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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Sie sitzen im falschen Film!“ sagt der Mann, während er mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet.

Ich bin im Kino. Als der Film beginnt, bin ich etwas irritiert: Den Film habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Und da kommt der Mann mit der Taschenlampe und sagt: „Sie sitzen im falschen Film!“ Und freundlicher Weise bringt er mich zu einem anderen Saal, in dem der Film läuft, den ich eigentlich sehen wollte.

Das Gefühl – im Falschen Film zu sitzen – habe ich öfters: Etwas läuft ganz anders als ich es mir gedacht habe. Im Alltäglichen: Ein von mir strategisch gut durchgeplanter Tag verläuft bereits um 10 Uhr völlig anders als gedacht.

Aber auch bei wichtigen Lebensentscheidungen: Ich wollte ursprünglich Medizin studieren, erhielt aber keinen Platz, suchte eine Alternative und wählte deshalb das Theologiestudium. Das war eindeutig zunächst der falsche Film für mich. Statt Anatomiekurs Griechisch und Hebräisch. Ich entwickelte Fluchttendenzen.

Leider kam keiner mit einer Taschenlampe und brachte mich ins Medizinstudium, dem vermeintlich besseren Ort.

Mit der Zeit fand ich aber Gefallen am Theologiestudium. Besonders Philosophie und Kirchengeschichte interessierten mich. Ich konnte Schwerpunkte setzen und habe dann gerne Theologie studiert. So wurde der anfänglich falsche Film dann doch noch zum Richtigen.

Im Leben muss ich immer wieder Entscheidungen treffen und diese müssen überprüft und eventuell korrigiert werden. Das ist meist schwierig und es kostet oft viel Überwindung. Aber es lohnt sich, denn nur so sitze ich – zumindest meistens – im richtigen Film.

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Die kleine Dame klatscht in die Hände: „So liebe Teilnehmerinnen – jetzt bilden wir alle einen Kreis – fassen uns an den Händen und starten in diesen Tag mit einem gemeinsamen Tanz!“

Meine Augen werden groß. Oh, nee! Alles nur das nicht! Ich möchte nicht mit 60 Frauen Hand in Hand im Kreis stehen und ich möchte schon gar nicht gemeinsam tanzen! Dafür habe ich mich auch nicht zu diesem Workshop angemeldet. Ich will lernen, wie man Kosmetik herstellt. Ringelpietz zum Anfassen habe ich nicht gebucht!

Es gibt kein Entkommen. Es wird getanzt und zwar ohne Musik, da der Rekorder spinnt. Wie unangenehm. Ich schaue betreten auf meine Füße, wie sie sich langsam im Kreis bewegen. Es dauert endlos lange. Dann ist es vorbei. Gott sei Dank! Ich kann in meinen Kurs. Dort lerne ich, was ich mir erhofft habe: Ich lerne Kosmetik herzustellen.

Am Ende des Tages treffen sich alle noch einmal. Und es kommt wie es kommen muss: Die kleine Dame klatscht wieder in die Hände: „So liebe Teilnehmerinnen – wir bilden noch mal einen Kreis – fassen uns an den Händen – die Schritte kennen Sie noch – und tanzen – und diesmal mit Musik!“

Ich habe wieder dieses furchtbar unangenehme Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein. Schon schaue ich reflexartig wieder betreten auf meine Füße. Die Musik setzt ein und wir fangen an, uns zu bewegen.

Erstaunlich: Die Musik ist gar nicht schlecht. Sie klingt irgendwie nach Balkan? Ich schaue aus dem Fenster. Die Füße kennen ja die einfache Schrittfolge. Draußen scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ich sehe bunte Wiesen und einzelne Bäume.

Meine Stimmung wird richtig euphorisch und ich genieße den Moment. Unglaublich!

Abends erzähle ich meinem Mann davon. Sein Kommentar: „Du hast dich wohl Trance getanzt!“ Das glaube ich eher nicht, aber ich habe mich offensichtlich einfach darauf eingelassen. Eine Erfahrung, die ich gerne öfter machen möchte: mutig sein und sich auf Ungewohntes einlassen – das kann sich lohnen.

Auch wenn es vielleicht nicht immer kleine Damen sein müssen, die in die Hände klatschen und zum Tanz auffordern.

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Im Frühjahr habe ich begonnen einen Garten anzulegen. Die Rasenfläche kam weg, das Beet wurde gefräst und die ersten Pflanzen zogen ein.

Ich weiß gar nicht mehr so genau, wann ich sie das erste Mal gesehen habe – plötzlich war sie da: die Ackerwinde. Und zwar überall! Sie rankt über den Boden, bildet endlose Wurzeln und wenn man die Wurzel beim Jäten spaltet, bilden sich gleich zwei oder mehr neue Pflanzen. Seit sie da ist, spielt sich alle drei bis vier Wochen das gleiche Schauspiel ab: Ich betrete den Garten und mache Ackerwinde aus. Immer in der gleichen Haltung – kniend, hockend, sitzend. Das dauert. Lange. Meistens brauche ich drei Tage bis die komplette Fläche frei von Ackerwinde ist.

Oft höre ich Passanten am Gartenzaun sagen: „Das ist ja furchtbar!“ - „Die reinste Sisyphos-Arbeit“. „Kann man denn da nichts tun? Also so grundsätzlich? Vielleicht mit Gift?“

„Nein, kann man nicht.“ Oder besser gesagt: „Nein, das will ich nicht!“

Die Ackerwinde ist nämlich nicht das personifizierte Böse. Es handelt sich lediglich um eine wuchsfreudige Pflanze, die entzückende Blüten bekommt. Weil sie aber so wuchsfreudig ist, muss ich sie eben regelmäßig eindämmen. Ansonsten würde sie den anderen frisch gesetzten Pflanzen Platz wegnehmen und sie womöglich von der Nährstoffversorgung abschneiden.

Ich versuche also ein Gleichgewicht zu bilden zwischen der Ackerwinde, die dort offensichtlich gerne wächst, und den Neuzugängen, die ich gerne dort sehen möchte.

Zudem mögen Hummeln und Bienen die Blüten und bereits als Kind lernte ich folgende Legende über die Ackerwinde:

Ein Fuhrmann hat sich mit seiner Wagenladung Wein festgefahren und kommt nicht mehr weiter. Da kommt Maria, also die Muttergottes, des Weges und bittet ihn um ein Glas Wein. Da der Mann kein Glas hat, bricht Maria die Blüte einer Ackerwinde ab. Sie hat die Form eines Kelchs und darin füllt der Mann den Wein. Im Moment als Maria trinkt, kommt auch der Wagen wieder frei und seitdem heißt die Pflanze auch Muttergottesgläschen.

Ich finde, da ist eine Giftbehandlung wohl kaum das Mittel der Wahl.

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„Keiner hat mir was geschenkt.“ Der alte Mann erzählt aus seinem Leben. Immer wieder fallen diese Sätze: „Ich habe mir alles selbst verdient, keiner hat mir was geschenkt, ich brauche mich bei niemandem zu bedanken.“ Ein gewisser Stolz ist aus seinen Sätzen heraus zu hören: Er hat in seinem Leben aus einem kleinen Ein-Mann-Betrieb ein mittelständiges Unternehmen mit mehreren Filialen aufgebaut. Jahrzehntelang hat er keinen Urlaub gemacht, eine 70 bis 80 Stunden Woche war normal. Seine Augen leuchten als er erzählt, dass er der erste war, der mit seinem Geschäft raus aus der Stadt auf die grüne Wiese ging. Dort wo Parkplätze für die Kunden sind. „Ja, er habe schon immer ein gutes Näschen gehabt“, verkündet er stolz. Nach einigen Minuten geschwellter Brust und leuchtender Augen wird sein Blick auf einmal leer und seine Brust fällt zusammen. Seine Stimme ist auf einmal leise und brüchig. An die Stelle von Stolz tritt Verbitterung: „Und heute? Liege ich hier auf der Pflegestation eines Altenheims. Die Beine machen nicht mehr mit, ich brauche Pflege. Meine Familie hat mich hierhin abgeschoben. Mein Sohn hat jetzt die Firma. Er kommt nur selten vorbei. Hat immer die gleiche Ausrede: Keine Zeit, viel zu tun, das Geschäft, du kennst das ja. Auch der Rest der Familie lässt sich nur selten blicken.“

 

In den Stolz über seine Lebensleistung mischt sich Verbitterung über seine Krankheit und die Undankbarkeit seiner Familie. Was er eben noch mit leuchtenden Augen sagte, wiederholt er jetzt mit einem leeren Blick. „Ich habe mir alles selbst verdient, keiner hat mir was geschenkt, ich brauche mich bei niemandem zu bedanken.“

Die Pflegerin, die ihm sein Bett macht, hat diese Sätze bestimmt schon hunderte Male von ihm gehört. Trotzdem schenkt sie ihm ihre Aufmerksamkeit und ihr schönstes Lächeln. Schade, dass er es verlernt hat, sich zu bedanken.

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Buch, Kind, Muschel damit wird er häufig dargestellt: Der Heilige Augustinus. Eine seltsame Kombination. Buch ist klar. Er ist einer der bedeutendsten Theologen der Christenheit – ein so genannter Kirchenvater. Er lebte im vierten und fünften Jahrhundert, von ihm sind über 100 Bücher, etwa 1000 Predigten und gut 200 Briefe überliefert. Seine Werke gelten als Grundlage der abendländischen Theologie. Von daher ist es verständlich, dass er gerne mit einem dicken Buch in der Hand dargestellt wird.

 

Aber was soll das Kind mit der Muschel? Dazu gibt es eine schöne Geschichte: Augustinus geht am Meer spazieren. Er arbeitet gerade an einem Buch über das Geheimnis Gottes. Da sieht er ein Kind. Es hat ein Loch in den Sand gegraben. Mit einer Muschel in der Hand läuft es immer wieder zum Meer, schöpft Wasser und gießt es in dieses Loch. Augustinus beobachtet das Kind und fragt nach einer Weile: „Was machst du denn da?“ „Ich schöpfe das Meer in dieses Loch!“ antwortet das Kind. „Du Narr“ meint daraufhin Augustinus, „du kannst doch das große weite Meer nicht in dieses kleine Loch füllen.“ Das Kind schaut daraufhin den großen Augustinus durchdringend an und sagt: „Aber Du bildest dir ein, dass große Geheimnis Gott in deinem kleinen Kopf erfassen zu können.“

Ich liebe diese Geschichte und finde es gut, dass der Heilige Augustinus nicht nur mit dem Buch, sondern auch mit dem Kind mit der Muschel dargestellt wird. Das Buch steht für die vielen klugen Versuche des Augustinus, Gott erfassen zu wollen. Und die Geschichte vom Kind mit der Muschel steht dafür, dass alles theologische Reden von Gott – und sei es noch so gescheit – seine Grenzen hat. Es Gott nie ganz erfassen kann. Eine tröstliche Geschichte für alle, die mit ihrem Denken, Reden und Grübeln über Gott einfach nicht weiterkommen. Eine tröstliche Geschichte auch für mich.

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Die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit der Religion? Sie kommt nicht nur in Goethes Faust vor, sondern auch in vielen Familien. Denn viele erwachsene Kinder machen in Sachen Religion oft nicht das, was die Eltern gerne hätten. Heiraten nur standesamtlich, treten aus der Kirche aus und lassen ihre eigenen Kinder, also die Enkel, nicht taufen. Das kann schon weh tun. „Was habe ich in der Erziehung falsch gemacht?“ ist dann oft die Frage. 

Die heilige Monika, deren Gedenktag heute ist, hat sich diese Frage sicherlich auch oft gestellt. Sie lebte im 4. Jahrhundert in Nordafrika und war die Mutter vom Heiligen Augustinus. In den Lebensbeschreibungen der Monika geht es immer um das schwierige Verhältnis zu ihrem Sohn. Sie war Christin, er aber nicht, und er wollte auch nichts davon wissen. Sie wollte ihn unbedingt bekehren, nervte ihn regelrecht damit. Darauf hin hat sich ihr Sohn nach Mailand abgesetzt. Möglichst weit weg von der Mutter, die ihn einfach nicht in Ruhe gelassen hat. In Mailand lernte Augustinus den Ambrosius kennen. Der war Bischof von Mailand und begeisterte ihn dann doch für das Christentum. Augustinus ließ sich taufen und er wurde einer der ganz großen Theologen der Christenheit: Der Heilige Augustinus. Und so gab es für Mutter Monika doch noch ein Happy End mit ihrem Sohn und der Gretchenfrage.

Von der Heiligen Monika kann ich lernen, dass es nicht viel hilft, die Kinder zu nerven, sondern dass ich sie ihre eigenen Wege gehen lassen muss. Ob ich will oder nicht. Vielleicht habe ich ja Glück und meinen Kindern geht es wie dem Heiligen Augustunus. Sie begegnen einem Christen, der sie überzeugt. Und auf einmal – ohne mein Zutun – beantworten sie die Gretchenfrage - wie hältst Du es mit der Religion – neu.

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