaft in Algier. Da steht er einem Beamten gegenüber – und der sagt freundlich zu ihm: „Hallo, Herr Gaggermeier.“ Zum ersten Mal erlebt er, dass er selbst, er persönlich gemeint war, dass er mit seinem Namen angesprochen wird: „Ich war auf einmal der Ralf Gaggermeier - das war für mich der absolute Hammer!“

Und auch danach hat er es bei den Behörden so erlebt. Diese Kontrasterfahrung hat ihn gelehrt: „Dieser Staat achtet den Menschen extrem. Er nimmt den Einzelnen als diese einmalige Person ernst.“

Das hat ihn geprägt. Ihm ist für sein Leben wichtig geworden: „Ich möchte jeden einzelnen Menschen als ihn selbst achten und wertschätzen.“

Das kommt gerade dann zum Ausdruck, wenn jemand mit seinem Namen angesprochen wird.Deshalb beginnt jede Taufe auch damit, dass die Eltern nach dem Namen gefragt werden, den sie ihrem Kind gegeben haben. Den sagen sie dann laut – in der Hoffnung, dass alle ihr Kind als diese einmalige Person achten und annehmen, die es ist.

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