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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Morgens früh um sieben wird im Mainzer Dom der erste Gottesdienst gefeiert. Doch es kommen auch Menschen, die gar nicht zum Gottesdienst, sondern an einen ganz besonderen Ort wollen: in die Bischofskrypta. Denn dort, sozusagen im Souterrain unter dem Hauptaltar, ist seit einem Monat Kardinal Lehmann bestattet. Die Menschen, die kommen, wollen ihm noch einmal die Ehre erweisen. Sie fühlen sich ihm auch über den Tod hinaus verbunden. Sie vermissen ihn und alles, was er war:

Ein offener Mensch, der herzlich lachen konnte. Ein launiger Gesprächspartner, der aufmerksam zuhörte. Ein Literat, der sehr viel gelesen und sehr viel geschrieben hat. Ein Bischof, der mit anderen, auch mit Päpsten, über den Weg der Kirche gestritten hat. Und in alledem ein fröhlich-nachdenklicher Christenmensch.

Das alles wird deutlich in den Wort „Kardinal“. Denn in dem lateinischen Wort geht es ursprünglich nicht um einen Berater des Papstes, sondern um etwas ganz Weltliches: die Türangel. Ein Scharnier. Ein Alltagsgegenstand, eine geniale und doch einfache Erfindung, damit etwas funktioniert. Ein Kardinal ist also ein Mensch mit Scharnierfunktion. Damit es die Tür nicht aus den Angeln hebt. Damit man nicht mit der Tür ins Haus fällt. Damit Rahmen und Tür zusammenbleiben und alles funktioniert. Die Türangel Karl Lehmann hat das gemacht. Das ist anstrengend. Das kostet Kraft. Aber unsere Gesellschaft lebt von Menschen wie ihm. Es braucht Menschen, die auf ganz unterschiedliche Menschen zugehen können. Menschen, die die verschiedenen Teile zusammenhalten. Statt dass jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt.

Karl Lehmann hat gemacht, was für alle wichtig ist. Er ist als Kardinal ein Vorbild. Wir brauchen ganz viele Kardinäle wie ihn. Nicht nur als Würdenträger der katholischen Kirche. Sondern in jedem Dorf, jeder Stadt, jedem Land. Schließlich sind Menschen Gemeinschaftswesen. Und das bedeutet: In jedem Menschen steckt auch ein Kardinal. Jeder Mensch kann ein Scharnier  werden. Ein Bindeglied, das die Teile zusammenhält. Zugleich einfach und genial.

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Schon mal jemanden verflucht? Haben Sie sich auch schon mal so sehr über einen anderen geärgert, sich so sehr verletzt, vorgeführt, abgekanzelt gefühlt, dass Sie ihm alles Schlechte an den Hals gewünscht haben?

Bei den alten Römern gab es Götter, die einen rachedurstigen Menschen beim Verfluchen unterstützt haben. Die wurden in  ganz bestimmten Kulten verehrt,  die dann auch bis zu uns im Südwesten Deutschlands gekommen sind. In Mainz zum Beispiel hat man vor zwanzig Jahren beim Bau einer Einkaufspassage kleine Täfelchen mit Verfluchungen gefunden: der eine soll krank werden, ein anderer sogar sterben, ein Dritter durchs Leben taumeln und nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Die Göttin Isis sollte dabei helfen. Deshalb wurden die Flüche auch im Isis-Tempel abgelegt, wo sie in unserer Zeit wieder ausgegraben wurden. Aber darf man das überhaupt – einen Menschen verfluchen?

Die Antwort  Jesu ist ein klares Nein. In seiner Bergpredigt entwickelt er eine echte Alternative zum Isis-Kult. Verfluchen kommt nicht in Frage. Warum? Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse. Er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Sonne und Regen – das sind Geschenke Gottes, damit wir auf dieser Erde leben können. Sie sind für alle Menschen da, ohne Unterschied. Sonne und Regen kennen kein Ansehen der Person – wie Gott auch.

Jesus steht auf Segen. Ganz exklusiv! Er geht uns sozusagen mit gutem Beispiel voran und packt uns bei unserer Ehre. Wenn ihr nur denen etwas Gutes tut, die auch euch Gutes getan haben – das ist nichts Besonderes. Das kann jeder. Das sollte unter eurer Würde sein. Hat Jesus gesagt.

Bei mir wirkt das.  Ich weiß ja, wie sehr ich mich in negative Gefühle hineinsteigern kann. Und das tut mir gar nicht gut. Und deshalb verflucht Jesus nicht, sondern segnet. Immer wieder. Feinde zu segnen statt sie zum Teufel zu jagen – das  ist vollkommen. Und Jesus meint: mit weniger sollt ihr euch nicht zufrieden geben.

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Ein Winkelschleifer ist eine elektrisch angetriebene Handmaschine mit schnell rotierender runder Schleifscheibe.
Mit so einem Gerät sind im niedersächsischen Ort Schweringen jetzt Menschen heimlich auf den Kirchturm gestiegen. Dort sind sie einer Glocke auf den Leib gerückt. Denn diese Glocke ist eine sogenannte Hitlerglocke. Während des dritten Reichs wurde sie gegossen und mit einem großen Hakenkreuz verziert. Dieses Hakenkreuz wurde nun in der Nacht weggeflext.

Und damit scheinbar auch ein Problem aus der Welt geschafft: Geht das, wenn eine Glocke zum Gebet und zum Gottesdienst läutet, auf der Name und Zeichen eines Diktators und Massenmörders abgebildet sind? Im Turm fand sich eine Art Bekennerschreiben. Von Frühjahrsputz ist da die Rede. Und dass die Glocke die Dorfgemeinschaft nicht entzweien sollte. Deshalb habe man sie vom Dreck der Nationalsozialisten gereinigt.

Den Wunsch kann ich gut verstehen. Könnte es nicht so einfach sein: Man glättet die Hülle und alles ist wieder gut. Die Vergangenheit ist bereinigt. Es gibt ja kein sichtbares Zeichen mehr. Aber so ist es ja nicht: Die Glocke, die schon ordentlich Patina angesetzt hatte, wirkt an der Stelle, wo bisher das Hakenkreuz war, wie blank poliert, sie glänzt richtig.  Natürlich wird jetzt jeder denken: hier, an dieser glatten Stelle, da war doch mal…

Verständlich, dass man das nicht sehen will. Und dennoch: dass man hinschaut und darüber spricht und diskutiert, da führt kein Weg dran vorbei.  Wir können unserer Geschichte nicht entkommen. Und wenn diese Geschichte dunkle, dunkelbraune Flecken hat, die einen ratlos machen und über die zu reden anstrengend ist, dann müssen wir das aushalten. Unser Miteinander lebt davon, dass wir solchen Auseinandersetzungen nicht ausweichen, sondern sie austragen. Dabei geht es nicht um den Streit an sich. Aber wo Menschen um den angemessenen Umgang mit der Vergangenheit streiten, da macht das eine Gemeinschaft stärker. In Schweringen wurden mit dem Winkelschleifer Fakten geschaffen. Das war einfach. Aber auch darüber muss jetzt miteinander gesprochen werden. Und das bleibt schwer.

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Die Waffen nieder! So heißt das wohl wichtigste Buch von Bertha von Suttner. Die Waffen nieder! Davon war sie überzeugt. Mit dieser Botschaft ist sie quer durch Europa und die USA gereist. In einer Zeit, in der man aufrüstete und sein Heil im Militärischen suchte. Sie warnt vor einem großen, allgemeinen Krieg, fürchtet Massenvernichtungswaffen und schlägt Schritte zur Abrüstung vor. Für ihr Engagement hat sie heute vor 113 Jahren als erste Frau in Oslo den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Bertha von Suttner war sich sicher: Es kann gar nicht anders sein, die Menschheit entwickelt sich immer weiter – zum Guten.

Wer sich die Welt heute betrachtet: so recht vom Fleck gekommen sind die Menschen nicht. War die „Friedens-Bertha“, wie sie auch genannt wurde, vielleicht doch zu naiv?Ich finde: Ganz und gar nicht.

Bertha von Suttner war Journalistin. Ihre Waffe, auch als Frau in einer von Uniformen dominierten Welt, war das Wort. Unermüdlich versuchte sie Menschen und Staaten davon zu überzeugen: ihr müsst miteinander reden! Setzt auf das Gespräch und auf Verträge und nicht auf die Feuerkraft eurer Kanonen.

Warum Gewalt keine Lösung für Probleme ist, hat sie einmal so beschrieben: „Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden.“ (In: Bertha von Suttner, Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. 1889)

Bertha von Suttner hat sich die Überzeugung nicht nehmen lassen:  die Verhältnisse lassen sich zum Guten verändern.  Sie hat daran fest gehalten, dass es sinnvoll ist, sich für den Frieden einzusetzen. Auch wenn ansonsten das sprichwörtliche Säbelrasseln herrscht. Bis heute hat ihre Stimme Gewicht. Bis heute bleibt Ihre Botschaft aktuell:

Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen – darauf kommt es an. Nicht nachlassen. Nicht lockerlassen. Sich nicht entmutigen lassen. Beharrlich sein und weiter die Stimme erheben: Die Waffen nieder!

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Hussein Dschabar ist ein wichtiger Mann in Israel. Jedes Jahr kurz vor dem Pessach-Fest schließt er ein frommes Geschäft ab. Er kauft vom Staat Israel sämtliche Weizenvorräte. Aus religiösen Gründen. Denn an Pessach erinnern sich Jüdinnen und Juden an den Exodus aus Ägypten. Dazu gehört das so genannte Brot der Eile, die Mazzen:

Hals über Kopf war das Volk Israel damals aufgebrochen und hatte die Chance zur Flucht ergriffen: keine Zeit für Sauerteig, keine Zeit, den Teig gehen zu lassen. Und zur Erinnerung daran soll es bis heute kein Getreide mehr in den Häusern geben, solange das Fest dauert. Nun ist guter Rat teuer. Denn an ganz vielen Orten lagern große Getreidevorräte. Wohin also mit dem Weizen?

Hussein Dschabar ist ein gläubiger Moslem und ist der Meinung: Wenn ich helfen kann, warum nicht? Und so hilft er. Er kauft die Getreidevorräte Israels. Ihr Wert ist beträchtlich: zweihundert Millionen Euro! Die hat Herr Dschabar allerdings nicht. Deshalb leistet er nur eine kleine Anzahlung von umgerechnet viertausendsiebenhundert Euro. Wenn er den Rest der Summe nicht innerhalb von zehn Tagen überweist, wird das Geschäft hinfällig. Weil er das Geld nicht hat, kommt es, wie es kommen soll. Sobald Pessach vorüber ist, gehört das Getreide wieder dem Staat Israel und Herr Dschabar erhält seine Anzahlung zurück.

Juristisch ist das eine Art rückgängig gemachtes Warentermingeschäft. Gleichzeitig ist es aber auch noch etwas ganz anderes: Hier hilft eine Religion der anderen aus der Patsche. Juden dürfen an Pessach kein Getreide haben? Kein Problem, Moslems dürfen! Herr Dschabar freut sich darüber, dass er helfen kann, und meint: Wenn wir miteinander leben können, dann sollten wir das auch tun!
Wie gut und wie segensreich, dass es nicht nur eine Religion gibt! Die einen können feiern, die anderen passen derweil auf deren Vorräte auf.

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In Mainz wird eines der kostbarsten Bücher der Welt gezeigt: die Bibel. Und gestern gab es in Mainz einen Bürgerentscheid darüber, wie man diese Bibel präsentiert.
Klar, Bibeln gibt es viele und natürlich geht es hier um eine besondere Ausgabe: die lateinische Bibel, die der Mainzer Johannes Gutenberg in seiner Vaterstadt vor über fünfhundertfünfzig Jahren als erster weltweit druckte. Mit den beweglichen Lettern, die er erfunden hatte. Zwei volle Jahre hatte man bis dahin für das Abschreiben einer vollständigen Bibel gebraucht, jetzt druckte Johannes Gutenberg 180 Exemplare in der gleichen Zeit. Schätzpreis heute für so eine Gutenberg-Bibel: nicht unter 10 Millionen Euro.

Als Christ finde ich die Präsentation einer alten Bibel prima. Aber von dieser Ausnahme einmal abgesehen finde ich: eine Bibel gehört nicht in einen Tresor oder in eine Vitrine, sondern an die frische Luft. Sie muss unter die Leute. Damit man sie aufschlagen und in ihr blättern kann. Die Bibel will ja gelesen werden. Und deshalb gehört sie zum Beispiel ans Bett und wer mag, kann vor dem Aufstehen noch darin schmökern. Oder sie liegt auf dem Schreibtisch und wartet darauf, in einer Pause benutzt zu werden. In jedem Haushalt könnte es so etwas geben, wie früher in frommen Häusern: einen Herrgottswinkel, einen Ort, an dem die Bibel ihren festen Platz hat. Einen Platz, der nicht verstaubt, weil er eifrig benutzt wird. Denn in der Bibel heißt es über die Bibel: Gottes Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Und es ist gut, wenn man dieses Licht schnell zur Hand hat. Vor allem in Zeiten, in denen man nach Orientierung sucht. Und das muss dann auch kein Exemplar für 10 Millionen Euro sein. Auch eine herkömmliche Taschenausgabe ist in diesem Sinn unbezahlbar.

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