Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Über dem afrikanischen Botswana ist dieser Tage ein zwei Meter großer Asteroid in der Erdatmosphäre verglüht. Es war einer von rund einer Million Himmelskörpern, die durch unser Sonnensystem fliegen – und manchmal auf der Erde einschlagen. Deshalb hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen den heutigen Tag zum jährlichen Asteroidentag erklärt. Dabei soll auf die Gefahren hingewiesen werden, die die Erde aus dem Weltall treffen könnten. Und wenn wirklich ein großer Asteroid auf die Erde krachen würde, dann könnte es unter Umständen ganz schön düster werden. Klimaveränderungen könnten die Folge sein. Und dann… - man braucht nur an die Dinosaurier zu denken, die vor Millionen Jahren ausgestorben sind.

Trotzdem bin ich von diesem Aktionstag nicht begeistert. Es gibt so viele  Probleme auf der Erde, die wichtiger sind. Weil sie jetzt schon ganz real Menschen das Leben kosten. Was Menschen Menschen antun, ist bedrängender als alle Asteroiden, die vielleicht einmal gefährlich werden könnten. Immer wieder sind Menschen auf Kollisionskurs zu einander. Immer wieder schlagen Menschen aufeinander ein, als könnte die Menschheit nur gegeneinander überleben. Als würde ohne Konkurrenz und Feindschaft alles untergehen. Dabei verspricht Gott den Menschen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Gott schenkt uns Zeit. Und Gott wünscht sich, dass wir diese Zeit nutzen. Denn der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der hat versprochen diese Erde erhalten. Und dabei sollen wir helfen.  Er macht uns  zu seinen Kollegen, die mit ihm zusammen das „Projekt Erde“ voranbringen. Als Gottes Mitarbeiter haben wir einen klaren Auftrag für unseren Planeten Erde: Dass sie lebenswert bleibt. Dass wir teilen, was wir haben. Und sorgsam mit unseren Ressourcen umgehen. Damit es gerecht und friedlich auf der Erde zugeht.

Solange noch ein einziges Kind Hunger und Durst leidet, können mir die Asteroiden gestohlen bleiben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26698

Heute ist das kirchliche Fest von Peter und Paul. Dass die beiden einmal einen gemeinsamen Gedenktag bekommen würden, das hätten sie sich wahrscheinlich im Leben nicht träumen lassen.

Peter, das ist Petrus. Er ist der wichtigste  unter den Anhängern Jesu gewesen. Aber als es Spitz auf Knopf stand, als es darauf ankam und Jesus verhaftet wurde, da kniff Petrus. Mehrfach schwor er: Mit Jesus habe ich nichts zu tun, den kenne ich gar nicht. Ein richtiger Feigling war er.

Eher noch schlimmer verhält es sich mit Paul – Paulus, dem anderen der beiden. Paulus hasst die ersten Christinnen und Christen. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz handfest. Er verfolgt sie, spürt sie auf und übergibt sie den Behörden. Dass man da auch schon mal grob werden muss,  damit hat Paulus kein Problem.

Peter und Paul ein echter Angsthaste und ein gewaltbereiter Fanatiker. Das ist die Doppelspitze aus den Anfängen des Christentums. Klingt wie ein Versehen? Ein peinlicher Aussetzer der Geschichte? Ich denke eher das hat Methode. Gott wird sich was dabei gedacht haben.

Dem auf seine Sicherheit bedachten Petrus hat er Mut gegeben: Am liebsten möchtest du dich verkriechen und Schwierigkeiten aus dem Weg gehen? Komm heraus, du geliebtes Gotteskind, du Halt für andere, du Fels – das bedeutet der Name Petrus. Komm heraus, denn auf Dich gründe ich meine Kirche des Muts.

Den amtlichen Christenverfolger Paulus hat er zum wichtigsten Missionar im römischen Reich gemacht. Du hast dich verrannt in Hass und Abgrenzung und Besserwisserei? Du weißt nicht mehr aus noch ein? Lass dir einen anderen Weg zeigen, Paulus, den Weg der Gewaltlosigkeit.

Peter und Paul. Ein seltsames Paar mit einer Botschaft für alle Menschen: Gott legt dich nicht fest. Er schaut nicht auf das, was du getan hast, sondern auf das, was du noch tun kannst. Ein Feigling kann mutig werden. Ein Fanatiker liebevoll und zugewandt. Du darfst Dich verändern. Du kannst auch anders! Egal, was du angestellt hast: bei Gott darfst du neu anfangen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26697

Neuerdings wird ja wieder viel über das christliche Abendland gesprochen. Da ist es gut zu wissen, wie das eigentlich angefangen hat mit dem Christentum in Europa. Die Bibel erzählt, dass der wichtigste Missionar, Paulus, gar nicht nach Europa wollte. Er war in Asien und da gab es genug zu tun. Kein Grund also, den Kontinent zu wechseln. Bis eines Nachts Paulus von einem Mann träumte, der zu ihm sagte: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!

Komm herüber. Mit diesem Hilferuf beginnt das christliche Abendland. Am Anfang steht ein Traum von Europa: Wir brauchen Hilfe. Wir schaffen es nicht allein. Du da drüben in Asien: Komm doch mal rüber. Du hast was, du weißt was, das können wir uns nicht selber sagen. Das muss von außen kommen, damit wir nicht immer nur auf unser selber schauen und uns nur um uns drehen. Da schifft Paulus sich ein und macht sich auf den Weg über die Ägäis.

Ich finde, dieser Hilferuf ehrt Europa! Das Eingeständnis, nicht alles zu können und zu wissen und auf Unterstützung angewiesen zu sein. Auch, wenn sie aus Asien kommt. Es steht Europa gut zu Gesicht interkontinentale Nachbarschaftshilfe anzufordern. Und dass die Hilfe nicht in die Metropolen fließen soll, nach Rom oder Paris oder London oder meinetwegen auch zu uns an den Rhein, sondern nach Mazedonien auf dem Balkan.

Zum Glück für uns ist der asiatische Missionar Paulus niemand, der seine Macht missbraucht. Im Gepäck hat er bei seiner Überfahrt die Botschaft von Gottes grenzüberschreitender Liebe.  Und er bringt die Aufforderung mit, dass Menschen füreinander einstehen und füreinander da sein sollen, woher auch immer sie kommen. Keiner ist alles und niemand ist nichts. Komm herüber und hilf uns – damit beginnt ein Austausch über Gottes Botschaft. Da wird ein Kontinent durchlässig, da ist Europa bereit, Neues aufzunehmen.

Für mich kann das gerne so weiter gehen. So hat das christliche Abendland eine Zukunft. So bleibt Europa jung. Viel Erfolg, Paulus, mit deiner Botschaft!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26696

„Mehmet, schau mal nach Karl.“ Das habe ich neulich am Eingang eines großen Mietshauses gelesen. Da gab es Dutzende von Klingeln. Und neben vielen der Klingeln klebten kleine Zettel. Zum Beispiel die Aufforderung für den Postboten: Paket bitte bei Müller abgeben. Oder ein Hinweis auf den eigenen Aufenthaltsort: Bin bei Ivanovic. Eine richtige Zettelwirtschaft!

Am meisten hat mich aber die Nachricht berührt: Mehmet, schau mal nach Karl. – Im Hochhaus kennt eh keiner den anderen. Man geht doch achtlos aneinander vorbei. Keiner kümmert sich um den anderen. Das stimmt ja gar nicht! Das Gegenteil ist richtig. Hier leben Menschen zusammen. Sie wissen, dass sie sich brauchen. Das ist nützlich und menschenfreundlich:

Du bist unterwegs? Klar, dass ich dein Päckchen annehme. Wir haben lange nicht mehr miteinander geredet? Komm doch mal auf einen Kaffee vorbei.Ich muss leider weg. Kannst du zwischendurch mal nachsehen, was Karl macht, wenn du nach Hause kommst?

Wer sagt eigentlich, dass Klingeln nur dazu da sind, um sich als Besucher anzumelden? Sie sind viel mehr, sie sind mit den Zettelchen ein Ort des Austauschs, gleich am Eingang – sozusagen die Visitenkarte des Hauses und seiner Bewohner. Ein Hotspot der Kommunikation, eine Informationsbörse. Noch bevor jemand überhaupt auf eine der Klingeln drückt, hat er schon einen Eindruck von den vielfältigen Beziehungen in diesem Haus. Er spürt sofort: das sind nicht nur Namen. Hier leben Menschen, und zwar miteinander in einem gemeinsamen Haus.

Die Zettelwirtschaft am Hauseingang ist für mich ein Zeichen: Diese Menschen haben verstanden, was die Bibel meint, wenn sie sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei!“ Denn hier lässt es sich leben – wo Mehmet nach Karl schaut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26695

„Ich bin ein Berliner.“ Dieser Satz wird heute fünfundfünfzig Jahre alt. Gesagt hat ihn John F. Kennedy, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er stand auf einer Tribüne im Westen des geteilten Berlin. Die Stadt war damals seit zwei Jahren von einer undurchdringlichen Mauer eingeschlossen.

Kennedy hält eine Rede, die heute zum Unesco-Weltdokumentenerbe gehört. So richtig berühmt wurde nur dieser eine deutsch gesprochene Satz: Ich bin ein Berliner. In Amerika hält sich hartnäckig der Witz, die Berliner hätten gelacht, weil Kennedy das Gebäck Berliner, also einen Kreppel gemeint hat. Das haben die Berliner natürlich nicht gedacht. Aber geschmeckt hat ihnen der Satz schon: Ich bin ein Berliner. Denn das reicht. Da ist alles gesagt. Vier höchst unspektakuläre Worte geben den Menschen Mut und Hoffnung. Denn das kurze Sätzchen zeigt ihnen, auch wenn sie den Rest der Rede vielleicht gar nicht verstanden haben, weil sie kein Englisch können: Ihr seid nicht allein. Ich stehe an eurer Seite. Da geht den Berlinern das Herz auf. Da sieht sie einer und will zu ihnen gehören. Und es ist keine Rede davon, dass das eigene Land zuerst kommen muss.

Ich bin ein Berliner. Eigentlich gehöre ich woanders hin, lebe in anderen Zusammenhängen. Aber wisst ihr was? Das vergessen wir ganz schnell. Ab jetzt gehöre ich zu euch.

Ich finde, so ein Satz ist nicht nur etwas für amerikanische Präsidenten. So ein Satz steht allen Menschen gut zu Gesicht. So ein Satz bringt Menschen zum Nachdenken darüber, wer ihren Beistand braucht. Er zwingt uns zu überlegen, an wessen Seite wir uns heute stellen müssen, weil er ausgegrenzt wird. Zum Beispiel: Ich bin – ein Jude –  ein Obdachloser – ein Flüchtling.

Wer ich bin? Macht es euch nicht zu einfach mit mir! Die Grenzen meiner Identität sind offen und fließend. So zu denken und zu sprechen, wird auch mich verändern. An wessen Seite gehöre ich? Wenn ich gebraucht werde, dann kann ich auch ein ganz anderer sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26694

Heute jährt sich die sogenannte „Schande von Gijón“. Wie in diesen Tagen war auch im Jahr 1982 Fußball-Weltmeisterschaft. Die Partie zwischen Deutschland und Österreich stand auf dem Spielplan. Um im Turnier zu bleiben, musste die deutsche Elf gewinnen. Um im Turnier zu bleiben, durfte die österreichische Mannschaft nicht zu hoch verlieren. Nach zehn Minuten stand es Eins zu Null für Deutschland.

Damit konnten beide Seiten gut leben – und vor allem weiterkommen. Deshalb wurde umso weniger auf das gegnerische Tor geschossen, je länger das Spiel dauerte. Beide Seiten hielten den Ball in den eigenen Reihen, es gab unzählige Rückpässe auf den eigenen Torwart. Und zugleich hatte jedes Team Angst, doch noch ein Tor zu kassieren und aus dem Turnier auszuscheiden. Deshalb besser nichts riskieren und auf Nummer sicher gehen.

Ich kann mich noch gut erinnern: Peinlich, wie schon damals hochbezahlte Kicker den Ball hin- und herschoben. Schön sah das Ganze nicht aus. Jedenfalls nicht wirklich nach Fußball. Nach dem Spiel machte dann das Wort von der Schande die Runde. Paul Breitner, damals als Spieler auf dem Platz, meinte dazu: in jedem Spiel kommt der Punkt, wo du anfängst, taktisch zu spielen. Hier kam er eben etwas früher.

Solche Situationen gibt es im Leben: du machst alles richtig, kommst voran, erreichst deine Ziele – und hast trotzdem ein ganz mieses Gefühl. Weil du etwas anderes geopfert hast. Etwas, was im Grunde genauso wichtig ist: die Lust am Spiel, die Freude zu zeigen, was du kannst – und die Bereitschaft etwas zu riskieren. All das blieb damals auf der Strecke. Und heute auch manchmal. Und beileibe nicht nur im Fußball.

Vielleicht hilft in solchen Situationen ja ein Vers aus der Bibel. Dort heißt es: Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen. Nicht siegen und spielen, sondern singen und spielen. Mit Freude am Spiel. Und dann schauen, was draus wird, wenn ihr euch nur treu bleibt.
Deutschland und Österreich hat die Taktiererei damals übrigens nichts genutzt. Fußball-Weltmeister wurden sie beide nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26693