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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Auf Bundesebene soll es ein Heimatministerium geben. Es soll dem Innenministerium angegliedert werden. Ich hörte davon in den Nachrichten. Aber irgendwie ist mir noch unklar, um was es in dem Heimatministerium genau gehen soll.

Bei „Heimat“ muss ich zuerst an die Filme denken, die ich mit meinen Großeltern geschaut habe. Darin ging es um Jäger und Wilderer, Fischerinnen am Bodensee oder Roy Black in der Lüneburger Heide und vor allem um viel Herzschmerz. Das ist aber schon lange her.

Mir fällt auf, dass ich selber den Begriff „Heimat“ gar nicht verwende. Ich spreche davon, wo ich herkomme. Und das ist bei mir dann kein Land, sondern ein Ort im Sauerland. Es sind die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, und es ist das Haus, in dem ich groß geworden bin. Ich verbinde damit ein gutes Gefühl. Aber nicht in Rosarot. Gute und schlechte Erinnerungen gehören dazu. Beide haben mich geprägt. Damit ist Heimat für mich erstmal etwas ganz Persönliches und Heimat ist für mich ein sehr lokaler Begriff.

Über diese persönliche Heimat hinaus gibt es für mich aber noch einen weiter gefassten Heimatbegriff: Heimat als Raum von gemeinsamen Wertvorstellungen. Diese Heimat hat für mich viele Merkmale: Ich darf frei meine Meinung sagen. Männer und Frauen haben die gleichen Rechte. Gerichte entscheiden unabhängig.

Und diese Heimat ist gekennzeichnet davon, dass Menschen füreinander einstehen. Diese Heimat ist offen für andere: auch für Menschen, die ihre Heimat verloren haben, für Menschen, die Hilfe und Schutz brauchen.

Daher bedeutet Heimat für mich nicht „Schotten dicht machen“ und Ausgrenzung, sondern Heimat bedeutet für mich die Pflege und das Eintreten für diese gemeinsamen Werte verbunden mit einer Offenheit für andere Menschen.

Und wenn die Politik sich darum besonders kümmern möchte – gerne. Dann habe ich kein Problem damit, egal wie das Ministerium letztlich heißen mag.

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Da liegt eine Jesus-Figur in einem Holzkasten. Die Figur zeigt den auferstandenen Jesus. Es handelt sich um ein Detail aus einem Bild des zeitgenössischen Malers Michael Triegel. Die Figur passt offensichtlich nicht in den Holzkasten. Sie ist etwas zu groß. Daher liegt sie nun schräg darin. Der Kasten mit der Figur steht auf einem Tisch, aber auch da ist zu wenig Platz. Das Ganze macht einen tristen Eindruck: Aussortiert – weggeräumt – nicht mehr gebraucht.

Ich muss an meinen Dachboden denken. Da gibt es auch eine Kiste mit religiösem Inhalt: Kreuze, Bilder, kleine Figuren. Manches habe ich gekauft, manches wurde mir geschenkt, manches war schon da. Es wurde mir irgendwann zu viel. Wegschmeißen konnte und wollte ich es nicht – also musste eine Kiste her. Auch bei mir ist es eine Holzkiste – schließlich liegt nicht irgendwas drin. Und auch bei mir passt es nicht richtig: Der Deckel kann nicht richtig schließen, da ein Bild zu groß ist. Im übertragenen Sinn ist es wahrscheinlich auch kein Wunder, dass die Kisten nicht richtig passen: Der Inhalt steht für mehr.

Ärgerlich ist nur, dass ich immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich an der Kiste vorbeikomme. Doch ich frage mich gerade: „Muss das sein?“ Eigentlich doch nicht. Figuren und Bilder können hilfreich sein, sie können einzelne Aspekte des Glaubens anschaulich machen. Aber Figuren und Bilder sind nicht mein Glaube selbst. Sie erzählen in Ausschnitten davon.

Wichtiger ist letztlich, dass mein Glaube selbst nicht in einer Kiste auf dem Dachboden steht. Und da kann der Inhalt der Kiste sogar helfen: Indem ich noch mal schaue, was genau in der Kiste ist. Vielleicht passt gerade etwas und ich hole es für einige Zeit mal wieder hervor. Vielleicht finde ich darin auch ein Bild vom auferstandenen Jesus.

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Pflege unter Palmen. In Thailand gibt es etwa 20 Einrichtungen, in denen auch deutsche Rentner und Rentnerinnen gepflegt werden. In einem Fernsehbericht wird Helga vorgestellt. Sie hat Demenz. Ihr Sohn musste eine Entscheidung treffen. So wohnt die Rheinländerin nun in einem Pflegeheim in Thailand. Ihr Sohn hat diese Einrichtung gewählt, weil sich hier im Schnitt eine Pflegekraft um eine Person kümmert. Insgesamt hat die Einrichtung 54 Pflegekräfte für 22 Bewohner. Davon kann man in Deutschland nur träumen.

Wäre das also etwas für mich und meine Familie? Momentan braucht meine Mutter keine Pflege. Aber was ist, wenn das mal anders wird?

Meine Mutter wohnt 300 km von uns entfernt. Wenn sie zur Pflege zu uns zieht, müsste sie ihr Zuhause, ihre Freunde, ihr gewohntes Umfeld verlassen. Und Thailand ist meiner Meinung nach noch schwieriger: eine andere Kultur – Besuch sehr schwierig.

Aber es muss doch möglich sein, dass auch hier vor Ort in Deutschland Konzepte entwickelt werden. Konzepte, die den Menschen gerecht werden und ihnen gute Pflege ermöglichen. Und zwar ohne sie um den halben Erdball zu verschicken.

Ich gebe zu: Ich habe nicht die Lösung des Problems in der Tasche. Aber ich glaube, dass dringend von zwei Seiten daran gearbeitet werden muss:

Zum einen: Die Politik ist gefragt: Es muss Geld in die Hand genommen werden – Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden – der Beruf muss attraktiver werden und er braucht mehr Wertschätzung von uns allen. Erste Schritte sind bereits gemacht: wie die Möglichkeit auf Pflegezeit und Teilzeitarbeit. Beide ermöglichen auch familiäre Pflege.

Zum anderen: Ich persönlich bin gefragt. Ich muss mir überlegen, was ich will und was nicht. Und welche Wünsche und Vorstellungen hat etwa meine Mutter? Würde sie zum Beispiel nach Thailand wollen?

Ich drücke mich gerne vor dem Thema, aber das führt nicht weiter. Besser ist es: Ich setze mich mit meiner Familie hin und wir sprechen konkret darüber.

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„Die Zukunft war früher auch besser.“ Der Satz stammt von Karl Valentin, dem unvergessenen Komiker aus München. Überhaupt war früher alles besser. Das denke ich - ehrlich gesagt - immer öfter. Wahrscheinlich ist das so, wenn man älter wird. Man vergleicht eben die Zustände früher mit den aktuellen. Und da geht einem heutzutage manches auf den Nerv. Da ist der Beruf. Die Aufgaben nehmen zu. Stress und Hektik auch. Statistiken belegen das. Immer mehr Berufstätige halten den Druck im Job nicht mehr aus. Sie fühlen sich ausgebrannt, werden krank.

Auffällig auch, wie unverbindlich vieles geworden ist. Auf was und auf wen kann ich mich noch verlassen? Alle reden von Kompetenzen, aber die Allgemeinbildung schwindet.

Kurz bevor ich dann das Lied vom „Untergang des Abendlandes“ anstimme, fällt mir ein anderer Satz ein. Er stammt nicht von Karl Valentin, sondern von meiner Oma, bei der ich aufgewachsen bin. Noch im hohen Alter sagte sie rückblickend gerne: „Früher war nicht alles besser, früher war vieles anders.“

Das holt mich wieder aus dem Jammertal heraus. Vieles ist heute nämlich eindeutig besser als früher! Viele Krankheiten kann die moderne Medizin wirksam bekämpfen. Der Straßenverkehr ist erheblich sicherer geworden. Unsere Flüsse sind keine stinkenden Kloaken mehr. Wer Informationen braucht, bekommt sie dank Internet in Sekundenschnelle. Und auch die Menschen sind nicht schlechter als früher. Viele kümmern sich liebevoll um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Millionen engagieren sich ehrenamtlich im Sport, in der Kultur oder im sozialen Bereich.

Wenn ich mir das alles überlege, dann wird mir klar: Früher war nicht alles besser. Der Satz ist einfach falsch.

Und wenn mich dann trotzdem die Nostalgie wieder einholt, denke ich noch mal an Karl Valentin. Der meinte schon vor achtzig Jahren: „Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“

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Heute, auf den Tag genau vor fünf Jahren, wählten die Kardinäle Jorge Mario Bergoglio zum Papst. Viele haben noch das „Buona sera“ im Ohr, mit dem sich Franziskus auf der Loggia des Petersdoms vorstellte. Damals ahnten es viele, heute wissen es alle: Mit diesem Mann aus Argentinien hat eine neue Zeitrechnung in der katholischen Kirche begonnen.

Franziskus tritt bescheiden auf, verzichtet auf jeglichen Pomp. Er spricht die Sprache der einfachen Leute. Jeder kann ihn verstehen. Ihm ist die konkrete Seelsorge wichtiger als die Paragraphen des Kirchenrechts. Barmherzigkeit ist ein Schlüsselbegriff für seine Amtsführung. Denn sie ist, wie er selbst sagt, die „Kennkarte Gottes“. Deshalb ermöglicht er zum Beispiel neue Wege für wiederverheiratete Geschiedene. Im Vatikan räumt Franziskus auf. Eitelkeit, Karrieresucht, Heimtücke, Doppelmoral und geistliche Leere wirft er Würdenträgern vor. Einige setzt er vor die Tür. Damit macht er sich keine Freunde. Manchmal, so sagt er, fühlt er sich „wie unter Wölfen“.

Franziskus will eine andere Kirche. Er möchte Seelsorger, die an die Ränder der Gesellschaft gehen. Er selbst hatte das schon als Erzbischof in Buenos Aires getan. „Die Hirten sollen so riechen wie ihre Schafe.“ Das ist sein Lebensmotto. Dazu gehört auch sein Eingeständnis, ein „Sünder“ zu sein. Und noch etwas imponiert mir an diesem Papst: Franziskus räumt ein: „Es gibt dunkle Momente, in denen ich sage: Herr, das begreife ich nicht!“

Auch der Papst zweifelt also manchmal am Glauben. Franziskus erzählt von Krisen, die er in seinem Leben durchgemacht hat. „Der Glaube“, so sagt er, „kann verloren gehen. Er ist ein Geschenk, um das man jeden Tag aufs Neue bitten muss.“

Eine andere Bitte richtet Papst Franziskus direkt an die Gläubigen: „Betet für mich. Ich brauche eure Unterstützung.“

 

(Zitate aus dem Interview des Papstes mit Giovanni di Lorenzo, In: DIE ZEIT Nr.11/2017)

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Aus aktuellem Anlass hat den Morgengruß auf SWR 4 Rh-Pf heute Beate Hirt gesprochen, dasManuskript "Ein Mensch voller Zuversicht" finden Sie am Ende des Anstoßtextes von Martin Wolf "Zuversicht aus dem Glauben":

Der Kardinal. So haben sie ihn in Mainz genannt. Ein bisschen Ehrfurcht schwang da immer mit und auch Respekt vor einem großen Menschen. Über drei Jahrzehnte lang war Karl Lehmann der Bischof von Mainz. Mehr als 20 Jahre hat er die Deutsche Bischofskonferenz geleitet. Sein Tod berührt auch mich. Für mich und viele andere war er in diesen Jahren das Gesicht der Katholischen Kirche in Deutschland. Es war ein freundliches Gesicht. Nicht nur, weil Kardinal Lehmann oft und gern gelacht hat, auch wenn ihm nicht immer zum Lachen zumute war. Wenn ihm etwas wichtig war, hat er auch mit sich und seiner Kirche gerungen. So wie bei der kirchlichen Konfliktberatung für Schwangere. Diese Auseinandersetzung hat ihm auch persönlich zugesetzt. Seine Zuversicht und sein herzhaftes Lachen, das unverwechselbar war, hat er aber auch damals nicht verloren.

Für mich, den damals jungen Theologen, war er darum auch ein Hoffnungsträger. Das Gesicht einer Kirche, die weltoffen ist und sich für die konkreten Sorgen der Menschen interessiert. Einer katholischen Kirche im allerbesten Sinn. Meiner Kirche. Er war einer, der aber auch die Menschen in seiner Umgebung nie vergessen hat. Der seinen Fahrer schon mal einen Umweg fahren ließ, um eine Kollegin abends nach Hause zu bringen. Der den Mitarbeitern in seinem Büro immer wieder ausdrücklich „Danke“ sagte. Auch für Arbeiten, die eigentlich selbstverständlich erschienen. Für Kardinal Lehmann waren sie das nicht.  Seinen Dank und seine Wertschätzung hat er die Menschen in seiner Umgebung immer wieder spüren lassen. Sie waren ihm wichtig.

Seine Zuversicht und sein Interesse an den Menschen hingen eng mit seinem Glauben zusammen. An einen Gott, der viel größer ist als wir und der einmal alles zum Guten führen wird. An einen Gott, der jeden Menschen in sein Herz geschlossen hat. Auf ihn hat er vertraut. In einer seiner Radioansprachen hat Kardinal Lehmann einmal gesagt: Wer die Fülle des Lebens nach seinem Tod erwartet, der lebt gelassener.

Ich hoffe darauf, dass er diese Fülle jetzt genießen darf. Ganz nah bei dem Gott, auf den er Zeit seines Lebens gebaut hat.

 

Zum Tod von Karl Kardinal Lehmann Morgengruß von Beate Hirt  

Ein Mensch voller Zuversicht  

Er war mein erster Chef: Karl Kardinal Lehmann. Damals noch
nicht Kardinal, sondern erst mal nur: Bischof von Mainz. Ich war seine persönliche Referentin, fast sechs Jahre lang.
Und sein Tod berührt mich sehr. Ich erinnere mich an vieles, was mich an diesem Menschen beeindruckt hat.

Da war zum Beispiel seine wunderbare Weise, Dank und Wertschätzung auszudrücken. Vielen Dank! Das hat er am Abend gesagt oder tagsüber immer wieder auf kleine Klebezettel geschrieben, gelbe Post-its, mit denen Unterlagen zu mir zurückkamen. Erst später im Arbeitsleben ist mir klar geworden: Das ist ja nicht selbstverständlich. Dass jemand sich immer wieder bedankt. Auch für scheinbar Selbstverständliches.

Kardinal Lehmann war ein dankbarer Mensch – und vielleicht auch deswegen: ein sehr zuversichtlicher. Er hat immer daran geglaubt, dass sich die Dinge zum Positiven verändern können. Und er hat sich für das eingesetzt, wovon er überzeugt war, mit ganzer Kraft. Auch in Zeiten, in denen das schwierig war.  Etwa in den Jahren, in denen die katholische Kirche um die Schwangerschaftskonfliktberatung gerungen hat. Vielleicht hätte jemand, der weniger zuversichtlich gewesen wäre als er, irgendwann alles hingeworfen. Für ihn kam das nie in Frage. „Zuversicht“: Das war auch eines seiner Lieblingswörter

Und diese Zuversicht: Die konnte man auch sehen und hören. Er hat gerne und laut gelacht. Aus einer großen Menge konnte man ihn heraushören mit diesem Lachen. Auch daran erinnere ich mich heute.

Seine Zuversicht: Die war für Kardinal Lehmann natürlich auch eine Sache des Glaubens. Sein Glaube hat ihm die Kraft gegeben, an das Gute und an die Zukunft zu glauben. Die Kraft, sich zu engagieren und in allem Engagement trotzdem auch gelassen zu bleiben. Denn Gott, das hat er immer wieder gesagt: Gott ist derjenige, der die Dinge vollenden kann. Er ist so viel größer als der Mensch.

Ich habe die Zuversicht: Jetzt wird auch das Leben von Kardinal Lehmann vollendet, jetzt gelangt er in eine gute, paradiesische Zukunft. Er war ein Mensch voller Zuversicht. Vielleicht wird man ihn jetzt auch im Himmel mit seinem Lachen heraushören.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26089