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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich fahre ein paar Tage ins Schweigekloster! Die Ankündigung sorgt immer wieder für interessante Reaktionen. „Das würd ich auch gern mal machen!“ hat mir eine Bekannte geschrieben, die sonst eigentlich mit Kirche nicht viel zu tun hat. Bei mir war es in den Osterferien wieder so weit: Eine Woche hab ich in einem Kloster in Frankreich verbracht. Es gibt dort drei Mal am Tag leckeres Essen und vier Mal am Tag wunderbare Gebetszeiten. Und ansonsten: viel Stille. Ruhe. Schweigen. Geredet wird nicht einmal beim Essen. Da laufen CDs mit klassischer Musik. Und man muss sich mit Gesten und Blicken verständigen, wenn man etwas von der andren Seite des Tisches haben möchte. Das klappt übrigens mit der Zeit ganz gut: dann wandert die Butter ganz schnell zu mir, wenn ich mir gerade ein Baguette aufschneide. Ich muss gar nichts sagen. 

 

Dieses Schweigen und diese Stille: Mir tun sie unglaublich gut. Gerade, weil mein Alltag sonst so voller Wörter und Geräusche ist. Ich rede wirklich gerne, ich bin gerne unter Freunden und Kolleginnen, ich geh gerne mit Leuten essen. Ich rede natürlich auch gerne im Radio. Aber ich brauche auch das Schweigen. Wenn ich dort im Kloster tagsüber fast gar nichts rede, dann entspannt sich alles in mir. Die Ohren, die Muskeln des Körpers und der Seele. Ich komme zur Ruhe, jeden Tag ein bisschen mehr. Ich merke, wie Stress und Anspannung von mir abfallen. Und wie ich mich innerlich immer gelassener und friedlicher fühle. 

Darum versuche ich jetzt auch zuhause wieder öfter, ruhige Momente einzulegen. Zum Beispiel, wenn ich abends nachhause komme. Dann schalte ich nicht gleich wieder Radio oder Fernseher oder den Computer an. Sondern ich genieße ein paar Minuten Stille auf meinem Balkon oder auf dem Sofa. Das tut mir gut. 

Hanns Dieter Hüsch, der große Kabarettist, hat einmal ein wunderbares Gedicht über die Stille geschrieben, das beginnt so:

Erst mit der Stille fängt die Seele an zu

Schreiben

Und lässt uns sanft und sicher werden

Und sorgt dafür, dass unsre Augen milde bleiben.“

(aus: Das Schwere leicht gesagt. Freiburg 1994, S. 44)

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„Und führe uns nicht in Versuchung!“ So lautet eine Bitte im Vater unser. In Frankreich wird diese Bitte seit ein paar Monaten anders formuliert. Da heißt es jetzt: „Lass uns nicht hineingeraten in die Versuchung!“ Als ich in den Osterferien in Frankreich war, hab ich die neue Fassung im Gottesdienst erlebt. Und ich hab gestaunt darüber, dass ein so bekanntes Gebet wie das Vater unser verändert worden ist. 

Diese Veränderung: Sie war in den letzten Monaten auch in Deutschland bekannt geworden, weil Papst Franziskus höchstpersönlich sich dazu geäußert hat. Er findet die neue Übersetzung gut – und hat Ähnliches sogar anderen Ländern empfohlen. Der Papst argumentiert: Es ist ja nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürzt, um zu sehen, wie er dann fällt. "Ein Vater tut so etwas nicht“, sagt der Papst. „Ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, das ist der Satan“. Gott, so ist der Papst überzeugt, Gott führt dich nicht in schwierige Situationen hinein – sondern er führt dich heraus aus Not und Verzweiflung, und „er hält die Hand“ in schwierigen Zeiten. 

Mir gefallen diese Gedanken von Papst Franziskus zum neuen französischen Vater unser. Auch wenn viele deutsche Bischöfe und Theologen es ein bisschen anders sehen und  eher skeptisch sind gegenüber einer Änderung auch im Deutschen. Natürlich: Ein so bekanntes Gebet zu verändern, das muss man gut überlegen. Und bei uns in Deutschland vor allem auch: ökumenisch absprechen, damit es keine katholische und evangelische Fassung gibt. Aber ich finde es gut, wenn wir ab und zu darüber nachdenken: Was beten wir da eigentlich? Und entspricht das, was wir sprechen, noch dem, was wir glauben? Der Gott, dem ich vertraue, das ist jedenfalls keiner, der mir bewusst ein Bein stellt. Sondern es ist einer, der mich auffängt, wenn ich falle.

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Eigentlich habe ich ja schon ein paar Mal Frühling erlebt in meinem Leben. Und doch komm ich jedes Jahr wieder so ins Staunen, auch in diesen Aprilwochen: über dieses unglaubliche Grün an den Bäumen. Über das Weiß und Rosa und Gelb. Über das Vogelgezwitscher und die Sonne, die plötzlich wieder wunderbar wärmt. Es ist, als hätte ich über den Winter vergessen, dass es das alles gibt. Dass diese Farben und diese Düfte und diese Wärme existieren. Und ich gerate ins Staunen und genieße es aus vollem Herzen. 

Das geht morgens schon los, wenn ich aus dem Fenster schaue und dieses leuchtende Hellgrün an den Bäumen sehe. So viele Monate waren da nur kahle Äste. Und jetzt brechen aus allen Zweigen die neuen Blätter hervor. In einer Farbe, die mich fasziniert. Auf dem Weg zur Arbeit geht es weiter: An Magnolien komm ich vorbei und an Obstbäumen. Die blühen in einer solchen Pracht. Und später am Abend auf meinem Balkon, da genieße ich das Vogelgezwitscher, ein großer Gesang. Meine Sinne öffnen sich bei all dem weit und saugen es auf, die Ohren, die Nase, die Augen. Und meiner Seele tut der Frühling richtig gut. 

Der Winter war anstrengend. Viele Wochen mit viel Dunkelheit, und im Februar noch mal Eiseskälte. Es hat diesmal lange gedauert, bis die erste Wärme und das erste Grün kamen. Vielleicht staune ich deswegen besonders. Als ob ich gar nicht mehr damit gerechnet hätte, dass es wieder Frühling werden könnte. Dass aus all dem Toten wieder Leben hervorbrechen könnte. 

Ich merke: Es ist für mich auch ein Zeichen. Dafür, dass das Leben immer wieder neues Leben hervorbringt. Auch, wenn ich kaum damit rechne. Das Leben siegt über den Tod. Und bringt mich ins Staunen.

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Ricardo hat ein Lieblingslied: „Hoppe, hoppe Reiter“ könnte er stundenlang hören und spielen. Er strahlt und quietscht vor Vergnügen, wenn ich es singe. Und noch bevor der Reiter in den Sumpf fällt, ruft er lauthals: „Nochmal“!

 

Was Ricardo liebt, mag er nochmal hören oder machen.

Was für mich irgendwann langweilig wird, ist für Ricardo jedes Mal lustig und schön.

Kinder lieben Wiederholungen. Sie schenken ihnen Sicherheit und Vertrauen. Sie wissen, was kommt. Darauf freuen sie sich. 

Auch mir sind Wiederholungen wichtig. Wenn ich etwas neu lernen möchte: Vokabeln, Tanzschritte oder ein Klavierstück. Aber nicht nur dann. 

Wiederholungen sind mir auch wichtig, wenn ich etwas bereits kenne oder kann.

Ich denke an Lieder, die ich schon lange kenne und gerne immer wieder singe.  An Filme, die ich schon oft geschaut habe. Oder an Rituale, die mir wichtig sind.  „Das müssen wir unbedingt wiederholen“, sage ich zu meiner Bekannten nach dem gelungenen Treffen.

Was schön ist, was mich erfüllt, das möchte ich gerne wieder tun oder erleben.

Langweilig wird mir das nicht. Im Gegenteil: Die Lieblingslieder schenken mir gute Laune. Auf das jährliche Treffen mit Freunden ist Verlass und darauf freue ich mich schon lange vorher. Und mit dem vertrauten Morgengebet starte ich gelassen und geborgen in den Tag.

Und so gelassen und geborgen bin ich dann auch wieder offen für Neues und Unbekanntes. Denn das kommt ja meistens von ganz alleine auf mich zu.

So genieße ich -wie der kleine Ricardo- immer mal wieder zu wiederholen, was ich kenne und kann.

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„Ich muss wirklich sagen: Mir geht’s gut!“

 

Diesen Satz habe ich diese Woche in aller Frühe beim Bäcker aufgeschnappt. Die Verkäuferin hinter der Theke packt Brötchen und Brot in eine Tüte und unterhält sich nebenbei mit einem älteren Herrn. Und dann höre ich diesen Satz: „Ich muss wirklich sagen: Mir geht’s gut!“

Das klingt so zufrieden. So dankbar. Die Verkäuferin zeigt auf das Brotregal: „Wenn ich nur die vielen Brotsorten sehe. Was für eine Auswahl! Zig Brötchen liegen in Körben. Und dann gibt es doch tatsächlich immer noch Kunden, die meckern, nur weil das Lieblingsbrot gerade ausverkauft ist.“ 

Diese kurze Szene am frühen Morgen begleitet mich den ganzen Tag. Denn allzu oft bekomme ich das Andere ja auch mit: Menschen, die jammern. Über die Schmerzen im Rücken, die vielen Rechnungen, die schlechte Politik, das miserable Wetter. 

Ganz anders die Beiden in der Bäckerei. Sie stecken mich an mit ihrer zufriedenen und dankbaren Haltung. Mit ihrer positiven Sicht auf das, was ist. An diesem Morgen ist es der prall gefüllte Brötchenkorb und die vielen frisch gebackenen Brote.

Die Beiden wissen sicher auch, dass nicht alles gut ist, weder in den eigenen vier Wänden noch in der weiten Welt.

Und doch können sie dankbar und positiv den Tag beginnen.

Das volle Brotregal hilft dabei: An ihm kann ich sehen, wofür ich dankbar sein darf. 

So starte ich gerne in einen neuen Tag.

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Im Haus meiner Eltern hängt ein Bild des Heiligen Georg im Flur. Georg trägt eine Ritterrüstung, sitzt auf einem Pferd und hält eine große Lanze in der Hand.

 

Am Bildrand ist ein Drache zu sehen.

Das Bild erinnert an eine bekannte Legende des Heiligen Georg: Eine Stadt wird von einem Drachen bedroht. Der Drache frisst sich regelrecht durch die Stadt. Seine Gier ist unermesslich. Ziegen, Schafe, Kühe und auch Menschen verschlingt das Ungeheuer und versetzt die Stadt in Angst und Schrecken! Als die Königstochter geopfert werden soll, taucht Georg auf. Der Ritter Georg nimmt den Kampf mit dem Drachen auf. Ein Kampf um Leben und Tod. Letztlich tötet Georg den Drachen und die Stadt ist gerettet. 

Drachen spielen nur in Märchen, Fantasiegeschichten oder eben Legenden eine Rolle. Doch auch diese Geschichten haben ja einen wahren Kern.

Ich finde, es gibt auch in unserer Zeit Drachen. Für mich sind das Haltungen, Umstände oder Situationen, die das Leben massiv bedrohen:

Die Gier, immer mehr besitzen zu wollen. Der Stress, der Menschen vollkommen gefangen nimmt. Oder Krankheiten, die Lebenspläne zerstören.

Ja, diese massiven Bedrohungen können Menschen beherrschen, ängstigen oder gar „auffressen“. Da kann das Leben zum Kampf werden.

Gegen diese modernen Drachen braucht es auch heute Menschen, die wie der Heilige Georg handeln. Menschen, die sich für das Gute einsetzen, auch wenn sie selbst einen Nachteil davon haben.  Menschen, die für andere da sind, wenn sie um ihr Leben bangen. Menschen, die Zeit und Kraft verschenken. Diese Haltungen sind nach wie vor gefragt. 

Das Bild mit dem heiligen Georg im Haus meiner Eltern fordert mich auf: Setz dich ein, wenn Leben bedroht ist! Nicht nur heute am Gedenktag des Heiligen Georg.

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