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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Papa, du musst mir immer gleich nach der Schule das Handy abnehmen! – Ich glaube ich bin süchtig“ So legte mein Sohn eines Tages bei einem Spaziergang plötzlich los. Er hatte gerade zwei Tage frei gehabt und hatte nichts mit sich anfangen können. Ständig hat er am Handy rumgespielt - das war ihm wohl selbst aufgefallen. Wir haben lange geredet auf dem Spaziergang. Ich habe ihm erklärt dass ich ihn nicht total kontrollieren will.

Er hat aber deutlich gemacht, dass er es allein nicht schafft und mich um meine Hilfe bittet. Am Ende des Weges sind wir so verblieben: Wir installieren eine App auf dem Handy. Nun hat er nur noch dann Zugang zum Internet und den Apps wenn ich es freigebe. So kann ich ihm helfen nicht ständig online zu sein. Für uns beide ist das erstmal eine Lösung.

Mein Freund Roland ist von dieser Regel schockiert.  „Das ist ja die totale Überwachung! Wo bleibt da das Vertrauen? Wie soll er da Verantwortung lernen. Klar möchte ich, dass er Verantwortung lernt. Auch in der Bibel heißt es :

„Die größte Freude für einen Vater ist ein tüchtiger und charakterfester Sohn“ (Spr 23, 24 – Gute Nachricht). Und genau das möchte, dass meine Kinder nicht gewissenlos durchs Leben gehen.

Sie sollen lernen, mit Freiheiten gewissenhaft umzugehen. Verantwortung zu übernehmen, für sich und für andere. Aber heißt Verantwortung zu übernehmen nicht auch nach Hilfe zu fragen, wenn man sie braucht? Und ich finde genau das hat mein Sohn gemacht. Er hat Verantwortung übernommen, in dem er mich um Hilfe gebeten hat.  Das sage ich auch meinem Freund Roland:
Verantwortung für sich und andere zu übernehmen kann auch heißen um Hilfe zu bitten wenn man sie braucht.

Ich werde weiterhin das Gespräch mit meinem Sohn suchen. Ich will ihn dabei unterstützen, Verantwortung zu übernehmen.  Und ihm helfen, wenn er mich braucht und solange er mich lässt. Ich bin sicher: So lernt er auf eigenen Füßen zu stehen und dann auch Wege zu gehen, auf denen ich ihn nicht mehr begleiten kann.

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„So schön wie hier, kann es im Himmel gar nicht sein“. So heißt ein Buch von Christoph Schliengensief. Es ist sein „Tagebuch einer Krebserkrankung“. Dieses Buch steht ganz vorne in meinem Bücherregal und es fällt mir jedes Mal ins Auge, wenn ich daran vorbei gehe. Mich hat das Buch nachhaltig beeindruckt.

Christoph Schlingensief beschreibt darin wie er mit der christlichen Religion und dem Schicksal seiner Krankheit ringt. Natürlich hat der Titel etwas Trotziges, etwas Rebellisches. Aber ich finde ihn auch optimistisch. Ich finde man hört: Hier ist einer  ins Leben verliebt.

Die Tiefen und Abgründe der Welt und der Seele waren Christoph Schliengensief nicht fremd. Und doch hielt er das Leben für extrem lebenswert. „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein“

Ich stimme Schlingensief in Bezug auf den Himmel nicht ganz zu - Die Geborgenheit bei Gott ist für mich eine schöne Aussicht.
Aber jetzt bin ich auf der Erde, auch um das Leben – trotz allen Widrigkeiten – zu genießen. Immer wenn mich Christoph Schliengensief von dem Buchcover anlächelt,  frage ich mich:

Was braucht es um in das Leben verliebt sein zu können, gerade auch wenn es schwierig ist? In der Bibel lese ich einen Hinweis: Da heißt es von Gott  „Alle Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5,7)

Ich verstehe das so: Ich kann Gott meine Sorgen mitteilen und abgeben. Wenn ich bete – Gott meine Sorgen sage - ihm alles berichte was mein Leben schwer macht – dann kann es mir leichter ums Herz werden.

Die Sorgen verschwinden zwar nicht, aber sie sind vielleicht nicht mehr das Wichtigste. Sie überschatten nicht alles und stehen damit unserer Liebe zum Leben im Weg. Alle Sorge werft auf Ihn - liebt das Leben - So können Himmel und Erde zusammen kommen – Gott sei Dank!

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Es hat Streit gegeben. Wieder einmal. Genervt kommt Sven um die Ecke. Ich sehe es ihm an: Er erhofft er sich von mir Balsam für seine Seele. Ich aber begrüße ihn etwas flapsig mit „Wie schön, ihr habt wieder miteinander gerungen“.

Verblüfft bleibt er auf halber Strecke stehen und starrt mich an. „Na toll, von dir als Pfarrer hätte ich mir was anderes erwartet! Aber stattdessen freust du dich am Streit in der Gruppe.“ Aber so hatte ich es nicht gemeint. Ich entschuldige mich bei ihm und erkläre Sven was ich meine:

Streit ist für mich ein Zeichen, dass eine Gemeinschaft gut funktioniert, dass sie gesund ist. Wenn alle miteinander reden und einander so ernst nehmen, dass sie miteinander ringen. Dann ist das ein gutes Zeichen.

„Weißt du“ sage ich zu Sven „Reibung erzeugt Wärme und daraus kann was entstehen! Jetzt mal ehrlich: ich streite nur mit Menschen, die mir was bedeuten. Bei anderen ist mir der Aufwand zu groß.“

„Mmmm, klar so kann man es auch sehen“ gibt Sven zu. „Aber es kostet halt auch ganz schön viel Kraft. Außerdem finde ich es auch traurig, dass wir uns als Christen streiten.“

Ich verstehe ihn gut.         Aber hat Jesus das nicht auch gemacht? Sich gestritten? Jesus stritt sich mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Dabei ging es ihm um das Wichtigste, um Gottes Reich wie er sagte. Er nahm seine Gegner Ernst und stritt mit ihnen um die Wahrheit. Er stritt mit ihnen, weil sie und die Sache ihm wichtig waren.

Deshalb gehört Streiten – sich aneinander reiben dazu, um schlussendlich zu einem guten Ergebnis zu kommen. Streiten – hart in der Sache, klar im Ergebnis und freundlich im Ton – gerade als Christen sollten wir uns davor nicht scheuen. Denn wenn es gelingt, dann ist das auch eine Liebeserklärung an mein Gegenüber.

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„Du musst dich anstrengen, dann schaffst du es. Und wenn du es nicht schaffst, dann hast du dich nicht genug angestrengt.“ Das scheint die Regel für Erfolg und Gelingen zu sein. – Aber: Stimmt das eigentlich?

Irgendwann kommt der Junge mit einer 5 in Mathe nach Hause. Kurvendiskussion. Das hat er alles nicht verstanden. „Streng dich an, dann schaffst du es“, sagt seine Mutter.

Er strengt sich an, ernsthaft. Fragt Freunde, dass sie ihm helfen– aber er kommt einfach auf keinen grünen Zweig. Immer heißt es: Du hast dich nicht genug angestrengt. Er fühlt sich als Versager, bekommt Angst vor der Schule. Aber liegt es wirklich an ihm, und dass er sich nicht genug anstrengt?

In einem alten Gebet aus der Bibel finde ich einen Gegenentwurf zu dieser Regel: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, dann bauen die Menschen umsonst.“ Die Erfahrung, dass man manchmal umsonst arbeitet oder lernt, ist scheinbar uralt.

Damit etwas gelingt, muss noch etwas dazu kommen, das außerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Manche nennen es Glück oder Zufall. In dem Gebet aber ist Gott die Kraft, die das Gelingen gibt. „Seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“ Also genau dann, wenn ich gerade nichts tue und mich nicht anstrenge.

Dieses Gebet hilft mir, denn es macht mir klar: Es liegt nicht nur an mir ob eine Sache gelingt oder nicht. So kann ich leichter akzeptieren, wenn mal etwas nicht klappt, obwohl ich mich angestrengt habe.

Und immer wenn mir etwas gelungen ist und ich ein Ziel erreicht habe, dann weiß ich: Es war sicher gut, dass ich mich angestrengt habe. Aber es ist auch ein Geschenk vom Himmel, von Gott.

Der Schüler mit der 5 in Mathe hat übrigens im nächsten Schuljahr einen neuen Lehrer bekommen. Der hat sein Problem erkannt und den richtigen Weg gefunden, ihm alles zu erklären. Im Abi stand dann eine 2-Plus auf dem Zeugnis. Was für ein Geschenk!

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Heute ist der Tag der Arbeit. Meistens denkt man da ja an Lohnarbeit in Firmen und Fabriken. Und traditionell gibt es Veranstaltungen von Gewerkschaften und Arbeiterverbänden. Es geht dann um den Wert der Arbeit und um gerechte Löhne.

Die Frage: Was ist eine Arbeit wert, betrifft aber nicht nur Lohnarbeit. Ich kann sie mir auch bei den unliebsamen Aufgaben im Alltag stellen. Das ist mir bei einem Meditationskurs aufgegangen. An einem Tag hatten alle Gruppenteilnehmer hatten Arbeitsdienste zu erfüllen. Anschließend erzählt eine Teilnehmerin von einer überraschenden Erfahrung: Sie hatte sich zum Treppenputzen gemeldet, obwohl sie das nicht gerne tut. Bei der Treppe zur Kirche hat sie angefangen. Vier Stufen lang hat sie sich wirklich furchtbar geärgert. Aber dann ist ihr plötzlich etwas in den Sinn gekommen: Sie hat sich gefragt: Wer geht hier eigentlich zum Beten? Welche Sorgen tragen die Menschen hier die Treppe hinauf? Und wie kommen sie dann wieder die Treppe herunter? Erleichtert? Gestärkt? Was ist in der Zwischenzeit mit ihnen passiert? Und plötzlich war ihr Ärger verschwunden. Mit Leichtigkeit hat sie die Treppe zu Ende geputzt, weil sie an die Menschen dachte, für die sie das tut.

Welchen Wert hat eine Arbeit? Manchmal erkennen wir den Wert erst, wenn wir merken für was oder wen wir arbeiten. Seither frage ich öfter nach dem Wert der kleinen, unbedeutenden Arbeiten, die ich täglich zu erledigen habe und nach den Zusammenhängen, in denen sie stehen. Und danach, in welcher Verbindung andere Menschen dazu sind.

Wenn ich mich so mit ganzer Aufmerksamkeit dem widme, was ich gerade tue, bekommt es einen neuen Wert, und es wird leichter. Ich bin dann auch nicht mehr so abhängig von der Wertschätzung anderer. Weil ich ja selbst weiß, was das wert ist, was ich tue.
Das gelingt nicht immer, aber manchmal eben doch. Solche Erfahrungen wünsche ich Ihnen, heute, am Tag der Arbeit.

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Du bist mehr als das, was du tust und was du leistest. Das ist eine Zusage, die mir in meinem Glauben wichtig ist. Aber es ist gar nicht so einfach danach zu leben.

Das musste auch ein junger Klosterschüler lernen. Er hatte sich mit großem Eifer den Aufgaben gewidmet, die ihm gestellt wurden und schon viele Fortschritte gemacht. Aber nun ist er ziemlich erschöpft. Müde sitzt er auf einer Bank im Klostergarten. Da setzt sich sein Lehrmeister zu ihm. Und er gibt ihm einen Rat:  „Wenn du merkst, dass du müde und unwillig wirst, dann gönne dir einen Tag Pause in der Woche. Nur wenn du merkst, dass du voller Freude und Glück bist über das, was du erreicht hast, dann mach 2 Tage Pause.“

Das klingt erst einmal ein bisschen verrückt: Warum soll ich denn besonders lange Pause machen, wenn ich Spaß bei der Arbeit habe?

Der alte Mönch hatte etwas verstanden. Wir sind eben mehr als das, was wir tun und leisten. Und das gilt auch dann, wenn wir erfolgreich sind. Denn dann passiert es schnell, dass wir über unser Tun unseren Wert bemessen. Egal ob als Controller in einem Unternehmen, als berufstätige Mutter oder eifriger Klosterschüler. Wenn es gut läuft fühlen wir uns prima, stark und wertvoll. Daran ist auch grundsätzlich nichts falsch, aber was, wenn es mal nicht so gut läuft? Bin ich dann weniger wert?

„Du bist mehr als das, was Du tust und was du leistest!“ das ist die tiefe Weisheit hinter dem ungewöhnlichen Rat des Lehrers. Ich glaube, das hat er von Jesus gelernt. Der hat die Menschen auch nicht zu immer mehr Leistung angetrieben. Sondern hat zu denen, die sich abmühen, gesagt: „Kommt zu mir, ich will euch erquicken. Ich will euch eine Ruhepause gönnen.“

Wie schön, wenn man etwas geleistet hat und stolz auf sein Werk sein kann. Aber ich finde es noch schöner, dass Gott mir etwas Gutes tun will. Und zwar nicht, weil ich es mir erst verdienen muss oder um mich zu belohnen. Sondern weil ich wertvoll bin, ganz unabhängig von meinen Erfolgen.

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