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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt verschiedene Wege, um nach Hause zu kommen. Mein Lieblingsweg nach Hause ist der über die Theodor-Heuss Brücke. Wenn man hier den Rhein überquert und in Richtung Mainz fährt, zeigt die Stadt ihre Schokoladenseite. Das Schloss, das Rheinufer. Und vor allem: die ganz verschiedenen Kirchen. Von dem majestätischen Dom über die Stephanskirche mit dem Chagallfenstern, St. Peter und die evangelische Christuskirche - und viele andere Kirchen. Die Silhouette wäre nicht halb so schön, gäbe es diese Kirchtürme nicht.

Natürlich: Jeder Kirchenbau, gerade die prächtigen Gebäude, forderten große Opfer. Viel Geld war nötig um sie zu bauen und sehr oft war menschliches Leid damit verbunden. Wir tun gut daran, nicht zu verdrängen, was in der Geschichte der Kirchen falsch gelaufen ist. Ein Christentum, das nur Kirchen baut, sich prächtig präsentiert, und sich nicht um Notleidende kümmert, wäre das Gegenteil von Jesus Christus. Dennoch möchte ich diese Kirchen nicht missen. Denn wie viel Gutes wird gerade hier erlebt. Wie viele Kerzen werden hier angezündet, auch von Menschen, die sonst mit Kirche nichts zu tun haben. Wie viele Gebete werden hier gesprochen. Jeden Tag. Wie viele Menschen in Not wurden gerade von hier aus versorgt, wie viele soziale Projekte nehmen hier ihren Anfang und werden hier immer wieder neu gesegnet.

Das eine schließt das andere nicht aus: In Jesu Sinne Nächstenliebe praktizieren, und Orte schaffen, die nicht nur schön aussehen, sondern mich zur Ruhe kommen lassen. Die ein Stück geistige Heimat sein können, wo man zusammenkommen und Gott loben kann. Mainz ist ein besonderer Ort gerade durch seine Kirchen – jeder Ort, auch jedes Dorf hat sein Gepräge durch seine Kirche oder Kirchen. Auch wenn es heute schon absehbar ist, dass nicht alle Gebäude erhalten werden können: Wir sollten uns doch bemühen um solche heilsame Orte für die vielen Menschen, die Orientierung suchen.

Es gibt verschiedene Wege, um nach Hause zu kommen. Der beste Weg ist immer der, auf dem ich mich von Gott begleitet weiß – und daran erinnern mich die Kirchtürme, die ich schon von weitem sehe und die mir sagen: Bald bist du zuhause – bleib wohlbehalten!

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In diesem Winter bekam ich einen Brief, den ich mir aufheben werde. Ein besonderer Brief, in dem eine Frau aus dem Norden mir schreibt. Ich hatte sie beim Tod ihrer Mutter begleitet. Am Sterbebett war sie außer sich gewesen: Ihr Bruder hatte es nicht mal jetzt schafft, seinen Groll zu überwinden und zur Mutter zu kommen. Das werde ich ihm nie vergeben, hat sie damals gesagt. Heute schreibt sie: „Sie werden sich wahrscheinlich nicht mehr an mich erinnern. Vor sieben Jahren waren Sie bei uns, als meine Mutter gestorben ist. Sie haben damals gesagt: Man soll nie nie sagen! Sie glauben nicht, was jetzt passiert ist. Mein Bruder hat sich bei mir gemeldet. Er hat wieder Kontakt gesucht. Er ist mittlerweile selber krank, das hat ihn wohl auch verändert. Aber wir können endlich über damals reden. Und ich habe ihm tatsächlich verziehen!“ So schrieb sie. Man soll nie nie sagen.

Jesus hat einmal gesagt: Sieben mal siebzigmal sollt Ihr vergeben. Diese symbolische Zahl heißt eigentlich: Mit dem Vergeben ist es nie zu Ende- da ist immer noch etwas möglich. Es gibt Situationen, da lässt sich das nicht so leicht sagen. Und es gibt Menschen, denen wurde so was Schlimmes angetan, dass es anmaßend wäre zu sagen: Du musst jetzt vergeben! Von außen können wir das nicht befehlen, und unsere inneren Nöte kennt nur Gott. Ich kann nur immer wieder mit beten im Vaterunser: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ In diesem Satz leuchtet für mich immer etwas auf, eine Möglichkeit, die ich selber oft nicht für möglich halte. Jemandem zu vergeben, auf den ich sehr böse bin. Auch mir selber zu vergeben, wo es mir schwer fällt. Und immer wieder neu zu erleben: Gott ist ein vergebender Gott, der - egal, was geschehen ist - immer wieder einen Neuanfang zulässt.

Vergebung kann heilsam sein, auch nach sieben Jahren noch. So hat es die Frau, die mir diesen Brief schrieb, erfahren. Selbst wenn man niemals nie sagen sollte. Ich werde jedenfalls versuchen, diesen Brief niemals wegzuwerfen. Weil er so ein leuchtendes Zeichen dafür ist, dass es immer eine Hoffnung gibt.

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Ich bin ganz Ohr – das ist eine der schönen Redewendungen, die unsere Sprache auf Lager hat. Ich habe mir das als Kind vorgestellt, wie bei einem Menschen die Arme klein werden, der Kopf verschwindet und die Beine schrumpfen, bis nur noch ein einziges großes Ohr vorhanden ist. Ich bin ganz Ohr.

Früher hatte man manchmal das Ohr an einer Telefonmuschel – so hieß das ja früher - bis das Ohr rot und heiß wurde – man war ganz Ohr.

Auch heute brauche ich ab und zu einen Freund oder eine Freundin, die ganz Ohr ist – wenn ich etwas auf dem Herzen habe. Zuhören ist nicht, einfach, oft fällt dem Anderen gleich etwas ein und er fällt einem ins Wort und sagt: „Das hab ich auch mal erlebt“, oder hat sofort einen Ratschlag für mich parat. Zuhören dagegen braucht Zeit. Und Geduld auf beiden Seiten.

„Warum sagst Du denn nichts? Hörst Du mir überhaupt zu?“ So habe ich auch schon entrüstet gefragt, wenn scheinbar gar keine Reaktion kam. „Doch, ich höre genau zu, aber ich lasse Dich erst einmal reden.“ - Wenn mir so begegnet wird, dann kann ich loswerden, was ich auf dem Herzen habe.

„Warum sagt Gott denn nichts? Warum schweigt er?“ Das hat mich mal eine Frau gefragt, die gerade, völlig unerwartet, ihren Mann verloren hatte. Auch bei Gott gibt es diese Unsicherheit: Hörst Du mir überhaupt zu? Werde ich gehört? Aber vielleicht ist es ja auch bei Gott so, dass er uns erst mal reden lässt. Augustinus hat mal gesagt: Gott hat sein Ohr an deinem Herzen.

Das heißt: Wenn ich in Not bin und zu Gott bete, dann gibt es nicht sofort eine Lösung, eine Antwort. Aber er hat die Zeit, die ich brauche, um meine Sorgen loszuwerden. Um alles auszuschütten und zu klagen. Gott hat sein Ohr an deinem Herzen.

Manchmal schickt er mir Menschen, einen Freund oder eine Freundin oder einen Fremden, der durch sein Zuhören in mir etwas verändert. Der mir hilft, mich leichter zu fühlen. Oft braucht das Zeit. Und manchmal ist es schon die Stille mit Gott, die hilft: Weil da einer ganz Ohr ist und nicht bewertet oder Ratschläge gibt, sondern da ist für mich. Ganz Ohr an meinem Herzen.

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Wir wollten Wasser herbei schaffen, viel Wasser. Wir waren am Strand und alle um uns herum hatten Eimer, Schaufeln und was nicht alles: Aber meine Geschwister und ich hatten am ersten Tag am Strand noch gar nichts dabei, und wollten doch auch gerne unseren Graben mit Wasser füllen. Also taten wir unser Bestes – eine Rinne ziehen mit den Füssen, Wasser tragen mit Händen, so viel in eine Kinderhand hineinpasst. Es dauerte. Aber irgendwann kam tatsächlich etwas Wasser an. Der Graben füllte sich. Und wir hatten das Gefühl, es geschafft zu haben!

Ich musste daran denken, als eine Patientin zu mir sagte: „Ich bin jetzt so lange krank und habe das Gefühl, als würde ich Wasser mit einem Sieb schöpfen. Da kommt nichts mehr an.“

Ein schreckliches Gefühl. Da war so viel Geduld und guter Wille da und das viel beschworene positive Denken. Ja, und sogar Glauben. Und dann kommt wieder eine schlechte Nachricht. Und es dauert nochmals länger und nochmals. Ungewisse Zukunft und irgendwann fehlt die Kraft. Ich kann das gut verstehen - das Gefühl, als würde ich Wasser mit einem Sieb schöpfen.

Ich habe an den leeren Graben gedacht und daran, dass ich es damals alleine nie geschafft hätte. Es war kein blinder Optimismus, aber doch kindliche Hartnäckigkeit und das Gefühl, wir packen das zusammen. Nach vielen Fehlversuchen, nach vielen Enttäuschungen über das Wasser, das durch die Finger rinnt: Es hat sich doch noch gewendet, das Blatt. Aus dem Sieb wurde ein Gefäß, das nicht dicht war, aber doch dicht genug.

Und genau das wünsche ich der Patientin mit ihrer Erfahrung von Zerrinnen und Kräfteverschleiß. Dass es genug Hände gibt, die mit schöpfen. Andere, die immer wieder loslaufen und sich die noch so kleine Hand füllen lassen, hartnäckig, unbeirrbar. Dass sie sich nicht alleine fühlt, wenn sie betet und Kraft sucht.

Und dass sich das Blatt wendet. So wie es auch die Jahreslosung für 2018 uns allen in Aussicht stellt, wenn Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ – und die hohle Hand hinhalten, das können wir alle.

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„Ich bereue nichts!“ Edith Piaf hat diese Worte gesungen, und man liest oder hört sie manchmal – in Biografien, in Interviews, vielleicht auch mal im eigenen Freundeskreis. Ich bereue nichts! Diese Worte klingen erst einmal ziemlich stark. Wer das sagt, gibt sich zielstrebig und selbstbewusst. Ich bereue nichts… alles war irgendwie in Ordnung in meinem Leben, ich habe keine Fehler gemacht.

Ein solcher Mensch scheint mit sich selbst im Reinen – auf den ersten Blick. Da kommt Petrus, der Jünger in der Bibel, ganz anders daher. Als Jesus und er sich zum ersten Mal über den Weg laufen, sagt er nicht – „Schön, dass Du da bist! Ich hab alles gut gemacht.“ Sondern er sagt: „Geh weg von mir – denn ich bin ein Mensch voller Schuld!“

Seltsame Begrüßung! Aber ihm ist es wichtig, dass gleich zu Beginn eines klar ist: Er ist nicht perfekt, er hat Fehler gemacht. Und schon jetzt hat er so eine hohe Meinung von Jesus, dass er meint – wir beide passen nicht zusammen, geh besser weg. Aber Jesus macht das nicht. Petrus wird auch weiter Fehler machen, er wird Jesus sogar verleugnen. Aber Jesus steht zu ihm und nimmt diesen Mann mit all seiner Schuld und seinen Fehlern an, er nimmt ihn mit auf den Weg. Und Petrus, der nicht perfekte, geht mit. Er sagt nicht: „Ich bereue nichts!“ Sondern – „Bei allem, was es zu bereuen gibt in meinem Leben, weiß ich nun: Es gibt einen Weg und ich darf neu anfangen.“ Dafür steht Jesus.

Und ich? Was bereue ich? Sicher eine ganze Menge. Aber auch mir gilt diese Botschaft von Jesus. Ich darf neu anfangen. Bereuen ist nichts Schlimmes. Und reumütig sein ist kein Zeichen von Schwäche. In dem Wort „reumütig“ steckt nicht nur Reue drin, sondern auch das Wort Mut. Und den braucht man, um zu eigenen Fehlern zu stehen. Gut, wenn es Menschen gibt, die stark genug sind, um auch zu bereuen – und den Mut haben für einen Neuanfang.

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Wir Menschen sind ganz schön zerbrechlich. Das musste ich neulich selber erfahren, als ich hinfiel und danach ins Krankenhaus musste. Wie dumm, dass wir nicht stabiler gebaut sind, habe ich gedacht. Aber eine Freundin hat mir mit einer Geschichte gezeigt: Es ist auch gut, dass eben nicht alles perfekt ist. Und so ging diese Geschichte:

Ein Töpfer lebt ein zufriedenes Leben. Er liebt seine Familie, seinen Beruf, er liebt die Gefäße, die er anfertigt, und dankt Gott für alles. Eines Tages erscheint ihm Gott und gibt ihm einen Wunsch frei. Was soll sich ein Mann wünschen, der wunschlos glücklich ist? Im Grunde nichts. Und dann fällt ihm doch etwas ein. Es schmerzt ihn so, wenn ein Gefäß zu Bruch geht. Ich wünsche mir, dass meine Gefäße nicht brechen, dass sie keine Risse und Macken haben.

So soll es sein. Und tatsächlich. Keines seiner Gefäße zeigt mehr einen Fehler. Keines geht zu Bruch. Sie sind von solcher Beständigkeit und Schönheit, dass die Menschen herbei drängen, um sie zu erstehen. Irgendwann kommt auch ein benachbarter Töpfer zu ihm, der bittet um Almosen. Er ist arm geworden. Der Töpfer ist wie vom Donner gerührt. Hat er das verschuldet – weil seine Gefäße fehlerfrei sind? Bald kommen auch zu ihm keine Leute mehr. Da stürzt auch er in Armut – der Reiz der unzerbrechlichen Gefäße ist verflogen. Er ruft Gott und bittet inständig: Bitte nimm diesen Wunsch zurück, lass meine Gefäße wieder zerbrechlich und fehlerhaft sein wie früher. Und so kommt es. Die Gefäße sind schön, sie zerbrechen auch manchmal und viele haben winzig kleine Risse oder gut sichtbare Fehler. Und sind dennoch etwas Besonderes – gerade ihre Macken machen sie einzigartig. Und der Töpfer atmet auf und dankt Gott.

Diese Geschichte gibt es so oder so ähnlich in verschiedenen Ländern. Mir hat sie in meinem Missgeschick sehr gut getan - und mich daran erinnert: Nichts ist ohne Fehler. Auch Fehler und Brüche haben ihren Sinn. Gott allein ist ewig und beständig – und er hält mich mit all meiner Zerbrechlichkeit in seiner Hand. An ihn können wir uns wenden bei Hals- und Beinbruch, mit Dank oder voller Bitten. Und wie oft fügt er zusammen, was wir für zerbrochen halten –Gott sei Dank!

 

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